Zwei tiefgrüne Akte

Januar 14, 2019 § 2 Kommentare

Den Akt auf die Fläche zwingen – hob ich an den Text zu schreiben, der sich gerade materialisiert, um dann, abgeschreckt von der Drastik der Wortwahl, inne zu halten und meine Sprache zu überdenken. Die versuchte Gewaltanwendung steckt im drohenden Misslingen, in der Angst vergeblicher Mühe. Dabei ist die Vorstellung betörend, einen Akt auf den Bildträger zu zaubern, oder, etwas prosaischer, sich auf den flachen Bildträger als eine Wirklichkeit ganz eigener Daseinsberechtigung einzulassen. Und darum nur kann es ja gehen. Suche ich meine Modelle dafür im Raum, oder im eingefrorenen Raum, der Fotografie etwa, ist der Abstand auch gar nicht so groß, wie es scheint. Schließlich nehmen wir den Raum als solchen ja nicht naiv empfangend wahr, sondern unser Gehirn konstruiert mit viel Aufwand eine Vorstellung davon. Dazu gehört viel erlerntes Wissen, und das im Auge gesammelte Licht gewissermaßen nur als Initialzündung. Man bedenke nur, dass die Netzhaut, auf der sich ein erster optischer Eindruck einfindet, bereits „flach“, also zweidimensional ist. Zwar haben wir derer zwei, doch die Stereo-Wirkung nimmt mit zunehmender Entfernung zum Objekt ab. Was einerseits zur Folge hat, dass wir bei Blicken in die Tiefe des Raumes im Zweifel schon mal die Dimension der Zeit zu Hilfe nehmen und uns bewegen müssen, damit im Gegeneinander-Verschieben der Objekte ihre räumliche Anordnung erkennbar wird. Und andererseits z. B. eine naturgetreue Zeichnung eines unmittelbar vor der eigenen Nase befindlichen Objekts unmöglich macht, es sei denn, man blendete zwei Zeichnungen ineinander, oder drückte ein Auge zu während des Abzeichnens. Gelingt es uns also, die „Konstruktionsarbeit“ des Gehirns auszuschalten – viele dazu taugliche Hilfsmittel wurden benannt (erwähnt sei nur, einen Rahmen vor die Landschaft zu halten) – so dürfte die Übertragung aufs Papier nicht schwer fallen. Wie aber wird das, was ich im Raum als „schön“ gesehen habe, auf dem Papier „schön“? Oder interessant, oder beunruhigend? Hier verzweifle ich regelmäßig, weiß ich doch noch nicht einmal, warum mich etwas zum Nachzeichnen reizt. Und am Ende bleibt nur das Bild. Es muss immer aus sich heraus funktionieren. Das gilt übrigens insbesondere für Portraits. Am Ende des Tages interessiert sich niemand mehr für eine vermeintliche „Ähnlichkeit“. Aber das nur am Rande.

 

Für diese fragmentierten Akte nahm ich Grün, diese sehr zu Unrecht geschmähte und aus dem Kreis der „Primärfarben“ verbannte Farbe, in ihrer schwer dunkel und tiefblau abgetönten Variante. (Die mir persönlich weit sinnlicher und geheimnisvoller dünkt als ein abgedroschenes Rot. Ist Blau die Ferne, so ist Grün die Tiefe)

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Der rote Gürtel

Januar 13, 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

der rote gürtel

Komponistinnen

Januar 10, 2019 § Ein Kommentar

Der Mann schöpft die Welt, die Frau empfängt und reproduziert. So dachte sich das, auf einer langen Tradition des Patriarchats fußend, die bürgerliche Welt im 19. Jahrhundert. Wie sehr diese Vorstellung noch immer unser Denken bestimmt, zeigt ein schöner Film, den die Pianistin Kyra Steckeweh und der Filmemacher Tim van Beveren  über vier Komponistinnen gedreht haben. Finden Frauen als Ausführende im Konzertbetrieb durchaus statt, fehlen sie als Schöpferinnen, nämlich Komponistinnen, praktisch völlig. Und wie es um den Mut des sogenannten starken Geschlechts bestellt ist, kommt beiläufig im Film zur Sprache. Von allen angefragten Konzertmanagern war nur einer bereit, vor der Kamera ein Statement zu diesem Thema abzugeben. Der Film begleitet die Pianistin Kyra Steckeweh an die historischen Orte von vier ausgewählten Komponistinnen, lädt darüber hinaus dazu ein, die Musik unzähliger Komponistinnen zu entdecken und sich ein eigenes Bild von der Potenz weiblichen Schöpfertums zu machen. Anwesend bei einer Vorführung in der Berliner Urania war auch die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard, die im Film ausführlich zu Wort kommt und mit dem Online-Lexikon MUGI – Musik und Gender im Internet – eine einzigartige Plattform zum Thema geschaffen hat. Den Film lege ich hiermit allen ans Herz.

 

Inspiration

Inspiration

 

 

Selbst, enharmonisch verwechselt, zugleich einige ins Spekulatorische abgleitende Erörterungen zum Verhältnis von Theorie und Praxis illustrierend

Januar 10, 2019 § 9 Kommentare

selbst, enharmonisch verwechselt

 

 

Die enharmonische Verwechslung fristet in der bildenden Kunst ein Schattendasein. Beheimatet ist sie in der Musik, wo ein gis auch ein as sein kann, je nachdem, ob es sich E-Dur oder As-Dur zugehörig fühlt. Hört man aber nur den einen Ton, ohne Zusammenhang, weiß man weder wie er heißt, noch wo er hin will. Ein Homonym. Wie das Wort Ton, bei dem sich auch erst im textlichen Zusammenhang erschließt, ob er klingt, oder gebrannt werden soll. Freilich kann der gebrannte Ton auch zum Klingen gebracht werden. Aus dem einen Ton wird also der andere Ton, und da sind wir schon bei der enharmonischen Verwechslung, wo aus dem gis ein as wird. Der ganze Schlamassel mit der Doppeldeutigkeit rührt ja daher, dass die Praxis sich mal wieder nicht an die Theorie hält. Erreichen doch 12 übereinander gestapelte reine Quinten nicht ganz die ihnen der Theorie nach entsprechen sollenden 7 reinen Oktaven. Gott konnte nicht rechnen, so viel steht fest. Ausbaden müssen es die Musiker, oder besser die Klavierstimmer, die kein Intervall außer der Oktave rein stimmen dürfen, will die Pianistin auch mal die Ausgangstonart verlassen. Das ist so, als würde man die Kompassnadel, nach der sich ein Wanderer richtet, kontinuierlich weiter rücken, sodass der Wanderer immer wieder zuhause ankommt, egal wie lange er unterwegs ist. Übrigens bediente sich die Farbtheorie für die Bedürfnisse des Malers eines vergleichbaren Tricks, indem nämlich die Farben des Regenbogens aus der Linearität des physikalisch Messbaren in einen sich schließenden Kreis gezwängt werden, unter Zuhilfenahme einer Farbe, die im messbaren Spektrum nicht vorkommt: zwischen rot und violett, was dann der als pythagoreisches Komma bezeichneten Kluft in der Musiktheorie entspräche – oder wie auch immer. Fakt ist jedenfalls, dass die Welt hier nicht so ist, wie sie sein sollte. Oder gerade doch? Wie bereichernd sind die zarten Schwebungen, die durchs leichte Verstimmen in den Klang kommen, die Entfaltungsmöglichkeiten, die sich versierten Stimmern bieten im Ausbilden einer ganz eigenen Handschrift. So auch das illustre Farbspektrum, dass das Gehirn mit Hilfe dreier Zapfen dem Farbempfinden vorgaukeln kann.

In Positur und anderswo

Januar 8, 2019 § 2 Kommentare

Beim figürlichen Zeichnen geht‘s nicht nur um Umriss, Proportion, Volumen – als wäre das nicht schon genug – es geht insbesondere um Haltung. Der Körper spricht ja nicht als amorphe Gewebemasse, sondern durch das komplexe Zusammenspiel von Schwerkraft, Statik, Körperspannung. Skelett, Sehnen, Muskeln und Fett interagieren in einzigartig expressiver Weise. Posierend geben wir dem Körper einen gewollten Ausdruck, häufiger jedoch spricht der Körper, ohne dass wir uns dessen bewusst wären. Der aufmerksamen Betrachterin aber entgeht die Botschaft nicht. Und so ergeht angesichts der alltäglichen Herausforderungen nicht von ungefähr der Apell an uns: Haltung bewahren!

(Als Beitrag zum famosen Projekt „Alltag 3“ im Cafeweltenall)

 

(Als Beitrag zum Projekt „Alltag 3“

Dame in Grün, auf Schachbrett, teils durchscheinend

Januar 7, 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

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Lichtorgel auf Rädern

Januar 6, 2019 § 6 Kommentare

 

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Ich radelte durch die Dämmerung nach Hause, der feine Nieselregen massierte meine Wangen, die klarfeuchte Luft tat meinen Lungen gut. Im schwindenden Licht des Tages näherte sich eine Lichterkette. Rote Punkte leuchteten drohend, und während sie größer wurden, bemerkte ich die Radlerin, die sich über ihre knallgelbe Weste breite, mit Glühbirnchen besetzte Gurte geschnallt hatte. Auf Dorfkirmessen mögen Animierdamen derlei Ledergestelle früher getragen haben. Im Straßenverkehr wirkte das irritierend. Die allgemeine Aufrüstung, dachte ich, und erinnerte mich an eine Begebenheit von neulich, als ich in meiner üblichen Alltagskleidung auf dem vorschriftsmäßig beleuchteten Fahrrad durch die Dunkelheit fuhr und mich ein vorbei preschender Radler von der Seite anblaffte: is ja n toller Tarnanzug, den de da anhast. Ich murmelte wohl etwas in der Art Kümmer dich um deine Angelegenheiten in meinen Bart, konnte mir aber, als wir an der nächsten Ampel nebeneinander zu stehen kamen, eine weitere Bemerkung nicht verkneifen. Wenn ich etwas hasse ist es nämlich die landauf landab grassierende Belehreritis. Der Oberschlaumeier ließ mich aber gönnerhaft wissen, solche wie ich landeten dann eben als Schlachteplatte auf „meinem“ Tisch. Aha, dachte ich bei mir, ein mit seinem Beruf als Krankenpfleger in der Chirurgie hadernder abgebrochener Medizinstudent. Er verschwand in der Nacht, wie auch ich in der Nacht verschwand, nicht ohne mich zu ärgern über diese Aufrüstungsspirale. Zusätzlich zur normalen Fahrradlampe die Leuchtweste. Dann weiter Lichter drüber. Das normale Licht sowieso immer heller, so hell, dass es schon weh tut. Dann mit den Lichtern blinken, und zwar in rasch wechselnder Folge. Demnächst vielleicht auch Dauerklingeln. Dabei würde im Straßenverkehr ja reichen, genau hinzu schauen. Was insbesondere denen geziemt, die in ihren Autos ohnehin ein Gefährdungspotential darstellen. Also Geschwindigkeit anpassen, schauen, was da draußen los ist. Zwischen all den Bewesteten und demnächst blinkenden Radlerinnen sieht man nämlich die „Normalen“ bald nicht mehr. Muss ich als Autofahrer ja nicht gucken, sollen die doch selber auf sich aufmerksam machen. Eine Art Umkehr der Beweislast, scheint mir. Freilich werde ich den Lauf der Dinge nicht aufhalten, und alsbald auch vollkörperleuchtend und blinkend am Ausverkauf der Sinne mitwirken. Will ja schließlich nicht plattgefahren werden. Das dann doch nicht.

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