Erhöhter Sicherheitsbedarf

Juli 2, 2020 § 7 Kommentare

 

Das IPad ist mir ein nützlicher ständiger Begleiter geworden, viele Aufgaben des Alltags lassen sich bequem damit erledigen. Schreiben, scannen, zeichnen, dokumentieren, vorführen. Es ist schlank, robust, passt in jeden Rucksack – leider von Apple. „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ sagt es regelmäßig, anstatt „Hallo“, oder „Schönen guten Tag“. Wenn ich möchte, kann ich auch das Kleingedruckte der Begrüßungsformel lesen: „Schütze deine Apple-ID und iCloud-Daten, indem du die Sicherheit erhöhst.“ Sicherheit? Von was? Vor wem? Was ist überhaupt „meine“ Apple-ID? Und soweit ich weiß, besitze ich keine iCloud-Daten. Hab sie jedenfalls nicht angelegt. Das ist, so  möchte ich meinen, die sicherste Form der Anlage überhaupt: keine Anlage. Fühlt sich Apple vielleicht nicht sicher vor mir? Haben die ein Problem  mit mir? Die Hartnäckigkeit der Begrüßungsformel lässt auf letzteres schließen. Ich bin lästig, ein Querulant, der sich weigert, unter Apples Schutzschirm zu kriechen, der meint, ein einmal gekauftes Produkt sei so etwas wie Eigentum, selbstherrliche Verfügungsmasse, Spielwiese eigenen Tuns  und Lassens, womöglich gar – o Gott – PRIVAT. Geht dich nix an, Apple, MEINE Sicherheit, MEIN Spielzeug, MEIN Bier. Pasta. Darfst mal gucken, wie’s bei mir aussieht, schau mal, hab ich mit dem IPad gezeichnet:

 

Frequenzlos glücklich. Der späte Beethoven erobert die Stille

Juni 1, 2020 § 7 Kommentare

Am Ende schraubt unbändiger Ausdruckswillen das euphorisch entfachte Fugenthema in immer lichtere Höhen, während gleichzeitig die rhythmisch-harmonische Begleitfigur in Sub-Bass-Tiefen hinabpoltert. Die abschließende Akkordbrechung durchmisst fortissimo ein letztes Mal den gesamten Tonraum, und wenn der malträtierte Flügel hier nicht zerspringt, so stieben doch die Töne hinaus in den Orbit  – nichts hält sie mehr zusammen. – In den Alpen erklomm ich mal einen Berg, stundenlang ging der Weg steil bergauf, mehr ein Kraxeln auf allen Vieren, dicht vor meiner Nase unablässig die steile Flanke des Bergmassivs. Plötzlich, ohne jede Vorwarnung war ich oben – ein schmaler Grad nur –  und statt der Wand vor Augen jäh Leere, Abgrund, freier Fall ins tief unten liegende Tal. Der Boden schien mir unter den Füßen weggerissen, ein Schwindel ergriff mich, in den sich Entsetzen und Euphorie gleichermaßen mischten. Dies ist der Moment nach Abreißen des Schlussakkords der vorletzte Klaviersonate Beethovens. Und welch bedeutsamer Umstand, dass er, der nichts mehr hörte, hier in übersteigertem Ausdruckswillen eine Musik komponierte, die am Ende ihre klanglichen Fesseln abwirft. Eine Musik, deren letzte Konsequenz das Schweigen ist, als gefroren zitternder Nachhall. Nach jahrelangem Aufbegehren gegen das Schicksal seiner Taubheit zieht er die Musik hinein in seine Welt des Schweigens.

Beethoven komponierte die Sonate in As-Dur op. 110 im Jahr 1821 nach schwerer Krankheit, und unter dem Eindruck des Todes derjenigen Frau, die er über viele Jahre geliebt hatte, aber nicht heiraten konnte. „Mein Engel, mein alles, mein ich“ – so beginnt der berühmte Brief, den Beethoven einst dieser Frau geschrieben hatte, und bei der es sich, nach allem was man heute weiß, eigentlich nur um Josephine von Brunswick gehandelt haben kann. Sie starb 1821 als Mutter von sieben Kindern, getrennt von ihrem zweiten Ehemann, weitestgehend im Stich gelassen von ihrer vermögenden Familie, krank und in bitterer Armut. Mit ihrem Tode endet auch für Beethoven eine Beziehung, die ihn über viele Jahre emotional vereinnahmte und Höhen und Tiefen durchleben ließ. Mit der As-Dur-Sonate setzte er ihr ein Denkmal. Die hier relevanten thematisch-biografischen Bezüge sind in der Literatur ausführlich dargestellt worden. Auch der Bezug zu Bachs Arie „Es ist vollbracht“ aus der Johannespassion. Niemand jedoch scheint aufgefallen, dass dieser Bezug keineswegs zufälliger Natur sein kann, sondern Beethoven sich hier über das melodische Zitat hinaus modellhaft an der Arie orientiert. In dieser folgt nämlich auf einen langsamen, klagenden Teil, ein schneller zweiter Teil, der den Tod Jesu als Sieg feiert und melodisch mit einer aufsteigenden Quart beginnt. Und hier sind wir mitten in der Betrachtung der ungewöhnlichen formalen Anlage der Beethovenschen Sonate, deren ergreifendstes Moment ein ihr innewohnender Prozess der Überwindung einer Totenklage mit den Mitteln schöpferischen Gestaltens ist. Dem Menschen sind die Möglichkeiten zu künstlerischem Schaffen gegeben, und indem er sie anwendet, befreit er sich vom Zwangscharakter seines ihm auferlegten Schicksals. So ähnlich muss es Beethoven empfunden haben, als er die Form seiner Sonate entwickelte. Nach zwei eher konventionell angelegten Sätzen beginnt der dritte und letzte scheinbar als langsamer Satz, entpuppt sich jedoch als Rezitativ und Arie (in den Noten tituliert als „klagender Gesang“), gefolgt von einer Fuge (Thema aus aufsteigenden Quarten!), die auf ihrem Höhepunkt abbricht und einer Wiederkehr des klagenden Gesangs weicht, einen halben Ton tiefer als zuvor, und mit quasi erstickter Stimme vorgetragen, nämlich von Pausen durchsetzt. Der ‚gutgemeinte’ Fugenansatz vermag nicht zu trösten, bringt keine Überwindung der Todesklage, die Trauer bricht mit letzter Kraft  (im Notentext: „ermattet, klagend“) erneut durch. Wie nun aber die Überwindung dennoch gelingt, die Todesnähe nicht nur überwunden, sondern in ein rauschhaftes Finale und beglückende Lebensbejahung transformiert wird, ist pure Magie. Zur Anwendung kommen altbackene Techniken der Fugenkomposition wie Umkehrung, Engführung, Augmentation, Diminution, womit man seit Jahrhunderten noch jeden Kompositionsstudenten quält. Beethoven setzt sie aber nicht zur höheren Ehre Gottes ein, wie dies das große Vorbild J. S. Bach zweifellos getan hatte, sondern er nutzt sie als Treibstoff zur Zündung seiner Rakete, die nichts weniger als die Musik selbst in den Orbit schießt. Jene in Sub-Tiefen brodelnde rhythmisch-harmonische Begleitfigur des Finales entwickelt sich nämlich unmittelbar aus dem Fugenthema und trägt zugleich dessen hymnische Schlussapotheose. Da dieser Sonatenschluss zudem den Anfang der Sonate aufgreift, fortsetzt und vollendet – jenes Anfangsthema, das unmittelbar die Erinnerung an die geliebte Josephine evoziierte – haben wir hier die postmortale Verschmelzung Beethovens mit seiner „unsterblichen Geliebten“ in einer entmaterialisierten Welt ohne Klang.

 

Anmerkungen:

In der populären Beethoven-Literatur steht die vorletzte der 32 Klaviersonaten Beethovens leider im Schatten der viel berühmteren letzten, der c-moll Sonate Opus 111. Das liegt zu einem nicht geringen Teil an Thomas Mann, in dessen Roman Doktor Faustus Opus 111 eine gewichtige Rolle spielt. Was wir wiederum Adorno zu verdanken haben dürften, der Manns Einflüsterer in Sachen Musik beim Schreiben des Romans war. 

Das Bild einer am Ende ihre klanglichen Fesseln abwerfenden Musik stammt in dieser Formulierung von Alfred Brendel.

Zum Thema „Unsterbliche Geliebte“  empfehle ich das Buch „Beethoven und seine ‚unsterbliche Geliebte‘ Josephine Brunswick“ von Marie-Elisabeth Tellenbach (Zürich 1983).

Neu entfacht hat meine Beschäftigung mit Beethoven in diesem – seinem – Jahr die sehr umfangreiche, gut zu lesende und noch immer aktuelle Biografie „Beethoven. Der einsame Revolutionär“ von Jan Caeyers (München, 4. Auflage 2014).

Wer nach einer guten Einspielung der Sonate sucht, dem kann ich nur Geduld ans Herz legen. Unter den 256 Einspielungen, die (gebührenpflichtig) bei Naxos bereitliegen, habe ich bisher wenige gehört, die mich begeistern, praktisch keine aber, die den Notentext in allen seinen Implikationen und Verästelungen wörtlich nähme. Die so bedeutsamen Pausen in der abgerissenen Melodieführung der Wiederkehr des klagenden Gesanges beispielsweise, die gerade die Essenz des „ermattet“ ausmachen, werden nahezu flächendeckend mit Pedal überspült [sic]. Ganz zu schweigen von der in neueren Einspielungen üblichen „Anreicherung“ des Klavierklanges mit künstlichem Hall, der als „sound“ zwar oberflächlich zu beeindrucken vermag, dabei aber jede klangliche Nuancierung im Keim erstickt. Man höre hier zum Vergleich beliebige Aufnahmen aus den fünfziger, sechziger Jahren, bei denen sich selbstverständlich der Eindruck einstellt, vor einem Flügel zu sitzen, statt in der zehnten Reihe einer Kirche mit vor dem Altar aufgebautem Instrument.

Sieben Versuche über ein stummes Rätsel

Mai 15, 2020 § 2 Kommentare

 

Zwischen furchteinflößend und mitleiderregend schwankt der Ausdruck meines steinernen Gesellen. In einer Folge von Ipad-Zeichnungen habe ich versucht, diese Bandbreite auszuloten.

Von Socke zu Socke

April 23, 2020 § 2 Kommentare


(im Corona-Home-Studio-Office lässt sich eine Arbeitspause schon mal für ein schnelles Selbstportrait nutzen…)

((die Anspannung im Gesicht ist dem Auffinden der Linie geschuldet, nicht der sonnendurchflutet vogelzwitschrigen Balkonszenerie unweit meines linken Ohres)

 

Scarlatti atmen

April 6, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Nachdem ich fünf laufende Meter Schallplatten schweißtreibendst in meine neue Wohnung überführt habe, freunde ich mich nun damit an, über Naxos alle CDs der Welt streamen zu können. Und das völlig umsonst mithilfe der Bibliothek meines Vertrauens, die den Zugang für ihre Nutzerinnen lizensiert hat (was jetzt unter uns bleiben muss, denn die Anzahl gleichzeitiger Zugriffe ist begrenzt). Und da spielt der französische Pianist Lucas Debargue Scarlatti-Sonaten. So hinreißend, als fiele die Musik direkt vom Himmel. Alles wohl geformt, gestaltet, gerichtet, erleuchtet. Jede Phrase fein ziseliert, unendlich nuanciert. Das geht durch und durch. Dabei spielt Debargue, als würde er einfach nur atmen. Anstrengungslos. Aber dafür muss man einmal um die Welt gereist sein, wie der Held in Nabokovs Erzählung „Frühling in Fialta“, der seiner On-Off-Geliebten gegenüber vom „Du“ zum „Sie“ zurückkehrt, nachdem er in erotischer Hinsicht mit ihr die Welt umsegelt hat. Oder wie wir alle jetzt anders atmen, nachdem uns ein blödes Virus klargemacht hat, wie qualvoll man ersticken kann wenn die Atmung nicht mehr funktioniert.

 

(aus meinem Skizzenbuch)

Auch ich zu Corona

März 22, 2020 § 2 Kommentare

 

Katastrophen sind Zeiten für Welterklärer. Auf dem Feuer der Katastrophe kocht jeder sein Süppchen, öffnet sein Portfolio und bringt seine Produktpalette unter die Leute. Kaum hat’s genug Orangenkisten für all die Marktschreier, die jetzt ihre Botschaften in die digitalen Netze brüllen. Das war im Mittelalter nicht anders. Notzeiten sind Zeiten voller Empfänglichkeit, weit geöffneter Ohren, alle gieren nach Erklärung, Sinn, Trost. Die Logik hinter den Deutungsmustern ist immer die gleiche: wir haben gesündigt (wahlweise, je nach Weltanschauung: uns an der Natur vergangen und die Luft verunreinigt; zu viel gevögelt und Überbevölkerung produziert; Gott nicht geachtet und seinen Unmut provoziert; you name it – die wirklich hässlichen und schlimmen lasse ich hier aus), und jetzt kassieren wir die Quittung. Der sehr geschätzte Nikolai Alban Herbst schreibt etwa im Zusammenhang der Ausbreitung des Corona-Virus vom „Auswaschen der Gesellschaft“ und meint damit Selbstregulierungsprozesse der Natur. (s. hier) Gottseidank lesen bei ihm schlaue Leute mit (Peter H. E. Gogolin und Xo*), um hier die richtigen Antworten zu geben. Klar, zu viele Alte auf dem Planeten, deren Versorgung uns vor Herausforderungen stellt – schwupps kommt zur rechten Zeit ein Virus daher, um sich der Sache anzunehmen. Herbst weist natürlich daraufhin, dass er dies keinesfalls gut heiße. Ist aber auch nicht der Punkt. Mich stört an diesem Gedanken, dass hier eine „Norm“ postuliert wird, an deren Wiederherstellung die „Natur“ ein Interesse habe. Die Norm sagt in etwa, es dürfe nur Lebewesen geben, die sich selbst ernähren können. Doch diese „Norm“ kann stets nur etwas von Menschen Gedachtes, Postuliertes sein. Statt also zu denken: wenn Menschen immer älter werden (weil wir das so wollen), dann ist es unsere Aufgabe, mit dieser Situation umzugehen – dieser Gedanke: zu viele immer älter werdende Menschen stören mich, und ich beruhige mein vielleicht schlechtes Gewissen ob dieser Einstellung mit dem Gedanken, die Natur sehe das ja ganz offensichtlich auch nicht vor.

Der Mensch ist Teil eines Systems Erde (als Teil eines Systems Universum), und unterliegt in uneingeschränktem Maße all jenen Phänomenen, die sich mit Mitteln der Biologie beschreiben lassen. Diese Phänomene sind nicht die einzigen bestimmenden Faktoren, aber sie sind sehr mächtig. Unser Problem mit der aktuellen Krise scheint mir nun weniger darin zu liegen, dass tiefe Einschnitte bevorstehen, die unser aller Alltag betreffen, sondern dass wir uns außerhalb dieses Systems wähnen und Vorgänge dieser Art, die es im Verlaufe der Geschichte immer wieder gegeben hat, als quasi „persönlichen“ Angriff auf „die Menschheit“ werten. Spielen wir also doch einfach mal nicht den “Beleidigten“ und nehmen die Sache nicht persönlich. Nüchtern betrachtet steckt in jeder Krise eine Chance, weil feste Strukturen aufbrechen. Das ist jedenfalls eine Erkenntnis aus meiner persönlichen Lebenswirklichkeit heraus.

* s. vor allem ihre Antwort vom 20.3.20 10:21 zum „sechsten Coronajournal

Vertieft

Februar 13, 2020 § 13 Kommentare

 

 

In der Zahnarztpraxis wartet ein jeder auf seine Weise. Wollte ich nur mal kurz anmerken. Nicht dass das Jahr verstreicht ohne einen einen einzigen Dilettantenblogbeitrag…

Bio-Bananen auf Mörser

Dezember 5, 2019 § 2 Kommentare


 

(Kurz kommt die Malerei derzeit, zu kurz. Gerade mal ein Stillleben in zwei Wochen. Die painting life balance stimmt einfach nicht.)

iPad-Fingerzeichnung

Oktober 29, 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

(mein Gegenüber im ICE; draußen die Kasseler Berge, bernsteinfarben im Licht der tiefen Sonne; bemerkenswert auch, wie der ICE die Beschaffenheit des Geländes ignoriert und einem abgeschossener Pfeil gleich seine Bahn zieht…)

Wiesenstück

Oktober 24, 2019 § 2 Kommentare

Dürer legte sich auf den Bauch, um sein Rasenstück zu malen. Könnte man meinen ob der Perspektive. In Wien ist es grad zu sehen, dieses Aquarell, von dem wahrscheinlich keine noch so perfekte Abbildung einen realistischen Eindruck vermittelt. Aber Wien ist so weit. Im Vogelsberg jedoch wurde mir neulich die Wiese kredenzt im Glas, und ich konnte mich bequem davor setzen. Sind halt faule Zeiten, diese Zeiten…

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