Erster Versuch über beethoven

Januar 11, 2018 § 4 Kommentare

So öffnet uns Beethovens Instrumentalmusik das Reich des Ungeheuren und Unermeßlichen.
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Was für ein Extatiker und Apoteotiker dieser Beethoven doch war, hadernd mit sich und der Welt, von der er im Laufe seines Lebens immer weniger hören konnte, hadernd mit seinen inneren Dämonen und den Frauen und einem Neffen, der sich das Beethovensche Lebensmodel nicht aufdrücken ließ, und Verlegern, die ihn auch noch um den materiellen Ertrag seines reichen Schaffens bringen wollten. Um der ganzen Schönheit, Glorie und Sprengkraft seiner Musik gewahr werden zu können bedarf es freilich einer Umsetzung, die alles glatt Gebügelte beiseite lässt, die originalen Tempoangaben ernst nimmt, und nicht Karajanesk polierte Oberflächen darbietet. So gehört begreift man die Erschütterung der Zeitgenossen, die, sofern sie nicht gleich vor dem Werk kapitulierten, spürten, dass Beethoven der Tonkunst eine ganz neue Ausdrucksdimension erschlossen hatte.
Gültig formulierte das als wohl erster  E. T. A. Hoffmann, aus dessen Rezension der fünften Sinfonie obiges Zitat stammt, hier fortgesetzt:
Glühende Strahlen schießen durch dieses Reiches tiefe Nacht, und wir werden Riesenschatten gewahr, die auf- und abwogen, enger und enger uns einschließen, und alles in uns vernichten, nur nicht den Schmerz der unendlichen Sehnsucht, in welcher jede Lust, die, schnell in jauchzenden Tönen emporgestiegen, hinsinkt und untergeht, und nur in diesem Schmerz, der, Liebe, Hoffnung, Freude in sich verzehrend, aber nicht zerstörend, unsere Brust mit einem vollstimmigen Zusammenklange aller Leidenschaften zersprengen will, leben wir fort und sind entzückte Geisterseher.*

Wie aber das Phänomen bildnerisch umsetzen? Annäherung über die Physiognomie, über das Antlitz, wie es in Bildern überliefert ist. Drei Versuche über die Totenmaske, zunächst:

 

 

 

 

* E. T. A. Hoffmann: Schriften zur Musik, Winkler Verlag München, S. 34ff.)

Zeit für Rituale

Dezember 23, 2017 § 2 Kommentare

 

Streamen Sie einen schönen Song Legen Sie eine schöne Platte auf und machen sich’s im Kreise Ihrer Lieben gemütlich – Weihnachten ist die Zeit der Rituale!

Solomons großartiger Klavierlehrer Lazare Levy empfahl seinen Klavierschülerinnen und -schülern, eine melodische Linie zu spielen als würde man einen Menschen umarmen. Das lässt sich auf alles Tun übertragen. In diesem Sinne –

Frohe Weihnachten!

(Ich kann’s kaum erwarten und entschwinde nun zum Ort des Geschehens, nicht ohne schnell noch die neusten Bilder hochzuladen… )

 

Solomon

Dezember 20, 2017 § 6 Kommentare

 

Hatten wir schon über Solomon gesprochen? Herr Z. wählte seine Worte mit Bedacht. Mein Anliegen, anhand historischer Tondokumente die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten pianistischer Kunstentfaltung auszuloten war in Horensteins Klassikschallplattenladen bereits auf fruchtbaren Boden gefallen. Schätze wie Moriz Rosenthal, Alfred Cortot, Grant Johannesen, Charles Rosen waren gehoben, und beim diesmaligen Besuch ging es eigentlich um ein paar gesangliche Lockerungsübungen für zwischendurch. Die Frage freilich ließ aufhorchen. Mir war der Name nicht unbekannt, und es bedurfte kaum des dezent nachgeschobenen Hinweises, Charles Rosen, mein derzeitiger Referenzpianist und -musiktheoretiker, habe Solomon stets in den höchsten Tönen gepriesen. Eine Stunde später – Herr Z. hatte dezentissimo! mit profunder Expertise zu allen besprochenen Aufnahmen das nötige Hintergrundwissen beigesteuert und nicht nur en passent Kurzbiografien involvierter InterpretInnen eingeflochten, sondern verantwortliche Tonmeister genannt (meinen erstaunten Einwurf: Sie kennen ja nicht nur die Werke und ihre Interpreten sondern überdies die Tonmeister der Aufnahmen – dämpfte er mit einem bescheidenen „Nur die besseren“) – eine Stunde später also verließ ich den Laden mit einem Stapel Platten unterm Arm, darunter die Achtfachbox Solomon.

Was aber macht den Unterschied aus zwischen einem Solomon und einem x-beliebigen Pianisten, zwischen einem Giganten und den Heerscharen emsiger Tastenstreichler? Es ist im Grunde ganz einfach. Solomon nimmt den Hörer mit auf eine Reise, und der Hörer folgt ihm staunend wohin auch immer er sich wendet. Es ist der Unterschied, ob jemand Noten spielt oder eine Geschichte erzählt. Ich denke an die phänomenale Lesung von Matthias Brandt, der ich neulich beiwohnte. Auch hier ist der Zusammenhang, das gestaltete Ganze, die Linie, der Spannungsbogen, darin aber auch das überraschende Detail: alles. Niemals geht es um eine Oberfläche, stets um den aus der Tiefe an die Oberfläche dringende Sinn. Dafür freilich braucht’s musikalische Intelligenz, Empfindungsvermögen, radikalen Gestaltungswillen gepaart mit der Ablehnung jeglichen Effekts. Oder wie William S. Mann in Grove music online so schön formuliert: „…the essential Solomon was an evocative poet, …who could weave such a spell with his fingers that time seemed to be suspended and a legato line be sustained long after one note had died away and before the next one was miraculously matched with it.“

Solomons fulminante Karriere endete 1956 jäh infolge eines Schlaganfalls.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sechs bildnerische Annäherungen

 

Wo bin ich?

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