September 7, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Diese verflixten Portraits… Man sieht ein Gesicht, das Gehirn erfasst es im Bruchteil einer Sekunde, speichert es ab, registriert einen Ausdruck, Nuancen der Veränderung – aber wenn man es aufs Papier bringen will, bleibt’s ein Konstrukt aus Linien; bestenfalls wird’s ein korrektes Gesicht, die Proportionen stimmen halbwegs, wenn man Anatomie und Mimik studiert hat und ein wenig geübt. Aber warum ist es so verdammt schwer, jemanden zu „treffen“? Es ist doch alles gut sichtbar und müsste lediglich aufs Papier übertragen werden? Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird: sehen und „sehen“ sind zwei Paar Schuhe. Was das Auge optisch erfasst, transformiert das Gehirn in einem wahrscheinlich unfassbar komplexen Vorgang in das, was wir „sehen“. Man „sieht“ nur, was man denkt. Wären wir aufs reine Registrieren optischer Signale angewiesen – wir würden zusammenbrechen unter der Reizüberflutung diffusester Signale. Daraus folgere ich: beim Zeichnen, Portraitieren geht’s in einem ersten Schritt darum, das „Denken“ auszuschalten und zu registrieren, was wir sehen. In einem zweiten aber, und hier beginnt die Krux, müssen wir die Transformationsmaschine Gehirn aufbrechen und ein Gespür für die Muster bekommen, mit denen das Gehirn arbeitet. Gesegnet sind die, die das intuitiv können. David Levine war so jemand. Seine Karikaturen von Literaten (Levines lustiges Literarium. Vorgestellt von John Updike) sind phänomenal. Ich habe gleich mal den Selbstversuch unternommen und zwei Selbstkarikaturen probiert (ich ersparte mir aber Levines hochdifferenzierte Schraffurtechnik)

Ich arbeite in der Regel nach Fotografien. Die halten still. Es besteht freilich die Gefahr, zu sklavisch am Original zu haften und am Ende aller Bemühungen dem Foto einen Bastard abgerungen zu haben, dessen einziges Lebensrecht darin besteht, Zeugnis selbstquälerischer Bemühungen abzulegen. Üblicherweise umschiffe ich diese Klippe durch überhöhte Geschwindigkeit der Strichführung und drücke der Zeichnung so den Stempel grobmotorischer Eigengesetzlichkeit auf. Oder ich betone bewusst die eine oder andere als „typisch“ für die Person erkannte Nuance. Da werden die Grenzen zur Karikatur fließend. Nach den Selbstversuchen suchte ich mir ein paar Opfer aus dem Bekanntenkreis. Bemerkenswerterweise gibt es Gesichter, die meinem Strich gewogener sind als andere. Rainer geht in der Regel gut:

Konzentriert habe ich mich hier auf das Ohr, den Blick und das Bier.

Auch Olaf kommt mir entgegen:

Im Profil freilich, obwohl alles schön markant herausgearbeitet, kippt die Person komplett weg und es entsteht allenfalls eine interessante Farbstudie mit vagen Anklängen an die reale Person:

Bei einer zuvor entstandenen Zeichnung nach der gleichen Fotografie hatte ich ihn aber gleich getroffen:

Ein Mysterium, warum das mal klappt und mal nicht…

Da aber das „Treffen“ realer Personen auf die Dauer anstrengend ist, gabs zwischendurch lockere Stilübungen in Sachen Anatomie. Das lässt mehr Spielraum für freies Gestalten…

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