Kunst macht was sie will

Februar 17, 2018 § 36 Kommentare

 

Sie hören gerne Madrigale von Gesualdo, diesem begnadeten Komponisten des Barock? – Vorsicht: der Mann war ein Mörder!

Sie gehen gerne in eine Wagner-Oper? Achtung: Der Komponist war Antisemit!

Sie lieben das völkerverbindende Chorfinale der neunten Symphonie von Beethoven? Bedenken Sie bitte, dass dieser Mensch die Ideale seiner Kunst im Alltag nicht annähernd erreichte, vielmehr seine Verleger regelmäßig über den Tisch zog und den eigenen Neffen erst per Gerichtsbeschluss der Mutter entzog und ihn dann durch erdrückende Bevormundung in den Selbstmordversuch trieb.

Sie lieben die Bilder von Balthus? Wissen aber schon, dass der vermutlich pädophil war und nur malte, um seine perversen Triebe auszuleben!?

Sie interessieren sich für Bilder des Dilettanten? Diesem notorischen Licht-unter-den-Scheffel-Steller, in dessen Keller sich die Leichen wahrscheinlich haushoch stapeln?

Sie haben sich immer gerne einen unterhaltsamen Film von Dieter Wedel angeschaut? Dabei hätten Sie doch schon damals ahnen können, was für ein ———

Ich breche an dieser Stelle ab, denn Sie merken, geneigter Leser, hoffentlich geneigte Leserin, worauf es hinausläuft. Ich spiele an auf die gegenwärtige Sexismus-Debatte, in deren Gefolge immer häufiger die Frage gestellt wird, ob man Kunst von Künstlern, die sich eines Vergehens schuldig gemacht haben, noch rezipieren dürfe. Dabei ist die Sache – für mich – ganz einfach. Die überfällige, notwendige Sexismus-Debatte rührt an die Grundfeste unserer Gesellschaft, indem sie Machtstrukturen und ihre Auswirkungen aufdeckt, insbesondere soweit sie sich auf das Verhältnis der Geschlechter auswirken. Dass dabei das ganze Gebäude, um im Bild zu bleiben, wackelt, manches zu Bruch geht, und sich die Statik neu zurecht ruckeln muss, liegt auf der Hand. Viel Hysterie, auf beiden Seiten, ist im Spiel. (Dass eine Hochschule ein Gedicht, das sie vor zehn Jahren an die Häuserwand hat malen lassen, jetzt übermalen lässt, kann man gut finden oder nicht. Diese Maßnahme als „Zensur“, oder gar die Zerstörung eines Kunstwerkes zu verstehen, halte ich für völlig überzogen. S. z. B. hier.) Für mich ist entscheidend, dass Männer, die gerne junge Frauen im Bademantel unter vier Augen zu einem dienstlichen Termin empfangen, sich nun zweimal überlegen müssen, ob sie das damit verbundene Risiko noch eingehen möchten. Nur mal so als Beispiel. Dass als Preis für diesen Verlust männlicher Dominanzmuster angeblich die Freiheit der Kunst zur Disposition stünde, ist ebenfalls absurd. (siehe z. B. hier ) In einem historischen Kontext betrachtet, war die Freiheit in der Kunst, und die Freiheit des Künstlers noch nie so groß wie heute. Zurück also zu der Frage, ob manche Kunst nun gewissermaßen kontaminiert sei. Punkt eins: alle Kunst, sofern sie nicht gegen geltendes Recht verstößt, muss zugänglich sein. Punkt zwei: ob und wie die Rezeption eines Kunstwerks belastet wird durch die Kenntnis der Biografie des Künstlers, kann nur jeder Rezipient für sich entscheiden. In Israel wurden beispielsweise Opern Wagners lange Zeit nicht aufgeführt (ich weiß nicht, wie da der aktuelle Stand ist). Das wäre den Opfern der Shoa und deren Nachkommen wahrscheinlich auch nicht zuzumuten gewesen. Ich persönlich höre Madrigale Gesualdos und kann vielleicht gewisse Chromatizismen darin auf ein spannungsreiches Leben beziehen, fühle aber keinerlei „moralische“ Verpflichtung, etwa mit Rücksicht auf das damalige Mordopfer, mir den Musikgenuss zu versagen. Das gilt entsprechend für Beethoven und andere Beispiele. Allerdings gibt es auch für mich eine Grenze, die ich niemals überschreiten würde. Mal angenommen, irgendein Provinzmuseum würde von Hitler gemalte Bilder in einer Kunstausstellung wie selbstverständlich neben Bildern anderer Maler präsentieren, so als könne man „einfach so“ mal den Maler Hitler zeigen, so wäre das für mich inakzeptabel. Es gibt folglich Tabus, als ganz große Ausnahme. Ansonsten gilt für mich: Kunst ist Kunst, und Schnaps ist Schnaps.

 

 

P. S. In der Süddeutschen Artikel erschien letzte Woche ein lesenswertes Interview zum Thema mit Heike Makkatsch. Ebenfalls empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang den Blog der Dame von Welt, insbesondere diesen Artikel.

 

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Zensur!

Januar 14, 2018 § 10 Kommentare

Die Süddeutsche Zeitung fordert Zensur. („Das schreit nach Zensur“: Marin Zips in der SZ vom Freitag) In Filmen soll künftig nicht mehr geraucht werden, weil die WHO das fordert und neuerdings auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Soweit ich weiß, ist das Rauchen in Deutschland (noch) erlaubt. Was ja wohl bedeutet, dass jeder erwachsene Mensch selbst entscheiden darf, wie er mit den gesundheitlichen Risiken umgehen möchte. Passt auch irgendwie zu einer freiheitsliebenden Gesellschaftsordnung. Wenn nun aber künftig im Fernsehen ein Mord gezeigt wird, dann ist das weiterhin erlaubt, obwohl das Morden im echten Leben schon ziemlich lange verboten ist. Was der Filmmörder nicht mehr darf, ist, dabei eine Zigarette rauchen – obwohl das, wie gesagt, im echten Leben noch erlaubt ist. Halleluja! Gott schütze unser westliches Abendland. Amen.

 

rosagelb

Dezember 7, 2017 § 6 Kommentare

 

Rosa ist gefährlich. Kein Farbeffekt ist billiger zu haben. Sexualisiertes Fleisch, Biologie, Urschlamm. Noch gefährlicher in Verbindung mit gelb. Jetzt, wo der Maler Balthus mal wieder auf den Prüfstand kommt – eine Online-Petition fordert die Abhängung des im New Yorker Metropolitan Museums hängenden Gemäldes „Therese, träumend“ (s. Artikel „Lolita soll gehen“ in der Süddeutschen von heute) – und die Grenzen zwischen Kunst und Realität, Vorstellen und Handeln neu verhandelt, vielleicht nachjustiert werden, lohnt es sich, neu über all dies nachzudenken. Welche Freiheit hat der Künstler. In welcher Verantwortung steht er. Was darf von Kunst erwartet werden. (Nebenbei: ein Blogger echauffierte sich neulich über eine am Steuer mit dem Handy telefonierende Tatortkommissarin – als hätte sie per se eine Vorbildfunktion, bzw. der Tatort den Auftrag zur Volksbildung)  Und eines scheint mir klar: jede Gesellschaft verhandelt die Grenze zum Unerlaubten, zum Tabu hin aufs neue. Und passiert dies, werden spannende Einblicke in die Grundlagen der menschlichen Existenz möglich.

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