Drei der Ungeduld abgetrotzte Porträts

Mai 15, 2014 § 6 Kommentare

Eine schöne Vorstellung, dass das Leben genau das ist, was ich in DIESEM Moment tue. Viel zu oft ist es das, was ich tat. Manchmal das, was vielleicht noch kommt. Sich in eine Zeichnung HINEINBEGEBEN, mit voller Konzentration, ohne in Gedanken schon bei der nächsten zu sein, oder ohne an die viel zu fortgeschrittene Stunde zu denken, oder an die Person, die immer noch fehlt, oder wieder fehlt, oder nie da war – wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Denke ich nicht an Morgen, so denke ich an Gestern. Denke ich nicht an Gestern, so denke ich an Vorgestern. Nur nicht an die Zeit, die ich JETZT UND HIER in Händen halte. In Form einer Stahlfeder zum Beispiel, frisch getränkt in Tusche und bereit, eine Zeichnung auf’s Papier zu setzen. Dabei ist es so wichtig, die Zeit einfach zu vergessen um sie sich GANZ UND GAR zu nehmen, für diese EINE Zeichnung. Sicher wird dereinst auf meinem Grabstein stehen: „…vergaß vor lauter Ungeduld zu leben“. Denn leider verpasse ich immerzu etwas. Setze ich einen Strich schräg nach oben, mit einer leichten Drehung nach links, verpasse ich den Strich nach unten. Arbeite ich an der EINEN Zeichnung, verpasse ich die, die ich nicht zugleich fertigen kann. Mein intellektuelles Programm zur Kaschierung dieses Makels hieß bisher: Im Automatismus der superschnellen Linie meinem wahren Selbst in der Zeichnung begegnen. Also nicht Denken beim Zeichnen, sondern im explosionsartigen Auswurf antrainierte, aufoktroierte, übergestülpte Fremdmanipulation eliminieren. Das Überich morden und das Es nähren. Leider braucht eine gute Zeichnung Konzentration und viel Zeit. Hingabe. Hingegebene Zeit. Konzentrativ hineingegebene, zum Stillstand gebrachte, abgedrehte Zeit. Und das, liebe Freundinnen und Freunde, bedeutet ARBEIT. Dabei wollte ich es mir als Dilettant leicht machen. Aus der Spaß. Dank an Peter Feiler, der mir im Kurs „Porträtzeichnen“ an der VHS Mitte zu dieser Erkenntnis verhalf.

Portrait Feder frf2ö23

 

Portrait Feder wwp5p23

 

 

 

Portrait Feder d55ö5ö

 

 

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Das sich selbst malende Bild (wenn Dilettanten nicht weiter wissen…) Zugleich: Annäherung an Abstraktion Teil II

Juli 31, 2013 § 4 Kommentare

Normalerweise male ich einfach so vor mich hin (das beruhigt die Nerven und hebt das Gemüt). Nun ergab sich aber neulich die Anfrage für ein Bild. Aus Gründen, die das Private zu sehr streifen als dass sie hier ausgeführt werden könnten, wollte ich mich dieser Anfrage nicht entziehen. Ein abstraktes Bild. Ich malte los, und schon nach mehreren missratenen Versuchen hatte ich mich in die schönste Blockade hinein gemalt. Was nun? Ich betrachtete die verfahrene Situation – an Aufgeben war in gar keinem Fall zu denken – und stellte mir diese Szene vor: linker Hand, auf dem Maltisch, eine Reihe Gläser mit frisch angerührten Farben, rechts die Leinwand (die muss es für diesen Zweck schon sein). Wie kommen die Farben nun auf die Leinwand, von links nach rechts? Üblicherweise nimmt der Maler den Pinsel in die Hand und waltet seines Amtes als Medium zwischen Farbe und Leinwand. Das hatte aber in meinem Fall schnurstracks in die Blockade geführt. Entfällt also. Zweite Möglichkeit: Ich mach’s wie unser überaus sympathischer, leider schon verstorbene Komponist und Philosoph John Cage und befrage das I-Ging. Mangels Affinität zu fernöstlichen Lebenspraktiken entfällt aber auch diese Möglichkeit. Dritte Möglichkeit: Mir fiel mein Vater ein, der Ingenieur, Bastler und unermüdlicher Zeichner von Konstruktionsplänen war. Das brachte mich auf den Gedanken einer Versuchsanordnung. Durch gezielte Verkettung (hoffentlich) glücklicher Umstände malt sich das Bild selber. Hier der Plan:

Versuchsanordnung abstraktes Bild

(Die vierte Möglichkeit, nämlich mit netten Leuten auf’s Land ziehen und dort im Einklang mit Wind und Wetter malen, hebe ich mir für später auf.)

So weit die Theorie. Ob das Bild am Ende taugt? Hm. Eher wohl würde eine Holstein’sche Deern in den Lichterfelder Landadel aufsteigen. Schau’n wir mal…

Den Kopf frei malen…

Juli 23, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Bei brillantem Wetter ergab sich am Wochenende an einem kleinen Sandstrand an der Havel inmitten des Grunewalds ein Gespräch über meinen malerischen Ansatz. Ich erklärte, durch unablässiges Zeichnen eine Art automatisierbarer Fertigkeit im figürlichen Darstellen erlangen zu wollen. Wäre irgendwann ein bestimmtes Niveau erreicht, so würde ich alles Erlernte über Bord werfen, freien Impulses folgend einfach drauflos malen, und könnte mich darauf verlassen, dass die geübte Hand per se eine Sicherheit anatomischer Verbildlichung verbürgte. So etwas in der Art hatte ich gesagt, die bereits tief stehende Sonne brannte auf Hirn und Körper, und eine Pause entstand. Nach einer ganzen Weile meinte meine Begleiterin: Klingt ziemlich verkopft. Meine durch das landschaftliche und auch sonstige Setting romantisch verklärte Gestimmtheit trübte sich ein. Ich war ja angetreten, mich malend zu befreien. Von verkopften Grübeleien und selbstreferentiell verschwurbelter Hirnakrobatik. Ich wollte malend die Handbremse meines Lebens lösen und losbrausen. Ins Ungewisse. Ins Unbekannte. Mich selbst entdecken. Und nun, ich wähnte mich bereits ein gutes Stück vorangekommen auf diesem Weg, das Urteil. Verkopft. Nun, dachte ich, manchmal ruft man eben die Geister, die man loswerden will. Hier half es freilich ungemein, die Geister aus  einem so klugen, hübschen Kopf zu vernehmen.

An der Havel

Wo bin ich?

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