Im Kleinen das Große

Oktober 3, 2018 § 8 Kommentare

 

Das Malen der Großmeister in früheren Zeiten war kein einsames Geschäft. Man unterhielt große Werkstätten, beschäftige Personal und unterrichtete Schüler, die bei der Ausführung von Gemälden zur Hand gingen. So auch Rembrandt. Eine Vielzahl an Schülern lernte bei ihm das Handwerk. (Darunter Liebhaber übrigens, die Gefallen am Bildnerischen hatten und sich den „müßigen“ Zeitvertreib leisten konnten.) Unter strenger Begutachtung des Meisters entstanden  Zeichnungen, mittels derer man die Umsetzung der überwiegend biblischen Motive übte sowie Anlage und Komposition eines Bildes studierte. Ein umfangreiches Konvolut solcher Zeichnungen gelangte nach Rembrandts Tod aus seiner Werkstatt auf den Markt. Sämtlich unsigniert, haftete den Blättern, zunehmend verkaufsfördernd, das Etikett „Rembrandt“ an, und sie wurden nach und nach zu begehrten Sammler- und Spekulationsobjekten. Mit Aufkommen einer akademischen Kunstwissenschaft war die Versuchung groß, viele von ihnen dem Meister höchst selbst zuzuschreiben. So listeten die einschlägigen Werkverzeichnisse schließlich viele Zeichnungen auf, bei denen in jüngerer Zeit Zweifel an Rembrandts Urheberschaft aufkamen. Eine spannende Angelegenheit an der Schnittstelle von Kunst, Markt, akademisch inszenierter Fachkompetenz und Publikum. Die kleine, sehr feine Ausstellung Aus Rembrandts Werkstatt gibt derzeit erhellende Einblicke in diese Thematik. Zu sehen im Berliner Kupferstichkabinett. Bemerkenswert, wie die Zunft sich hier ein Stück weit selbst hinterfragt: unter welchen Gesichtspunkten werden Bilder Künstlern zugewiesen, wieviel Zweifel bleiben, wo sind die Grenzen redlichen Forschens. Man sieht also eine Reihe von Zeichnungen von Schülern Rembrandts, die, für den Laien allzumal, irgendwie nach Rembrandt aussehen. Daneben einige wenige als gesichert geltende Originale Rembrandts. Und da lässt sich dann tatsächlich an einer glücklich gewählten Gegenüberstellung erkennen, was den Meister im Idealfall von seinem Schüler unterscheidet: Das Thema der Kreuztragung wimmelt beim Schüler nur so von Details, die akribisch „gepusselt“ zu einer Erzählung auf addiert werden. Die Zeichnung Rembrandts jedoch besticht durch den klaren Aufbau und die Gesamtdynamik der angeordneten Figuren, ohne dass die Details darunter leiden müssten. Und hier entdecke ich immer wieder ein Geheimnis großer Kunst: Im Detail bereits den Blick aufs Ganze. Und das spontan erfassbare Ganze verführt zum Gang hinab noch in die kleinste Detailverästelung. Ich besuchte vor Jahren eine Ausstellung in Dresden. Man hatte alte Meister mit Gegenwartsmalerei kombiniert. Beim Betreten eines der Räume blieb mein Blick sofort an einem Caspar David Friedrich hängen. Eine bezaubernde Landschaft. Und je näher ich kam, desto mehr gab es zu entdecken. Dieses Bild „funktioniert“ aus jeder Entfernung. Ganz anders viele der neueren Bilder. Sie funktionieren als Plakat, aus der Ferne, brechen aber im Nahkampf zusammen – oder umgekehrt.

 

Rembrandt als Paulus

Rembrandt zweifelnd

Rembrandt zweifelnd

 

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Anonym zeichnen

Juli 16, 2018 § 4 Kommentare

Anonym sammeln – das kennt man. Wer von denen, die auf einer dieser surrealen Veranstaltungen für Unsummen Kunst ersteigern, träte denn mit eigenem Namen ins Rampenlicht, anstatt sich hinter bietenden Handlangern zu verstecken? Und wer wäre denn bereit, eine dieser Unsummen für ein Bild auszugeben, dessen Maler unbekannt, womöglich ein No-name ist und auf den (noch) nicht die Scheinwerfer amtlicher Expertise gerichtet sind? Anonym zeichnen aber, dazu ruft das schöne Projekt Anonyme Zeichner von Anke Becker auf und öffnet damit den Blick aufs Wesentliche: das Bild und davor jemand, der es betrachtet und eine Entscheidung für oder gegen den Kauf trifft, ohne Rückhalt einer autorisierenden Instanz. Was gefällt m i r ? Was ist denn m e i n Kriterium für Qualität? Was bin i c h bereit zu wagen, zu investieren? Diese Fragen stellten sich womöglich die Besucher und Besucherinnen der Ausstellungseröffnung vergangenen Freitag, die – so höre ich – ein voller Erfolg war (über 1500 gezählte Besucher*innen!). Mich freut’s aus den besagten Gründen, auch freilich, weil ein Bruchteil der geballten Aufmerksamkeit auf meine kleine dort hängende Zeichnung fiel. Leider konnte ich der Veranstaltung nicht beiwohnen, freue mich aber schon spitzbübisch auf das Kunterbunt all der Zeichnungen, wie sie sich gegenseitig vertragen, beäugen, verdrängen oder einfach nur an einander erfreuen mögen. Bestimmt hat sich mein kleines Blatt mächtig aufgeplustert, um mithalten zu können. Noch zu sehen bis 19. September in der Galerie im Körnerpark in Berlin-Neukölln. Und ab Dienstag auch online auf der Seite des Projekts.

P. S. Obiges Bild hängt nicht in der Ausstellung – die Anonymität sei schließlich noch gewahrt – entstand aber jüngst, wie auch die folgenden Arbeiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Anonyme Zeichner“

Mai 22, 2015 § 2 Kommentare

Da zeichnet und malt man seit Jahren fleißig, findet das ein oder andere Ergebnis  ganz manierlich – und kommt dann doch ganz unverhofft in Schwierigkeiten, wenn eine Zeichnung – nein: d i e Zeichnung ausgewählt werden soll für ein garnicht dilettantisches Projekt. Die Künstlerin Anke Becker wählt seit 2006 jährlich rund 700 Zeichnungen aus, die ohne Nennung der Künstlerin (Frauen lassen sich durch die von Anke Becker gewählte rein männliche Form doch hoffentlich nicht abschrecken)/des Künstlers ausgestellt werden und zu einem Einheitspreis von 200 Euro angeboten werden. Erst wer sich zum Kauf verpflichtet, erfährt, von wem die Zeichnung stammt. Ein vortreffliches Konzept, das den Hype um große Namen radikal in Frage stellt und die Betrachtung und Bewertung von Kunst wieder an das Publikum zurück gibt. Was gefällt m i r ? Welche Kriterien für ein gelungenes Bild lege i c h an? Ist mir m e i n Urteil 200 (oder, sollte sich ein Vertreter der globalen Hochfinanz in die Austellung verirren: 120 Millionen) Euro wert? Als ich davon erfuhr, war klar, dass ich eine Zeichnung einschicke. Aber welche? Letztendlich entschied ich mich dafür, eine neue anzufertigen. Und hier ist sie … nicht. Sie soll ihren Stapellauf natürlich in der Ausstellung bekommen – so es klappt. Stattdessen eine Tänzerin, mit der ich mich zugleich in einen einwöchigen Urlaub verabschiede. Bis dann!

Akt bewegt woeiu6

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