Komponistinnen

Januar 10, 2019 § Ein Kommentar

Der Mann schöpft die Welt, die Frau empfängt und reproduziert. So dachte sich das, auf einer langen Tradition des Patriarchats fußend, die bürgerliche Welt im 19. Jahrhundert. Wie sehr diese Vorstellung noch immer unser Denken bestimmt, zeigt ein schöner Film, den die Pianistin Kyra Steckeweh und der Filmemacher Tim van Beveren  über vier Komponistinnen gedreht haben. Finden Frauen als Ausführende im Konzertbetrieb durchaus statt, fehlen sie als Schöpferinnen, nämlich Komponistinnen, praktisch völlig. Und wie es um den Mut des sogenannten starken Geschlechts bestellt ist, kommt beiläufig im Film zur Sprache. Von allen angefragten Konzertmanagern war nur einer bereit, vor der Kamera ein Statement zu diesem Thema abzugeben. Der Film begleitet die Pianistin Kyra Steckeweh an die historischen Orte von vier ausgewählten Komponistinnen, lädt darüber hinaus dazu ein, die Musik unzähliger Komponistinnen zu entdecken und sich ein eigenes Bild von der Potenz weiblichen Schöpfertums zu machen. Anwesend bei einer Vorführung in der Berliner Urania war auch die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard, die im Film ausführlich zu Wort kommt und mit dem Online-Lexikon MUGI – Musik und Gender im Internet – eine einzigartige Plattform zum Thema geschaffen hat. Den Film lege ich hiermit allen ans Herz.

 

Inspiration

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Neo Rauchs gendersensibler Bückling

November 1, 2017 § 6 Kommentare

 

Eine ausgekochte Formulierung: „gendersensibler Bückling“. Aber der Reihe nach. Im September las ich in der ZEIT ein Interview mit Neo Rauch anlässlich des Todes seines Lehrers und Freundes Arno Rink, seiner Zeit Rektor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Darin erklärt Rauch sinngemäß, dass heutzutage ein sinnenfrohes, die Formen des weiblichen Körpers feierndes, genießerisch freies Leben (den Männern) nicht mehr möglich sei und insbesondere seine Studenten sich vor lauter Angst, etwas falsch zu machen und gegen das „inquisitorische Umfeld“ zu wirken nichts mehr trauten. Statt von weiblichen Körperformen fühlten sich die jungen Männer nur mehr von „Blockseminaren zum gendersensiblen Sprachgebrauch“ angeregt. Nachdem mich die anfängliche Sympathie für einen Maler, den mir erst kürzlich ein formidabler Film nahegebracht hatte, eine Weile durch den Interviewtext trug, wuchs zunehmend ein unterschwelliges Unbehagen. Trotz flotter, scheinbar einleuchtender Formulierungen war da etwas im Argen. Im ganz furchtbar Argen. Ich stieß ein zweites Mal auf dieses Interview, als Alban Nikolai Herbst in seinem immer lesenswerten Arbeitsjournal auf Die Dschungel daraus zitierte (s. hier). Im weiteren Nachdenken erst zeigte sich mir die subtile Infamie der Rauchschen Formulierung. Die sie triggernde Empörung ist wohlfeil zu haben, denn in der Tat treibt ein bestimmtes Bemühen um die richtige Sprache und den richtigen Umgang der Geschlechter miteinander so manche Stilblüte und gebiert so manchen Übereifer. Jedoch: worum geht es denn? Das Projekt, das Verhältnis der Geschlechter nach Jahrhunderten männlich Dominanz auf eine gerechtere Grundlage zu stellen, und des weiteren den Sprachgebrauch von Spuren ebendieser Dominanz zu entrümpeln, ist ein zutiefst aufklärerisches und notwendiges. Man mache sich doch einmal klar, auf welch einem Misthaufen an Privilegien sich Männer Jahrhundertelang durchs Leben fläzten. Dass es jetzt, wo es daran geht, diesen Haufen zu entsorgen, allerorten knirscht, es mitunter gar heult und zähneklappert, kann nicht verwundern. Rauch aber pöbelt nicht, sondern schließt feine Giftpfeile ab. Eine Formulierung wie der „gendersensible Bückling“ ist angewandte Rhetorik und funktioniert nach dem gleichen Muster wie bsw. der Begriff „Verschwörungstheorie“. Instrument ist der Ebenenwechsel; der Gegner wird in eine Ecke gestellt, aus der heraus er nicht mehr argumentationsfähig ist. Also entweder pathologisiert, oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Einen „gendersensiblen Bückling“ betrachtet man im Reagenzglas, oder unter dem Mikroskop. Das desavouiert das Anliegen einer genderbewussten Sprache, gleich ob deren Anhänger aufrecht durchs Leben gehen oder untertänigst (ein Charakterzug, der in allen Milieus vorkommt). Ganz genauso funktioniert übrigens der inzwischen schon wieder aus der Mode gekommene „Russlandversteher“, oder, noch früher, der „Gutmensch“. Nun könnte man Rauchs Angriff als Ausdruck eines typischen Generationenkonflikts deuten, der stets nach dem Muster abläuft, Sitten und Gebräuche der eigenen Jugendzeit zu heroisieren und gegen Verflachung und Verweichlichung der gegenwärtigen Generation abzugrenzen. Aber selbst wenn seine Studentenzeit von Partys und wildem Sex durchdrungen war, so könnte es ja sein, dass sich seine heutigen Studierenden nun mal für ein anderes Leben entschieden haben. Das muss nicht jedem gefallen, aber vor dem historischen Hintergrund, dass (männliche!) Maler in ihren Ateliers ihre Machtposition regelmäßig dazu benutzten, bei den weiblichen Modellen zum Zug zu kommen, irritiert die Unverfrorenheit, mit der Rauch hier den männliche Blick (und Zugriff) auf den weiblichen Körper feiert. Lassen wir Rauch nochmal im ganzen Satz zu Wort kommen: „Heute dominiert der Typus des gendersensiblen Bücklings, der sich nicht ins Leben hineinwagt, weil dort zu viele Gefahren lauern.“ Genau, lieber Rauch, und alle altersgeilen malenden Männer, traut euch hinaus ins Leben und begegnet dort – hoffenlich: starken  -Frauen!*

Und weil auch ich weibliche Formen liebe, keine Scheu habe sie zu malen, keinerlei Druck oder Erwartung verspüre, sie nicht malen zu dürfen, sondern mir lediglich einen auf Respekt, Toleranz und Augenhöhe basierenden Umgang der Geschlechter wünsche, und am liebsten alles dem direkten, persönlichen Umgang einander höflich zugewandter Menschen überließe, hier ein paar Zeichnungen, passend zum Thema:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens ist derzeit im Barberini-Museum in Potsdam ein Bild von Sighard Gille zu sehen, „Die wilde Fete II“ (oder so ähnlich – ich erinnere mich nicht genau), mit einem stocksteif grau traurig thronenden Arno Rink inmitten grell gemalter freizügig gekleideter Frauen und einer sie umschwärmenden Männerschar. Bestimmt ist da auch irgendwo Rauch abgebildet, ich hab ihn aber nicht erkannt…

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