Die „Tragische“ auf dem Sopha. Erinnerungen an meine Zeit mit Gustav Mahler

Juli 30, 2018 § 2 Kommentare

 

Als Pennäler entdeckte ich die Musik Gustav Mahlers. Ich verdunkelte das Zimmer und legte mich zu den Klängen seiner Sechsten – er hatte sie seine „Tragische“ genannt – aufs Sopha. Ich zog sie mir rein, wie andere sich einen Joint reinzogen. In ihrer düster lärmenden, polternd brachial aber auch zart betörenden Theatralik entsprach sie exakt meinem damaligem Lebensgefühl, und wie ich in jenen Jahren als andauernd hoffnungslos verliebter Trottel vor keiner Peinlichkeit zurück schreckte, so war sich auch die Mahlersche Musik für keine Trivialität zu schade. Der Mann hatte um die Jahrhundertwende die schönste Frau Wiens errungen und mit einer Selbstverständlichkeit seinen Bedürfnissen gefügig gemacht, für die sie sich, schon während er noch lebte, um so mehr aber nach seinem Tod, an den vorzeigbarsten Köpfen der Österreichischen Künstlerszene durch fortwährende Liebeswirren rächte.

Aber was könnte betörender sein, als die Hölle frei Haus serviert zu bekommen, ins abgedunkelte Zimmer eines mit sich und der Welt hadernden Jünglings? In ihren gnadenlos auskomponierten Katastrophen und all dem Hammerschlagenden Fatalismus ist die Musik doch so schön, dass es schmerzt. Täler, Höhen, Aufschwünge, Abstürze. Plateau. Höhepunkt. Konvulsion. Entladung. Orgasmus. Wenn sich im dramatischen Aufschwung am Schluss des langsamen Satzes unter dem anschwellenden Beben der großen Trommel und anhaltendem Gebimmel der Kuhglocken der Dominantseptakkord auf H in die Es-Dur-Tonika hinein entläd und alle aufgestaute Energie im Quintfallsequenzthema verströmt, – c-g-as-d-g-c-f-b –  dann hört man, was Alma Schindler, die frisch errungene aber noch nicht geehelichte schönste Frau Wiens ihrem Tagebuch anvertraute – … Er brachte mich zum Sopha, legte mich liebreich hin und schwang sich über mich … Wonne und Glück … Wonne über Wonne …*

So ist die „Tragische“ nicht nur tragisch, weil sie das notwendige Scheitern der menschlichen Existenz thematisiert, sondern weil sie auskomponiert, wie die höchste Lust im Orgasmus als der Initialzündung neuen Lebens zugleich die Trauer über deren Endlichkeit gebiert.

 

* Alma Mahler-Werfel: Tagebuch-Suiten 1898 – 1902, S. Fischer Verlag, S. 751

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August 30, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 

 

Bergsilhouetten – immer gleich, und doch immer anders. Drei Tage noch, dann ist Schluss mit Kuhglockengebimmel und Lärchenwaldduft. Für Gustav Mahler war die Kuhglocke das letzte Zeichen der Zivilisation beim Hinaufsteigen in die höheren Bergregionen. Er fügte sie in das Instrumentarium Spätromantischer Symphonik ein, als Symbol für Einsamkeit und Entrückung. Daran muss ich dieser Tage immer denken, und beneide ein wenig Mahler, der lange vor Ausbreitung des alpinen Massentourismus auf die Berge stieg.

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