Neo Rauch

März 20, 2017 § 2 Kommentare

Neo Rauch ist der einzige mir bekannte zeitgenössische Maler, der ganz altmodisch Bilder aus Figuren komponiert. Wie er das macht, lässt sich in einem Film beobachten, der derzeit in den Kinos läuft*. Bevor aber im Film ein erster Pinselstrich gesetzt ist, sieht man den Maler slappstickartig mit einer überdimensionalen Leinwand hantieren. Das ist gleich zu Beginn des großartigen Films Kontrapunkt und ironische Referenz an d e n anderen Dokumentarfilm in jüngster Zeit über einen großen deutschen Maler.**   D o r t rühren zwei schwitzende Assistenten Farbe in riesigen Bottichen an, bevor der Meister auch nur einen Fuß ins Atelier setzt.  H i e r lässt sich der hinter der unhandlichen Leinwand unsichtbare Maler mit einem Seufzer vernehmen: Wo bleiben denn meine Assistenten… irgendwas mache ich falsch. Das ist sympathisch kokett, denn natürlich macht Neo Rauch nichts falsch. Aus dem nichts, ohne vorheriges Skizzieren wachsen die Figuren auf seinen Leinwänden, imaginiert zuvor gewiss, und ein Eigenleben führend, wie Rauch bekennt.  Wir schauen fasziniert zu, wie ein Kosmos aus seltsamen Gestalten, scheinbar einer anderen Zeit entspringend, und doch bezogen auf das Hier und Jetzt Einzug hält. Nur wenige Fragen aus dem Off, behutsam plaziert, öffnen die kontemplative Arbeitsatmosphäre, im Hintergrund laufen Scott Walker oder Gustav Mahler über die Musikanlage. Wort für Wort abwägend modelliert Rauch seine druckreifen Antwortsätze und wirkt dabei fast wie aus der Zeit  – und in eins seiner Bilder hineingefallen. So minimalistisch wirkt sein Charisma, dass eine winzige, ruckartige Drehung des Kopfes die Kinoleinwand erzittern lässt. Ins ruhige Gleichmaß wechselnder Orte – zwischen die Atelierepisoden geschnitten sind Besuche bei Sammlern – kommt gegen Ende aber doch dramaturgische Bewegung. Die Rede ist da nämlich vom Lebenstrauma Rauchs, der abwesenden Anwesenheit der Eltern, verursacht durch deren frühen Unfalltod. Ein Schlüssel zu seinem Werk.

Solcherart eingestimmt auf das Werk Neo Rauchs reisten wir gestern in ein verregnetes Aschersleben am Fuße des Harz, dessen Brocken Goethe vor 240 Jahren bei Wind und Wetter bestieg – aber das ist eine andere Geschichte, die hier auch nur deswegen Erwähnung findet, weil der Geheimrat auf meinem Küchentisch dem Malerprofessor zeitweilig ein wenig Platz einräumen muss. In Aschersleben nun wuchs Rauch auf, und seit 2010 gibt es dort die Grafikstiftung Neo Rauch, woselbst in einer aktuellen Ausstellung einige seiner Bilder zusammen mit Arbeiten seines Vater zu sehen sind. Im Cafe am Marktplatz war zwischendurch Zeit für ein paar flüchtige Skizzen:

 

 

 

  • * Neo Rauch – Gefährten und Begleiter. Buch und Regie: Nicola Graef. Gesehen haben wir den Film übrigens in einem sympathischen kleinen Kino in Berlin Neukölln, dem gerade eröffneten „Wolf“ in der Weserstraße
  • ** Gerhard Richter Painting.  Corinna Belz.

 

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Künstlerbildchen – Teil 1

Dezember 4, 2012 § 2 Kommentare

Von der Fotografin Barbara Klemm gibt es ein sehr schönes Büchlein       „Künstler„. Nach guten Fotografien zu zeichnen hat den Vorteil, sich schon mal auf eine gelungene Bildfindung verlassen zu können. In diesem Sinne bediene ich mich nun bei Barbara Klemm und beginne eine lose Folge von Künstlerbildchen, deren Vorlagen ich besagtem Band entnehme. Erlaube mir dabei freilich ein paar dilettantische Freiheiten…

Ich beginne mit dem großen Gerhard Richter

Gerhard Richter

und springe des weitern quer durch die Generationen, von Ost nach West, durch alles Sparten…

Daniel Richter

Emil Schumacher

Werner Tübke

Jean Scully

Helene Weigel

wird fortgesetzt

November 3, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn ich neulich keine Zeit für das sehr lesenswerte Buch von Weltzien fand, so nahm ich sie mir jetzt einfach. Es bietet nämlich eine Fülle Wissenswertes und Anregungen zum Entstehungsprozess von Bildern und den sich daran rankenden kunsttheoretischen Diskursen. Für mich die entscheidende Aussage: Kunstwerke werden sowohl „gemacht“ als auch „gefunden“. Der Künstler „macht“ das Bild, bedient sich dabei aber auch selbsttätiger Bildgebungsverfahren. Das heißt, er bezieht den Zufall mit ein, die Eigengesetzlichkeit und Dynamik von Materie. In der gerade eröffneten Ausstellung „Aus Rembrandts Zeit. Zeichenkunst in Hollands Goldenem Jahrhundert“ im Berliner Kupferstichkabinett kann man sich sehr schön in diesem Spannungsfeld bewegen. Da gibt es minutiös gezeichnete Stadt- und Landschaftsansichten, die dem Schöpfer akribischste Versenkung ins Detail abverlangten, und da gibt es Zeichnungen Rembrandts, in denen er mit schnellem Strich flüchtige Momente aufs Papier bannte, ein schreiendes Kind in den Armen seiner Mutter etwa. Das sieht einfach nicht mehr „gemacht“ aus, sondern – mit Hilfe einer atemberaubend versierten Hand – „gefunden“. Ich stelle mir das ein bisschen vor wie beim Autofahren: Der Mensch am Steuer führt ein hochintellektuelles Gespräch und überlässt das Steuern der zum Autofahren nötigen Bewegungsabläufe einer präkognitiven Instanz, die nichts „Menschliches“ mehr an sich hat sondern gleichsam als „Naturvorgang“ daherkommt. Oder der Pianist, dessen Finger flinker über die Tasten huschen als er denken kann, so dass ihm nichts weiter übrigbleibt, als verblüfft zuzuschauen (Glenn Gould spielte darauf an als er mal, gefragt, warum er nicht unterrichte, sagte, dass wäre ja so, als müsse ein Tausendfüssler darüber nachdenken, welchen Fuß er vor den anderen setzte um vorwärts zu kommen; so was überlässt man lieber dem „Apparat“). Freilich entsteht hier die Magie im Auge des Betrachters, während Künstler sehr wohl die Kniffe und Tricks kannten, mit deren Hilfe sich solche Momente hervorrufen lassen. Initiationslegende dürfte hier eine Anekdote sein, die der lateinische Historiker Plinius schildert: Der Maler Protogenes scheitert beim Versuch, einen geifernden Hund zu malen. Der Schaum vorm Mund sieht einfach nicht richtig aus. Aus lauter Verzweiflung wirft Protogenes den in Farbe getränkten Schwamm auf die Stelle, und siehe da – die gewünschten Farben sind da wo sie sein sollten. (S. Weltzien S. 278) Daraus ist leicht ersichtlich, dass überall dort, wo der Mensch sich auf seinen Verstand alleine verlässt, ein kritischer Punkt nicht übersprungen werden kann. Er muss sich vielmehr selbst Fallen stellen, Hürden aufbauen, Verantwortung delegieren. Ein Jazzpianist, der beim Improvisieren doch nur die immer gleichen drei, vier Licks abdrückt, könnte z. B. mal zwei Finger zusammenbinden und hören, was dann dabei heraus kommt. Ich als Dilettant überlassen die Hälfte meiner Malerei ja sowieso den Eintrübungen und Flecken, die der Zufall auf gut abgelegtem (Schmier)papier hinterlässt. Und ich arbeite nach wie vor an der Geschwindigkeit. Denn je schneller ich den Stift über’s Papier jage, desto weniger kann den Vorgang in dem Moment kontrollieren und aktiviere stattdessen Automatismen, die, gepaart mit den Unwägbarkeiten der Materie, mir hoffentlich Neues, Überraschendes und Brauchbares liefern. Hier zunächst ein paar Köpfe:

dann malte ich ein paar Paare:

das letzte leitet auch gleich über zu Händen:

und zu guter letzt diese zwei Kühe:

Gerhard Richter Painting

Oktober 1, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Im Kino den Film „Gerhard Richter Painting“ gesehen. Ein seltener Genuss, diesem Maler beim Entstehen seiner (abstrakten) Bilder zuschauen zu dürfen. Ja: die Bilder „entstehen“. Zwar malt Richter durchaus – mit dickem Pinsel wird zunächst satt Farbe auf die Leinwand gebracht, – aber im Grunde sieht man in dem wunderschönen Film Richter zu, wie er den Bildern beim Werden zuschaut. Etwa so, wie man Kinder großzieht: man schaut ihnen beim Wachsen zu und greift gelegentlich korrigierend ein. Schön auch zu verfolgen, wie wenig Worte dieser Mann angesichts seiner Bilder hat. Auf Nachfrage der Filmemacherin Corinna Belz, sie verstehe das jetzt nicht, sagt er nur, er verstehe das jetzt auch nicht, und versteckt sich hinter einem sympathischen, kurzen Lachen. Im Endeffekt ist so ein von ihm „gemaltes“ Bild, wenn es denn den kritischen Blicken über einen längeren Zeitraum standgehalten hat, das Produkt eines Entstehungsprozesses, der nicht auf ein vorbestimmtes Ergebnis abzielt (jedenfalls nicht bei den großformatigen abstrakten Bildern). In immer neuen Anläufen werden aufgetragene Farbschichten mit großformatigen Rakeln ineinander geschoben und mit Spachteln wieder aufgekratzt. Das Ergebnis ist ein Bild, das unmöglich so hätte „gemalt“ – eins zu eins mit dem Pinsel aufgetragen – werden können. Oder doch?. Ich stellte mir, während ich den Film schaute, vor, ein Maler würde eines dieser Bilder peinlichst genau nachmalen. Da er nun aber den Entstehungsvorgang nicht rekonstruieren kann, müsste er Millimeter für Millimeter eigens gemischte Farbe in mühsamer Kleinstarbeit auftragen. Ein absurder Gedanke (?) Und doch gibt es Maler, die vergleichbares tun. Mir fiel heute ein Bildband in die Hände, der das Werk des Berliner Malers René Wirths zeigt. In quasi fotorealistischer Anmutung malt dieser Meister seines Fachs auf großer Leinwand Dinge des Alltags ab. An sich nichts neues. Unter den Bildern aber finden sich super genaue Wiedergaben von Kinderzeichnungen. Man stelle sich also vor: ein Bild von Kindeshand in DIN A4 mit Filzstift, Buntstift, Wasserfarben u. ä. ist die Vorlage für ein 2 x 3 Meter großes Ölgemälde. Was für eine Idee!

Der Bildband enthält ein Foto des Malers, das ich mir im Rahmen meiner Portraitübungen vornahm. Hier die drei Versuche:

Dann setzte ich meine Portraitserie fort:

Schließlich mal wieder ein Frosch:

Wo bin ich?

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