November 3, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn ich neulich keine Zeit für das sehr lesenswerte Buch von Weltzien fand, so nahm ich sie mir jetzt einfach. Es bietet nämlich eine Fülle Wissenswertes und Anregungen zum Entstehungsprozess von Bildern und den sich daran rankenden kunsttheoretischen Diskursen. Für mich die entscheidende Aussage: Kunstwerke werden sowohl „gemacht“ als auch „gefunden“. Der Künstler „macht“ das Bild, bedient sich dabei aber auch selbsttätiger Bildgebungsverfahren. Das heißt, er bezieht den Zufall mit ein, die Eigengesetzlichkeit und Dynamik von Materie. In der gerade eröffneten Ausstellung „Aus Rembrandts Zeit. Zeichenkunst in Hollands Goldenem Jahrhundert“ im Berliner Kupferstichkabinett kann man sich sehr schön in diesem Spannungsfeld bewegen. Da gibt es minutiös gezeichnete Stadt- und Landschaftsansichten, die dem Schöpfer akribischste Versenkung ins Detail abverlangten, und da gibt es Zeichnungen Rembrandts, in denen er mit schnellem Strich flüchtige Momente aufs Papier bannte, ein schreiendes Kind in den Armen seiner Mutter etwa. Das sieht einfach nicht mehr „gemacht“ aus, sondern – mit Hilfe einer atemberaubend versierten Hand – „gefunden“. Ich stelle mir das ein bisschen vor wie beim Autofahren: Der Mensch am Steuer führt ein hochintellektuelles Gespräch und überlässt das Steuern der zum Autofahren nötigen Bewegungsabläufe einer präkognitiven Instanz, die nichts „Menschliches“ mehr an sich hat sondern gleichsam als „Naturvorgang“ daherkommt. Oder der Pianist, dessen Finger flinker über die Tasten huschen als er denken kann, so dass ihm nichts weiter übrigbleibt, als verblüfft zuzuschauen (Glenn Gould spielte darauf an als er mal, gefragt, warum er nicht unterrichte, sagte, dass wäre ja so, als müsse ein Tausendfüssler darüber nachdenken, welchen Fuß er vor den anderen setzte um vorwärts zu kommen; so was überlässt man lieber dem „Apparat“). Freilich entsteht hier die Magie im Auge des Betrachters, während Künstler sehr wohl die Kniffe und Tricks kannten, mit deren Hilfe sich solche Momente hervorrufen lassen. Initiationslegende dürfte hier eine Anekdote sein, die der lateinische Historiker Plinius schildert: Der Maler Protogenes scheitert beim Versuch, einen geifernden Hund zu malen. Der Schaum vorm Mund sieht einfach nicht richtig aus. Aus lauter Verzweiflung wirft Protogenes den in Farbe getränkten Schwamm auf die Stelle, und siehe da – die gewünschten Farben sind da wo sie sein sollten. (S. Weltzien S. 278) Daraus ist leicht ersichtlich, dass überall dort, wo der Mensch sich auf seinen Verstand alleine verlässt, ein kritischer Punkt nicht übersprungen werden kann. Er muss sich vielmehr selbst Fallen stellen, Hürden aufbauen, Verantwortung delegieren. Ein Jazzpianist, der beim Improvisieren doch nur die immer gleichen drei, vier Licks abdrückt, könnte z. B. mal zwei Finger zusammenbinden und hören, was dann dabei heraus kommt. Ich als Dilettant überlassen die Hälfte meiner Malerei ja sowieso den Eintrübungen und Flecken, die der Zufall auf gut abgelegtem (Schmier)papier hinterlässt. Und ich arbeite nach wie vor an der Geschwindigkeit. Denn je schneller ich den Stift über’s Papier jage, desto weniger kann den Vorgang in dem Moment kontrollieren und aktiviere stattdessen Automatismen, die, gepaart mit den Unwägbarkeiten der Materie, mir hoffentlich Neues, Überraschendes und Brauchbares liefern. Hier zunächst ein paar Köpfe:

dann malte ich ein paar Paare:

das letzte leitet auch gleich über zu Händen:

und zu guter letzt diese zwei Kühe:

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