… dabei sprach aber viel Seligkeit aus seinen Augen.

April 19, 2018 § 7 Kommentare

 

Robert und Clara Schumann

 

Das Thema Psychiatrie überfordert viele von uns. Auch wer sich beruflich mit dem Thema beschäftigt, nutzt oft, legitimerweise, mehr oder weniger große Spielräume zum Schutz der eigenen seelischen Integrität. Wie auch soll man sich vorstellen, was in einem psychisch kranken Menschen vorgeht; wie weit ist Empathie – im Hinblick auf  körperlich Erkrankte wohlfeil zu haben – möglich Menschen gegenüber, deren Krankheit weit in die Persönlichkeit eingreift, in den Charakter und all das, was wir im persönlichen Miteinander schnell unter moralischen Kategorien abhandeln? Das legitime Bedürfnis Erkrankter nach Schutz und Hilfe geht mit dem Verlangen der Allgemeinheit nach „Schutz“ v o r den Kranken nur zu oft eine unheilvolle Allianz ein. Wer in einem geschützten Umfeld Linderung und Heilung sucht, ist eben schnell gleichermaßen weggesperrt und damit dem persönlichen Umfeld als Last „abgenommen“. Seit jeher erprobte Muster im Umgang mit „Verrückten“ sind Tabuisierung, Skandalisierung, Entmenschlichung, – aber auch Versuche der Hinwendung und des verantwortlichen Sorgens. Oder aber: Romantisierung, Überhöhung. Die Formel dafür: „Genie und Wahnsinn“, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Typischer „Fall“: der Komponist Robert Schumann, der einer beliebten Erzählung zufolge zunächst in einem hochromantisch-heroisch geführten Kampf gegen den pedantischen Schwiegervater in spe die Ehe mit der Klaviervirtuosin Clara Wieck errang, um dann nach vierzehnjähriger Traumkünstlerehe vor einer ausbrechenden Geisteskrankheit in einer privaten Heilanstalt Schutz zu suchen, wo er nach zweijähriger Leidenszeit von seinem irdischen Dasein erlöst wurde. Der renomierte Psychiater Uwe Henrik Peters stellte demgegenüber erstmals 2010 die These auf, dass Schumann nicht geisteskrank war, sondern aufgrund einer Fehldiagnose behandelnder Ärzte, und de facto entmündigt von seiner Frau, in die Irrenanstalt eingewiesen wurde, dort letztendlich gegen seinen erklärten Willen festgehalten wurde und sich schließlich, aller Würde beraubt, und um seinem Leiden ein Ende zu setzen, zu Tode hungerte. Als ich vor einigen Wochen, aus einem harmlosen Wiederauffrischungsinteresse am Klavierwerk Schumanns heraus, auf die inzwischen in Buchform vorliegenden Arbeiten Peters stieß, ergriff mich mit zunehmender Lektüre ein Schwindel – ich glaubte, in einen Abgrund zu schauen. Halt erhoffte ich mir von kritischen Rezensionen der Publikationen, seriös wissenschaftlichen Widerlegungen der Thesen Peters seitens der Schumann-Forschung. Was ich fand – vielmehr: nicht fand – ließ mich schaudern. Die „offizielle“ Schumann-Forschung, allen voran der Ehrenvorsitzenden der Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau Gerd Nauhaus, diffamierte entweder Arbeiten und Person U. H. Peters, oder verschwieg sie einfach. Mir wurde schnell klar, dass große Teile der Musikforschung wie auch der musikinteressierten Öffentlichkeit offensichtlich nicht an der Wahrheit, oder dem, was man im Ergebnis historischer Forschung dafür halten mag, interessiert sind, sondern einzig daran, ein tradiertes Schumann-Bild zu schützen. Oder, wie Peters vermutet: der Schumann-Mythos ist offenbar zu stark. Sechzehnjährig hörte ich zum ersten Mal die Kreisleriana Schumanns, in einem Konzert des Pianisten Radu Lupu, der für den erkrankten Alfred Brendel eingesprungen war. Ein musikalisches Erweckungserlebnis, dem viele beglückende Musikerfahrungen im Schumannschen (Klavier)Kosmos folgten. Der Gedanke, sich den Urheber dieser vielen persönlichen Glücksmomente und tiefen Erfahrungen als einen Gedemütigten, Entrechteten, Gequälten und letztlich unter der „Obhut“ eines mit eiskaltem Wasser, Zwangsmedikation und physischer Gewalt behandelnden Arztes zum Tode Verurteilten vorstellen zu müssen – dieser Gedanke hat etwas zu tiefst bestürzendes.

 

 

Robert Schumann Versuch eins

 

Robert Schumann Versuch zwei

 

Robert Schumann Versuch drei

 

„…dabei sprach aber viel Seligkeit aus seinen Augen“: Überschrift des letzten der 18 Davidsbündlertänze, komponiert in der Zeit der heimlichen Verlobung mit Clara Wieck. Schuman schrieb über diese Tänze: „War ich je glücklich am Clavier, so war ich es als ich sie componierte.“ (zitiert nach: Henle Urtextausgabe)

Literatur:

Henrik Uwe Peters: Abgeschoben ins Irrenhaus. In: Deutsches Ärzteblatt  22/2010

ders.: Robert, Clara und Johannes. Schumanns letzte Jahre. 2. Auflage Köln 2013

 

 

P. S. Die Dame von Welt widmet dem Thema Psychiatrie gerade einen empfehlenswerten Artikel anlässlich des hoch problematischen Bayerischen Psychiatriegestzentwurfs.

 

Advertisements

Vor zwanzig Jahren

August 12, 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor zwanzig Jahren spielte Radu Lupu im Staatstheater Darmstadt die Kreisleriana von Schumann. Er war für Alfred Brendel eingesprungen, der kurzfristig abgesagt hatte. Nein, es war nicht vor zwanzig Jahren – das ist lediglich eine Formel, die ich verwende, wenn etwas in meinem Leben schon längere Zeit zurück liegt. Hat sich so eingebürgert, garnicht erst nachzurechnen, vielmehr pauschal alles aus meiner Vergangenheit mit dem Laben „vor zwanzig Jahren“ zu versehen. Ist praktisch, und stimmt ja auch oft. Hier nicht, denn ich war noch Schüler – Oberschüler, immerhin – als besagter Klavierabend stattfand und mir eines meiner nachhaltigsten Konzerterlebnisse bescherte. Heute las ich zufällig, dass Radu Lupu schon lange keine CDs mehr aufnimmt, sondern „nur noch“ Konzert gibt. Der Krebsgang zu Glenn Gould gewissermaßen. Das dem Artikel beigegebene Foto zeigt das damals dichte schwarze, streng nach hinten gebürstete Haar ergraut und ausgedünnt.

Radu Lupu

Und dann las ich noch, an anderer Stelle, dass ein Musikwissenschaftler die Theorie aufgestellt hat, Schumann sei aufgrund eines Alkoholdelirs in die Irrenanstalt eingewiesen worden, und nicht in Folge einer Geisteskrankheit, nach Ausnüchterung geistig aber durchaus gesund gewesen und nur auf Betreiben Clara Schumanns bis zu seinem Tode nicht mehr nach Hause entlassen worden. Schwere Anschuldigung gegen seine Ehefrau, die sich auf Kosten der Freiheit ihres Mannes ganz Brahms zugewendet habe.  Na, – ein Hoch auf Schumann – nicht nur der Kreisleriana wegen – und auf Radu Lupu, und auf Clara Schumann natürlich auch. Und auf Brahms, der nach der Affaire mit Clara die Tasten gänzlich den Frauen vorzog.

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan Beiträge mit dem Schlagwort Clara Schumann auf Der Dilettant.

%d Bloggern gefällt das: