learning what I wasn‘t doing

November 14, 2020 § 5 Kommentare

Klavierspielen, sofern man es nicht rein perkussiv betreiben will, ist permanetes Ankämpfen gegen den Tod. Jeder Ton stirbt, kaum ist er angeschlagen. Die Saite bekommt nur diesen einen Impuls, dieses eine Lebenszeichen, danach ist sie zum Verklingen verureilt. Da hilft weder Hoffen noch Bangen, Drücken und Schieben schon mal gar nicht. Nachgetretenes rechtes Pedal schafft für einen Moment zusätzliche Resonanz und öffnet den Ton ein letztes Mal auf dem Weg in die Stille. Wie aber aus diesen reanimationsunfähigen Patienten eine Melodie formen? Wie den Bogen spannen, dem Wechsel im Ein- und Ausatmen den höheren Sinn verleihen? Wie nachahmen, was Sängerinnen, Geiger mühelos vormachen? Wie stets im Leben hilft Einbildungskraft gepaart mit ein paar Tricks die geeignet sind, das menschliche Ohr zu überlisten. Große Pianistinnen schaffen das. Keith Jarrett ist so einer. War so einer, muss man präsizieren, seit er kürzlich bekannt gab, nach zwei Schlaganfällen nie wieder mit beiden Händen Klavierspielen zu können. Die linke ist seither gelähmt. Unnötig zu betonen, dass Jarret mit dieser Linken allein ein ganzes Orchester zur Verfügung stand. Wie er dann seine Rechte vors Orchester zu stellen imstande war, ihr primadonnenhaft alle Freiheiten ließ und über allem doch eine höhere Instanz waltete  – pure Magie.

Der zum Sterben verurteilte Klavierton – wie also beginnt er zu leben? Um davon eine Ahnung zu bekommen, hilft ein Blick auf den klavierspielenden Jarrett. Es wird sofort klar, dass hier einer derart perfekt den Spielapparat beherrscht – und mit Spielapparat ist hier nicht wie im herkömmlichen Klavierunterricht der Finger/Arm/Schulterbereich gemeint, sondern alles zwischen kleinem Finger und großem Zeh – dass jeder einzeln angeschlagene Klavierton, jede noch so beiläufig gestreifte Taste in einem großen Ganzen aufgeht. Und da lebt, pulsiert, wogt und webt alles in einem Organismus, den schnöde mit „Musik“ zu bezeichnen fast schon Blasphemie wäre. Denn Klang ist es zwar, was man vernimmt, aber als Vorschein von etwas, das auf jeden Fall sehr groß ist, vielleicht universell. Und so ringt Jarrett mit dem Flügel, knetet die Finger in ihn hinein, windet sich und tanzt mit dem halbtonnen schweren Ungetüm den Ringkampf zweier Giganten. Zweier ineinander verliebter Giganten. Denn hier vereinigt sich ein Liebespaar auf offener Bühne. Das hat seinen Preis. Trotz athletischer Konstitution zwang totale Erschöpfung Jarrett bereits vor zwanzig Jahren zu einer zweijährigen Spielpause. Und nun das endgültige Aus. Von meiner Liste der Musiker, die ich hoffte einmal im Leben live erleben zu dürfen, muss nun, nach Bowie, auch er gestrichen werden. Es bleiben die Aufnahmen, und spektakuläre Videos und Filme. In der sehr zu empfehlenden Dokumentation „Keith Jarrett – The art of Improvisation“ (zu sehen auf youtube) spricht er darüber, wie er versuchte der Falle zu entgehen, sich improvisierend zu wiederholen: „Learning, what I wasn‘t doing.“ Welche Herausforderung für einen, der eigentlich alles kann. Und wie aktuell jetzt, wo er lernen muss, nicht mehr Klavier zu spielen. 

Aktzeichnen

Oktober 26, 2020 § 5 Kommentare

Das Modell vor Beginn der Sitzung:

und währenddessen:

Hegels Welt durch Kaubes Brille

Oktober 24, 2020 § 5 Kommentare

Jürgen Kaube, der kluge Kopf, den sich die FAZ in einer Werbekampagne aus einer verschollenen Zeit immer schon als Leser vorstellte, und der seit vielen Jahren nicht nur für das Blatt schreibt sondern inzwischen als einer der Herausgeber den kulturellen Teil verantwortet, unternimmt in seinem aktuellen Buch den Versuch, Hegels Welt zu erklären. Nun kämpfe ich mich durch das Buch und hänge am Rockzipfel der Erkenntnis. Der Stoff ist hart, aber Thema und Autor interessieren mich, und ich nehme mit, was ich kann. Kaube ist zweifellos durch den Stoff gegangen, aber mit einem Bein im Diesseitigen, nämlich beim Leser, geblieben. So gelingt es ihm immer wieder, Hegels Gedankenwelt auf eine Ebene herunterzubrechen, die mir wenn nicht Bodenhaftung so doch eine gewisse Ahnung von der Materie vermittelt.

Das Buch ist seitens des Autors von großer Bewunderung für das Werk des Philosophen getragen. In einem Punkt aber kritisiert Kaube Hegel deutlich. Dessen hanebüchene Theorie einer natürlichen Bestimmtheit der beiden Geschlechter ließe sich nämlich keineswegs als dem Stand der Zeit geschuldet verharmlosen. Vielmehr bliebe Hegel weit hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück und stelle einen historischen Stand dar, als habe die Vernunft zu ihm als Endpunkt geführt. Emanzipatorischen Bestrebungen seiner Zeit begegnet er polemisch und persönlich verletzend. Für mich wirft dies durchaus einen Schatten auf die Bedeutung des Gesamtwerks Hegels. Dessen Anspruch war: alles neu denken, jeden Begriff auf seine Ursprünge zurückführen, alles hinterfragen und einbinden in ein System. Geht es aber um einen Bereich von ganz persönlicher, praktischer Bedeutung (mit weitgreichenden gesellschaftlichen Implikationen) – Hegel war schließlich „Familienvater“, und Bruder einer Schwester ohne jede Möglichkeit vergleichbarer Entfaltung innerhalb der bürgerlichen Welt (sie nahm sich das Leben), so feiern sämtliche historisch gewachsenen Vorurteile fröhliche Urständ‘. Einen angeblichen Naturzustand zu begründen unternimmt Hegel laut Kaube „mühsame“ Versuche, indem er sich auf eine angebliche körperliche und geistige Konstitution von Männern und Frauen beruft. Mich lässt das grundsätzlich an der Aussagekraft Hegelscher Beweisführungen zweifeln.

Aus der Lektüre:

„Sie wissen, daß auf eine sublime Art unverständlich zu sein, leichter ist, als auf eine schlichte Weise verständlich.“ (Hegel)

„Aufklärung des Verstandes macht zwar klüger, aber nicht besser.“ (Hegel)

„Bildung heißt, dass man lange Zeit von einer Antwort auf die Frage absehen kann, was man werden will.“ (Kaube) (Anmerkung: leider führt das Absehen nicht zwangsläufig zu Bildung)

„…der Verstand ist ein Hofmann, der sich nach den Launen seines Herren gefällig richtet – er weiß zu jeder Leidenschaft, zu jeder Unternehmung Rechtfertigungsgründe aufzutreiben.“ (Hegel)

„Religion mag der Versuch von Priestern sein, den Leuten Märchen zu erzählen. Aber es gibt Sachverhalte, die jenseits solcher Märchen bestehen bleiben und sich nicht durch wissenschaftliche Behandlungsarten auflösen lassen. Schuld, Gewissen, Tod, das Gefühl zu sollen, auch wenn es einem schadet, Liebe und die Bereitschaft zu hoffen, auch wenn es aussichtslos scheint sind solche Sachverhalte.“ (Kaube über Rousseaus Religionskritik)

“In der Ketzergeschichte trat somit zum ‚Polytheismus‘ (zu viele Götter), ‚Unitarismus‘ (im Vergleich zur Trinitätslehre zu wenig Instanzen), und Deismus (ein zu vernünftiger und darum die Bibel ungern lesender Gott) der Pantheismus als der gefährlichste, weil Gott in die Welt umschmelzende und seinen Namen damit überflüssig machende Lehre hinzu.“ (Kaube)

„…diese Weltseele [Napoleon] … sah ich durch die Stadt [Jena] zum Rekognoszieren hinausreiten; – es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“ (Hegel)

lass krachen

September 24, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Raucher

September 16, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

(In meiner Studentenzeit gönnte ich mir eine gelegentliche Zigarette am Küchenfenster. Sie half, heiß gelaufene Synapsen abzukühlen und geistige Schwerstarbeit stilvoll abzufedern. Später gab ich das Rauchen auf…)

Auf Makulaturkarton

September 12, 2020 § Ein Kommentar

Jeder schöpferische Akt ist Materie abgetrotzt und behauptet sich somit gegen Wiederstände. Energie muss in Stellung gebracht werden, um eine Ziel gegen Wiederstand zu erreichen. Eleganter ist freilich stets, wiederständiger Energie zu folgen und sie sanft in die gewünschte Richtung zu lenken. Einen Eimer Farbe über die Leinwand zu gießen und Schwerkraft im Zusammenspiel mit materialen Eigenschaften für sich wirken zu lassen, kann schon reizvolle Ergebnisse erzielen. Viele Künstler nutzen ganz oder teilweise Zufallsstrukturen für ihre Arbeit. Als ich neulich einem der Müllentsorgung zugedchten Container einen Stapel Kartons entnahm, ahnte ich noch nicht, welch wundervolle Strukturen die leicht glänzende Oberflächenschicht in Kontakt mit wässriger Farbe ermöglichen würde. Zudem hinterließ die mir unbekannte Vorgängernutzung teils fetthaltige Partien auf der Beschichtung, mit dem Ergebnis, dass sich die Aquarellfarbe von manchen Stellen beim Malvorgang auf wundersame Weise immer wieder zurückzieht. So passiert auf dem Malgrund mit der Bildidee, was reale Einflüsse im echten Leben mit Gesichtern machen. Sie hinterlassen Spuren, Einkerbungen, Verformungen. Die Flüchtigkeit eines Gesichts als Symbol für Leben schlechthin, das in jedem Moment seiner Existenz ein fragiles Zusammenspiel harmonierender und divergierender Kräftefelder ist.

Instagram VI

September 9, 2020 § 8 Kommentare

Konturen markant aufs Papier zu setzen und damit die Figur buchstäblich zu umreißen, um ihr anschließend farblich-fließend Leben einzuhauchen ist das eine. Nämlich ihre Existenz kraft Linie zu behaupten in einem Akt bildnerischer Schöpfung. Etwas ganz anderes ist es, sich in der Fläche mit zunächst zarten, wässrigen Tönen das Terrain sukzessive zu erobern, die Figur „werden“ zu lassen. Im Entstehungsprozess lässt sich so gut beobachten, ab wann diffuse Flächen zu „menscheln“ beginnen, wann erkennbare Merkmale der Physiognomie und der Gesichtsform Ausdruck annehmen und den Betrachter berühren. In der nunmehr sechsten Folge meiner Instagram-Erkundungen bin ich den Weg der Fläche gegangen, von innen nach außen gewissermaßen und ohne vorab klärende Kontur. Desgleichen von hohem Wasseranteil und unbunten Farben allmählich zu höherer Farbdichte fortschreitend. Ganz nebenbei arbeiten mir die Mittel, Papier und Farbe, zu und entfalten ein faszinierendes Spiel aus Zufallsstrukturen, die sich sowohl in die Idee einbinden lassen, als auch ihr neue Impulse zu geben vermögen. 

Generation instagram V

September 5, 2020 § 2 Kommentare

Generation instagram IV

August 29, 2020 § 5 Kommentare

 

Aus der Serie Generation instagram.

Köpfe 7.0

August 24, 2020 § 8 Kommentare

Der Urlaub ist vorbei. Auch mit dem Sommer geht‘s rapide bergab, hier aber weiter mit den Köpfen, nun in Wasserfarben. Leichter und fragiler, auch blasser, unscheinbarer. Beim letzten Blatt malt die Wölbung des Papiers schon mit, sie bewirkt beim Abfotografieren unterschiedlich helle Bereiche, da weiß man nicht, ist‘s noch Farbe oder Lichtspiel. 

Wo bin ich?

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