Schubert im Kino

Januar 27, 2019 § 11 Kommentare

Schubert Sonate B-Dur D 960 II Takte 8-13

Schubert Sonate B-Dur D 960 II Takte 8-13

 

Ich war im Kino und sah ein Gleichnis auf die Ohnmacht der Macht, inszeniert als unterhaltsames, dabei sämtliche Tiefen der menschlichen Existenz auslotendes Ränke- und Intrigenspiel. Obzwar Historienfilm, rückt „The Favourite“ durch die Skurrilität der ins Bild gesetzten Einfälle das Geschehen nahe an die Gegenwart heran. Groß macht diesen Film, dass es nicht Gut und Böse gibt, sondern alles dazwischen. Nämlich Menschen, die sich ihren Platz in der Welt erobern möchten und dabei in Würde, oder an deren Grenzen, scheitern. Nebenbei sehen wir die saukomischste Darstellung einer Hochzeitsnacht, die ich je im Kino erblickte, und erfahren eine Menge über (längst) vergangene Zeiten, die immer wieder kehren. Was mich hier auf den Plan ruft, ist aber dieses: der Film setzt Musik ein, die an dieser Stelle schon des Öfteren Thema war. Wenn es den Film zu loben gilt, dann nämlich insbesondere wegen der klügsten Filmmusikdramaturgie seit Stanley Kubrick. Für das Zeittypische des Films stehen barocke Musikfragmente (Cembalo, Orgel), für das „Allgemein Menschliche“ Musik der Romantiker Schumann und Schubert. Der langsame Satz aus dem Klavierquintett des einen, der langsame Satz aus der letzten Klaviersonate des anderen, sind hier so eng mit der Dramaturgie der Handlung verwoben, dass das Bild aus der Musik zu erwachsen scheint – oder umgekehrt. Nämlich in der Schlüsselszene, als die Favoritin der Königin diese in flagranti mit ihrer Konkurrentin überrascht. Und in der Schlussszene, in der die Königin mit der neuen Favoritin einen qualvollen Schlusstanz aufführt, den Schuberts sich auftürmende Klavierakkorde gnadenlos instrumentieren.

Großartiger Film, könnte der diesjährige Oskar-Abräumer werden – was mich beinahe daran gehindert hätte, ihn mir überhaupt anzusehen (so viel zum Thema Vorurteile :-))

(Oben meine Abschrift der entscheidenden Takte 8 – 13 aus dem zweiten Satz von Schuberts Sonate B-Dur D960)

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Tasteneskapismus

Mai 16, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Im Silicon-Valley forschen sie am Transhumanismus. Das Leben verlängern, den Tod besiegen gar. Übergang in eine erweiterte Daseinsform, Mensch und Maschine verschmelzen. Übergangsweise schon mal das Gehirn in den Computer hochladen und schauen was sich entwickelt. Ob die, die ihr obszön angehäuftes Geld da rein stecken, selber noch davon profitieren bleibt abzuwarten, Zwischenzeitlich lässt sich der erstmal irgendwann tote Körper aber aufbewahren, um eventuell später reaktiviert und dem dann stattgefunden habenden Fortschritt zugeführt werden zu können. Leider aber Klimakatastrophe, wohl nicht mehr abwendbar. Sitzen auf einem untergehenden Schiff und beschweren uns übers Essen. Meint der desillusionierte Klimaforscher. Noch vorherer aber WM und Aufgebot ohne Sandro Wagner, der noch vor kurzem in Darmstadt im rumpeligen Böllenfaltorstadion kickte. Und dann der George-Kreis. Erlaucht elitäres Intellektuellengeraune aber hinter den Kulissen harter Sex mit jungen, gern auch auf der Straße aufgelesenen Männern. Robert Schumann elendiglich zu Tode gehungert, weil geistig gesund in eine Irrenanstalt weggesperrt. Bleibt so schnell kein Stein auf dem anderen. Dafür das Klavier frisch gestimmt und wieder mehr gespielt und o Wunder die früh internalisierte Handgelenksblockade löst sich und Energien fließen. Kreislauf aus Geist Arm Finger Taste Saite Klang Geist. Auf der Titanic wurde ja auch bis zuletzt gespielt.

 

… dabei sprach aber viel Seligkeit aus seinen Augen.

April 19, 2018 § 7 Kommentare

 

Robert und Clara Schumann

 

Das Thema Psychiatrie überfordert viele von uns. Auch wer sich beruflich mit dem Thema beschäftigt, nutzt oft, legitimerweise, mehr oder weniger große Spielräume zum Schutz der eigenen seelischen Integrität. Wie auch soll man sich vorstellen, was in einem psychisch kranken Menschen vorgeht; wie weit ist Empathie – im Hinblick auf  körperlich Erkrankte wohlfeil zu haben – möglich Menschen gegenüber, deren Krankheit weit in die Persönlichkeit eingreift, in den Charakter und all das, was wir im persönlichen Miteinander schnell unter moralischen Kategorien abhandeln? Das legitime Bedürfnis Erkrankter nach Schutz und Hilfe geht mit dem Verlangen der Allgemeinheit nach „Schutz“ v o r den Kranken nur zu oft eine unheilvolle Allianz ein. Wer in einem geschützten Umfeld Linderung und Heilung sucht, ist eben schnell gleichermaßen weggesperrt und damit dem persönlichen Umfeld als Last „abgenommen“. Seit jeher erprobte Muster im Umgang mit „Verrückten“ sind Tabuisierung, Skandalisierung, Entmenschlichung, – aber auch Versuche der Hinwendung und des verantwortlichen Sorgens. Oder aber: Romantisierung, Überhöhung. Die Formel dafür: „Genie und Wahnsinn“, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Typischer „Fall“: der Komponist Robert Schumann, der einer beliebten Erzählung zufolge zunächst in einem hochromantisch-heroisch geführten Kampf gegen den pedantischen Schwiegervater in spe die Ehe mit der Klaviervirtuosin Clara Wieck errang, um dann nach vierzehnjähriger Traumkünstlerehe vor einer ausbrechenden Geisteskrankheit in einer privaten Heilanstalt Schutz zu suchen, wo er nach zweijähriger Leidenszeit von seinem irdischen Dasein erlöst wurde. Der renomierte Psychiater Uwe Henrik Peters stellte demgegenüber erstmals 2010 die These auf, dass Schumann nicht geisteskrank war, sondern aufgrund einer Fehldiagnose behandelnder Ärzte, und de facto entmündigt von seiner Frau, in die Irrenanstalt eingewiesen wurde, dort letztendlich gegen seinen erklärten Willen festgehalten wurde und sich schließlich, aller Würde beraubt, und um seinem Leiden ein Ende zu setzen, zu Tode hungerte. Als ich vor einigen Wochen, aus einem harmlosen Wiederauffrischungsinteresse am Klavierwerk Schumanns heraus, auf die inzwischen in Buchform vorliegenden Arbeiten Peters stieß, ergriff mich mit zunehmender Lektüre ein Schwindel – ich glaubte, in einen Abgrund zu schauen. Halt erhoffte ich mir von kritischen Rezensionen der Publikationen, seriös wissenschaftlichen Widerlegungen der Thesen Peters seitens der Schumann-Forschung. Was ich fand – vielmehr: nicht fand – ließ mich schaudern. Die „offizielle“ Schumann-Forschung, allen voran der Ehrenvorsitzenden der Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau Gerd Nauhaus, diffamierte entweder Arbeiten und Person U. H. Peters, oder verschwieg sie einfach. Mir wurde schnell klar, dass große Teile der Musikforschung wie auch der musikinteressierten Öffentlichkeit offensichtlich nicht an der Wahrheit, oder dem, was man im Ergebnis historischer Forschung dafür halten mag, interessiert sind, sondern einzig daran, ein tradiertes Schumann-Bild zu schützen. Oder, wie Peters vermutet: der Schumann-Mythos ist offenbar zu stark. Sechzehnjährig hörte ich zum ersten Mal die Kreisleriana Schumanns, in einem Konzert des Pianisten Radu Lupu, der für den erkrankten Alfred Brendel eingesprungen war. Ein musikalisches Erweckungserlebnis, dem viele beglückende Musikerfahrungen im Schumannschen (Klavier)Kosmos folgten. Der Gedanke, sich den Urheber dieser vielen persönlichen Glücksmomente und tiefen Erfahrungen als einen Gedemütigten, Entrechteten, Gequälten und letztlich unter der „Obhut“ eines mit eiskaltem Wasser, Zwangsmedikation und physischer Gewalt behandelnden Arztes zum Tode Verurteilten vorstellen zu müssen – dieser Gedanke hat etwas zu tiefst bestürzendes.

 

 

Robert Schumann Versuch eins

 

Robert Schumann Versuch zwei

 

Robert Schumann Versuch drei

 

„…dabei sprach aber viel Seligkeit aus seinen Augen“: Überschrift des letzten der 18 Davidsbündlertänze, komponiert in der Zeit der heimlichen Verlobung mit Clara Wieck. Schuman schrieb über diese Tänze: „War ich je glücklich am Clavier, so war ich es als ich sie componierte.“ (zitiert nach: Henle Urtextausgabe)

Literatur:

Henrik Uwe Peters: Abgeschoben ins Irrenhaus. In: Deutsches Ärzteblatt  22/2010

ders.: Robert, Clara und Johannes. Schumanns letzte Jahre. 2. Auflage Köln 2013

 

 

P. S. Die Dame von Welt widmet dem Thema Psychiatrie gerade einen empfehlenswerten Artikel anlässlich des hoch problematischen Bayerischen Psychiatriegestzentwurfs.

 

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