Rehausen VI

Juli 26, 2021 § Ein Kommentar

Wer sein Leben neu auf die Beine stellt, findet auch mal die Zeit zu beschaulicher Wolkenbetrachtung. Zu wunderlichen Ungetümen erstarrt präsentiert sich hier das Gewölk. Wendet man den Blick jedoch eine Weile ab, so zeigen sich unter der Hand völlig neue Formationen. Dieses Prinzip schaue ich mir für die Reha ab. Denn allzu ergeiziges Fixieren bestimmter Ziele, gewünschter Fortschritte, führt zu Frustration ob vermeintlichen Stillstandes. Erst das Loslassen, die freundliche Herreinnahme anderer Themen macht die Veränderung am Ende sichtbar. Über zwei Birken thront hier ein pausbäckiger, geflügelter Budda, die Hand erhoben zu mildem Gruß. Ich glaube, im Vorübergleiten segnet er mein Begehr.

Rehausen V

Juli 18, 2021 § 4 Kommentare

Verweile doch, du bist so krumm…. nun ja, krumm sind hier allenfalls die Knochen der geschundenen Menschen, die sich zwischen Elektro- und Physiotherapiesitzung ein sonniges Nachmittagsstündchen zum Entspannen auf der Gartenterasse gönnten. Jetzt, zum Abend hin, ist alles verwaist, und zurück bleibt das Mobilar, dem der schnelle Strich meiner Zeichnung etwas Krummes verleiht.

Rehausen IV, mit einem Seitenhieb auf Beuys und einem Loblied auf Cage

Juli 15, 2021 § 9 Kommentare

Manche Menschen haben das Glück, das Selbstverständliche ein zweites Mal erlernen zu dürfen. Gehen, zum Beispiel. Den Körper, als recht eigentliches Wunder, neu begreifen. – Naja, die Not zur Tugend verklärt, klar. Aber gerade wird mir, als übungsbegleitend permanent Radio Hörender der zum Heiligen verklärte Beuys um die Ohren gehauen. Der ja auch die Perspektive auf die Kunst einfach umkehrte. Kunst ist für alle, machen alle. Gut immerhin für ihn, dass sein Part ihm allein vorbehalten blieb. Er sich um so doller von der Masse abheben konnte, je mehr er sich ideologisch mit ihr gemein machte. Wie wohltuend sich davon einer wie John Cage abhob, der weit vor Beuys bereits alles Elitäre an Kunst überführte in ein allgemeines Bewußtseinsprinzip. Und dabei so bescheiden blieb. Anschaulich illustrierte er seinen Kunstbegriff in der Antwort auf die Frage: Ist der Akt des Öffnens einer Tür Kunst? Wenn man es aufführt, ja. Also: Gewinne ich etwas, wenn ich weit hinter einem bereits erreichten Stand neu beginne? Wenn ich es neu betrachte, „aufführe“ – ja. Nie werde ich Cages verschmitztes Lächeln, seine überaus sympathische Art vergessen, derer ich Ende der 80er Jahre im Frankfurter Theater am Turm TAT zuteil werden durfte. Und seine inspirierenden Erkenntnisse zur Kunst, die das Leben umschließen.

Rehausen III

Juli 13, 2021 § 3 Kommentare

Wer sich ihr öffnet, dem offenbart auch die Schattenseite des Lebens ihren Reiz. Abendlicher Schattenwurf an der Klinikzimmerwand.

Rehausen II

Juli 11, 2021 § Ein Kommentar

Ein schönes Erker-Zimmer mit freundlich hereingrüßendem Laub- und Fichten-Bestand, morgens in sonnengereifter Pracht erstrahlend, abends mild ermattete Strahlen gnädig durchlassend für den liebevoll inszenierten Tanz gefilterter Lichtpunke. Die als Leinwand fungierenden weiß gekalkten Zimmerwände akzeptieren den TV-Monitor in ihrer Mitte und verleihen den abendlichen EM-Spielen nebenher eine poetisch-friedliche Note. Ich bin zuversichtlich, dass selbst 60.000 gebrexte Engländer in ihrer vorsintflutlichen Raserei dem Charme dieses allabendlichen Zaubers nichts anhaben werden. In der Cafeteria und am See den Sonntag für weitere Skizzen genutzt.

Rehausen

Juli 8, 2021 § 9 Kommentare

Nach dem Neuanfang erste Skizzen. Der eingeschränkten Beweglichkeit halber dabei immerhin Eiscafe schlürfend noch etwas holprig aufs ipad gezeichnet. Malträtierte Körper, anwendungsfreie Zeit im Cafeteria-Garten genießend.

Im Wald

März 29, 2021 § 5 Kommentare

Ein paar Tage verschnaufen auf dem Grundstück im Vogelsberg. Jedoch: Der Wald nebenan ein Trümmerfeld. Da wurden jüngst großflächig abgestorbene Fichten geschlagen, die Aufräumarbeiten dauern noch an. Das ermöglicht zwar ungeahnte Aus- und Durchblicke, aber wir haben doch schon Pandemie, wozu braucht‘s da zusätzlich die apokalyptisch anmutende Szenerie eines abgestorbenen Waldes? Sprechen die Katastrophen nicht miteinander? Heute du, morgen ich, übermorgen gerne jemand neues? Die Erde als Auslaufmodell. Kann man schon trübsinnig werden. Oder zeichnen.

Dick aufgetragen…

März 24, 2021 § Hinterlasse einen Kommentar

…hab ich hier die Farbe, und insgesondere das Gelb, in der nicht mehr ganz luftdicht verschließbaren Flasche schon halb eingetrocknet, reliefartig aufgesetzt. Noch immer in Weißabstinenz.

Instagram VII

März 20, 2021 § 7 Kommentare

Man stelle sich kurz vor, es hätte Instagram bereits vor 250 Jahren gegeben. Johann Georg Sulzer hätte Fotos seiner exotischen Bäumen gepostet, das ein oder andere auf der Spree vorbei driftende Segelboot abgelichtet und uns vielleicht auch in seinen caucasischen einsamen Wald mitgenommen. Aber wüssten wir heute mehr über die Zeit damals? Sollten sich Menschen in 250 Jahren je heutige Instagram-Fotos anschauen, wüssten sie wahrscheinlich auch nicht mehr über uns. Vielleicht etwas über unsere Träume.

Im Wechsel der Zeiten

März 14, 2021 § Hinterlasse einen Kommentar

Genau da, wo ich jetzt sitze, und aus dem Erkerfenster Richtung Süden blickend jenseits der Spree das von Baldessari 1957 zur ersten Internationalen Bauaustellung im Hansaviertel erbaute Punkthochhaus sehe, und rechts daneben, flacher, den Riegel des 10geschossigen Hauses von Jaenecke/Samuelson, und auf der anderen Erkerseite, nordwärts, den spitzen Turm der Heilandskirche, während vis-à-vis typische Berliner Altbaufassaden den Blick begrenzen – genau hier besaß der Schweizer Gelehrte Johann Georg Sulzer, heute vor allem bekannt als Verfasser seiner Allgemeinen Theorie der schönen Künste, vor zweieinhalb Jahrhunderten ein großes Anwesen, das er unter anderem für eine Plantage zum Anbau exotischer Pflanzen nutzte. Er fühlte sich an diesem Ort damals genauso wohl, wie ich heute, aus freilich ganz anderen Gründen, wie er einem Freund brieflich mitteilte:

Mein Loos ist mir an einer der angenehmsten Stellen, die in der Nähe von Berlin sind, gefallen. Vor meinen Augen, und dicht vor meinem Garten gehen alle Kähne vorbey, die über Hamburg und Stettin nicht nur der Mark Brandenburg, sondern noch anderen Provinzen Wasser zuführen. Aus meinem Bette sehe ich täglich Segel vorbey fahren. Vor und neben mir sind schöne Wiesen und Triften mit weidendem Vieh. Und aus meinem Garten sehe ich die Schaaren der Müßigen Menschen, die sich im Tiergarten vor der Stadt belustigen, doch ohne den Staub, den sie erregen, einzuschlucken. An meinem Rücken fängt nur ein paar hundert Schritte von meinem Garten ein unermeßlicher Wald an, in dem man mit der höchsten Bequemlichkeit zu Fuß oder zu Pferde spazieren kann, und darin sind Hügel und Thäler, so einsam, als sie auf dem Caucasus seyn mögen, und von Vögeln und Eichhörnchen bewohnt.*

Wohl mag die Fantasie mit dem guten Mann ein wenig durchgegangen sein – oder er wollte seinen Freund damit beeindrucken, vor den Toren der großen Stadt mit all ihren Segnungen, zugleich die caucasische Einsamkeit im Rücken und das ländliche Idyll ringsrum, eine bekömmliche Bleibe gefunden zu haben. Aber ein klein wenig neidisch bin ich doch auf den unermeßlichen Wald, der heutzutage geschrumpft zum Volkspark Jungfernheide ein bescheidenes innerstädtisches Dasein fristet. Und auf Caspar-David-Friedrich‘sche Segel, die, längst gestrichen, unterdessen zu Touristengespickten Ausflugsbooten mutierten. Vorbeiziehen sehen aber kann auch ich sie, nur nicht von meinem Bette aus, sondern auf der Erker-Chaiselongue sitzend.

*zitiert nach: Bernd Hildebrandt, 300 Jahre Moabit. Berlin 2018, S. 131

P.S. Sulzers Idylle hatte im 19. Jahrhundert keinen Bestand. Anstelle exotischer Bäume wuchsen Fabrikschornsteine in den Himmel. Der Maschinenfabrikant Borsig errichtete auf Sulzers Grund seine eisenverarbeitenden Anlagen, für sich und seine Familie direkt nebenan eine große Villa samt Park, erweiterte dann um eine dampfgetriebene gigantische Getreidemühle, die 1898 Feuer fing und wochenlang zur Belustigung herbei eilender Berliner brannte. Das passte im Grunde ganz gut, denn der wachsende Wohnungsbedarf konnte nun auch auf dem von Borsig aufgegebenem Gelände gestillt werden. Das so entstandene Wohnquartier hat bis heute Bestand.

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