Vom Wandern und den glorreichen Siebzigern

Juli 10, 2018 § 4 Kommentare

 

Stets schien mir das Gehen, insbesondere in seiner emphatischen Ausformung als Wandern, die dem Menschen gemäße Fortbewegungsart. Der Körper will Bewegung, aber als Gleichmaß, der Geist sucht Anregung und auch hier in Gleichmaß und Rhythmus eine gelöste Konzentration als Bedingung zu Inspiration und Kreativität. Dabei strebt der Mensch wandernd zwar in die Ferne, doch bleibt er in Maß und Dimension ganz bei sich, beharrlich und – ja, dieses leicht ranzig gewordene Wort: bodenständig. Die Berliner Alte Nationalgalerie hat jetzt Bilder rund um das Thema Wandern zusammengetragen, 19. Jahrhundert und frühe Moderne. Herausragend ein Bild, mittelgroß, fast quadratisch: Ferdinand Hodler: Der Lebensmüde.

Ein alter Mann, quadratisch im Profil in sich zusammengesunken, das Bildformat mehr als ausfüllend, fast auch in den Raum hinein ausgreifend durch die ungemein haptische Präsenz der schorfig aufgetragenen Ölfarbe, bei erloschener Körperspannung doch wuchtig in der schieren Gewalt der Physis eines eindrucksvoll gelebten, „erwanderten“ Lebens. Der Wanderstab lehnt über der Schulter, noch ist nicht klar, ob er weitergegeben wird an die nächste oder übernächste Generation. Dieser alte Mann aber, am Ende seines „Weges“, wird eher verwittern als verwesen und es locker mit dem Stein aufnehmen, auf dem er Platz gefunden hat. Sinnbild einer Körperlichkeit, die als Ausformulierung von Lebenswillen und Geist allem Endlichen trotzt. „I take my leave of mortal flesh“ – mit diesem Vers beendet Boz Burrell die A-Seite von King Crimsons vierter LP Islands von 1971. Und das scheint uns der alte Mann, von Hodler so eindrücklich auf die Leinwand gebannt, zu sagen. Womit zugleich die Rückkopplung zum letzten Post hergestellt ist und angeregt sein soll, sich auch die frühen Siebziger in ihrer unverschämt überschäumenden Vielfalt mal wieder vorzunehmen. Und wie ja überhaupt alles mit allem zusammenhängt…

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Aus vier mach drei. Eine Erregung

Juli 8, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

 

 

Mit 16 spielte ich in einer Schülerband. Wir waren ambitioniert, stolz auf ausschließlich eigene Kompositionen und hoffnungslos überfordert. Das ließen wir unser Publikum spüren. Ich erinnere einen Auftritt im legendären Darmstädter Schlosskeller, als mitten in einer ausgeklügelten Komposition jemand „Wasser!“ brüllte, als brächte ihn unsere Musik an den Rand des Verdurstens. Es waren die Siebziger. Alles war möglich. Die Besetzung bestand aus vier Gitarristen und einem Querflötisten plus gelegentlichen Gesangseinlagen. Das beste an den Proben waren die Pausen, während derer wir ausgiebig Songs unserer Helden King Crimson spielten, erst Epitaph, dann In the Court of the Crimson King, dann wieder Epitaph gefolgt von ITCOTCK und immer so weiter. Das Konzept mit vier Gitarristen war zum Scheitern verurteilt, die Bande löste sich auf – nicht jedoch ohne einen Gig gespielt zu haben an just jenem Ort, an dem nur wenige Jahre zuvor King Crimson herself aufgetreten waren. Das gab dem gescheiterten Vorhaben immerhin den Hauch einer Legitimation. Was aber ist törichter als vier Gitarristen in eine Band zu packen? Die Antwort gibt seit zwei Jahren und kürzlich erneut im Berliner Admiralspalast King Crimson: drei Schlagzeuger in einer Band. Aus dem genialen Musiker und Bandleader Robert Fripp, Mastermind von King Crimson, ist über die Jahre ein Personalpolitiker geworden, der Musiker aus inzwischen drei King-Crimson-Generationen in eine Band presst und sie mit seinem disziplinarischen Totalitarismus zu beschlipsten Marionetten seiner selbst macht. In den Siebzigern spielten auf Schulfesten Schülerbands, zu deren Auftritt ein mindestens fünfminütiges Schlagzeugsolo gehörte wie das Amen in die Kirche. Im Admiralspalast letzten Sonntag dauersolierten drei Schlagzeuger zweieinhalb Stunden lang und zerkloppten King-Crimsonsches Tafelsilber. Da half nur eins: zuhause angekommen die Red auflegen und Starless im Original hören. Zum Heulen schön. Wie immer.

 

 

 

 

 

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