Köpfe 7.0, mit Daniel Richter

Juli 4, 2020 § 2 Kommentare

 

Gelb ist einfach neben orange die unräumlichste Farbe. Eine total aufdringliche Signalfarbe. Das macht es schwierig, etwas davor zu platzieren. Aber es sieht irgendwie funky aus. Und Gelb ist im Trend. …Man assoziiert damit geschmackloses  Neureichentum und billige Aufmerksamkeitserregung. Das ist genau mein Ding. (Daniel Richter)

 

 

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung lässt sich Daniel Richter beim Malen über die Schulter schauen. Und haut ein paar coole Sprüche raus. Aber merken tue ich mir, dass er in seinem Atelier den Tisch mit Malutensilien von der Leinwand maximal entfernt. So muss er mit jedem in Farbe getränkten Pinsel ein paar Schritte laufen, bevor er sie platzieren kann. Zwingt zu Distanz und verhindert, dass man sich vor der Leinwand mit der Palette in der Hand verliert, sagt er. Gut zu wissen, dass auch Profis meine Probleme haben. Und gleich die Lösung dazu. Leider male ich in einer ehemaligen Mädchenkammer. Die sollten da schlafen, aber nicht mit Pinsel in der Hand Spaziergänge machen. Hatte Richter jetzt nicht im Blick, ist aber ok. Ich könnte auch nach jeder Farbsetzung bis zwanzig zählen, oder die Blumen gießen, oder darüber nachdenken, warum es keine Jungenskammer gab. Und keinen Jungen für Alles. Die Welt ist kompliziert. Was ist da schon ein bisschen Farbe auf Leinwand…

 

Erhöhter Sicherheitsbedarf

Juli 2, 2020 § 7 Kommentare

 

Das IPad ist mir ein nützlicher ständiger Begleiter geworden, viele Aufgaben des Alltags lassen sich bequem damit erledigen. Schreiben, scannen, zeichnen, dokumentieren, vorführen. Es ist schlank, robust, passt in jeden Rucksack – leider von Apple. „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ sagt es regelmäßig, anstatt „Hallo“, oder „Schönen guten Tag“. Wenn ich möchte, kann ich auch das Kleingedruckte der Begrüßungsformel lesen: „Schütze deine Apple-ID und iCloud-Daten, indem du die Sicherheit erhöhst.“ Sicherheit? Von was? Vor wem? Was ist überhaupt „meine“ Apple-ID? Und soweit ich weiß, besitze ich keine iCloud-Daten. Hab sie jedenfalls nicht angelegt. Das ist, so  möchte ich meinen, die sicherste Form der Anlage überhaupt: keine Anlage. Fühlt sich Apple vielleicht nicht sicher vor mir? Haben die ein Problem  mit mir? Die Hartnäckigkeit der Begrüßungsformel lässt auf letzteres schließen. Ich bin lästig, ein Querulant, der sich weigert, unter Apples Schutzschirm zu kriechen, der meint, ein einmal gekauftes Produkt sei so etwas wie Eigentum, selbstherrliche Verfügungsmasse, Spielwiese eigenen Tuns  und Lassens, womöglich gar – o Gott – PRIVAT. Geht dich nix an, Apple, MEINE Sicherheit, MEIN Spielzeug, MEIN Bier. Pasta. Darfst mal gucken, wie’s bei mir aussieht, schau mal, hab ich mit dem IPad gezeichnet:

 

Köpfe 5.0

Juni 20, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

B65443FB-183A-41DD-B475-CC663508FBA3

 

Köpfe 4.0

Juni 17, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

(sag jetzt nichts…)

Köpfe 3.0

Juni 15, 2020 § 2 Kommentare

 

 

Köpfe 2.0

Juni 11, 2020 § 2 Kommentare

Wieviel Farbe braucht es eigentlich, um die Illusion eines Kopfes auf der Leinwand herzustellen? In der Vergangenheit bin ich zeichnerisch vorgegangen, habe die Umrisse in Kohle angelegt und in Farbe (paint, nicht: colour) ausgearbeitet. Neuerdings starte ich ohne (Vor)zeichnung und taste mich mit Farbe vor und versuche jeweils, die Spannung zum Untergrund, zur Grundierung einzubeziehen. Da wird der Malprozess zum Klavierspiel, jeder Ton durchmisst die Spannung zum intendierten musikalischen Gehalt, als stets durchscheinende Untermalung, quasi. Am Ende ist das Werk gespielt, das Bild gemalt – beide Medien verhalten sich gleichermaßen zur Zeit, sind der Zeit abgetrotzt, -gerungen, entschlüpft. Sowieso sind Raum und Zeit einunddasselbe. Führt aber zu weit an dieser Stelle, vielleicht ein ander Mal. Hier entrollt sich eine neue Serie, Köpfe 20×20 cm, welche alle in einem Raum künftig ihr Zuhause finden werden – so der Plan.


 

Frequenzlos glücklich. Der späte Beethoven erobert die Stille

Juni 1, 2020 § 7 Kommentare

Am Ende schraubt unbändiger Ausdruckswillen das euphorisch entfachte Fugenthema in immer lichtere Höhen, während gleichzeitig die rhythmisch-harmonische Begleitfigur in Sub-Bass-Tiefen hinabpoltert. Die abschließende Akkordbrechung durchmisst fortissimo ein letztes Mal den gesamten Tonraum, und wenn der malträtierte Flügel hier nicht zerspringt, so stieben doch die Töne hinaus in den Orbit  – nichts hält sie mehr zusammen. – In den Alpen erklomm ich mal einen Berg, stundenlang ging der Weg steil bergauf, mehr ein Kraxeln auf allen Vieren, dicht vor meiner Nase unablässig die steile Flanke des Bergmassivs. Plötzlich, ohne jede Vorwarnung war ich oben – ein schmaler Grad nur –  und statt der Wand vor Augen jäh Leere, Abgrund, freier Fall ins tief unten liegende Tal. Der Boden schien mir unter den Füßen weggerissen, ein Schwindel ergriff mich, in den sich Entsetzen und Euphorie gleichermaßen mischten. Dies ist der Moment nach Abreißen des Schlussakkords der vorletzte Klaviersonate Beethovens. Und welch bedeutsamer Umstand, dass er, der nichts mehr hörte, hier in übersteigertem Ausdruckswillen eine Musik komponierte, die am Ende ihre klanglichen Fesseln abwirft. Eine Musik, deren letzte Konsequenz das Schweigen ist, als gefroren zitternder Nachhall. Nach jahrelangem Aufbegehren gegen das Schicksal seiner Taubheit zieht er die Musik hinein in seine Welt des Schweigens.

Beethoven komponierte die Sonate in As-Dur op. 110 im Jahr 1821 nach schwerer Krankheit, und unter dem Eindruck des Todes derjenigen Frau, die er über viele Jahre geliebt hatte, aber nicht heiraten konnte. „Mein Engel, mein alles, mein ich“ – so beginnt der berühmte Brief, den Beethoven einst dieser Frau geschrieben hatte, und bei der es sich, nach allem was man heute weiß, eigentlich nur um Josephine von Brunswick gehandelt haben kann. Sie starb 1821 als Mutter von sieben Kindern, getrennt von ihrem zweiten Ehemann, weitestgehend im Stich gelassen von ihrer vermögenden Familie, krank und in bitterer Armut. Mit ihrem Tode endet auch für Beethoven eine Beziehung, die ihn über viele Jahre emotional vereinnahmte und Höhen und Tiefen durchleben ließ. Mit der As-Dur-Sonate setzte er ihr ein Denkmal. Die hier relevanten thematisch-biografischen Bezüge sind in der Literatur ausführlich dargestellt worden. Auch der Bezug zu Bachs Arie „Es ist vollbracht“ aus der Johannespassion. Niemand jedoch scheint aufgefallen, dass dieser Bezug keineswegs zufälliger Natur sein kann, sondern Beethoven sich hier über das melodische Zitat hinaus modellhaft an der Arie orientiert. In dieser folgt nämlich auf einen langsamen, klagenden Teil, ein schneller zweiter Teil, der den Tod Jesu als Sieg feiert und melodisch mit einer aufsteigenden Quart beginnt. Und hier sind wir mitten in der Betrachtung der ungewöhnlichen formalen Anlage der Beethovenschen Sonate, deren ergreifendstes Moment ein ihr innewohnender Prozess der Überwindung einer Totenklage mit den Mitteln schöpferischen Gestaltens ist. Dem Menschen sind die Möglichkeiten zu künstlerischem Schaffen gegeben, und indem er sie anwendet, befreit er sich vom Zwangscharakter seines ihm auferlegten Schicksals. So ähnlich muss es Beethoven empfunden haben, als er die Form seiner Sonate entwickelte. Nach zwei eher konventionell angelegten Sätzen beginnt der dritte und letzte scheinbar als langsamer Satz, entpuppt sich jedoch als Rezitativ und Arie (in den Noten tituliert als „klagender Gesang“), gefolgt von einer Fuge (Thema aus aufsteigenden Quarten!), die auf ihrem Höhepunkt abbricht und einer Wiederkehr des klagenden Gesangs weicht, einen halben Ton tiefer als zuvor, und mit quasi erstickter Stimme vorgetragen, nämlich von Pausen durchsetzt. Der ‚gutgemeinte’ Fugenansatz vermag nicht zu trösten, bringt keine Überwindung der Todesklage, die Trauer bricht mit letzter Kraft  (im Notentext: „ermattet, klagend“) erneut durch. Wie nun aber die Überwindung dennoch gelingt, die Todesnähe nicht nur überwunden, sondern in ein rauschhaftes Finale und beglückende Lebensbejahung transformiert wird, ist pure Magie. Zur Anwendung kommen altbackene Techniken der Fugenkomposition wie Umkehrung, Engführung, Augmentation, Diminution, womit man seit Jahrhunderten noch jeden Kompositionsstudenten quält. Beethoven setzt sie aber nicht zur höheren Ehre Gottes ein, wie dies das große Vorbild J. S. Bach zweifellos getan hatte, sondern er nutzt sie als Treibstoff zur Zündung seiner Rakete, die nichts weniger als die Musik selbst in den Orbit schießt. Jene in Sub-Tiefen brodelnde rhythmisch-harmonische Begleitfigur des Finales entwickelt sich nämlich unmittelbar aus dem Fugenthema und trägt zugleich dessen hymnische Schlussapotheose. Da dieser Sonatenschluss zudem den Anfang der Sonate aufgreift, fortsetzt und vollendet – jenes Anfangsthema, das unmittelbar die Erinnerung an die geliebte Josephine evoziierte – haben wir hier die postmortale Verschmelzung Beethovens mit seiner „unsterblichen Geliebten“ in einer entmaterialisierten Welt ohne Klang.

 

Anmerkungen:

In der populären Beethoven-Literatur steht die vorletzte der 32 Klaviersonaten Beethovens leider im Schatten der viel berühmteren letzten, der c-moll Sonate Opus 111. Das liegt zu einem nicht geringen Teil an Thomas Mann, in dessen Roman Doktor Faustus Opus 111 eine gewichtige Rolle spielt. Was wir wiederum Adorno zu verdanken haben dürften, der Manns Einflüsterer in Sachen Musik beim Schreiben des Romans war. 

Das Bild einer am Ende ihre klanglichen Fesseln abwerfenden Musik stammt in dieser Formulierung von Alfred Brendel.

Zum Thema „Unsterbliche Geliebte“  empfehle ich das Buch „Beethoven und seine ‚unsterbliche Geliebte‘ Josephine Brunswick“ von Marie-Elisabeth Tellenbach (Zürich 1983).

Neu entfacht hat meine Beschäftigung mit Beethoven in diesem – seinem – Jahr die sehr umfangreiche, gut zu lesende und noch immer aktuelle Biografie „Beethoven. Der einsame Revolutionär“ von Jan Caeyers (München, 4. Auflage 2014).

Wer nach einer guten Einspielung der Sonate sucht, dem kann ich nur Geduld ans Herz legen. Unter den 256 Einspielungen, die (gebührenpflichtig) bei Naxos bereitliegen, habe ich bisher wenige gehört, die mich begeistern, praktisch keine aber, die den Notentext in allen seinen Implikationen und Verästelungen wörtlich nähme. Die so bedeutsamen Pausen in der abgerissenen Melodieführung der Wiederkehr des klagenden Gesanges beispielsweise, die gerade die Essenz des „ermattet“ ausmachen, werden nahezu flächendeckend mit Pedal überspült [sic]. Ganz zu schweigen von der in neueren Einspielungen üblichen „Anreicherung“ des Klavierklanges mit künstlichem Hall, der als „sound“ zwar oberflächlich zu beeindrucken vermag, dabei aber jede klangliche Nuancierung im Keim erstickt. Man höre hier zum Vergleich beliebige Aufnahmen aus den fünfziger, sechziger Jahren, bei denen sich selbstverständlich der Eindruck einstellt, vor einem Flügel zu sitzen, statt in der zehnten Reihe einer Kirche mit vor dem Altar aufgebautem Instrument.

Im Zweifel… (und anderswo)

Mai 26, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Nach längerer Zeit mal wieder einen Kopf versucht, der nicht aus Stein gehauen ist. Wie man sieht, wie hat nicht jeder Farbklecks seinen Bestimmungsort erreicht…

Den Schrecken bannen

Mai 24, 2020 § 2 Kommentare

 

Ein neuerlicher Versuch, meinem stummen Gast malend beizukommen. Acryl auf Pappe jetzt, und ich fühlte mich angesichts des Ergebnisses erneut in meine Kindheit zurückversetzt. Dieses Mal jedoch in die der Jahrmärkte und Kirmesbuden. Also bitte: Hinein in das kleine Wägelchen, ratternd und holpernd geht‘s los in die absolute Finsternis, in die Vorhölle ewiger Verdammnis, den Schlund gefräßiger Untoter und schleimiger Monster. Bange Vorfreude ob der anstehenden Schrecken, eine scharfe Rechtskurve, und schon springt mich fauchend die grell ausgeleuchtete Monsterfratze an:

Ich liebte die Geisterbahn.

Sieben Versuche über ein stummes Rätsel

Mai 15, 2020 § 2 Kommentare

 

Zwischen furchteinflößend und mitleiderregend schwankt der Ausdruck meines steinernen Gesellen. In einer Folge von Ipad-Zeichnungen habe ich versucht, diese Bandbreite auszuloten.

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie Kunst auf Der Dilettant.

%d Bloggern gefällt das: