Die Welt ohne Gott

März 14, 2018 § 16 Kommentare

 

rund um uns ist überall dunkle materie – bewegt von irrationalen zwangsläufigkeiten. der mensch entstand aus dem schlick und schleim der erde – und was seele genannt wird geht mit dem tod wieder darin ein. es gibt keinen gott und keine götter. selbst wenn es sie gäbe bräuchten sie uns nicht zu kümmern: was nicht berührbar ist vermag uns seinerseits nicht zu berühren.

 

 

 

die eigentliche kunst ist unsicher zu bleiben – fähig zwei einander wiedersprechende ideen gleichzeitig im kopf zu halten: das wissen um die vergeblichkeit jeder anstrengung und den glauben an die notwendigkeit des aufbegehrens.

 

 

 

wir glauben zeit zu erleben: doch ist dies falsch. einjeder erlebt nur momente – momente der erfahrung. schnipp mit den fingern: da ist ein bild – ein augenblick. schnipp sie erneut – und da ist wieder nur ein moment. du denkst zwar dass eines auf das andere folgt doch ist dies illusion: du erinnerst dich bloss im zweiten moment noch an den ersten. diese erinnerung ist jedoch keine erfahrung vergehender zeit: die erinnerung an den ersten moment ist nur teil des erlebens des zweiten. alles was wir erleben – alles was real ist – sind einzelne augenblicke.

 

 

der bauch einer frau ist eine taube welche die flügel an ihrer hüfte schliesst. eine düne wandernd mit dem atem. eine welle die zu ihrem schoss fliesst. ihr nabel das herz der taube. ein kiesel auf dem sandkamm. eine meeresschnecke.

 

 

 

hätte mich der allmächtige zu rate gezogen bevor er sich an die schöpfung machte würde ich ihm etwas einfacheres empfohlen haben. gäbe es gott müsste man ihn absetzen.

 

 

wir gehen auf der grenze zwischen dem augenblick und dem raum: der gelegenheit. wir leben im wissen nicht alles kontrollieren und zerstörerische momente abwenden zu können – im einklang mit dem was uns umgibt: alles wechselwirkt rund um uns ohne rücksicht auf uns zu nehmen.

 

(Alle Zitate sind von Raoul Schrott übersetzte Auszüge aus einem ungedruckten Manuskript, niedergeschrieben um 17oo und aufbewahrt unter dem Titel „Manuale Dell‘ Esistenza Transitoria (De Arte Nihil Credendi)“ in der Bibliotheca Classense. Ich entnehme sie dem wunderbaren Buch:

Raoul Schrott: Die Kunst an nichts zu glauben. Carl Hanser Verlag München 2015

Darin erfahre ich auch, dass es seit dem Mittelalter bis an die Schwelle der Neuzeit eine Tradition „geheimer“, schwer zugänglicher religionskritischer Schriften gab, teils gedruckt, teils handschriftlich vorliegend, teils andernorts nur erwähnt und Gerüchteumrankt, die allesamt Zeugnis atemberaubend unabhängigen Denkens ablegen.)

 

(Die Bilder sind Klecksografien – in Eitempera gebundene Pigmente im Moment ihrer Bildwerdung)

 

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Die Blüte des nackten Körpers

Oktober 3, 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

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wir ziehen uns zurück unter die bäume
die die wege beschatten im park
ich zupfe von der persea ein paar blätter
und fächle mir damit kühlung zu –
und dann schau ich was du anstellst mit mir
die augen gerichtet auf den garten der liebe
die arme voll mit den früchten der persea
ihre sternäpfel an meinen busen gehäuft
und mein haar satt glänzend von balsam

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doch die stimme der schwalbe, sie sang dann:
der morgen ist da! weiß wird das land!
wo gehst du hin?

 

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welch ein glück in der erfüllung dich zu sehen
in deiner kammer, schöner mann –
dein arm um den hals, die hand an meinem busen
deine liebe groß und hart in mir.
in meinem herzen sag ich: fass dich! im bauch jedoch
da bet ich um meinen prinzen heut nacht.
doch mir ist als läg ich bereits in meinem grab
denn du bist das leben, mein heil –
erst deine nähe erweckte mich wieder zum leben:
mein sehnsüchtiges herz stillt sich an dir.

 

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wie wunderbar ist doch der graben
den deine hand öffnete in meinem feld: das wasser floss
während uns der wind kühl über die haut strich;
ah – wie schön war es entlang dieses laufes zu wandeln
meine hand umschlossen von deiner
mein leib satt und zufrieden, das herz fröhlich und froh
nach diesem stück gemeinsam begangenen wegs.

 

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ach könnt ich doch der morgen sein sie zu sehen
in all den stunden ihres lebens –
ich wäre so gesegnet wie ganz zypern, sein kupfer
aus dem man den handspiegel trieb
in dem sie jeden tag aufs neue ihr antlitz betrachtet.

 

Alle Zitate aus: Die Blüte des nackten Körpers. Liebesgedichte aus dem Alten Ägypten. Übertragen von Raoul Schrott. München 2010.

 

 

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