Fernes Land

Januar 12, 2021 § 2 Kommentare

Die Kindheit ist das ferne Land. Steinzeitliche Jäger durchwandern prähistorische Gründe. Tundren, schroffes Land, zerklüftet, unermesslich weit, erschreckend rauh, grenzenlos. Abenteuerbücher deren Namen ich vergessen habe befeuerten diese Fantasien. Die Männer trugen Felle und Speere, Frauen gab es noch nicht. Heute fahren durch diese Landschaften Autos auf der Suche nach Käufern. Die Sehnsucht bleibt.

Im Erker

Januar 3, 2021 § 2 Kommentare

Während ein paar feuchte Flöckchen vom Himmel rieseln und der Winter uns den Anflug einer Aufwartung schenkt – im Tiergarten wird es immerhin für eine beinahe geschlossene Schneedecke reichen, sitze ich im Erker und versuche mich an der ersten Zeichnung des Jahres. Ganz digital und Lockdown-konform.

Kurz vor Ende des Beethoven-Jahres ein Aufruf an die Physik

Dezember 25, 2020 § 7 Kommentare

Beim Nachdenken über Musik mal wieder bei der Physik gelandet. Das fing an mit einem Beethoven-Film zu der Frage, ob eine Welt ohne Beethoven vorstellbar wäre. Und ob er den ersten Boogie-Woogie ever komponiert hat, mithin den Jazz in die Musik brachte. Die dritte Variation des letzten Satzes seiner letzten Klaviersonate lässt sich nämlich so hören. Oder spielen, als ein von rollenden Bässen getriebener Uptempo-Shuffle. Gefällt freilich nicht jedem, je nachdem, ob man nun Jazz im allgemeinen oder Boogie im besonderen mag. Da wüsste man doch gerne, wie  Beethoven selber das gespielt hat. Hatte das bereits das typische Uptempo-Jazz-Feel, also den gnadenlos metronomischen Puls, vor dessen Hintergrund die Dauersynkopierung ihre orgiastische Wirkung erst entfaltet? Immerhin war Beethoven ein großer Fan des gerade erfundenen Metronoms, und möglicherweise sowieso von nordafrikanischer Abstammung, was seine Neigung zu patternorientierter Rhythmik (seine fünfte Symphonie!) auch genetisch grundiert (und nebenbei seine erwiesenermaßen ausgesprochen dunkle Hautfarbe erklärt) hätte. Leider war die Tonaufzeichnung noch nicht erfunden, alles Schall und Rauch seinerzeit. Oder vielleicht doch nicht? Wandert Schall nicht, wie Licht auch, durch den Raum? Als Welle, nur viel langsamer? Also einholbar, im Unterschied zur Lichtgeschwindigkeit, die fürs erste ja durch kein Gefährt der Welt zu durchbrechen ist. Eine Schallwelle, zu Jahresbeginn 1822 vom Meister an seinem Broadwood-Flügel auf die Reise gebracht, wäre heute – flugs eine Rechnung aufgemacht mit der durchschnittlichen Schallgeschwindigkeit von 343 Metern pro Sekunde – ca. 2.141.730.904 Kilometer von der Erde entfernt. Also irgendwo zwischen Saturn und Uranus. Da könnte man doch mal eine Weltraummission auf den Weg bringen, für einen wirklich guten Zweck – dachte ich, wohl erwägend, dass ja leider, beziehungsweise Gott sei es gedankt, Schallwellen schnell an Energie verlieren und Beethovens vermeindlicher Boogie von 1822 selbst mit den empfindlichsten Ohren da draußen nicht mehr zu hören wäre – vielleicht aber mit ultrasensibler Teleskoptechnologie? Apropos „da draußen“. Noch ein Problem. Schallwellen bedürfen zu ihrer Ausbreitung eines Mediums. Üblicherweise Luft, festere Materie tut es auch. Leider nicht überhaupt keine Materie, wie man sie regelmäßig im All vorfindet. Beethovens Töne erloschen also auf ihrem Weg Richtung Uranus bereits nach knapp drei Minuten beim Verlassen der Erdatmosphäre. Aus und vorbei, finito. Schweigen ad infinitum. Also wirklich wirklich? Physiktreibende, Wissenschaftlernde dieser Erde, kann das sein? Wenn vor Jahrmillionen ein Käfer nach schlecht verdauter Mahlzeit pupste, lassen sich heute Spuren davon in Erdschichten nachweisen. Was aber ein Beethoven vor noch nicht mal zweihundert Jahren der Welt mitzuteilen hatte soll verloren sein, für immer? Also bitte meine Herren (und gerne auch die paar Damen der Community): schärft eure Instrumente!

Großstadtmelancholie

Dezember 17, 2020 § 10 Kommentare

Als ich vor vielen Jahren nach Berlin zog, waren die Winter kalt, der erste Schnee fiel bereits im November und die Luft war Kohleöfengeschwängert. Es stand noch kein sogenanntes Schloss in der Mitte der Stadt, sondern ein stahlbetongewordener Funktionärstraum, Kulturtempel für den neuen Menschen. Oder doch schon: Opium fürs ernüchterte Volk? Vorangestelltes Foto als Erinnerung an Schnee im Herzen Berlins, aber auch an den die DDR zunächst überlebenden Koloss, im beginnenden Todeskampf alsbald ausgeweidet und der Kunst geöffnet – bevor endgültig abgerissen wurde, was als Symbol einer überlebten Ideologie entsorgt werden musste. Nun, 15 Jahre später, steht da wieder ein Koloss. Symbol einer allgemeinen Konfusion in seiner wirren Mischung aus scheinbar Alt und längst veraltetem Neu. Eine Groteske. Mit eingemauerten Booten wo früher Hohenzollern herrschten. Wie mag es sich anfühlen, durch ein historisierendes Schlossportal einzutreten und drinnen vitrinifizierte kultische Artefakte vorzufinden, die mit Herrschergeste aus fernen Erdteilen einst nach Berlin geordert wurden? Eine Initiative fordert bereits den Wiederabriss – eine Formulierung, die in diesen orientierungslosen Zeiten das offenbar notwendig gewordene Pendant zum Begriff des Wiederaufbaus bildet.

Zerreißprobe

Dezember 7, 2020 § 15 Kommentare

Bloghausen bebt. Wie die ganze Gesellschaft. Wer eben noch ein gutes Miteinander pflegte, traut sich plötzlich nicht mehr über den Weg. Muss man vielleicht nicht überdramatisieren, Aufreger kommen und gehen. Ein ungutes Gefühl bleibt aber doch, es scheint schwieriger zu werden mit der Kommunikation. Wer an der Pandemie-Berichterstattung durch gängige Medien zweifelt, wird schnell als Corona-Leugner oder Covidiot abgestempelt. Wer hingegen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung als notwendiges Übel im Sinne einer Abwägung begrüßt, fängt sich den Vorwurf ein, eine sich abzeichnende Diktatur zu befürworten, nicht „wachsam“ zu sein, gar Untertanengeist zu praktizieren. Krisen sind der Prüfstein einer Gesellschaft. Unterlegene werden in ihrer Bedürftigkeit noch sichtbarer, Gewinner halten sich lieber bedeckt und perfektionieren ihr System im Stillen. In der Süddeutschen Zeitung von heute lese ich ein Interview mit dem Philosophen Boris Groys. Der Bedrohung durch das Corona-Virus begenet er mit radikaler Selbstisolierung in seiner New Yorker Wohnung, leidet aber nicht darunter. Er sitzt eben gern zuhause, wie er freimütig bekennt. Thema sind Verschwörungstheorien und warum sie populärer werden. Dafür benennt er Gründe in zwei Bereichen: die Welt verändert sich, und zwar rückwärts in Richtung Mittelalter und „digitaler Feudalismus mit einem enormen wirtschaftlichen Gefälle“ Sie liefert also Verschwörungstheorien objektiv Gründe. Zum anderen seien Verschwörungsmythen ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft. Ich meine, er bringt das sehr gut auf den Punkt (am Beispiel von Corona-Leugnern):

„Es ist kein Zufall, dass viele Corona-Leugner einer romantischen Naturvorstellung anhängen: Der Mensch und die mächtigen Konzerne sind böse, die Natur ist gut, sie kann nicht so grausam sein wie das Corona-Virus. Dieses idyllische Bild der Natur kann man nicht anders erklären als mit Dekadenz. Wer das glaubt übersieht, dass es Krankheiten gibt, und dass er sterben wird. Das ist die Vorstellung von Wohlstandskindern. Die Welt und die Natur sind dafür da, dass es mir gut geht. Und wenn nicht, sind daran die Mächte der Finsterniss schuld. Weil die Medien von der Pandemie berichten, müssen sie in dieser Logik zu den Mächten der Finsterniss gehören.“ –

Soweit das Eine. Aber jetzt kommt eben das Andere, genauso Entscheidende:

Ich weiß nicht, ob Argumente gegen Verschwörungsmythen helfen. Die Aufklärung muss damit geginnen, die Macht der Tech-Konzerne zu untersuchen und zu beschränken. Es muss transparenter werden, wie ihre Algorithmen unsere Daten auswerten. Das beste Mittel gegen QAnon ist die Domestizierung des digitalen Kapitalismus und die Enteignung, die Wiedervergesellschaftung der Datenbestände im Besitz der Tech-Konzerne.“

(Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 7. Dezember 2020)

((Diesmal ohne Bild, dafür mit Schubert , der früh sterben musste, weil die Schulmedizin mit ihren Erkenntnissen für ihn zu spät kam und die Natur ihren Lauf nahm.))

The trees united will never be defeated!

Dezember 4, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Es kommt nicht häufig vor, dass sich Musiker der Klassikbranche zu politisch-gesellschaftlichen Themen äußern, sich gar streitbar in öffentlichen Debatten positionieren. Der Pianist Igor Levit ist so einer. Erst kürzlich musste er dafür Prügel einstecken: die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte eine als Musikkritik getarnte Polemik gegen dessen Umtriebigkeit in den Medien. Jetzt hat er im von der Rodung bedrohten Dannenröder Forst Klavier gespielt. Auf Twitter kann man ein Video davon sehen. Das ist so surreal wie anrührend, auf jeden Fall ein starkes Bild. Statt Zuhörer sieht man winterkahle Bäume um das Klavier stehen, ihre Wipfel wiegen sich im Takt, Levit in Daunenjacke und Mütze auf dem Kopf spielt als wäre es das letzte Konzert, als gelte es, mit jedem Ton einen Baum vor dem Sterben zu bewahren. Das Werk aus dem er spielt ist der gigantische Variationszyklus The people united will never be defeated! des amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski. Die Utopie einer gerechten Welt, der in ihrer melancholischen Grundstimmung doch die Ausweglosigkeit des Ansinnens eingeschrieben ist. Und natürlich wirkt das Bild in einer Zeit, wo die Menschen aus den Konzertsälen verbannt sind, und einer wie Levit eben raus geht und für Bäume spielt.

P. S. Igor Levits Twitter-Account ist sehr zu empfehlen, er spielt dort regelmäßig Konzerte aus dem Homeoffice.

Köpfe 8.0

Dezember 2, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Privat

November 28, 2020 § 6 Kommentare

Die wohlbekannte Neigung des schriftstellernden Anfängers, dem Leser sein Privatleben aufzudrängen und in seinem ersten Roman sich selbst oder einen Stellvertreter auftreten zu lassen, rührt weniger von der Anziehungskraft einer fertigen Handlung her, als vielmehr von der Erleichterung, erst einmal sich selber loszuwerden, um dann zu Besserem fortzuschreiten. *

Als ich diesen Satz aus dem Vorwort zu Nabokovs erstem Roman Maschenka las, wurde mir klar, warum ich immer schon einen ersten Roman schreiben wollte. Während ich also des Besseren derweilen harre, mögen wenigstens diese Fotos mein Privatleben illustrieren. Apropos Privatleben. Kürzlich ging mein langgehegter Traum in Erfüllung und bescherte mir ein maßgezimmertes Bücherregal. Alle Bücher sicht- und greifbar anstatt zweit- oder drittreihig versteckt. Das nun mögliche Stöbern brachte dann auch obigen Satz ans Licht, zusammen mit einer Widmung, die privathalber aber nun wirklich in den ersten Roman gehört…

* Vladimir Nabokov, Maschenka. Reinbeck bei Hamburg 1987, S. 7f.

Find the river

November 24, 2020 § 6 Kommentare

Manche Songs nisten sich in den Gehörgängen ein und werden zum ständigen Begleiter. Find the river von R.E.M. ist mir so einer. Und dann habe ich neulich diese Video von Michael Stipe auf youtube entdeckt, das mich in seiner direkten und ungekünstelten Ansprache berührt hat. Es ist eine Demo-Version von No time for love like now. Was mich wiederum zu diesem Bild anregte.

Michael Stipe

learning what I wasn‘t doing

November 14, 2020 § 5 Kommentare

Klavierspielen, sofern man es nicht rein perkussiv betreiben will, ist permanetes Ankämpfen gegen den Tod. Jeder Ton stirbt, kaum ist er angeschlagen. Die Saite bekommt nur diesen einen Impuls, dieses eine Lebenszeichen, danach ist sie zum Verklingen verureilt. Da hilft weder Hoffen noch Bangen, Drücken und Schieben schon mal gar nicht. Nachgetretenes rechtes Pedal schafft für einen Moment zusätzliche Resonanz und öffnet den Ton ein letztes Mal auf dem Weg in die Stille. Wie aber aus diesen reanimationsunfähigen Patienten eine Melodie formen? Wie den Bogen spannen, dem Wechsel im Ein- und Ausatmen den höheren Sinn verleihen? Wie nachahmen, was Sängerinnen, Geiger mühelos vormachen? Wie stets im Leben hilft Einbildungskraft gepaart mit ein paar Tricks die geeignet sind, das menschliche Ohr zu überlisten. Große Pianistinnen schaffen das. Keith Jarrett ist so einer. War so einer, muss man präsizieren, seit er kürzlich bekannt gab, nach zwei Schlaganfällen nie wieder mit beiden Händen Klavierspielen zu können. Die linke ist seither gelähmt. Unnötig zu betonen, dass Jarret mit dieser Linken allein ein ganzes Orchester zur Verfügung stand. Wie er dann seine Rechte vors Orchester zu stellen imstande war, ihr primadonnenhaft alle Freiheiten ließ und über allem doch eine höhere Instanz waltete  – pure Magie.

Der zum Sterben verurteilte Klavierton – wie also beginnt er zu leben? Um davon eine Ahnung zu bekommen, hilft ein Blick auf den klavierspielenden Jarrett. Es wird sofort klar, dass hier einer derart perfekt den Spielapparat beherrscht – und mit Spielapparat ist hier nicht wie im herkömmlichen Klavierunterricht der Finger/Arm/Schulterbereich gemeint, sondern alles zwischen kleinem Finger und großem Zeh – dass jeder einzeln angeschlagene Klavierton, jede noch so beiläufig gestreifte Taste in einem großen Ganzen aufgeht. Und da lebt, pulsiert, wogt und webt alles in einem Organismus, den schnöde mit „Musik“ zu bezeichnen fast schon Blasphemie wäre. Denn Klang ist es zwar, was man vernimmt, aber als Vorschein von etwas, das auf jeden Fall sehr groß ist, vielleicht universell. Und so ringt Jarrett mit dem Flügel, knetet die Finger in ihn hinein, windet sich und tanzt mit dem halbtonnen schweren Ungetüm den Ringkampf zweier Giganten. Zweier ineinander verliebter Giganten. Denn hier vereinigt sich ein Liebespaar auf offener Bühne. Das hat seinen Preis. Trotz athletischer Konstitution zwang totale Erschöpfung Jarrett bereits vor zwanzig Jahren zu einer zweijährigen Spielpause. Und nun das endgültige Aus. Von meiner Liste der Musiker, die ich hoffte einmal im Leben live erleben zu dürfen, muss nun, nach Bowie, auch er gestrichen werden. Es bleiben die Aufnahmen, und spektakuläre Videos und Filme. In der sehr zu empfehlenden Dokumentation „Keith Jarrett – The art of Improvisation“ (zu sehen auf youtube) spricht er darüber, wie er versuchte der Falle zu entgehen, sich improvisierend zu wiederholen: „Learning, what I wasn‘t doing.“ Welche Herausforderung für einen, der eigentlich alles kann. Und wie aktuell jetzt, wo er lernen muss, nicht mehr Klavier zu spielen. 

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