Über das Leben im knisternden Scheiterhaufen

Januar 29, 2019 § 15 Kommentare

Walter Benjamin zufolge wohnt jedem Portrait Trauer inne, da es den Tod des Portraitierten antizipiert. Das Portrait verlängert die abgebildete Person über den Tod hinaus und zeigt daher mit dem Finger auf das Ende. Ist das Portrait gealtert, weit über den Tod des Abgebildeten hinaus, kehrt sich die Trauer in Trost: das Leben war nicht vergeblich, das fortdauernde Bild kündet späteren Generationen vom Wirken eines Menschen, es dokumentiert: hier hat Einer gerungen, hier hat Eine gelitten. Auch in der verbreitetsten Ausprägung des Portraits der Jetztzeit, dem Selfie, steckt Trauer. Im naiven Bemühen um Eingang ins Digital-Ewige hinein, im Wunsch, dort eine neue Heimat zu finden, wo die Vergänglichkeit alles Materiellen aufgehoben scheint. Schaut man in die Instagram-Welt, glotzt die globale Vanitas-Fratze zurück. Alles eitel und nichtig. Und ein Fest. Ja, ein großes Fest. Und dazu legen wir unsere Lieblingsplatte auf, spielen die immer gleiche Stelle, bis sie knistert wie ein Scheiterhaufen. So ist’s drüben im Studio Glumm nachzulesen, in diesem fulminanten Text über das schöne, gefährliche Leben.

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selbst rauchend

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Bezaubernder Abend im Horenstein

September 4, 2018 § 2 Kommentare

Mahler Sechste

 

Die Welt dreht sich immer weiter, und man erhascht nur Schnipsel vom Ganzen, hier und da fallen Brosamen auf den Tisch, sei er nun gedeckt oder nicht, der Brosamen wohlschmeckend oder detestabel, die Tischgesellschaft kommod oder zum Naserümpfen. Und manchmal landet da ein Juwel, man weiß nicht wieso und warum. So letzten Samstag. Saß ich da mit dem Weltklasse-Pianisten Alexander Melnikov in einem Raum so klein wie ein – ja, Schallplattenladen. Denn in einem solchen fand die überaus intime Festveranstaltung statt, deren Anlass freilich ein trauriger war, nämlich die Immobilienspekulationsbedingt bevorstehende Schließung des Klassikschallplattenladens Horenstein in der Fechnerstraße zu Berlin. Gefeiert wurde aber doch, schließlich galt es die Leistung des Ladeninhabers Wolf Zube und sein über zehnjähriges Wirken inmitten seiner immensen Sammlung hochkarätiger Klassikaufnahmen zu würdigen. Melnikov, der noch am Vorabend die Berliner Festwochen im Kammermusiksaal der Philharmonie eröffnet hatte, gestaltete also zusammen mit dem Pianisten Alexei Lubimov und dem Geiger Stefano Mollo den musikalischen Teil des Abends. Mitgebracht hatte er seinen Erard-Flügel, der gefühlt bereits die Hälfte des Raumes einnahm und durch seinen silbrig-satten Ton bezauberte. Anschließend wurde gefachsimpelt bei Wein und Gebäck. Großen Dank an den Klassikvinylgroßmeister Wolf Zube für diesen wunderbaren Abend.

Tod in der Rille – zugleich zweiter Versuch über beethoven

Januar 16, 2018 § 9 Kommentare

 

 

Ich mag Schallplatten. Wirklich. Es fühlt sich einfach besser an. Ich sage bewußt nicht: h ö r t sich besser an, denn mit dem Thema Vinyl versus CD und was nun besser klingt wird man nie fertig. Es lässt sich objektiv auch nicht wirklich messen, weil zu viele Faktoren, vor allem psychoakustischer Natur, hineinspielen. Die Sache beginnt nun aber schon beim Plattenhändler meines Vertrauens, dem Stöbern und Fachsimpeln, dem Austausch mit Gleichgesinnten. Zuhause dann erfreuen sich die Finger am Karton der Hülle, deren feinschmirgelige Haptik erste Glücksimpulse Richting Gehörzentrum sendet. Ist die Nadel erst einmal in die Spur gesetzt, kündigt sich die Musik durch feines Knistern an; gleichsam der Moment im Konzert, wo sich nach Abflauen des Eingangsapplauses Stille über den Ort des Geschehens senkt. Denn Stille ist nicht das Ausbleiben von Schallereignissen, sondern der Rückzug derselben aus der Sphäre der Bedeutsamkeit – klar eine semantische Kategorie. Mich stören auch nicht diverse „Nebengeräusche“, die das Medium Vinyl begleiten. Als zu Beginn der Achziger Jahre die CD am Markt durchgesetzt werden sollte, warben die Plattenfirmen mit dem „reinen Klang“, als dem „puren Gold“ der Musik. Marketing im Geiste von Waschmittelwerbung: „weißer als weiß geht nicht“ hieß das wohl in den Siebzigern. Nachdem sämtliche bereits auf Schallplatte erschienenen Aufnahmen ein weiteres Mal abgesetzt waren, diesmal als CD – das pure Gold materialisierte sich in den Kassen der Phonofirmen – kam man irgendwann darauf, dass eine Tonaufnahme nicht rein, sondern gut klingen muss. Der Aufnahmetechnische Standard hierfür war in den Fünfzigern und Sechzigern entwickelt, als die Röhrentechnologie bis heute unübertroffene Aufnahmen ermöglichte. Aber ich schweife ab. Die Nadel hat es sich in der Rille bequem gemacht, der langsame Satz aus Beethovens Hammerklaviersonate hebt an. Adagio sostenuto – Appassionato e con molto sentimento. Keiner der Beethovenschen langsamen Klaviersätze ist länger als dieser ergreifende Gesang, beklemmend und großartig zugleich in seiner Abgrundtiefen Fis-moll-Traurigkeit. Der englische Pianist John Lill zelebriert die weitgespannten Kantilenen fast schwebend, er holt sie aus dem Nichts und begleitet sie, von wenigen expressiven Ausbrüchen begleitet, an die Schwelle des Unhörbaren. Wo das Hauptthema sich in einem kurzen lichten Moment nach G-Dur wendet, bleibt die Zeit einen Moment stehen – eine Feengleiche Erscheinung, allerliebst, zieht den Vorhang des Zimmers beiseite, in dem der Held brütend zusammengesunken sitzt, öffnet das Fenster und lässt für einen Moment frühlingshaft milde Luft herein. Später, bei der Reprise des Themas, halten sich die Zweiunddreißigstel-Figurationen an den Hauptmelodietönen fest als wären sie Krücken einer längst zerbrochenen Existenz. Aber die zittrige Figuration ermattet und weicht erneut dem ruhigen Achtelstrom, der sich wieder nach G-Dur wendet, die Fee schwebt durchs Zimmer Richtung Fenster, die Hand bereits am Griff, die innig-frühlingshaft-beglückende Subdominante zum Greifen nah – da —— KNACKS – die Nadel stößt auf ein unüberwindbares Hindernis und springt zurück in die Nachbarrille. Mich hebt’s aus dem Sessel, denn nun hängt die Fee am Griff fest und bekommt das Fenster nicht geöffnet. Einen Moment lasse ich den Loop laufen, lasse die Nadel an der immer gleichen Stelle auf Grund gehen, konsterniert. Die Technik hat Beethoven ermordet. Schließlich hebe ich die Nadel aus der Rille und dirigiere sie ein Stückchen weiter. Die Musik spielt weiter, aber das Fenster bleibt geschlossen.

 

 

Zeit für Rituale

Dezember 23, 2017 § 2 Kommentare

 

Streamen Sie einen schönen Song Legen Sie eine schöne Platte auf und machen sich’s im Kreise Ihrer Lieben gemütlich – Weihnachten ist die Zeit der Rituale!

Solomons großartiger Klavierlehrer Lazare Levy empfahl seinen Klavierschülerinnen und -schülern, eine melodische Linie zu spielen als würde man einen Menschen umarmen. Das lässt sich auf alles Tun übertragen. In diesem Sinne –

Frohe Weihnachten!

(Ich kann’s kaum erwarten und entschwinde nun zum Ort des Geschehens, nicht ohne schnell noch die neusten Bilder hochzuladen… )

 

Solomon

Dezember 20, 2017 § 6 Kommentare

 

Hatten wir schon über Solomon gesprochen? Herr Z. wählte seine Worte mit Bedacht. Mein Anliegen, anhand historischer Tondokumente die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten pianistischer Kunstentfaltung auszuloten war in Horensteins Klassikschallplattenladen bereits auf fruchtbaren Boden gefallen. Schätze wie Moriz Rosenthal, Alfred Cortot, Grant Johannesen, Charles Rosen waren gehoben, und beim diesmaligen Besuch ging es eigentlich um ein paar gesangliche Lockerungsübungen für zwischendurch. Die Frage freilich ließ aufhorchen. Mir war der Name nicht unbekannt, und es bedurfte kaum des dezent nachgeschobenen Hinweises, Charles Rosen, mein derzeitiger Referenzpianist und -musiktheoretiker, habe Solomon stets in den höchsten Tönen gepriesen. Eine Stunde später – Herr Z. hatte dezentissimo! mit profunder Expertise zu allen besprochenen Aufnahmen das nötige Hintergrundwissen beigesteuert und nicht nur en passent Kurzbiografien involvierter InterpretInnen eingeflochten, sondern verantwortliche Tonmeister genannt (meinen erstaunten Einwurf: Sie kennen ja nicht nur die Werke und ihre Interpreten sondern überdies die Tonmeister der Aufnahmen – dämpfte er mit einem bescheidenen „Nur die besseren“) – eine Stunde später also verließ ich den Laden mit einem Stapel Platten unterm Arm, darunter die Achtfachbox Solomon.

Was aber macht den Unterschied aus zwischen einem Solomon und einem x-beliebigen Pianisten, zwischen einem Giganten und den Heerscharen emsiger Tastenstreichler? Es ist im Grunde ganz einfach. Solomon nimmt den Hörer mit auf eine Reise, und der Hörer folgt ihm staunend wohin auch immer er sich wendet. Es ist der Unterschied, ob jemand Noten spielt oder eine Geschichte erzählt. Ich denke an die phänomenale Lesung von Matthias Brandt, der ich neulich beiwohnte. Auch hier ist der Zusammenhang, das gestaltete Ganze, die Linie, der Spannungsbogen, darin aber auch das überraschende Detail: alles. Niemals geht es um eine Oberfläche, stets um den aus der Tiefe an die Oberfläche dringende Sinn. Dafür freilich braucht’s musikalische Intelligenz, Empfindungsvermögen, radikalen Gestaltungswillen gepaart mit der Ablehnung jeglichen Effekts. Oder wie William S. Mann in Grove music online so schön formuliert: „…the essential Solomon was an evocative poet, …who could weave such a spell with his fingers that time seemed to be suspended and a legato line be sustained long after one note had died away and before the next one was miraculously matched with it.“

Solomons fulminante Karriere endete 1956 jäh infolge eines Schlaganfalls.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sechs bildnerische Annäherungen

 

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