Armer, großer beethoven – als siebter Versuch

Februar 6, 2018 § 2 Kommentare

 

Wem der große Wurf gelungen,

Eines Freundes Freund zu sein,

Wer ein holdes Weib errungen,

Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur e i n e Seele

S e i n nennt auf dem Erdenrund!

Und wer’s nie gekonnt, der stehle

Weinend sich aus diesem Bund“

eines Freundes Freund zu sein“ konnte beethoven wohl, nicht aber „ein holdes Weib“ erringen. Diese und weitere Verse aus Schillers männerbündischem Trink- und Sauflied* „Ode an die Freude“ vertonte beethoven im Schlusssatz seiner neunten Symphonie, ohne freilich sich an Schillers Rat gehalten zu haben. Zwar liebte er Frauen, hatte unzählige Affairen und war sich eine zeitlang nicht zu schade, Freunde in den Dienst seiner Brautschau zu stellen. Doch stahl er sich keineswegs „weinend aus diesem Bund“, nachdem noch die letzte seiner Avancen gescheitert war. Er tat, was einem Künstler geziemt – er sublimierte nach Kräften. Heraus kam dabei unter anderem sein  grandioses Spätwerk, dieses Produkt einzigartiger Selbstüberwindungskunstanstrengung. Dass die Anstrengung dabei allzu oft dem Werk eingeschrieben blieb, verdeutlicht gerade jenes berühmte Chorfinale, dessen auskomponierter Freudentaumel Züge einer karnevalesken Groteske annimmt („Freudig wie ein Held zum Siegen“). (Freilich ist das Bild einer sich freudetaumelnd in den Armen liegenden Millionenschar anders auch nicht vorstellbar.) Den berührendsten, zugleich rätselhaftesten Einblick in beethovens Liebesleben gewährt jener berühmte Brief, der sich in seinem Nachlass befand und dessen letzter Passus mit den Worten „… guten Morgen am 7ten Juli – schon im bette drängen sich die Ideen zu dir meine Unsterbliche Geliebte“ beginnt. Aus Gründen absoluter Diskretion, die auch im promiskuitiven Wien des frühen 19. Jahrhunderts, insbesondere bei Beteiligung hochstehender Personen geboten war, benennt beethoven seine Adressatin nicht. So forschen und forschten seit Erstveröffentlichung dieses Briefes 1840 Heerscharen von Musikwissenschaftlern nach der „unsterblichen Geliebten“. Nachdem zeitweise über zehn Kandidatinnen im Rennen um die Gunst des Titels lagen, verengt sich das Feld in neuerer Zeit auf zwei Personen: Josephine Brunsvik, verwitwete Gräfin und in zweiter Ehe mit dem Hauslehrer ihrer Kinder, Christoph Freiherr von Stackelberg verheiratet, sowie Antonie Brentano, Gattin des vermögenden Frankfurter Kaumanns und späteren Senators Franz Brentano. In ihrem extrem gut recherchierten und die bisherigen Erkenntnise zusammenfassenden Buch „Die Entschlüsselung des Rätsels um die ‚Unsterbliche Geliebte“** wartete die Japanische Wissenschaflterin und Feminismusforscherin Yayoi Aoki 2001 mit einer überraschenden Hypothese auf. Demnach hatte beethoven in der fraglichen Zeit des Briefes nicht nur ein Liebesverhältnis mit Antonie Brentano, der demnach der Titel „Unsterbliche Geliebte“ gebührt – und die trotz Entfremdung von ihrem Gatten in genau dieser Zeit sich von diesem schwängern ließ  -, sondern zeugte seinerseits mit der Geliebten aus früheren Tagen Josephine Brunsvik ein Kind. Das ist ziemlich genau das, was meine Mutter, ihren Vater zitierend, „ungeordnete Verhältnisse“ zu nennen pflegt. Ich denke, es ist das, was Menschen tun wenn sie von Gefühlen überwältigt werden. Armer, großer beethoven.

 

 

 

 

* „Brüder fliegt von euren Sitzen, / Wenn der volle Römer kreist, / Lasst den Schaum zum Himmel spritzen: / Dieses Glas dem guten Geist!“

** Aus dem Japanischen von Annette Boronnia, erschienen 2008 im Iudicium Verlag GmbH München

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In eigener Sache

Januar 6, 2018 § 8 Kommentare

 

Goethe und Schiller beschäftigten sich gemeinsam mit dem Thema Dilettantismus und planten eine größere Arbeit hierzu. Sie empfanden dilettierende Zeitgenossen als Bedrohung für ihr dichterisches Wirken und die Kunst allgemein. Goethe freilich hatte ein Problem. Er dilettierte selbst, und zwar auf dem Gebiet der Zeichenkunst. So betrachtete er den Dilettanten durchaus mit Wohlwollen. Zu dem gemeinsamen Werk kam es schließlich nicht, es hat sich aber aus der Feder Schillers ein Konzept erhalten:

Schema über den Dilettantismus

Zufällig stieß ich darauf, als ich bei Schiller einen Passus nachlesen wollte, der in dem sehr interessanten Buch „Analoge Nostalgie in der digitalen Medienkultur“ zitiert wird. (Das ist, nebenbei bemerkt, ein Beispiel dafür, wie ich mich – typisch Dilettant eben – permanent verzettele) Ich hatte also kaum begonnen, mich dem Thema analog/digital zuzuwenden, da geriet ich schon auf Abwege und landete über Schillers Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung bei dessen Dilettantismusschema. Natürlich interessierte mich brennend, was der große Schiller über meinesgleichen geschrieben hatte. Das Schema ist überschaubar, beeindruckt aber durch seine Akribie. In streng wissenschaftlicher Methodik wird das Phänomen zergliedert und die Bereiche Poesie, Zeichnung, Malerei, Skulptur, Architektur, Gartenkunst, Musik, Tanz und Theater jeweils nach Nutzen und Schaden „fürs Subjekt“ und „fürs Ganze“, sowie für Deutschland und das Ausland befragt. Interessant für mich natürlich die bildenden Künste, und große Erleichterung meinerseits, dass fürs Subjekt hier kein möglicher Schaden vermerkt ist, während im Hinblick aufs Ganze „falsche Kennerschaft“ als Schaden festgestellt ist. Das ist natürlich hochaktuell, denn in der Tat droht durch die Möglichkeiten elektronischer Netzwerke hier heutigen Tages maximaler Schaden. Einfach jeder/jede glaubt mitreden zu können und erschleicht sich durchs elektronische Publizieren den Anschein von Kennerschaft. Die weitere Lektüre des Schemas offenbart jedoch auch für mich als Subjekt die Gefährlichkeit meiner dilettierenden Bemühungen. „Mit dem Ernsten und Wichtigen spielen verderbt den Menschen“*. Und es kommt noch schlimmer: „Er überspringt die Stufen, beharrt auf gewissen Stufen, die er als Ziel ansieht, und hält sich berechtigt, von da aus das Ganze zu beurteilen, hindert also seine Perfektibilität… Er kommt immer mehr von der Wahrheit der Gegenstände ab und verliert sich auf subjektiven Irrwegen.“ Und hier fühle ich mich vollends ertappt: „Der Dilettant scheut allemal das Gründliche, überspringt die Erlernung notwendiger Kenntnisse, um zur Ausübung zu gelangen, verwechselt die Kunst mit dem Stoff.“ Puh. Das muss man ja nun erstmal verdauen…

 

… auf subjektiven Irrrwegen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* Alle Schiller Zitate aus: Sämtliche Werke Band V: Philosophische Schriften. München 1975. S. 565 ff.

Klecksen statt Klottern

Dezember 28, 2017 § 2 Kommentare

 

 

Mancher will Großes zu Papier bringen, und produziert doch nur Kleckse. Tintenklecksende Jahrhunderte  freilich gehören der Vergangenheit an, und was früher ein Ärgernis gewesen sein mag, darf fürderhin zu seinem eigenen Recht kommen. Mithin: Klecksen statt Klottern! Unter diesem Motto zeige ich künftig von Zeit zu Zeit ausgewählte Kleckse aus der Serie „Objets klecksés“.

 

 

 

 

 

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