Der Wellenreiter

Februar 23, 2017 § 2 Kommentare

 

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Familienseestück

Februar 22, 2017 § 2 Kommentare

Es mag um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gewesen sein, als der Postmeister Conrad O. in N. an der Dinkel unweit der Holländischen Grenze aus dem Nachlass des Kupferschmieds und Gastwirts Carl S. für fünf Reichsmark ein 50 x 90 cm großes Gemälde ersteigerte. Das in Öl auf Eichenholz gemalte Bild zeigt eine Seeschlacht und stammt vermutlich von einem niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts. Conrad O., keinesfalls besonders kunstverständig, interessierte sich für Trödel aller Art und besuchte regelmäßig Auktionen und Märkte der näheren Umgebung, immer auf der Suche nach einem Schnäppchen. Das Bild wanderte, zusammen mit anderen Fundstücken, auf den Dachboden seines großen Hauses an der Bahnhofstraße in N. Als Jahre später der Kunst liebende Postinspektoranwärter Fritz H. zur Ausbildung in das Haus einzog, warf er nicht nur ein Auge auf die Tochter des Hauses, sondern interessierte sich auch für den geheimnisvollen Dachboden. Dort  entdeckte er das Gemälde und befreite es aus seinem Dornröschenschlaf. Der Postmeister, beeindruckt durch den offensichtlichen Kunstverstand unseres Postanwärters, ließ sich über die Bedeutung des Bildes aufklären und hängte es in der guten Stube an prominenter Stelle an die Wand. Dem „Entdecker“ des Gemäldes, der sich zwischenzeitlich als künftiger Schwiegersohn empfohlen hatte, wurde es außerdem als Hochzeitsgeschenk versprochen. Es kam der Tag der Hochzeit, die Hochzeitsreise stand an, doch durfte der glückliche Bräutigam das Bild vorerst nicht mitnehmen, denn die Schwiegermutter, eine als Gattin des Postmeisters auf Anstand und Sitte bedachte Respektsperson im Ort, war der Meinung, man gehe nicht mit einem Bild unterm Arm auf Hochzeitsreise. Das junge Ehepaar ließ sich in B. nieder, drei Kinder kamen zur Welt, die Jahre gingen ins Land. Noch immer aber hing das Fritz versprochene Bild im Wohnzimmer des Postmeisters. Die Übergabe des Bildes war praktischerweise an den Zeitpunkt einer ohnehin anstehenden Renovierung des Wohnzimmers geknüpft worden, schließlich hinterlässt ein Bild hässliche Spuren auf der Tapete. Doch das Geld war knapp, ein Krieg wurde durchlitten, die schlechte Nachkriegszeit forderte ihren Tribut, und als der Postmeister Conrad O. 1969 schließlich hochbetagt starb, hing das Bild noch immer an der Wand. Der Haushalt wurde aufgelöst, das Haus stand vorm Abriss, die Zeit drängte. Und obwohl unser Fritz im Familienkreise stets darauf hingewiesen hatte, dass das Bild ihm versprochen war, kam, was kommen musste. Ein Bruder seiner Frau war schneller vor Ort, im Besitz eines Autos zumal, und nahm das Bild an sich. Der Familienkrach war da. Fritz, seit Jahrzehnten in steter Erwartung auf das Bild, fühlte sich betrogen, seine Frau war zu Tode betrübt, die längst erwachsenen Kinder betroffen. Aber nun passierte das Unerhörte: Fritz, ein Zeit seines Lebens ruhiger, unauffälliger Beamter organisierte sich Auto und Chauffeur im Familienkreis, fuhr in die Stadt seines Schwagers, klingelte dort um die Mittagszeit und marschierte an der überrumpelten Schwägerin vorbei ins Wohnzimmer, nahm das Bild von der Wand, lud es ins Auto und fuhr damit nach Hause. Bevor jedoch das Gemälde den ihm gebührenden Platz in seiner Wohnung fand, brachte er es in das Westfälische Landesmuseum nach Münster und ließ es vom Konservator H. L. restaurieren. Viel Zeit jedoch war ihm nicht vergönnt mit seinem Bild. Er starb nur wenige Jahre später. Für die älteste Tochter aber war das Bild Symbol schlimmer familiärer Zerwürfnisse geworden. Das zur Aufteilung des beweglichen Erbes einberufene Treffen der drei Kinder eröffnete sie mit dem Ausruf: Das Bild könnt ihr euch an den Hut stecken! Erbstreitereien waren ihr ein Gräuel, und sie wollte mit dem Bild nichts zu tun haben. Doch die Dinge laufen stets anders als gedacht. Viele Jahre später, auf Umwegen, hat das Bild nun zu ihr gefunden und hängt in ihrer Guten Stube. Das Drama einer Seeschlacht, die längst geschlagen ist, gönnt sich eine Verschnaufpause.

 

Seestück, Unbekannter Maler, vermutlich Niederlande 17. Jahrhundert

Seestück, Unbekannter Maler, vermutlich Niederlande 17. Jahrhundert

 

Makabre Weltschau mit suchenden Kranichen

Februar 18, 2017 § 8 Kommentare

Freies Wlan im ICE – nicht, dass ich’s gebraucht hätte um wie gewohnt die Vorzüge einer gepflegten Bahnfahrt zu genießen. Ist es aber mal da, nehme ich es gern in Anspruch und poste hiermit on the fly from Berlin to Südhesse. Gestern noch einer fulminanten Aufführung von Ligetis Le Grand Macabre in der Philharmonie beigewohnt, dieser sehr aktuell scheinenden Oper über einen im Vollrausch verpassten Weltuntergang. Trotz allen Klamauks am Ende doch Beklemmung über den Zustand einer Welt, in der, um nur einen Aspekt herauszugreifen, Pressekonferenzen des mächtigsten Mannes eben dieser Welt im Format einer Realityshow daherkommen (nebenbei: wir wussten in den achtziger Jahren, als die Einführung des Privatfernsehens in der BRD diskutiert und von der CDU durchgedrückt wurde natürlich schon, welch schlimmen Folgen dies für die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft haben würde, hätten uns d i e s e s Ausmaß aber nicht vorstellen können.) Ligetis Musik hingegen, allzumal auf diesem allerhöchsten Niveau dargeboten – hinreißend. Und so entließen die Singenden (hm… Sängerinnen und Sänger) das Publikum hinaus in die Welt:

 

Fürchtet den Tod nicht, gute Leut‘!
Irgendwann kommt er, doch nicht heut‘!
Und wenn er kommt, dann ist’s soweit…
Lebt wohl so lang in Heiterkeit!

 

 

Kraniche

 

 

 

 

Der Zahnbürstenexkursion durchs Bode-Museum zweiter Teil

Februar 15, 2017 § 6 Kommentare

 

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Fortuna oder Venus, da ist sich die Forschung nicht sicher. Bar aller Attribute bleibt die nackte weibliche Gestalt, wie sie in all ihren Rundungen kaum verführerischer dem Auge sich darbieten könnte als in Gestalt einer Kleinplastik des deutschen Renaissance-Goldschmieds und Bildhauers Christoph Weiditz (um 1500 – 1599), zu bewundern im Bode-Museum zu Berlin. Die feuervergoldete Oberfläche der Bronzeplastik zeugt  vom Reichtum des Auftraggebers und ruft unmissverständlich die dekorative Funktion des Werkes auf. Wir wissen nicht mehr, was die Frau in Händen hielt (vielleicht einen wehenden Schleier) und können den gelehrten Diskurs (yep – dieses Modewort nun auch einmal von mir!) unter Kennern über mythologisch unterfütterte Details der Darstellung nicht mehr rekonstruieren. Ziemlich sicher aber war schon dem Renaissancemenschen der Mythos ein schöner Vorwand, um ungestraft und in aller Ruhe – und sicher auch in erlesener Männerrunde –  einmal eine nackte Frauengestalt zu betrachten.

(Vier auf Eitemperaverkleckstem Chinapapier getuschte Ansichten der Plastik)

Mit der Zahnbürste durchs Bode-Museum

Februar 12, 2017 § 2 Kommentare

Warum verhehlen, dass der Pinsel ein unbeholfenes Instrument ist? …Das ist, als wolltet ihr den lichtgleißenden Kosmos mit einer Zahnbürste angehen.

Die frisch aus der Bibliothek ausgeliehenen Tagebücher Witold Gombrowiczs (1904 – 1969), ein stattlicher Wälzer von gut 900 Seiten, lagen auf meinem Tisch. Ich schlug sie wahllos in der Mitte auf, und – bam – ein Paukenschlag: ich war mitten in einer Polemik gegen die Malerei, die sich gewaschen hat. Gleich von zwei Seiten nimmt dieser faszinierende Autor, von dem ich bisher nur wenig gelesen habe, die bildende Kunst in die Zange. Einmal als diejenige unter den Künsten, die das Leben nicht in seiner Bewegung darstellen kann – und Leben ist, laut Gombrowicz, Bewegung. „Das Wort entwickelt sich in der Zeit, das ist wie ein Ameisenzug, jede bringt etwas Neues, Unerwartetes… Der Maler aber ist mit einem Satz restlos ausgeworfen, ganz auf der Fläche, reglos auf der Leinwand – wie ein Klumpen.“ Zum anderen über das, wie er es nennt, Milieu der Maler und ihrer Anhänger, die einer törichten Mystifikation der Kunst das Wort reden. „Zunächst einmal zwingt euch jener komplizierte Herdenmechanismus, der sich historisch herausbildet, vor dem Gemälde in die Knie – und erst dann versucht ihr, euch mit einer raffinierten Argumentation weiszumachen, ihr wäret deshalb in Begeisterung geraten, weil das Werk begeisternd sei.“ Gombrowicz, Skeptiker durch und durch, mistraut der Begeisterung, dem Überhöhten und der auf den Schild gehobenen Idee. Soweit der Anfang meiner Beschäftigung mit diesem Autor. Fortsetzung folgt. Hier nun einige Versuche, die im Nachgang zu einem Besuch des Bode-Museums in Berlin mit der Zahnbürste auf chinesische Papier entstanden. Da ist zunächst eine Tonfigur von Caius Gabriel Cibber, „Sinnbildliche Darstellung von Wahnsinn und Raserei“. Sodann eine Plastik aus dem späten 16. Jahrhundert, betitelt „Schreiende Frau“, die mich immer wieder fasziniert. Als nächstes die „Kopfstudie eines Afrikaners“, schließlich ein Detail aus der Gruppe „Samson und Delila“ von Artus Quellinus d. Ä.

 

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(Alle Zitate aus: Witold Gombrowicz, Tagebuch 1953 – 1969. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Hanser Verlag 1988.)

Küchenpoesie

Februar 10, 2017 § 7 Kommentare

Wer schon immer mal wissen wollte, wie es beim Dilettanten in der Küche aussieht, zumal an einem Tag, an dem die Sonne in selbige scheint und ihn folglich, wenn auch nur als Schatten seiner selbst, mit ins Bild zaubert, wird hier fündig:

 

kuechenpoesie

(Ich widme das Foto der Entdeckerin des wunderbar schlichten Jugendstilstisches, an dem sich niederzulassen, allein, zu zweit oder in geselliger Runde, mir jedesmal aufs Neue eine Freude ist.)

Vorgeschichtliche Landschaft mit Mammutherde

Februar 8, 2017 § 6 Kommentare

 

praehistorisch

(Als Kind las ich Geschichten von Steinzeitjägern. Diese Bücher waren bebildert, aber ich erinnere nur schemenhaft Schwarzweißzeichnungen. Ich sehe Lanzen, Mammute, Fellbekleidete Bartträger. Wenn ich nicht las, stromerten wir durch den Wald, der sich bis an den Rand unserer Siedlung erstreckte. Im Kopf die Steinzeit, von der eine seltsam anziehende, verheißungsvolle Faszination ausging. Die Krater im Wald aber, in denen wir uns Unterschlüpfe bauten, waren das Relikt einer jüngeren Vergangenheit.)