Desdemonas Klagelied

Januar 1, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Am Fuße einer Weide
in Kummer versunken,
lag Isaura verwundet
von grausamer Liebe;
die Luft wiederholte leise
ihre Klage in den Zweigen.

Mit diesen Worten beginnt die Liebesklage der Desdemona im dritten Akt von Rossinis Oper Otello. Obgleich nahezu unbekannt und praktische nie gespielt, gehört diese Arie zum ergreifendsten, was jemals für die Opernbühne komponiert wurde. Von betörender Schönheit, traurig, schlicht und doch so unvergleichlich zu Herzen gehend, einfach in der Melodieführung und harmonisch von außerordentlicher Raffinesse – mit Beginn des fünften Verses jeder Strophe folgt auf den Halbschluss auf der Dominante statt der Tonika die Dominante der parallelen Durtonart, ein Terzverwandter Akkord dies und buchstäblich das Zittern der Zweige im Wind; die seelische Erschütterung findet hier im Naturbild Heimat und Entgrenzung zugleich. Man versteht, warum Rossini als junger Opernkomponist in den Musikmetropolen seiner Zeit sensationelle Erfolge feierte, in kurzer Zeit über 20 Opern auf die Bühne brachte, bevor er sich völlig aus dem Musikleben zurückzog und es sich glatte vier Jahrzehnte gut gehen ließ, u. a. als Liebhaber der Kochkunst. Welch ein Vorbild: die Meisterwerke, die geschaffen werden müsen schaffen, und dann abtreten! Wer aber verfügt heutzutage über die gesanglichen Mittel, diesen Belcanto adäquat zu interpretieren? Unfassbar schön Frederica von Stade in einer Aufnahme von 1976, erschienen bei Philips.* Das trägt weit hinein ins neue Jahr…

 

Rossini

* Frederica von Stade sings Mozart – Rossini opera arias. Rotterdam Philharmonic Orchestra. Edo de Waart

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Makabre Weltschau mit suchenden Kranichen

Februar 18, 2017 § 8 Kommentare

Freies Wlan im ICE – nicht, dass ich’s gebraucht hätte um wie gewohnt die Vorzüge einer gepflegten Bahnfahrt zu genießen. Ist es aber mal da, nehme ich es gern in Anspruch und poste hiermit on the fly from Berlin to Südhesse. Gestern noch einer fulminanten Aufführung von Ligetis Le Grand Macabre in der Philharmonie beigewohnt, dieser sehr aktuell scheinenden Oper über einen im Vollrausch verpassten Weltuntergang. Trotz allen Klamauks am Ende doch Beklemmung über den Zustand einer Welt, in der, um nur einen Aspekt herauszugreifen, Pressekonferenzen des mächtigsten Mannes eben dieser Welt im Format einer Realityshow daherkommen (nebenbei: wir wussten in den achtziger Jahren, als die Einführung des Privatfernsehens in der BRD diskutiert und von der CDU durchgedrückt wurde natürlich schon, welch schlimmen Folgen dies für die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft haben würde, hätten uns d i e s e s Ausmaß aber nicht vorstellen können.) Ligetis Musik hingegen, allzumal auf diesem allerhöchsten Niveau dargeboten – hinreißend. Und so entließen die Singenden (hm… Sängerinnen und Sänger) das Publikum hinaus in die Welt:

 

Fürchtet den Tod nicht, gute Leut‘!
Irgendwann kommt er, doch nicht heut‘!
Und wenn er kommt, dann ist’s soweit…
Lebt wohl so lang in Heiterkeit!

 

 

Kraniche

 

 

 

 

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