Fünfmarkstück

Dezember 1, 2017 § 2 Kommentare

 

Mein Klavierlehrer am Konservatorium pflegte ein Fünfmarkstück auf meinen Handrücken zu legen. Wenn es herunterrutschte, hatte ich verloren. Er war ein massiger Mann, ein Koloss, aber ohne alles Muskulöse, Stählerne. Seine Konturen flossen dahin wie seine wulstigen Finger, wenn sie über die Tastatur glitten. Spielte ich, lauerte er neben mir und wartete auf den richtigen Moment. Der kam schnell, denn etwas auszusetzen an meinem Spiel gab es immer. Dann setzte er sich mit unvermuteter Behendigkeit auf den Klavierstuhl, auf dem ich gerade noch gesessen zu haben glaubte. Zu behaupten, er habe mich beiseite geschoben hieße, den Kraftaufwand übertrieben darzustellen, dessen der ganze Vorgang, der sich im übrigen im Bruchteil einer Sekunde abspielte, bedurfte. Die stupende Klaviertechnik, die ihm wahrscheinlich von Geburt an zur Verfügung gestanden hatte, beschämte mein hölzernes Gestümper. In unserer Heimatstadt verfügte er über eine ansehnliche Fangemeinde, litt jedoch Zeit seines Lebens unter der Kränkung, dass ihm die Professur an der Musikhochschule der nächst größeren Stadt verweigert wurde. So unternahm er regelmäßig Tourneen in ferne Länder. In Fernostasien galt er wahrscheinlich als der authentische Nachkomme Beethovens und Schumanns. Auch Schallplatten spielte er gelegentlich ein, nicht ohne uns Schülern den Erwerb dieser Platten auf das Dringlichste ans Herz zu legen. Einmal hatte ich bei ihm zuhause Unterricht. Während wir am Klavier saßen – der Flügel durfte zu Unterrichtszwecken keinesfalls mißbraucht werden – huschte im Hintergrund ein federleicht winziges Persönchen auf der Suche nach dem gemeinsamen weißen Hasen durch die Szene. Nachdem ich auf die Hochschule gewechselt hatte, verlor sich der Kontakt. Es blieb eine grundsätzliche Blockade im Spielapparat, die Energie konnte nie fließen. Nachdem ich mich noch eine Weile daran abgearbeitet hatte, gab ich auf. Doch in konzetrischen Kreisen kehrte das Klavierspiel immer wieder zurück. Und über die Jahre, Jahrzehnte mittlerweile, nach Anregungen vielfältigster Art, lockerte sich der Knoten. Heute weiß ich, wie sich Arm, Hand und Finger anfühlen müssen, damit die Energie fließen kann. Und es gelingt mitunter. Dann ist es ein Fest, der Körper im Rausch, fünf Finger buhlen um die Taste, eine nach der anderen formen sie die Phrase, die singend über dem Bass emporsteigt. Und dann spielen die Finger von alleine, ich stehe bewundernd daneben, vergesse darüber fast die Musik… So unterhalten sich Körper und Geist. Wie beim Sport. Wie in der Liebe. Ganz ohne Fünfmarkstück.

 

 

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Radu Lupu

August 24, 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe mir nochmal das Foto vorgenommen, dass neulich als Vorlage für meine kleine Radu-Lupu-Skizze diente. Dieses Mal wurde daraus ein größeres Format, in Farbe. Viel Farbe 🙂

Radu Lupu rot

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