Familienseestück

Februar 22, 2017 § 2 Kommentare

Es mag um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gewesen sein, als der Postmeister Conrad O. in N. an der Dinkel unweit der Holländischen Grenze aus dem Nachlass des Kupferschmieds und Gastwirts Carl S. für fünf Reichsmark ein 50 x 90 cm großes Gemälde ersteigerte. Das in Öl auf Eichenholz gemalte Bild zeigt eine Seeschlacht und stammt vermutlich von einem niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts. Conrad O., keinesfalls besonders kunstverständig, interessierte sich für Trödel aller Art und besuchte regelmäßig Auktionen und Märkte der näheren Umgebung, immer auf der Suche nach einem Schnäppchen. Das Bild wanderte, zusammen mit anderen Fundstücken, auf den Dachboden seines großen Hauses an der Bahnhofstraße in N. Als Jahre später der Kunst liebende Postinspektoranwärter Fritz H. zur Ausbildung in das Haus einzog, warf er nicht nur ein Auge auf die Tochter des Hauses, sondern interessierte sich auch für den geheimnisvollen Dachboden. Dort  entdeckte er das Gemälde und befreite es aus seinem Dornröschenschlaf. Der Postmeister, beeindruckt durch den offensichtlichen Kunstverstand unseres Postanwärters, ließ sich über die Bedeutung des Bildes aufklären und hängte es in der guten Stube an prominenter Stelle an die Wand. Dem „Entdecker“ des Gemäldes, der sich zwischenzeitlich als künftiger Schwiegersohn empfohlen hatte, wurde es außerdem als Hochzeitsgeschenk versprochen. Es kam der Tag der Hochzeit, die Hochzeitsreise stand an, doch durfte der glückliche Bräutigam das Bild vorerst nicht mitnehmen, denn die Schwiegermutter, eine als Gattin des Postmeisters auf Anstand und Sitte bedachte Respektsperson im Ort, war der Meinung, man gehe nicht mit einem Bild unterm Arm auf Hochzeitsreise. Das junge Ehepaar ließ sich in B. nieder, drei Kinder kamen zur Welt, die Jahre gingen ins Land. Noch immer aber hing das Fritz versprochene Bild im Wohnzimmer des Postmeisters. Die Übergabe des Bildes war praktischerweise an den Zeitpunkt einer ohnehin anstehenden Renovierung des Wohnzimmers geknüpft worden, schließlich hinterlässt ein Bild hässliche Spuren auf der Tapete. Doch das Geld war knapp, ein Krieg wurde durchlitten, die schlechte Nachkriegszeit forderte ihren Tribut, und als der Postmeister Conrad O. 1969 schließlich hochbetagt starb, hing das Bild noch immer an der Wand. Der Haushalt wurde aufgelöst, das Haus stand vorm Abriss, die Zeit drängte. Und obwohl unser Fritz im Familienkreise stets darauf hingewiesen hatte, dass das Bild ihm versprochen war, kam, was kommen musste. Ein Bruder seiner Frau war schneller vor Ort, im Besitz eines Autos zumal, und nahm das Bild an sich. Der Familienkrach war da. Fritz, seit Jahrzehnten in steter Erwartung auf das Bild, fühlte sich betrogen, seine Frau war zu Tode betrübt, die längst erwachsenen Kinder betroffen. Aber nun passierte das Unerhörte: Fritz, ein Zeit seines Lebens ruhiger, unauffälliger Beamter organisierte sich Auto und Chauffeur im Familienkreis, fuhr in die Stadt seines Schwagers, klingelte dort um die Mittagszeit und marschierte an der überrumpelten Schwägerin vorbei ins Wohnzimmer, nahm das Bild von der Wand, lud es ins Auto und fuhr damit nach Hause. Bevor jedoch das Gemälde den ihm gebührenden Platz in seiner Wohnung fand, brachte er es in das Westfälische Landesmuseum nach Münster und ließ es vom Konservator H. L. restaurieren. Viel Zeit jedoch war ihm nicht vergönnt mit seinem Bild. Er starb nur wenige Jahre später. Für die älteste Tochter aber war das Bild Symbol schlimmer familiärer Zerwürfnisse geworden. Das zur Aufteilung des beweglichen Erbes einberufene Treffen der drei Kinder eröffnete sie mit dem Ausruf: Das Bild könnt ihr euch an den Hut stecken! Erbstreitereien waren ihr ein Gräuel, und sie wollte mit dem Bild nichts zu tun haben. Doch die Dinge laufen stets anders als gedacht. Viele Jahre später, auf Umwegen, hat das Bild nun zu ihr gefunden und hängt in ihrer Guten Stube. Das Drama einer Seeschlacht, die längst geschlagen ist, gönnt sich eine Verschnaufpause.

 

Seestück, Unbekannter Maler, vermutlich Niederlande 17. Jahrhundert

Seestück, Unbekannter Maler, vermutlich Niederlande 17. Jahrhundert

 

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Onkel Hans im Ersten Weltkrieg

Mai 27, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Besuche in meiner alten Heimat befördern regelmäßig Erstaunliches zutage. Neben Gesprächen mit Familienmitgliedern, die schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel haben als ich und folglich Geschichten aus einer anderen Zeit erzählen können, verbrachte ich manche Stunde mit der Lektüre eines dicken Bandes, den mein Großvater zusammen mit seinem älteren Bruder verfasst hatte:

Geschichte der Familie Friedrich Otto Gottlob Haugk im Weltkriege 1914 – 1918. Zusammengestellt und bearbeitet auf Grund der Familienbriefe, Aufzeichnungen, Erinnerungen und der Regimentsgeschichten des I. R. 78, R. I. R. 231, R. I. R. 440 und I. R. 164 durch Hans und Fritz Haugk. Mit vielen Karten, Plänen, Bildern und Faksimiles. Im Selbstverlag Bielefeld 1931

Ein einzigartiges Dokument, das mir nicht nur den Alltag der Familie meines Urgroßvaters anhand vieler – Gottseidank transkribierter! – Briefe nahe bringt, sondern die Erschütterungen einer Kriegsmaschinerie unglaublichen Ausmaßes im Erleben eines Soldaten und seiner Familie spürbar werden lässt. Dass eine ganze Nation begeistert in den Krieg zog – man hat es im Geschichtsunterricht gelernt. Aber warum? Wofür? Warum Gesundheit, Wohlergehen, das Leben – warum das alles so leichtfertig aufs Spiel setzen? An seinen im Schützengraben liegenden Sohn schreibt der Vater: „An Deinen mir so lieben Zeilen erkennen wir aber Deinen Charakter und wir sind stolz auf Deine Gesinnung. Ja über alles die Pflicht. Das Bewußtsein, diese zu tuen und getan zu haben stärkt unser Selbstgefühl und aus diesem heraus entsteht unser Urteil: Wahr und treu!“ Mit der Verwundung meines Großonkels Hans im Frühjahr 1915, kurz nach dessen 18. Geburtstag, und der daran sich anschließenden Korrespondenz bricht das Werk, das doch im Titel den Anspruch führte, die gesamte Zeit des Krieges zu schildern, ab. Symptomatisch dies: die Begeisterung ließ mit zunehmender Dauer des Krieges nach, daraus resultierende Selbstzweifel mündeten in Sprachlosigkeit. Und so dokumentiert der rückschauende Blick 1931 den „heroischen“ Beginn und quittiert das bittere Ende mit Stillschweigen. Und unglaublich aber wahr: kaum dreißig Jahre später wiederholt sich alles. An der Logistik von Feldpostkommunikation, die im Ersten Weltkrieg Mengen an Briefen als Zeitdokumente ermöglichte, wirkt mein Opa als Postinspektor im Zweiten Weltkrieg mit. Von der sich weiter nach Osten schiebenden Front schickt er eine Grußpostkarte nach der anderen an die Lieben zuhause. Nach der Kapitulation und während der Entnazifizierung werden die sorgfältig gesammelten Postkarten verbrannt und es beginnen angstvolle Jahre des Schweigens.

Aber noch etwas anderes beschäftigte mich während der Lektüre: Der Übergang von Erlebtem zu Geschildertem, von Eindruck zu Ausdruck, von „Drinsein“ zu „Drüberwegsein“, von Leben zu Literatur. In einem mehrseitigen Brief schildert Onkel Hans nach Wochen der schleppenden Genesung in einem Brief aus dem Lazarett die Umstände seiner Verwundung. Wie alle während eines zweitägigen Gefechts gegen die Russen nordöstlich von Lemberg zunehmend die Orientierung verlieren, jeder nur noch versucht durchzukommen, wie sich schließlich immer mehr in einem Dorf einfinden, den Feind schon in die Flucht geschlagen, und sicher glauben, und wie dann urplötzlich aus einem Wäldchen heranpreschende Kosaken angreifen. Und wie Hans, bevor ihn selbst eine Kugel am Bauch trifft, fünf von ihnen „herunterholt“. Der Vater lobt in seinem Antwortschreiben den sachlichen Ton, der alles Wesentliche zusammenfasse, ohne es an Anschaulichkeit und Lebendigkeit fehlen zu lassen. Bei aller zweifellos vorhandenen Fürsorge und der Sorge um das Wohlergehen des Sohnes behandelt er dessen Schilderung bereits wie ein Stück Literatur. 1976 starb Onkel Hans. Ich habe nur die allerbesten Erinnerungen an ihn.

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