Die Sache mit dem Ruhm und dem Geld

November 26, 2017 § 6 Kommentare

 

Mit Ruhm und Geld ist das doch so: Man will das gerne haben, einerseits, man weiß aber auch, dass das nicht viel bedeutet, andererseits. Sobald man ins Atelier geht, hilft einem nicht weiter, dass man berühmt ist – da ist man wieder dasselbe kleine Arschloch, das da steht, sich am Kopf kratzt und auf eine gute Idee hofft.

Per Kirkeby*

Man sieht: wer etwas geschafft hat, bleibt eben immer noch der, der er war, als er es noch nicht geschafft hatte. Oder die, die sie war, als sie es noch nicht geschafft hatte. Diese Erfahrung zu machen, ist sicher so frappierend wie erhellend, und schnell ist man da mit der Beobachtung bei der Hand, dass Geld nur dem nichts bedeutet, der im Übermaß darüber verfügt. Es steckt aber doch eine tiefere, und in diesem Falle durchaus beruhigende Erkenntnis dahinter. Freilich gilt’s auch umgekehrt: es hilft einem auch nicht, n i c h t berühmt zu sein, sondern ein bloggender Dilettant. Statt mir den Kopf blutig zu kratzen hab ich mir gesagt, geh doch mal raus aus dem Atelier Dilettantenstüberl, dorthin, wo den kleinen Arschlöchern vergangener Zeiten ein ehrendes Andenken bereitet wird, ins Museum. Diesmal das Bode-Museum. Natürlich mit Tuschefüller und Notitzbüchlein. Später bisschen Farbe drauf, als Trost- und Heilpflaster, gewissermaßen.

 

 

* in: Süddeutsche Zeitung Magazin, 20 Jahre Edition 46, S. 29

 

 

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Das Ziel ist im Weg

Mai 31, 2017 § 10 Kommentare

Wärend die meisten Menschen damit beschäftigt sind, Hürden aus dem Weg zu räumen, tut eine Minderheit das genaue Gegenteil. Sie räumt Steine in den Weg und legt dadurch ein erstaunliches schöpferisches Potential frei. Von der Band Talk Talk [Mark Hollis, zum Teufel, wo steckst du eigentlich?] ist überliefert, wie sie einmal mit dem Spiel ihres Keyboarders unzufrieden war und daraufhin beschloss, seine Finger zu tapen. Tapen im Sinne von: die Finger der rechten Hand mit Klebeband zusammenbinden. Das verleitete (Haha, Euphemismus: er konnte ja nicht anders!) den Keyboarder zu einer wunderbar reduzierten, inspirierteren Melodieführung. Woraus folgt, dass man sich mitunter ein Bein stellen muss, um voran zu kommen. Das Nächstliegende, Einfache weil Gewohnte, Schnell Belohnung Versprechende etc. will gewaltsam ausgehebelt werden. Das bedeutet auch: die Angst vor Fehlern, vor dem Scheitern darf ins Positive gewendet werden,  ja sogar: der Fehler ist willkommen. Nie vergesse ich den Rat meines (Lieblings)(Jazz)Klavierlehrers Andreas Schmidt: wenn du beim Improvisieren einen Fehler machst, eine „falsche“ Note spielst, wiederhole sie an jeweils gleicher Stelle, und sie wird „richtig“. Für mein Erforschen menschlicher Physis und Physiognomie nach Maßgabe skulpturaler Schöpfungen nehme ich gern „benutztes“ Papier und arbeite z. B. gegen Schrift, oder auch gegen eigene Setzungen (davon später mehr).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herkules erschlägt Kakus

Februar 2, 2017 § 2 Kommentare

An vielen Orten der Welt herrschen Krieg, Gewalt, Unterdrückung. Aber die Welt ist auch das, was wir zivilisiert nennen. Jedenfalls in den reichen Industrieländern und vielen, auch ärmeren Länder der Erde.  Wenn man will, kann man die Geschichte des westlichen Abendlandes der letzten 2000 Jahre als eine Entwicklung hin zur Zivilisation verstehen. Als das allmähliche Herausbilden und Durchsetzen geordneter Regeln im Umgang mit Konflikten, die aus dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Interessen resultieren. Verhandeln statt zuschlagen, salopp vereinfacht. Die diesen Prozess begleitende Kulturgeschichte hält in ihren Themen aber an einer gewalttäigen, ja blutrünstigen mythologischen Welt fest. Mehr noch: sie feiert sie geradezu und malt sie in den schillerndsten Farben aus. Als fände hier eine Verlagerung statt, ein Bannen des Fluches. Motto: Kann ich mir ein Bild davon machen, beherscht es mich nicht mehr. Oder wie Nitzsche es formulierte: In der Kunst bewundern wir, was wir im Leben nicht aushalten würden. So wird aus einem Gang durch eine Gemäldesammlung schnell ein Trip durch’s Horrorkabinett. Freilich nehmen wir das meist nicht so wahr, denn was es ins Museum geschafft hat, und über teils Jahrhunderte dort hängengeblieben ist, siedelt in einer Sphäre geistiger Hochkultur, der wir beinahe reflexartig unterwürfig  begegnen. (Lieber nicht nachdenken möchte man darüber, was es eigentlich bedeutet, wenn regelmäßig von Vergewaltigung bedrohte Frauen, notdürftig kaschiert als mythologische Gestalten, in verführerischsten Posen unseren (männlichen) lüsternen Augen dargeboten werden.) Die Staatlichen Museen Berlins besitzen eine Figurengruppe von Pierre Puget, die in geradezu angsteinflößender Expressivität darstellt, wie Herkules den Viehdieb und Outlaw Cacus erschlägt. Die Komposition bietet von allen Seiten unerschöpfliche Nahrung fürs Auge. Einige Ansichten habe ich mit dem Pinsel in Tusche nachgezeichnet:

 

 

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(P. S. Ein verbaler Draufschläger, mit übermenschlichen Kräften prahlend, hat gerade das Weiße Haus bezogen. Behaupte mal einer, geschichtliche Prozesse seine irreversibel)

 

 

Huong-quê, Fassung eins

August 9, 2015 § 2 Kommentare

Huong-quê Fassung eins

 

Huong-quê Fassung eins Detail

 

Vorlage für  dieses Bild war die Schwarzweißfotografie einer Skulptur aus dem Vietnamesischen Nationalmuseum, entstanden Anfang des 10. Jahrhunderts. Das Bemerkenswerte an vielen dieser Ostasiatischen Gottheiten ist ja, dass sie entspannt lächeln. In unserem Kulturkreis galt bereits der Anflug eines Lächelns auf einem Gemälde als Sensation.

Zacharias Hegewald im Bode-Museum

März 14, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Zacharias Hegewald, Adam und Eva als Liebespaar. Skulptur im Bode-Museum

Zacharias Hegewald, Adam und Eva als Liebespaar. Skulptur im Bode-Museum

Im Bode-Museum zu Berlin sind viele schöne, bekannte Skulpturen zu sehen. Und es ist so manche Preziose zu entdecken. Zum Beispiel ein kleines Figurenpaar von Zacharias Hegewald, einem barocken Bildhauer mit Atelier im Dresdner Schloss. Titel: Adam und Eva als Liebespaar. Da begehren sich zwei, das sieht man sofort. Und obwohl beide frontal dargestellt sind, ist ihre Hinwendung zueinander vom Künstler virtuos inszeniert. Nach kurzer Betrachtung fielen mir zwei Knubbel auf, die aus dem Schleier, der die Scham verhüllt, herausragen. Das Rätsel löste sich schnell: hier wird ein abnehmbares Stück „Stoff“ von zwei Stiften festgehalten. Und obwohl der kunstinteressierte Museumsbesucher des 21. Jahrhunderts, anders als der ursprüngliche Auftraggeber der Figurengruppe, das abnehmbare Teil nicht entfernen darf – durch das Vorhandensein einer Glasvitrine sogar ausdrücklich daran gehindert  wird – verrät ein Blick von schräg oben unmissverständliche Erkenntnisse über die sinnenfrohe Gestimmtheit des Bildhauers bzw. des Auftraggebers. Nur so viel sei verraten: Zacharias Hegewald war eine ausgewiesener Schlawiner vor dem Herrn.

Wo bin ich?

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