Das unmögliche Ende

November 10, 2018 § 3 Kommentare

Franz Schubert

Franz Schubert

 

 

Das Gegenüber redet und redet, und kommt nicht zum Punkt. Unangenehm. Wer kennt das nicht. Aber es gibt auch das Gegenteil. Sie redet und redet, und es möge nie aufhören. Oder es klingt und tönt und tönt und klingt, und möge nie aufhören. Wann ein Musikstück zu Ende ist, regelte zu allen Zeiten die Konvention. Ein Popsong dauert dreieinhalb Minuten, eine LP zwei mal zwanzig, eine Sonate zwanzig, eine Symphonie dreißig+x, eine Messe eine Stunde oder länger. Undsoweiter. Mit Ausnahmen, natürlich – und Komponisten, die an den Konventionen rüttelten, zu allen Zeiten. Die vorgegebene Form muss aber so gefüllt werden, dass die Konvention nicht als Konvention sichtbar wird, sondern als innere Notwendigkeit. Dafür gibt es wiederum geregelte Abläufe – Intro, Strophe, Refrain, Strophe, Bridge, Refrain, Outro. Oder Sonatenhauptsatzform: Exposition, Durchführung, Reprise. Rondoform etc. Ein erfahrener Hörer weiß also schon mittendrin, wie lang es etwa noch dauern wird. Und dass das Ende unweigerlich kommt. Das Ende? In der Klassik: der Schlussakkord (Ausblenden gab’s noch nicht). Aber wann ist’s der Schlussakkord? Um das Ende auch wirklich zu besiegeln, griffen Komponisten schon mal zu drastischen Mitteln. Beethoven in seiner Fünften z. B. : nicht enden wollende C-Dur-Schlussakkorde. Oder umgingen das Schlussproblem. John Cages Spielanweisung für seine Komposition „Organ2/ASLSP“ lautet „so langsam wie möglich“, was die Wahrscheinlichkeit, den Schlussakkord überhaupt zu erreichen, irgendwie minimiert. (In Halberstadt haben sie übrigens schonmal angefangen mit einer auf  639 Jahre Dauer angelegten Aufführung des Stücks)

Und nun Schubert. Seine „Längen“, seit Robert Schumanns Schubert-Artikel „himmlisch“ genannt, sind sprichwörtlich. Die Angst vor dem Ende, denke ich. Und man hört ja gerne zu, oder spielt, was aber schon anstrengender ist als Hören, weswegen z. B. viele Pianisten die von Schubert geforderte Wiederholung bestimmter Abschnitte einfach weglassen (und das dann raffiniert begründen, s. Brendel über Schuberts späte B-Dur-Sonate).

In seiner späten, im letzten Lebensjahr komponierten Klaviersonate A-Dur D.959 gelingt Schubert ein Schluss, der gegen das „Schlusssein“ an sich rebelliert und meines Wissens einzigartig ist in der Musikgeschichte. Denn nur weil alles Klingende irgendwann verklingt, alles physische endlich ist, muss ja die Idee dahinter nicht gleich mit enden. Die Schlusstakte der A-Dur-Sonate greifen zwar die Anfangsakkorde des ersten Satzes auf, schließen einen Kreis, wenn man so will, schießen die Musik aber zugleich zentrifugal in den Orbit, auf eine Reise ohne Ende. Dies war zum Zeitpunkt der Komposition höchstwahrscheinlich auch Schuberts Situation. Die Syphilis war soweit fortgeschritten, dass er jederzeit mit dem Ende rechnen musste. Aber das Ende ist nur Übergang. Jenseits christlicher Heilserwartung. Was also macht Schubert? Der letzte Akkord bestätigt der Konvention nach die Grundtonart (Tonika). Vorausgeht zwangsläufig die fünfte Stufe (Dominante), deren Terz als sogenannter Leitton zwingend zum Grundton führt. Nur dieser Leitton kann die Tonart eindeutig bestimmen. Und genau diesen verweigert der Komponist am Ende, vertieft ihn um einen Halbton (g statt gis) und verbiegt die Tonika damit zur Wechseldominante, nämlich zur Dominante einer neuen Tonart. Mit dieser neuen Tonart lebt die Sonate weiter, ohne weiter zu klingen. So wie Schubert mit seinem Werk weiterlebt, ohne noch physisch anwesend zu sein.

 

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Klecksografische Miniaturen und zwei Webografien

Mai 6, 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Zufall spricht man wohl, wenn alle denkbaren Varianten eines bevorstehenden Ereignisses mit gleich großer Wahrscheinlichkeit eintreffen können. So gesehen bleibt der reine Zufall wohl ein theoretisches Konstrukt, in der Praxis nie zu erreichen, denn wie wollte man sicher stellen, dass nicht manche Einflussfaktoren stärker wirken als andere? Und selbst angenommen, ein Schöpfer wollte nur seine eigene willentliche Einflussnahme völlig unterbinden – wie könnte er sicher stellen, dass nicht doch über unbewusste Kanäle sein unbändiges Ego wirkte? John Cage, längst verstorbener  Avantgardekomponist und Pilzforscher ersann aberwitzige Konstruktionen, um sein künstlerisches Ego beim Schaffensprozess außen vor zu lassen. Eine seiner Komposintionen sieht vor, dass bei Radiogeräten bestimmte vordefinierte Frequenzen eingestellt werden, so dass die jeweils zum Zeitpunkt der Aufführung zufällig gesendeten Beiträge im Zusammenklang das Werk ergeben. Für die folgenden, vom Zufall fein gesponnenen Gewebe ließ sich mein gestalterisches Wollen nicht in diesem Maße zurückdrängen, sind doch bereits die Auswahl von Bildträger und Farbmaterial sowie das genaue Prozedere beim Herstellen der Farbverläufe von mir vorgegeben. Bleibt immerhin die diebische Freude darüber, die mühsame Detailarbeit ganz dem Zufall – was auch immer das sein mag – überlassen zu können:

 

Klecksografische Miniatur askjr

 

Klecksografische Miniatur oiru

 

Klecksografische Miniatur ckjs

 

Klecksografische Miniatur xlku

 

Klecksografische Miniatur lrkjjpg

 

Klecksografische Miniatur xlkjg

Und hier präsentiere ich der geneigten Leserschaft in aller gebotenen Bescheidenheit die ersten Erzeugnisse einer neuen bildgebenden Technik. In Anlehnung an den großen Man Ray – der seine Zufallsbelichtungen auf Fotopapier Rayografie taufte – nenne ich sie Webografie. Als doppelt abgesichtert darf der Rekurs zu Man Ray gelten: aufgrund der Ähnlichkeit des Verfahrens, dann aber auch quasi Familienhistorisch-Anektdotisch: Im Nachlass meines jüngst verstorbenen Onkels fand sich ein Kunstband zu Man Ray. Darin ein ausgeschnittener Zeitungsartikel über eine Fotografin, die Ray in seinem Pariser Atelier aufgesucht hatte, um von ihm zu lernen. Im Text findet eine Couch Erwähnung, auf der sitzend Man Ray die Fotografin portraitiert habe. Dazu am Rand des Artikels das handschiftliche Notat meines Onkels: „Sommer 1963 saß ich mit Schubert und … auf dieser Couch!“ Über das Verfahren zur Herstellung einer Webografie hier nur so viel: Eitempera und unbelichtetes Fotopapier werden dem freien Spiel der Licht-und Kräfteverhältnise überlassen.

 

Webografie ose

 

Webografie sdlkj

 

 

 

 

 

 

 

Das sich selbst malende Bild (wenn Dilettanten nicht weiter wissen…) Zugleich: Annäherung an Abstraktion Teil II

Juli 31, 2013 § 4 Kommentare

Normalerweise male ich einfach so vor mich hin (das beruhigt die Nerven und hebt das Gemüt). Nun ergab sich aber neulich die Anfrage für ein Bild. Aus Gründen, die das Private zu sehr streifen als dass sie hier ausgeführt werden könnten, wollte ich mich dieser Anfrage nicht entziehen. Ein abstraktes Bild. Ich malte los, und schon nach mehreren missratenen Versuchen hatte ich mich in die schönste Blockade hinein gemalt. Was nun? Ich betrachtete die verfahrene Situation – an Aufgeben war in gar keinem Fall zu denken – und stellte mir diese Szene vor: linker Hand, auf dem Maltisch, eine Reihe Gläser mit frisch angerührten Farben, rechts die Leinwand (die muss es für diesen Zweck schon sein). Wie kommen die Farben nun auf die Leinwand, von links nach rechts? Üblicherweise nimmt der Maler den Pinsel in die Hand und waltet seines Amtes als Medium zwischen Farbe und Leinwand. Das hatte aber in meinem Fall schnurstracks in die Blockade geführt. Entfällt also. Zweite Möglichkeit: Ich mach’s wie unser überaus sympathischer, leider schon verstorbene Komponist und Philosoph John Cage und befrage das I-Ging. Mangels Affinität zu fernöstlichen Lebenspraktiken entfällt aber auch diese Möglichkeit. Dritte Möglichkeit: Mir fiel mein Vater ein, der Ingenieur, Bastler und unermüdlicher Zeichner von Konstruktionsplänen war. Das brachte mich auf den Gedanken einer Versuchsanordnung. Durch gezielte Verkettung (hoffentlich) glücklicher Umstände malt sich das Bild selber. Hier der Plan:

Versuchsanordnung abstraktes Bild

(Die vierte Möglichkeit, nämlich mit netten Leuten auf’s Land ziehen und dort im Einklang mit Wind und Wetter malen, hebe ich mir für später auf.)

So weit die Theorie. Ob das Bild am Ende taugt? Hm. Eher wohl würde eine Holstein’sche Deern in den Lichterfelder Landadel aufsteigen. Schau’n wir mal…

Wo bin ich?

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