Bezaubernder Abend im Horenstein

September 4, 2018 § 2 Kommentare

Mahler Sechste

 

Die Welt dreht sich immer weiter, und man erhascht nur Schnipsel vom Ganzen, hier und da fallen Brosamen auf den Tisch, sei er nun gedeckt oder nicht, der Brosamen wohlschmeckend oder detestabel, die Tischgesellschaft kommod oder zum Naserümpfen. Und manchmal landet da ein Juwel, man weiß nicht wieso und warum. So letzten Samstag. Saß ich da mit dem Weltklasse-Pianisten Alexander Melnikov in einem Raum so klein wie ein – ja, Schallplattenladen. Denn in einem solchen fand die überaus intime Festveranstaltung statt, deren Anlass freilich ein trauriger war, nämlich die Immobilienspekulationsbedingt bevorstehende Schließung des Klassikschallplattenladens Horenstein in der Fechnerstraße zu Berlin. Gefeiert wurde aber doch, schließlich galt es die Leistung des Ladeninhabers Wolf Zube und sein über zehnjähriges Wirken inmitten seiner immensen Sammlung hochkarätiger Klassikaufnahmen zu würdigen. Melnikov, der noch am Vorabend die Berliner Festwochen im Kammermusiksaal der Philharmonie eröffnet hatte, gestaltete also zusammen mit dem Pianisten Alexei Lubimov und dem Geiger Stefano Mollo den musikalischen Teil des Abends. Mitgebracht hatte er seinen Erard-Flügel, der gefühlt bereits die Hälfte des Raumes einnahm und durch seinen silbrig-satten Ton bezauberte. Anschließend wurde gefachsimpelt bei Wein und Gebäck. Großen Dank an den Klassikvinylgroßmeister Wolf Zube für diesen wunderbaren Abend.

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Solomon

Dezember 20, 2017 § 6 Kommentare

 

Hatten wir schon über Solomon gesprochen? Herr Z. wählte seine Worte mit Bedacht. Mein Anliegen, anhand historischer Tondokumente die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten pianistischer Kunstentfaltung auszuloten war in Horensteins Klassikschallplattenladen bereits auf fruchtbaren Boden gefallen. Schätze wie Moriz Rosenthal, Alfred Cortot, Grant Johannesen, Charles Rosen waren gehoben, und beim diesmaligen Besuch ging es eigentlich um ein paar gesangliche Lockerungsübungen für zwischendurch. Die Frage freilich ließ aufhorchen. Mir war der Name nicht unbekannt, und es bedurfte kaum des dezent nachgeschobenen Hinweises, Charles Rosen, mein derzeitiger Referenzpianist und -musiktheoretiker, habe Solomon stets in den höchsten Tönen gepriesen. Eine Stunde später – Herr Z. hatte dezentissimo! mit profunder Expertise zu allen besprochenen Aufnahmen das nötige Hintergrundwissen beigesteuert und nicht nur en passent Kurzbiografien involvierter InterpretInnen eingeflochten, sondern verantwortliche Tonmeister genannt (meinen erstaunten Einwurf: Sie kennen ja nicht nur die Werke und ihre Interpreten sondern überdies die Tonmeister der Aufnahmen – dämpfte er mit einem bescheidenen „Nur die besseren“) – eine Stunde später also verließ ich den Laden mit einem Stapel Platten unterm Arm, darunter die Achtfachbox Solomon.

Was aber macht den Unterschied aus zwischen einem Solomon und einem x-beliebigen Pianisten, zwischen einem Giganten und den Heerscharen emsiger Tastenstreichler? Es ist im Grunde ganz einfach. Solomon nimmt den Hörer mit auf eine Reise, und der Hörer folgt ihm staunend wohin auch immer er sich wendet. Es ist der Unterschied, ob jemand Noten spielt oder eine Geschichte erzählt. Ich denke an die phänomenale Lesung von Matthias Brandt, der ich neulich beiwohnte. Auch hier ist der Zusammenhang, das gestaltete Ganze, die Linie, der Spannungsbogen, darin aber auch das überraschende Detail: alles. Niemals geht es um eine Oberfläche, stets um den aus der Tiefe an die Oberfläche dringende Sinn. Dafür freilich braucht’s musikalische Intelligenz, Empfindungsvermögen, radikalen Gestaltungswillen gepaart mit der Ablehnung jeglichen Effekts. Oder wie William S. Mann in Grove music online so schön formuliert: „…the essential Solomon was an evocative poet, …who could weave such a spell with his fingers that time seemed to be suspended and a legato line be sustained long after one note had died away and before the next one was miraculously matched with it.“

Solomons fulminante Karriere endete 1956 jäh infolge eines Schlaganfalls.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sechs bildnerische Annäherungen

 

Ein paar notwendige Gedanken zur Tempoanarchie heutiger Klassikmusizierpraxis

November 17, 2017 § 2 Kommentare


 

Musik ist in der Zeit. Das Bild steht über der Zeit. Um aber durchdrungen zu werden, benötigt das Bild Zeit. Zeit, die es dem Betrachter gewährt. Der Musik gibt man Zeit, anders kann sie nicht erklingen. Ist das Stück aber verklungen, rundet es sich zum Klang-Bild, es steht außerhalb der Zeit, weil es als Ganzes nachwirkt. Zuvor aber muss die musikalische Zeit durchschritten werden, und damit sie eine fassliche Qualität bekommen kann, gibt es Puls, Takt und Rhythmus. Wo der Puls ein straffes Regiment führt, kann sich der Rhyrhmus nach allen Richtungen entfalten, dem Puls sogar davon eilen, oder trödeln. Daraus zieht der Jazz sein wichtigstes Ausdrucksmittel, den „Swing“. In der Popmusik führt der Puls ein autoritäres Regime. Rhythmisches Leben ist nur innerhalb seiner Grenzen möglich. Im Techno versetzt ein gnadenlos maschinenhafter Puls den Hörer in Trance, das Repetitive des Pulses bricht jedes Gefühl für Zeit auf, es ist der Trip Richting Selbstaufgabe. In der Klassik aber herrscht Anarchie. Jedenfalls heutzutage, wo die meisten Interpreten, insbesondere solistischer Literatur, mit dem Puls machen, was sie wollen. Sie zerstören den gemessen Zeitfluss und damit jedes Gefühl für Syntax, weil sie von Schönklang zu Schönklang durch einen bräunlichen Morast aus Tempo rubato waten. Tempo rubato ist die „gestohlene Zeit“, ein jahrhunderte altes Ausdrucksmittel in der abendländischen Kunstmusik. Die ethische Dimension des terminus technicus deutet schon die potentielle Gefährlichkeit des Unterfangens an. Stehle ich nämlich andauernd, verliere ich jegliches Maß für das richtige Tun. Und auch wenn ich die „gestohlene“ Zeit immer wieder zurückgeben, indem ich nach dem Abbremsen wild beschleunige, so verletze ich doch das Recht der Musik auf Entfaltung in einer „geordneten“ Zeit auf das empfindlichste. Ein Pianist, der schon in den ersten Takten einen jeden neuen Akkord durch Verzögern mit Pseudobedeutung aufpumpt, verhält sich wie eine Wandergesellschaft, die zu einer 20km-Wanderung aufbricht und schon nach wenigen Metern vom Weg ab in den Morast gerät, um mit jedem Schritt nur tiefer in den Sumpf zu sinken und darüber das Ziel aus den Augen zu verlieren. Eine Wanderung aber wird geplant, mit Etappen, Pausen etc. und bildet einen wohlkomponierten und erlebbaren großen Spannungsbogen. Wie bei einer Sonate, wo jeder Satz, jede Phrase, jeder Ton auf das Ende hin gedacht wird. Selbst das ganze Stück, wenn es zuende ist, gliedert sich ein in einen wieder größeren (Lebens)zusammenhang und wird weiter gedacht und immer so fort. Und nun passiert das Wunderbare. Gerade weil ich die Linie von Ton zu Ton fortspinne, die Kantilene über den gemessenen Schrittes laufenden Puls zur Entfaltung bringe, oder im atemlosen Presto mich vom Staccato des Sprinters treiben lasse, und alle Temponuancen dazwischen zu ihrem Recht kommen lasse – gerade weil ich der Regelmäßigkeit des Pulses folge hebe ich letztendlich die Zeit, das Zeitliche, auf und stelle einen Klangstrom in den Raum, dessen Angang und Ende nur scheinbar aufeinander folgen, weil sie in Wahrheit die zwei Seiten eines aus Spannung geborenen Energiezustandes sind. Und jetzt komme ich zum Kern des ganzen: ich habe bei Horenstein, einem auf Klassik spezialisierten Berliner Second-hand Schallplattenladen historische Klavieraufnahmen entdeckt. Moriz Rosenthal, ein fest im 19. Jahrhundert verwurzelter, in Lemberg geborener, hoch gebildeter und erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika gestorbener Klaviervirtuose, Enkelschüler Chopins und Schüler Liszts, bringt die Zeit buchstäblich zum Klingen und weist alles in die Schranken, was heute Rang und Namen hat. [Achtung: Behauptung! Natürlich habe ich nur wenige Pianisten der Jetztzeit gehört, und vielleicht gibt es die Rosenthals auch heute, aber ich kenne sie nicht] Oder: Benno Moiseiwitsch, ein in England heimisch gewordener Russe, dessen Aufnahme der f-moll Ballade von Chopin mich zu Tränen rührt. Auch diese Herren (ich hoffe, es gesellen sich noch ein paar Damen dazu!) setzen das Tempo rubato ein. Aber wie zart, wie delikat! Und wirklich als ganz besonderes Ausdrucksmittel und in der Regel ohnehin in der gebundenen Form, wo sich nämlich die rechte Hand frei über die strikt fortschreitenden linke erhebt. Dank an den liegenswürdigen Herrn aus dem Plattenladen Horenstein Fechnerstraße 3 in Berlin-Wilmersdorf – da ist noch viel zu entdecken!

 

 

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