In Positur und anderswo (II)

März 11, 2019 § 2 Kommentare

Faule Menschen haben’s schwer. Ich z. B. bin zu faul, meinen Kohlestift anzuspitzen, sodass ich mit immer mehr Kraft und Brachialraffinement dem Papier die Kohle eintreiben, oder – anders herum – dem Stift die Kohle abpressen muss. Unnötig zu sagen, dass die feine Linie vor der rohen Kraft oft genug in die Knie geht, mäandert, wegrutscht, oder sich gar nicht erst materialisiert und nur Einkerbungen Spuren des Gewaltexzesses hinterlassen. Im Grunde ist das mein Ringen mit der Figur, dem Abbild dessen, was in der Natur so leicht und locker daher kommt, auf dem Papier aber wegrutscht. So offenbart sich ästhetisch im Ergebnis der Prozess. In moralischer Hinsicht leiste ich Abbitte dafür, dass jeder aufs Papier gebrachte schöne weibliche Körper – in Posen zumal, die gewisse Reize zur Schau stellen, sie geradezu zu Markte tragen und damit durch implizierte Ökonomisierung abwerten – die abgebildete Person kastriert. Man verzeihe mir diesen schiefen Vergleich, aber doch kommt es mir so vor, dass eine auf ihre Sexualmerkmale reduzierte Frau sich ähnlich fühlt muss wie ein Mann, den man seiner Potenz beraubt – nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. Sei‘ drum. Am Ende gibt’s dann etwas Farbe auf die erkratzten Linien. Zum Trost.

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Augen auf beim Musikgenuss

Januar 31, 2019 § 6 Kommentare

Musik ist Klang. Klar. ——- Aber nein! Musik ist viel mehr: Bewegung, Sehen, Spüren, Augenweide…

Bei Rockkonzerten ist die Show Teil des Ganzen. Selbst bei den Shoegazern, wo sich alle Bewegung im großen Zeh akkumuliert. Aber die abendländische sog. Kunstmusik, die „Klassik“ hat seit dem 19. Jahrhundert Musik auf Klang reduziert. Im Grunde sogar auf die Essenz einer Komposition, eines „Werks“, vollständig rezipierbar als Text im Studium der Partitur. Maßgeblich daran beteiligt war Eduard Hanslick, der Marcel Reich-Ranicki der Musik des 19. Jahrhunderts. Er erklärte Musik zum „Spiel tönend bewegter Formen“ und reinigte sie von allem vermeidlich außermusikalischen Ballast. Davor war Musik stets Ereignis, gesellschaftlich eingebunden am Hof, im bürgerlichen Heim, im Salon, in der Kirche, auf der Straße. Sie existierte als Funktion für alles mögliche, und dass sie zu Hören war, war nur Teil einer Einheit aus Zeigen, Sehen, Spüren (der Sound der voll registrierten Orgel, da flatterten den Schäfchen die Hosenbeine). Unzählige Maler hatten kein Problem damit, Musik, nämlich das Musizieren, zu verbildlichen. Aber die Idee des autonomen Musikwerkes machte dem den Garaus. Zwar setzen sich Besucher eines Klavierkonzertes auch gerne mal so, dass sie der Pianistin auf die Finger schauen können, doch gilt unter Puristen das Dogma eines reinen Konzertgenusses, bei dem alle Optik bloß störendes, weil ablenkendes Beiwerk ist. Ausnahme vielleicht der Dirigentenstarkult, den Karajan meisterlich beherrschte. Aber ich erinnere mich an einen seiner letzten Auftritte in der Berliner Philharmonie, er musste am Pultgerüst angeschnallt werden um nicht als etwaiger Begründer des Stagedivings in die Klassikgeschichte einzugehen (hat inzwischen Chilly Gonzales erledigt). Nein, man erfreue sich an der Performance eines Glenn Goulds, der sein eigenes Spiel dirigierte und den Klang von unter dem Flügel hervor zauberte. Wie sich einer bewegt beim Musikmachen, das ist nicht nur Ausdruck körperlicher Geburtswehen, es macht Musik erlebbar jenseits aller Schallwellen. Das Klassikkonzert der Zukunft – Musikmanager hergehört! – findet im Club statt, und alle tanzen. Hugh.

 

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P. S. Die Idee zu diesem Beitrag verdanke ich einem Aufsatz von Nicholas Cook: Klang sehen, Körper hören. Glenn Gould spielt Weberns Variationen für Klavier. In: Musik und Geste: Theorien, Ansätze, Perspektiven. Herausgegeben von Katrin Eggers und Christian Grüny. Paderborn 2018. S. 71ff.

Über das Leben im knisternden Scheiterhaufen

Januar 29, 2019 § 15 Kommentare

Walter Benjamin zufolge wohnt jedem Portrait Trauer inne, da es den Tod des Portraitierten antizipiert. Das Portrait verlängert die abgebildete Person über den Tod hinaus und zeigt daher mit dem Finger auf das Ende. Ist das Portrait gealtert, weit über den Tod des Abgebildeten hinaus, kehrt sich die Trauer in Trost: das Leben war nicht vergeblich, das fortdauernde Bild kündet späteren Generationen vom Wirken eines Menschen, es dokumentiert: hier hat Einer gerungen, hier hat Eine gelitten. Auch in der verbreitetsten Ausprägung des Portraits der Jetztzeit, dem Selfie, steckt Trauer. Im naiven Bemühen um Eingang ins Digital-Ewige hinein, im Wunsch, dort eine neue Heimat zu finden, wo die Vergänglichkeit alles Materiellen aufgehoben scheint. Schaut man in die Instagram-Welt, glotzt die globale Vanitas-Fratze zurück. Alles eitel und nichtig. Und ein Fest. Ja, ein großes Fest. Und dazu legen wir unsere Lieblingsplatte auf, spielen die immer gleiche Stelle, bis sie knistert wie ein Scheiterhaufen. So ist’s drüben im Studio Glumm nachzulesen, in diesem fulminanten Text über das schöne, gefährliche Leben.

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selbst rauchend

Forget me not

Januar 18, 2019 § 4 Kommentare

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Wer über ein gutes Gedächtnis verfügt, hat’s leichter in der Welt. Er mehrt spielend sein Wissen, setzt in Verhandlungen souveräner seine Interessen durch und besticht durch Aufmerksamkeit anderen Menschen gegenüber. Allen anderen winken gut gemeinte Ratschläge, die weniger eine echte Hilfe bieten, als der Selbstbeweihräucherung unserer Gedächtniskünstler dienen. Gerne wird nämlich behauptet, wer sich etwas nicht merken könne, gehe eben nicht aufmerksam genug durch die Welt. Oder sei schlicht zu faul, auch mal sein grauen Zellen so richtig anzustrengen. Dies beruht freilich nicht auf Erkenntnis darüber, wie ein gutes Gedächtnis funktioniert, und wie man es bekommt, sondern ist ein dezenter Hinweis darauf, dass der Träger des guten Gedächtnisses eben unglaublich aufmerksam und wahnsinnig fleißig ist. Wer etwas kann, schreibt sich dieses eben gerne auf die eigenen Fahnen. Fühlt sich einfach besser an. Nur die wirklich Großen, Nobelpreisträger etwa oder berühmte Pianisten, geben sich gesprächsweise bescheiden und erzählen gerne, dass sie einfach Glück hatten mit ihren Gaben. Arthur Rubinstein beispielsweise, der wohl zugab, die ein oder andere Tonleiter geübt zu haben, jedoch sehr widerwillig, und nur, weil am oberen und unteren Ende der Klaviatur jeweils ein Bonbon auf die Tonleitermüde Hand wartete. Das ist natürlich kokett, bestätigt aber grundsätzlich meinen Eindruck, dass nur der ehrgeizige „Mittelbau“ sich gerne seines Fleißes und intellektueller Kraftanstrengungen rühmt. Aber worauf wollte ich eigentlich hinaus… äh, vergessen. Sorry!

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—  Ach ja, – : wie erlangt man ein gutes Gedächtnis? Ganz einfach: Im dem Moment, wo die guten Gene verteilt werden, als Erster „hier!“ rufen. Allen, die den Moment verpennt haben, hilft danach nur, sich Eselsbrücken zu bauen, imaginäre Schnüre durchs Wohnzimmer zu spannen und sich in Frustrationstoleranz zu üben. Und – aber dafür habe ich ein halbes bis dreiviertel Leben gebraucht – sich den Druck der Gedächtniskünstler nicht zu eigen zu machen und gegen die eigene Schwäche ankämpfen, sondern sie annehmen und als das feiern, was sie ist: als die Kunst, zu vergessen. Und da fällt mir eine Anekdote ein, die sich wirklich zugetragen hat, denn ich selbst war der Held. In einer Zeit, als ich intensiv Musik machte, mit Keyboard, mit Computer, in der Band, alleine, und komponierte, stand ich mal in einer Kantine in der Schlage vor der Essensausgabe, und summte so unwillkürlich eine Melodie vor mich hin. Sie ging mir nicht aus dem Kopf weil sie mir so gut gefiel, mich geradezu euphorisierte. Nun wollte ich aber wissen, von wem stammt sie, und überlegte und überlegte, bis es mir plötzlich wie Schuppen von den Ohren fiel: sie war ja von mir selbst. Zu vergessen ist das Glück, wiederzufinden.

Körperstudien. Aus der Kraft der Eselsbrücke

Januar 17, 2019 § 6 Kommentare

 

Die Kraft der Eselsbrücke. Will ich mir einen Begriff, oder einen ungewöhnlichen Namen merken – Guiomar Novaes zum Beispiel – dann überlege ich mir ein ähnlich klingendes, wohl bekanntes Wort dazu. Über dieses zusätzlich gelernte Wort komme ich dann auf den Namen, wenn er mir mal wieder nicht einfällt. Was ja erstaunlich ist, denn warum sollte es helfen, sich für das Memorieren eines Wortes ein zusätzliches einzuprägen. Das ist ja so, als würde mir der Marathon leichter fallen, wenn ich gleich einen zweiten hinterher laufe. Die Erklärung ist dennoch einfach.  Wenn den Menschen etwas glücklich macht, sind es Verbindungen. Zu anderen Menschen. Zu Dingen, von Gedanke zu Gedanke usw. Überhaupt wenn sich alles fügt, „rundet“, wie man so sagt. Was, den kennst du auch!? Und schon ist man sich ein Stück näher gekommen auf der Party. Über den interessanten Künstler xy habe ich neulich in einem Zeitungsartikel etwas gelesen. In einem Buch, das ich gerade zu einem ganz anderen Thema lese, taucht der Name plötzlich wieder auf. Schon bin ich elektrisiert. Usw. Genauso funktioniert unser Gehirn. Synapsen wollen sich verbinden, sie halten einander fest und mehren so Wissen und Erfahrung. Guiomar Novaes also, eine fulminante Pianistin, von der ich eine wunderbare Schallplatte besitze. Aber dazu demnächst mehr. Hier wollen sich ein paar Kohlezeichnungen mit dem Rest der Welt verbinden:

 

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In Positur und anderswo

Januar 8, 2019 § 3 Kommentare

Beim figürlichen Zeichnen geht‘s nicht nur um Umriss, Proportion, Volumen – als wäre das nicht schon genug – es geht insbesondere um Haltung. Der Körper spricht ja nicht als amorphe Gewebemasse, sondern durch das komplexe Zusammenspiel von Schwerkraft, Statik, Körperspannung. Skelett, Sehnen, Muskeln und Fett interagieren in einzigartig expressiver Weise. Posierend geben wir dem Körper einen gewollten Ausdruck, häufiger jedoch spricht der Körper, ohne dass wir uns dessen bewusst wären. Der aufmerksamen Betrachterin aber entgeht die Botschaft nicht. Und so ergeht angesichts der alltäglichen Herausforderungen nicht von ungefähr der Apell an uns: Haltung bewahren!

(Als Beitrag zum famosen Projekt „Alltag 3“ im Cafeweltenall)

 

(Als Beitrag zum Projekt „Alltag 3“

Auf Gustav Mahlers Spuren in Zehlendorf, anlässlich einiger grundsätzlicher Überlegungen zur digitalen Befindlichkeit, nicht ohne den nachgereichten vierten Ersten Satz.

Dezember 18, 2018 § 9 Kommentare

Der Mensch tickt ja nicht ganz richtig. Es geht ihm einfach nie schnell genug. Dabei gelangte man noch nie so schnell an Informationen wie heute. Ein Beispiel: im Nachgang zu einem beglückenden Konzerterlebnis letzte Woche – Gustav Mahlers Zweite, diese berauschende Erlösungsfantasie, unter Andris Nelsons in der Philharmonie – las ich in einem Brief des Komponisten, in dem er seiner in Hamburg zurück gebliebenen Geliebten aus Berlin von den Vorbereitungen zur Uraufführung eben dieser zweiten Symphonie berichtet, er sei aus der Stadt eine halbe Stunde mit der Bahn herausgefahren nach Zehlendorf. Dort gebe es, wie er in Erfahrung gebracht habe, eine Glockengießerei. Selten um die Erweiterung des Orchesterapparats verlegen, suchte Mahler für den Finalsatz der Symphonie passende Glocken und hoffte, dort fündig zu werden. Berlinerinnen wissen natürlich, dass Zehlendorf inzwischen ein Bezirk unter vielen ist, 1920 aufgegangen im damals neu gegründeten „Großberlin“. Bei Mahler aber liest sich das so: „Als ich in Zehlendorf, so heißt der Ort, ankam und durch Tannen und Fichten, ganz von Schnee bedeckt meinen Weg suchte – alles ganz ländlich – eine hübsche Kirche im Wintersonnenschein fröhlich funkelnd, da wurde mir wieder weit ums Herz…“ Es ist der 7. Dezember 1895, und an dieser Stelle der Brieflektüre durchzuckt es mich leise: Schnee? Verschneite Wälder gar? Jahreszeitlich praktisch genau jetzt, halt ein paar Jahre früher. Wo ist der Schnee geblieben? Erzähle mir mal einer, es habe früher auch nicht mehr Schnee gegeben. Als ich Mitte der Achtziger nach Berlin kam, waren die Winter klirrend kalt, das fing schon im November an. Die Kälte kam aus dem Osten, von hinter dem Eisernen Vorhang, und Schnee war so sicher wie die Mauer, die dort in hundert Jahren noch stehen sollte. Aber ich schweife ab. Mahler also erreicht die Glockengießerei, wird dort fündig, lobt das gute alte Handwerk, und tritt doppelt beglückt die Rückreise an. Und ich komme ins Träumen, berausche mich an der Vorstellung schneebedeckten Nadelgrüns und denke, wo in Zehlendorf mag das wohl gewesen sein? Wo führte ein in die Jahre gekommener Glockengießermeister dem Großmeister der Symphonik frisch gegossene Glocken vor? Flugs am Rechner die vollständig digitalisierten Berliner Adressbücher aufgerufen, Volltextsuche nach Glockengießerei und schwupps gefunden: E. Collier, Glockengießereiwerkstatt in Zehlendorf, Glockenstraße 2. Ein Klick weiter zum Google Stadtplan, siehe da, heißt noch immer Glockenstraße und ist unweit des alten Dorfkerns ein Villenbestandenes Sträßchen. Rechercheergebnis also nur einen Fingerschnipp entfernt. Und dennoch – und jetzt komme ich auf den Anfang des Texts zurück. Mich nerven ungemein diese permanenten Mikrowartezeiten beim elektronischen Recherchieren. Bis die Trefferliste im Bibliothekskatalog aufscheint – ein, zwei Sekunden Warten. Öffnen der elektronischen Quelle – diesmal drei Sekunden. Wenn ich Pech habe, steht da nach vier Sekunden „Service temporarily unavailable“. Versucht man es erneut, klappt’s doch. Oder auch nicht und man soll den Administrator kontaktieren. Animierte Bildchen wurden ersonnen eigens zur Verschönerung der Wartezeit. Sanduhren, Balken, neuerdings Pirouetten drehende Pünktchen, demnächst gibt’s bestimmt Mikrowerbeclips. Warum aber nerven drei Sekunden, wo man früher Minuten, Stunden, Tage benötigt hätte? Klar sind wir notorisch undankbar. Aber das ist es nicht. Sondern: Wir können die Zeit nicht ausfüllen, wir verbringen sie als auf den Bildschirm starrende, zu Untätigkeit verdammte Deppen. Wenn ich an das Bücherregal gehe, ein Lexikon herausnehme, in den Seiten blättere bis ich den gewünschten Buchstaben und schließlich das Suchwort gefunden habe, vergehen vielleicht Minuten. Aber jede ihrer Sekunden ist angefüllt mit zielführender Bewegung. Ich kann das Tempo beschleunigen, verlangsamen, mich links und rechts ablenken lassen – alles ganz so wie es mir beliebt. Wenn meine Finger zu langsam sind im Seitenumblättern, kann ich sie trainieren. Es liegt ganz an meiner Geschicklichkeit. Ich hab’s unter Kontrolle. Und das fühlt sich gut an. Hat was mit Rhythmus zu tun. Der Computer dagegen ist nicht imstande, den einfachsten Rhythmus zu halten. Er stottert an einer Tour. Trotzdem fahr ich demnächst mal raus nach Zehlendorf. Glockenstraße Nr. 2.

Gustav Mahler

Aus der Tiefe der Erinnerung rufe ich zuerst das Bild Gustav Mahlers herauf, wie er mir, dem Achtzehnjährigen, erschien.

(Bruno Walter, Gustav Mahler)

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