Vom Weiterleben der Dinge

August 24, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich gehöre zu denen, die nichts wegschmeißen können. Ich mag alte Sachen, mit Vorgeschichte, mit Spuren früherer Benutzung. Und ich mag den Gedanken, einer Sache, die ihre Funktion erfüllt hat, eine zweite Chance zu geben. Daher meine Vorliebe für Schmierpapier. Jemand hat sich Notizen gemacht, etwas ausgedruckt, das Blatt droht schließlich in den Müll zu wandern. Hier komme ich als freundlicher Entsorger ins Spiel und zeichne etwas darauf. Vielleicht laviere ich mit Tusche oder Acryl, Textfragmente drücken sich von der anderen Blattseite durch und schon entsteht innigste Zwiesprache. Das Blatt hat seine zweite Chance. Vielleicht ist die Rohstoffgerechte Entsorgung nur aufgeschoben. Vielleicht aber gefällt jemand die Zeichnung und plötzlich hängt sie an irgendeiner Wand. Ein Nachlassverwalter aber schmeißt das Gekrackel Jahre später in die zum bersten volle Altpapiertonne, ein Windstoß treibt das bunt leuchtende Blatt spielenden Kindern in die Hände, die daraus einen Flieger basteln…

Jüngst habe ich ein Zettelwirtschaftsbuch- fast bin ich versucht zu sagen: ein Zettelwunderwirtschaftsbuch – angelegt. Ich habe nämlich festgestellt, dass Zettel mit Gedankenblitzen, die tagsüber in meine linke hintere Hosentasche wandern, abend auf dem Schreibtisch der allgegenwärtig unausweichlichen nimmersatten Entropie in einem Maße zuarbeiten, das meiner Gesundheit abträglich ist. Auf einem der Zettel stand aber: Zettelwirtschaftsbuch anlegen! Ich nahm also ein altes Buch und begann mit dem Einkleben der Gedankenblitze. Das mache ich nun allabendlich und es lässt sich bei Bedarf herrlich in dem Buch vor und zurück blättern. Und ganz nebenbei ist auch das alte Buch gerettet.

An dieser Stelle sei freilich ein wichtiger Hinweis erlaubt: MEIN GESAMTGESELLSCHAFTLICH SCHÄDLICHES WEIL KONSUMFEINDLICHES ERGO KONJUNKTURBREMSENDES ERGO ARBEITSPLÄTZEVERNICHTENDES VERHALTEN SEI HIER AUSDRÜCKLICH NICHT ZUR NACHAHMUNG EMPFOHLEN: KAUFT VIELMEHR STETS ALLES NEU UND FÜHRT DAS ALTE DER RECYCLINGINDUSTRIE ZU! ENDE DER DURCHSAGE.

Und dann fiel mir ein Stapel  fehlgedruckter Postkarten in die Hände. Zu schade zum Wegschmeißen, zu schlecht zum Verschicken. Ich nahm sie erstmal an mich mit dem sicheren Instinkt: die kann man noch für irgendetwas gebrauchen. Vorgestern hatte ich die Idee und startete die Postkartenübermalungsserie. Hier erste Ergebnisse, weitere werden folgen und landen dann im Ordner „Postkartenübermalungen“. Wer möchte, bekommt von mir ein Original zugeschickt! Einfach die Adresse mailen.

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