Tasteneskapismus

Mai 16, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Im Silicon-Valley forschen sie am Transhumanismus. Das Leben verlängern, den Tod besiegen gar. Übergang in eine erweiterte Daseinsform, Mensch und Maschine verschmelzen. Übergangsweise schon mal das Gehirn in den Computer hochladen und schauen was sich entwickelt. Ob die, die ihr obszön angehäuftes Geld da rein stecken, selber noch davon profitieren bleibt abzuwarten, Zwischenzeitlich lässt sich der erstmal irgendwann tote Körper aber aufbewahren, um eventuell später reaktiviert und dem dann stattgefunden habenden Fortschritt zugeführt werden zu können. Leider aber Klimakatastrophe, wohl nicht mehr abwendbar. Sitzen auf einem untergehenden Schiff und beschweren uns übers Essen. Meint der desillusionierte Klimaforscher. Noch vorherer aber WM und Aufgebot ohne Sandro Wagner, der noch vor kurzem in Darmstadt im rumpeligen Böllenfaltorstadion kickte. Und dann der George-Kreis. Erlaucht elitäres Intellektuellengeraune aber hinter den Kulissen harter Sex mit jungen, gern auch auf der Straße aufgelesenen Männern. Robert Schumann elendiglich zu Tode gehungert, weil geistig gesund in eine Irrenanstalt weggesperrt. Bleibt so schnell kein Stein auf dem anderen. Dafür das Klavier frisch gestimmt und wieder mehr gespielt und o Wunder die früh internalisierte Handgelenksblockade löst sich und Energien fließen. Kreislauf aus Geist Arm Finger Taste Saite Klang Geist. Auf der Titanic wurde ja auch bis zuletzt gespielt.

 

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Stimmt etwas nicht mit Ihrem Beethoven? …

März 20, 2018 § 4 Kommentare

Eine Tirade

 

… fragte scheinbar arglos Glenn Gould in einem freilich fingierten Interview seinen Gesprächspartner, nachdem Gould diesen auf die zukunftsweisenden Möglichkeiten moderner Studiotechnologie aufmerksam gemacht hatte. Bekanntlich hatte der kanadische Pianist sich in einem frühen Stadium seiner sensationell gestarteten Karriere aus dem Konzertbetrieb vollständig zurück gezogen und tüftelte seitdem nur mehr an Studioaufnahmen von Werken Bachs, Beethovens und anderer. Begeistert von den Möglichkeiten der neuen Technik stellte Gould gesprächsweise sein Konzept einer Tonaufnahme vor, bei der der Hörer zwischen verschiedenen Interpretationen des Werks nach eigenem Gutdünken wählen kann, sogar während des Abspielens in die laufende Interpretation eingreifen könne. Ein von Gould polemisch gesetzter Akzent, der beim Interviewpartner blankes Entsetzen ob der Perspektive auslöste, jeder könne demzufolge nach Belieben seinen „eigenen“ Beethoven kreieren. Der Finger war aber in die Wunde gelegt. Die seit dem 18. / 19. Jahrhundert vorherrschende romantisch-bürgerliche Genieästhetik geht ihrem Ende entgegen. Kurzer Rekurs: Nachdem sich das Bürgertum im Laufe des 19. Jahrhunderts endgültig angeschickt hatte, den Adelsstand als Machttragende Schicht abzulösen, ohne sich freilich im gleichen Zug eines die Macht legitimierenden Gottesgnadentums bedienen zu können, musste ein Gottersatz her, der im Künstler als dem quasi Statthalter des Schöpferischen auf Erden gefunden wurde. Zweite Bürgerpflicht wurde somit neben dem Geldverdienen die Pflege des Kunstbetriebs. Man besuchte Konzerte, kaufte Gemälde und sonnte sich im Glanze der zu Genies erhobenen Künstler. Diese waren nun nicht mehr die jeweils Besten Ihres Fachs, im besten Sinne „Kunsthandwerker“, sondern spielten in einer anderen Liga. Einer, die vom bloß Handwerklichen durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt war. In Arnold Schönbergs berühmtem Diktum von „Kunst“, die nicht von „Können“ komme sondern von „Müssen“, fand diese Vorstellung ihre prototypische Formulierung. (Nebenbemerkung: ich hätte Schönberg darauf geantwortet, wer muss, soll aufs Klo gehen. Denn der Drang, etwas unbedingt tun zu müssen, zeichnet jedwede ernsthaft und mit Leidenschaft vorangetriebene Tätigkeit aus, es äußert sich da kein „Sendungsbewußtsein“. Übrigens hat ja Piero Manzoni diese Interpretation des Schönbergschen Ansatzes mit seiner „Künstlerscheiße in Dosen“ auf mehr unfreiwillig denn freiwillig komische Art umgesetzt) Da aber die Fähigkeit, Genies überhaupt in ihrer Geniehaftigkeit wahrnehmen zu können natürlich nicht eine Sache war, die man dem „Volk“ überlassen konnte, zu der vielmehr ein robustes Elitedenken unbedingt gehörte, galt es fortan, eine „Ernste“ von einer bloß „unterhaltenden“ Kunst, insbesondere Musik, zu scheiden. Undsoweiterundsofort. Ich komme aber zum Punkt. Gegenwärtig wird die Genieästhetik von zwei Seiten in die Zange genommen. Moderne Vernetzungstechnologien mit ihrem urdemokratischen Impetus zersetzen traditionelles Elitedenken. Und eine sich zu ungeahnter Totalitarität aufschwingende Warenfetischisierung durch den global aufgeheizten Kapitalismus reißt jede noch so kommerzfrei gedachte „Genieäußerung“ in den Abgrund schnöden Mammons. Was jetzt kommt, kann nur zur Kunst, die sie einmal war, zurückführen. Es ist das, was ein jeder / eine jede von uns zweckfrei, zum eigenen Vergnügen, vielleicht zum Vergnügen anderer, so gut es eben geht – hoffentlich geht es gut -, selber macht. Und jetzt bin ich wieder bei Beethoven, der bei mir aktuell ein Bach ist. Ich spiele die fis-moll Fuge aus dem Zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers als genau d i e extatische, von drei sich steigernden Fugenthemen befeuerte, sich in die unendlichen Weiten des Tonuniversums hinaussingende Klavierkomposition, die sie für m i c h ist. Und es juckt mich nicht die Bohne, wie Bach sie gespielt hat, oder wie eine historisch informierte Musikpolizei sie gespielt haben möchte, oder wie mein Klavierprof an der Musikhochschule sie mir damals aufzwang. Ich bin frei.

 

 

P. S. Gould nach dem Gedächtnis zitiert. Ich suche noch die Originalstelle.

Zeit für Rituale

Dezember 23, 2017 § 2 Kommentare

 

Streamen Sie einen schönen Song Legen Sie eine schöne Platte auf und machen sich’s im Kreise Ihrer Lieben gemütlich – Weihnachten ist die Zeit der Rituale!

Solomons großartiger Klavierlehrer Lazare Levy empfahl seinen Klavierschülerinnen und -schülern, eine melodische Linie zu spielen als würde man einen Menschen umarmen. Das lässt sich auf alles Tun übertragen. In diesem Sinne –

Frohe Weihnachten!

(Ich kann’s kaum erwarten und entschwinde nun zum Ort des Geschehens, nicht ohne schnell noch die neusten Bilder hochzuladen… )

 

Fünfmarkstück

Dezember 1, 2017 § 2 Kommentare

 

Mein Klavierlehrer am Konservatorium pflegte ein Fünfmarkstück auf meinen Handrücken zu legen. Wenn es herunterrutschte, hatte ich verloren. Er war ein massiger Mann, ein Koloss, aber ohne alles Muskulöse, Stählerne. Seine Konturen flossen dahin wie seine wulstigen Finger, wenn sie über die Tastatur glitten. Spielte ich, lauerte er neben mir und wartete auf den richtigen Moment. Der kam schnell, denn etwas auszusetzen an meinem Spiel gab es immer. Dann setzte er sich mit unvermuteter Behendigkeit auf den Klavierstuhl, auf dem ich gerade noch gesessen zu haben glaubte. Zu behaupten, er habe mich beiseite geschoben hieße, den Kraftaufwand übertrieben darzustellen, dessen der ganze Vorgang, der sich im übrigen im Bruchteil einer Sekunde abspielte, bedurfte. Die stupende Klaviertechnik, die ihm wahrscheinlich von Geburt an zur Verfügung gestanden hatte, beschämte mein hölzernes Gestümper. In unserer Heimatstadt verfügte er über eine ansehnliche Fangemeinde, litt jedoch Zeit seines Lebens unter der Kränkung, dass ihm die Professur an der Musikhochschule der nächst größeren Stadt verweigert wurde. So unternahm er regelmäßig Tourneen in ferne Länder. In Fernostasien galt er wahrscheinlich als der authentische Nachkomme Beethovens und Schumanns. Auch Schallplatten spielte er gelegentlich ein, nicht ohne uns Schülern den Erwerb dieser Platten auf das Dringlichste ans Herz zu legen. Einmal hatte ich bei ihm zuhause Unterricht. Während wir am Klavier saßen – der Flügel durfte zu Unterrichtszwecken keinesfalls mißbraucht werden – huschte im Hintergrund ein federleicht winziges Persönchen auf der Suche nach dem gemeinsamen weißen Hasen durch die Szene. Nachdem ich auf die Hochschule gewechselt hatte, verlor sich der Kontakt. Es blieb eine grundsätzliche Blockade im Spielapparat, die Energie konnte nie fließen. Nachdem ich mich noch eine Weile daran abgearbeitet hatte, gab ich auf. Doch in konzetrischen Kreisen kehrte das Klavierspiel immer wieder zurück. Und über die Jahre, Jahrzehnte mittlerweile, nach Anregungen vielfältigster Art, lockerte sich der Knoten. Heute weiß ich, wie sich Arm, Hand und Finger anfühlen müssen, damit die Energie fließen kann. Und es gelingt mitunter. Dann ist es ein Fest, der Körper im Rausch, fünf Finger buhlen um die Taste, eine nach der anderen formen sie die Phrase, die singend über dem Bass emporsteigt. Und dann spielen die Finger von alleine, ich stehe bewundernd daneben, vergesse darüber fast die Musik… So unterhalten sich Körper und Geist. Wie beim Sport. Wie in der Liebe. Ganz ohne Fünfmarkstück.

 

 

Wo bin ich?

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