Studie

Februar 17, 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

 

 

 

Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Pianistinnen auf die Hände zu schauen (Nebenbemerkung: Pianisten gleichermaßen. Erwähne ich normalerweise nicht, weil ich die Männer grundsätzlich einschließe. Hier aber nun doch, weil in der vermeindlichen Betonung des weiblichen Geschlechts ja die Kernaussage des Satzes stecken könnte. Könnte – wohlgemerkt. Tut sie aber nicht, denn für das, worum es mir geht, spielt das Geschlecht keine Rolle) Ist es ohnehin schön, Hände bei einer Verrichtung zu beobachten, so erst recht, wenn Musik dabei heraus kommt. Die Augen hören nämlich mit, und wo das pianistisch Zweckdienliche sich mit dem ästhetisch Anspruchsvollen verbindet, versteht man die Musik gleich noch einmal so gut. Glenn Gould wirkte hier vorbildlich, indem er, wann immer möglich, eine gerade „freie“ Hand für das Dirigat nutzte. Dirigat der Seele gewissermaßen, denn kein weiterer Musiker war anzuleiten, wohl aber jede Faser seiner Musikerseele. Obige Studie zeigt die Hände Swatoslaw Richters. Die linke wird in einer elegischen Geste aus den Tasten gezogen, den zuletzt gespielten Ton weitertragend und damit einer höheren Instanz überantwortend. Der Instanz nämlich, aus der alle Musik kommt, und in die hinein sie wieder geht.

Augen auf beim Musikgenuss

Januar 31, 2019 § 6 Kommentare

Musik ist Klang. Klar. ——- Aber nein! Musik ist viel mehr: Bewegung, Sehen, Spüren, Augenweide…

Bei Rockkonzerten ist die Show Teil des Ganzen. Selbst bei den Shoegazern, wo sich alle Bewegung im großen Zeh akkumuliert. Aber die abendländische sog. Kunstmusik, die „Klassik“ hat seit dem 19. Jahrhundert Musik auf Klang reduziert. Im Grunde sogar auf die Essenz einer Komposition, eines „Werks“, vollständig rezipierbar als Text im Studium der Partitur. Maßgeblich daran beteiligt war Eduard Hanslick, der Marcel Reich-Ranicki der Musik des 19. Jahrhunderts. Er erklärte Musik zum „Spiel tönend bewegter Formen“ und reinigte sie von allem vermeidlich außermusikalischen Ballast. Davor war Musik stets Ereignis, gesellschaftlich eingebunden am Hof, im bürgerlichen Heim, im Salon, in der Kirche, auf der Straße. Sie existierte als Funktion für alles mögliche, und dass sie zu Hören war, war nur Teil einer Einheit aus Zeigen, Sehen, Spüren (der Sound der voll registrierten Orgel, da flatterten den Schäfchen die Hosenbeine). Unzählige Maler hatten kein Problem damit, Musik, nämlich das Musizieren, zu verbildlichen. Aber die Idee des autonomen Musikwerkes machte dem den Garaus. Zwar setzen sich Besucher eines Klavierkonzertes auch gerne mal so, dass sie der Pianistin auf die Finger schauen können, doch gilt unter Puristen das Dogma eines reinen Konzertgenusses, bei dem alle Optik bloß störendes, weil ablenkendes Beiwerk ist. Ausnahme vielleicht der Dirigentenstarkult, den Karajan meisterlich beherrschte. Aber ich erinnere mich an einen seiner letzten Auftritte in der Berliner Philharmonie, er musste am Pultgerüst angeschnallt werden um nicht als etwaiger Begründer des Stagedivings in die Klassikgeschichte einzugehen (hat inzwischen Chilly Gonzales erledigt). Nein, man erfreue sich an der Performance eines Glenn Goulds, der sein eigenes Spiel dirigierte und den Klang von unter dem Flügel hervor zauberte. Wie sich einer bewegt beim Musikmachen, das ist nicht nur Ausdruck körperlicher Geburtswehen, es macht Musik erlebbar jenseits aller Schallwellen. Das Klassikkonzert der Zukunft – Musikmanager hergehört! – findet im Club statt, und alle tanzen. Hugh.

 

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P. S. Die Idee zu diesem Beitrag verdanke ich einem Aufsatz von Nicholas Cook: Klang sehen, Körper hören. Glenn Gould spielt Weberns Variationen für Klavier. In: Musik und Geste: Theorien, Ansätze, Perspektiven. Herausgegeben von Katrin Eggers und Christian Grüny. Paderborn 2018. S. 71ff.

Erste Sätze (II)

Dezember 13, 2018 § 2 Kommentare

Eintritt ins Wirtshaus

Auch Glenn Gould, unser Freund und der wichtigste Klaviervirtuose des Jahrhunderts, ist nur einundfünfzig geworden, dachte ich beim Eintreten in das Gasthaus.

(Thomas Bernhard, Der Untergeher)

Stimmt etwas nicht mit Ihrem Beethoven? …

März 20, 2018 § 4 Kommentare

Eine Tirade

 

… fragte scheinbar arglos Glenn Gould in einem freilich fingierten Interview seinen Gesprächspartner, nachdem Gould diesen auf die zukunftsweisenden Möglichkeiten moderner Studiotechnologie aufmerksam gemacht hatte. Bekanntlich hatte der kanadische Pianist sich in einem frühen Stadium seiner sensationell gestarteten Karriere aus dem Konzertbetrieb vollständig zurück gezogen und tüftelte seitdem nur mehr an Studioaufnahmen von Werken Bachs, Beethovens und anderer. Begeistert von den Möglichkeiten der neuen Technik stellte Gould gesprächsweise sein Konzept einer Tonaufnahme vor, bei der der Hörer zwischen verschiedenen Interpretationen des Werks nach eigenem Gutdünken wählen kann, sogar während des Abspielens in die laufende Interpretation eingreifen könne. Ein von Gould polemisch gesetzter Akzent, der beim Interviewpartner blankes Entsetzen ob der Perspektive auslöste, jeder könne demzufolge nach Belieben seinen „eigenen“ Beethoven kreieren. Der Finger war aber in die Wunde gelegt. Die seit dem 18. / 19. Jahrhundert vorherrschende romantisch-bürgerliche Genieästhetik geht ihrem Ende entgegen. Kurzer Rekurs: Nachdem sich das Bürgertum im Laufe des 19. Jahrhunderts endgültig angeschickt hatte, den Adelsstand als Machttragende Schicht abzulösen, ohne sich freilich im gleichen Zug eines die Macht legitimierenden Gottesgnadentums bedienen zu können, musste ein Gottersatz her, der im Künstler als dem quasi Statthalter des Schöpferischen auf Erden gefunden wurde. Zweite Bürgerpflicht wurde somit neben dem Geldverdienen die Pflege des Kunstbetriebs. Man besuchte Konzerte, kaufte Gemälde und sonnte sich im Glanze der zu Genies erhobenen Künstler. Diese waren nun nicht mehr die jeweils Besten Ihres Fachs, im besten Sinne „Kunsthandwerker“, sondern spielten in einer anderen Liga. Einer, die vom bloß Handwerklichen durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt war. In Arnold Schönbergs berühmtem Diktum von „Kunst“, die nicht von „Können“ komme sondern von „Müssen“, fand diese Vorstellung ihre prototypische Formulierung. (Nebenbemerkung: ich hätte Schönberg darauf geantwortet, wer muss, soll aufs Klo gehen. Denn der Drang, etwas unbedingt tun zu müssen, zeichnet jedwede ernsthaft und mit Leidenschaft vorangetriebene Tätigkeit aus, es äußert sich da kein „Sendungsbewußtsein“. Übrigens hat ja Piero Manzoni diese Interpretation des Schönbergschen Ansatzes mit seiner „Künstlerscheiße in Dosen“ auf mehr unfreiwillig denn freiwillig komische Art umgesetzt) Da aber die Fähigkeit, Genies überhaupt in ihrer Geniehaftigkeit wahrnehmen zu können natürlich nicht eine Sache war, die man dem „Volk“ überlassen konnte, zu der vielmehr ein robustes Elitedenken unbedingt gehörte, galt es fortan, eine „Ernste“ von einer bloß „unterhaltenden“ Kunst, insbesondere Musik, zu scheiden. Undsoweiterundsofort. Ich komme aber zum Punkt. Gegenwärtig wird die Genieästhetik von zwei Seiten in die Zange genommen. Moderne Vernetzungstechnologien mit ihrem urdemokratischen Impetus zersetzen traditionelles Elitedenken. Und eine sich zu ungeahnter Totalitarität aufschwingende Warenfetischisierung durch den global aufgeheizten Kapitalismus reißt jede noch so kommerzfrei gedachte „Genieäußerung“ in den Abgrund schnöden Mammons. Was jetzt kommt, kann nur zur Kunst, die sie einmal war, zurückführen. Es ist das, was ein jeder / eine jede von uns zweckfrei, zum eigenen Vergnügen, vielleicht zum Vergnügen anderer, so gut es eben geht – hoffentlich geht es gut -, selber macht. Und jetzt bin ich wieder bei Beethoven, der bei mir aktuell ein Bach ist. Ich spiele die fis-moll Fuge aus dem Zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers als genau d i e extatische, von drei sich steigernden Fugenthemen befeuerte, sich in die unendlichen Weiten des Tonuniversums hinaussingende Klavierkomposition, die sie für m i c h ist. Und es juckt mich nicht die Bohne, wie Bach sie gespielt hat, oder wie eine historisch informierte Musikpolizei sie gespielt haben möchte, oder wie mein Klavierprof an der Musikhochschule sie mir damals aufzwang. Ich bin frei.

 

 

P. S. Gould nach dem Gedächtnis zitiert. Ich suche noch die Originalstelle.

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