In Positur und anderswo

Januar 8, 2019 § 2 Kommentare

Beim figürlichen Zeichnen geht‘s nicht nur um Umriss, Proportion, Volumen – als wäre das nicht schon genug – es geht insbesondere um Haltung. Der Körper spricht ja nicht als amorphe Gewebemasse, sondern durch das komplexe Zusammenspiel von Schwerkraft, Statik, Körperspannung. Skelett, Sehnen, Muskeln und Fett interagieren in einzigartig expressiver Weise. Posierend geben wir dem Körper einen gewollten Ausdruck, häufiger jedoch spricht der Körper, ohne dass wir uns dessen bewusst wären. Der aufmerksamen Betrachterin aber entgeht die Botschaft nicht. Und so ergeht angesichts der alltäglichen Herausforderungen nicht von ungefähr der Apell an uns: Haltung bewahren!

(Als Beitrag zum famosen Projekt „Alltag 3“ im Cafeweltenall)

 

(Als Beitrag zum Projekt „Alltag 3“

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Auf Gustav Mahlers Spuren in Zehlendorf, anlässlich einiger grundsätzlicher Überlegungen zur digitalen Befindlichkeit, nicht ohne den nachgereichten vierten Ersten Satz.

Dezember 18, 2018 § 9 Kommentare

Der Mensch tickt ja nicht ganz richtig. Es geht ihm einfach nie schnell genug. Dabei gelangte man noch nie so schnell an Informationen wie heute. Ein Beispiel: im Nachgang zu einem beglückenden Konzerterlebnis letzte Woche – Gustav Mahlers Zweite, diese berauschende Erlösungsfantasie, unter Andris Nelsons in der Philharmonie – las ich in einem Brief des Komponisten, in dem er seiner in Hamburg zurück gebliebenen Geliebten aus Berlin von den Vorbereitungen zur Uraufführung eben dieser zweiten Symphonie berichtet, er sei aus der Stadt eine halbe Stunde mit der Bahn herausgefahren nach Zehlendorf. Dort gebe es, wie er in Erfahrung gebracht habe, eine Glockengießerei. Selten um die Erweiterung des Orchesterapparats verlegen, suchte Mahler für den Finalsatz der Symphonie passende Glocken und hoffte, dort fündig zu werden. Berlinerinnen wissen natürlich, dass Zehlendorf inzwischen ein Bezirk unter vielen ist, 1920 aufgegangen im damals neu gegründeten „Großberlin“. Bei Mahler aber liest sich das so: „Als ich in Zehlendorf, so heißt der Ort, ankam und durch Tannen und Fichten, ganz von Schnee bedeckt meinen Weg suchte – alles ganz ländlich – eine hübsche Kirche im Wintersonnenschein fröhlich funkelnd, da wurde mir wieder weit ums Herz…“ Es ist der 7. Dezember 1895, und an dieser Stelle der Brieflektüre durchzuckt es mich leise: Schnee? Verschneite Wälder gar? Jahreszeitlich praktisch genau jetzt, halt ein paar Jahre früher. Wo ist der Schnee geblieben? Erzähle mir mal einer, es habe früher auch nicht mehr Schnee gegeben. Als ich Mitte der Achtziger nach Berlin kam, waren die Winter klirrend kalt, das fing schon im November an. Die Kälte kam aus dem Osten, von hinter dem Eisernen Vorhang, und Schnee war so sicher wie die Mauer, die dort in hundert Jahren noch stehen sollte. Aber ich schweife ab. Mahler also erreicht die Glockengießerei, wird dort fündig, lobt das gute alte Handwerk, und tritt doppelt beglückt die Rückreise an. Und ich komme ins Träumen, berausche mich an der Vorstellung schneebedeckten Nadelgrüns und denke, wo in Zehlendorf mag das wohl gewesen sein? Wo führte ein in die Jahre gekommener Glockengießermeister dem Großmeister der Symphonik frisch gegossene Glocken vor? Flugs am Rechner die vollständig digitalisierten Berliner Adressbücher aufgerufen, Volltextsuche nach Glockengießerei und schwupps gefunden: E. Collier, Glockengießereiwerkstatt in Zehlendorf, Glockenstraße 2. Ein Klick weiter zum Google Stadtplan, siehe da, heißt noch immer Glockenstraße und ist unweit des alten Dorfkerns ein Villenbestandenes Sträßchen. Rechercheergebnis also nur einen Fingerschnipp entfernt. Und dennoch – und jetzt komme ich auf den Anfang des Texts zurück. Mich nerven ungemein diese permanenten Mikrowartezeiten beim elektronischen Recherchieren. Bis die Trefferliste im Bibliothekskatalog aufscheint – ein, zwei Sekunden Warten. Öffnen der elektronischen Quelle – diesmal drei Sekunden. Wenn ich Pech habe, steht da nach vier Sekunden „Service temporarily unavailable“. Versucht man es erneut, klappt’s doch. Oder auch nicht und man soll den Administrator kontaktieren. Animierte Bildchen wurden ersonnen eigens zur Verschönerung der Wartezeit. Sanduhren, Balken, neuerdings Pirouetten drehende Pünktchen, demnächst gibt’s bestimmt Mikrowerbeclips. Warum aber nerven drei Sekunden, wo man früher Minuten, Stunden, Tage benötigt hätte? Klar sind wir notorisch undankbar. Aber das ist es nicht. Sondern: Wir können die Zeit nicht ausfüllen, wir verbringen sie als auf den Bildschirm starrende, zu Untätigkeit verdammte Deppen. Wenn ich an das Bücherregal gehe, ein Lexikon herausnehme, in den Seiten blättere bis ich den gewünschten Buchstaben und schließlich das Suchwort gefunden habe, vergehen vielleicht Minuten. Aber jede ihrer Sekunden ist angefüllt mit zielführender Bewegung. Ich kann das Tempo beschleunigen, verlangsamen, mich links und rechts ablenken lassen – alles ganz so wie es mir beliebt. Wenn meine Finger zu langsam sind im Seitenumblättern, kann ich sie trainieren. Es liegt ganz an meiner Geschicklichkeit. Ich hab’s unter Kontrolle. Und das fühlt sich gut an. Hat was mit Rhythmus zu tun. Der Computer dagegen ist nicht imstande, den einfachsten Rhythmus zu halten. Er stottert an einer Tour. Trotzdem fahr ich demnächst mal raus nach Zehlendorf. Glockenstraße Nr. 2.

Gustav Mahler

Aus der Tiefe der Erinnerung rufe ich zuerst das Bild Gustav Mahlers herauf, wie er mir, dem Achtzehnjährigen, erschien.

(Bruno Walter, Gustav Mahler)

Das unmögliche Ende

November 10, 2018 § 3 Kommentare

Franz Schubert

Franz Schubert

 

 

Das Gegenüber redet und redet, und kommt nicht zum Punkt. Unangenehm. Wer kennt das nicht. Aber es gibt auch das Gegenteil. Sie redet und redet, und es möge nie aufhören. Oder es klingt und tönt und tönt und klingt, und möge nie aufhören. Wann ein Musikstück zu Ende ist, regelte zu allen Zeiten die Konvention. Ein Popsong dauert dreieinhalb Minuten, eine LP zwei mal zwanzig, eine Sonate zwanzig, eine Symphonie dreißig+x, eine Messe eine Stunde oder länger. Undsoweiter. Mit Ausnahmen, natürlich – und Komponisten, die an den Konventionen rüttelten, zu allen Zeiten. Die vorgegebene Form muss aber so gefüllt werden, dass die Konvention nicht als Konvention sichtbar wird, sondern als innere Notwendigkeit. Dafür gibt es wiederum geregelte Abläufe – Intro, Strophe, Refrain, Strophe, Bridge, Refrain, Outro. Oder Sonatenhauptsatzform: Exposition, Durchführung, Reprise. Rondoform etc. Ein erfahrener Hörer weiß also schon mittendrin, wie lang es etwa noch dauern wird. Und dass das Ende unweigerlich kommt. Das Ende? In der Klassik: der Schlussakkord (Ausblenden gab’s noch nicht). Aber wann ist’s der Schlussakkord? Um das Ende auch wirklich zu besiegeln, griffen Komponisten schon mal zu drastischen Mitteln. Beethoven in seiner Fünften z. B. : nicht enden wollende C-Dur-Schlussakkorde. Oder umgingen das Schlussproblem. John Cages Spielanweisung für seine Komposition „Organ2/ASLSP“ lautet „so langsam wie möglich“, was die Wahrscheinlichkeit, den Schlussakkord überhaupt zu erreichen, irgendwie minimiert. (In Halberstadt haben sie übrigens schonmal angefangen mit einer auf  639 Jahre Dauer angelegten Aufführung des Stücks)

Und nun Schubert. Seine „Längen“, seit Robert Schumanns Schubert-Artikel „himmlisch“ genannt, sind sprichwörtlich. Die Angst vor dem Ende, denke ich. Und man hört ja gerne zu, oder spielt, was aber schon anstrengender ist als Hören, weswegen z. B. viele Pianisten die von Schubert geforderte Wiederholung bestimmter Abschnitte einfach weglassen (und das dann raffiniert begründen, s. Brendel über Schuberts späte B-Dur-Sonate).

In seiner späten, im letzten Lebensjahr komponierten Klaviersonate A-Dur D.959 gelingt Schubert ein Schluss, der gegen das „Schlusssein“ an sich rebelliert und meines Wissens einzigartig ist in der Musikgeschichte. Denn nur weil alles Klingende irgendwann verklingt, alles physische endlich ist, muss ja die Idee dahinter nicht gleich mit enden. Die Schlusstakte der A-Dur-Sonate greifen zwar die Anfangsakkorde des ersten Satzes auf, schließen einen Kreis, wenn man so will, schießen die Musik aber zugleich zentrifugal in den Orbit, auf eine Reise ohne Ende. Dies war zum Zeitpunkt der Komposition höchstwahrscheinlich auch Schuberts Situation. Die Syphilis war soweit fortgeschritten, dass er jederzeit mit dem Ende rechnen musste. Aber das Ende ist nur Übergang. Jenseits christlicher Heilserwartung. Was also macht Schubert? Der letzte Akkord bestätigt der Konvention nach die Grundtonart (Tonika). Vorausgeht zwangsläufig die fünfte Stufe (Dominante), deren Terz als sogenannter Leitton zwingend zum Grundton führt. Nur dieser Leitton kann die Tonart eindeutig bestimmen. Und genau diesen verweigert der Komponist am Ende, vertieft ihn um einen Halbton (g statt gis) und verbiegt die Tonika damit zur Wechseldominante, nämlich zur Dominante einer neuen Tonart. Mit dieser neuen Tonart lebt die Sonate weiter, ohne weiter zu klingen. So wie Schubert mit seinem Werk weiterlebt, ohne noch physisch anwesend zu sein.

 

Von Bäumen, Hecken und Anwesen…

Oktober 31, 2018 § 4 Kommentare

 

Zurück vom Kurztrip in den Naturpark Hoher Vogelsberg. Im Gepäck die paar Zeichnungen, die der Feuchtigkeit und dem Wind abgetrotzt werden konnten.

 

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Nachlese

August 17, 2018 § 2 Kommentare

 

Ohne mit der Wimper zu zucken hat uns der Strand ziehen lassen. Kein Wölckchen zog auf, nicht die kleinste Böe ließ erkennen, dass wir unsere Zelte abbrachen und abreisten. Da geht der Sommer einfach weiter, wo wir am Wasser lagerten, unendliches Rauschen, Möwengekreisch, Sonne weit und breit. Wird schon sehen, was er davon hat, der Strand, würde man normalerweise sagen und beleidigt die Stimmlage senken. So blöd ist die Natur aber nicht, dass sie sich auf unsere dämliche Zwiesprache einließe. Zwar glänzt sie nur, WEIL WIR SIE ANSCHAUEN, doch ist ihr das schwerlich beizubringen. Den Mit-Strand-Müßiggängerinnen freilich auch nicht. Liegen immer noch da rum. Ein paar von denen hab ich aber ein Andenken bereitet, ein heimliches. Und so bin ich sie noch mal durchgegangen, meine Skizzen. Diese vermisse ich jetzt schon:

 

Der Quengler

 

Die Sinnsucher

 

Der Poser

 

Der Gottsucher

 

Der Fels in der Brandung

 

Der Exhibitionist

 

Die Wartenden

 

Die Midlifekrise

 

Die Schöne

 

Die Sonnenanbeterin

 

 

homo litoris

August 9, 2018 § 4 Kommentare

Intellektuelle Menschen meiden das Strandleben. Handelt es sich dabei doch offensichtlich um sinnloses Totschlagen von Zeit zur Erreichung maximaler Bräune bei infantiler Fixierung auf eine oberflächlich hedonistische Lebenspraxis. Außerdem wird zu der dafür vorgesehenen Zeit der Strand massenweise heimgesucht. Ein eigener Industriezweig hat sich auf das perfekte Bespielen attraktiver Strände durch Menschenmassen verlegt. Der Intellektuelle aber macht sich nicht gemein mit der Masse. Er nutzt sie allenfalls als Folie für seine Einzigartigkeit. Ich meinesteils gestehe, mich lange Zeit dem Diktum der Intellektualität gebeugt und mit Verachtung auf das Treiben der Masse geblickt zu haben. Das fühlte sich ziemlich gut an, machte mich aber nicht zu einem besseren Menschen. Nun zog mich nicht erst die anhaltende Hitze ans Wasser, bereits früher hatte ich entdeckt, wie wohltuend Licht, Sonne, Luft, Wind, Sand in Verbindung mit Wasser, genauer: Salzwasser – noch genauer: dem Meer in seiner tief existenzialistisch erfahrbaren Ursprünglichkeit auf die Psyche des Körpers wirken. Und ja: im Verbund mit vielen anderen Menschen, die genau diese Erfahrung suchen. Einzelkämpfer, Paare, Familien, Greise – alle kommen sie zusammen, um in seiner Ursprünglichkeit Natur zu erleben, zu feiern. Sonne, Sand, Wasser, Hitze, Abkühlung. Wer will, betrachtet den Horizont. Oder misst seinen Körper an dem anderer. Lebt die Dynamik innerhalb seiner Familie aus oder wird zum Betrachter fremden Schauspiels. Vertieft sich in ein Buch oder döst. Oder zeichnet. Spürt den Sand auf der Haut, oder – Glücklicher – die Berührung des Anderen. Irgendwann, wenn die Hitze ins All entwichen ist, ziehen alle von dannen. Ein paar Verliebte bleiben.

 


Aus der Deckung …

Juli 19, 2018 § 2 Kommentare

 

Das kauernde Mädchen hat ein neues Zuhause gefunden. Das freut mich sehr. Einerseits. Andererseits hatte ich gehofft, sie in Gesellschaft all der anderen anonym hängenden Zeichnungen in der Galerie im Körnerpark sehen zu können. Aber es war jemand schneller…

Wo bin ich?

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