Augen auf beim Musikgenuss

Januar 31, 2019 § 6 Kommentare

Musik ist Klang. Klar. ——- Aber nein! Musik ist viel mehr: Bewegung, Sehen, Spüren, Augenweide…

Bei Rockkonzerten ist die Show Teil des Ganzen. Selbst bei den Shoegazern, wo sich alle Bewegung im großen Zeh akkumuliert. Aber die abendländische sog. Kunstmusik, die „Klassik“ hat seit dem 19. Jahrhundert Musik auf Klang reduziert. Im Grunde sogar auf die Essenz einer Komposition, eines „Werks“, vollständig rezipierbar als Text im Studium der Partitur. Maßgeblich daran beteiligt war Eduard Hanslick, der Marcel Reich-Ranicki der Musik des 19. Jahrhunderts. Er erklärte Musik zum „Spiel tönend bewegter Formen“ und reinigte sie von allem vermeidlich außermusikalischen Ballast. Davor war Musik stets Ereignis, gesellschaftlich eingebunden am Hof, im bürgerlichen Heim, im Salon, in der Kirche, auf der Straße. Sie existierte als Funktion für alles mögliche, und dass sie zu Hören war, war nur Teil einer Einheit aus Zeigen, Sehen, Spüren (der Sound der voll registrierten Orgel, da flatterten den Schäfchen die Hosenbeine). Unzählige Maler hatten kein Problem damit, Musik, nämlich das Musizieren, zu verbildlichen. Aber die Idee des autonomen Musikwerkes machte dem den Garaus. Zwar setzen sich Besucher eines Klavierkonzertes auch gerne mal so, dass sie der Pianistin auf die Finger schauen können, doch gilt unter Puristen das Dogma eines reinen Konzertgenusses, bei dem alle Optik bloß störendes, weil ablenkendes Beiwerk ist. Ausnahme vielleicht der Dirigentenstarkult, den Karajan meisterlich beherrschte. Aber ich erinnere mich an einen seiner letzten Auftritte in der Berliner Philharmonie, er musste am Pultgerüst angeschnallt werden um nicht als etwaiger Begründer des Stagedivings in die Klassikgeschichte einzugehen (hat inzwischen Chilly Gonzales erledigt). Nein, man erfreue sich an der Performance eines Glenn Goulds, der sein eigenes Spiel dirigierte und den Klang von unter dem Flügel hervor zauberte. Wie sich einer bewegt beim Musikmachen, das ist nicht nur Ausdruck körperlicher Geburtswehen, es macht Musik erlebbar jenseits aller Schallwellen. Das Klassikkonzert der Zukunft – Musikmanager hergehört! – findet im Club statt, und alle tanzen. Hugh.

 

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P. S. Die Idee zu diesem Beitrag verdanke ich einem Aufsatz von Nicholas Cook: Klang sehen, Körper hören. Glenn Gould spielt Weberns Variationen für Klavier. In: Musik und Geste: Theorien, Ansätze, Perspektiven. Herausgegeben von Katrin Eggers und Christian Grüny. Paderborn 2018. S. 71ff.

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Zwei Portraits

Mai 17, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 

 

Der eine tritt gerne im Bademantel vor sein Publikum, der andere ließ aus Verzweiflung über eine verlorene Liebe diese als Puppe wieder auferstehen. Der eine malte farbenfrohe Bilder, der andere bezaubert durch flinke Finger, Musikalität, Witz und überschäumende Energie. Sie haben sich nie kennen gelernt, vielleicht weiß der eine vom anderen- aber hier finden sie als Kohlepartikel auf Altpapier zueinander.

Klavier 4händig

Dezember 21, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

So haben unsere KlavierlehrerInnen uns das 4händige Klavierspielen nicht beigebracht:

Gonzales und Socalled

Gesehen neulich in Manu Katches fabelhafter Musiksendung One Shot Not (auf Arte). Dort trat Chilly Gonzales auf, Pianist, Sänger, Entertainer. Alleine schon ein Ereignis, dieser wuchtige Typ, brachte er dennoch Unterstützung mit: Socalled spielte mit ihm 4händig Klavier. Sie saßen aber nicht nebeneinander auf dem Schemel, sonder positionierten sich übereinander. Gonzales auf dem Boden sitzend brillierte mit einem 16tel Pattern, zu dem Socalled, sich über Gonzales beugend, syncopierte Basstöne und eine Melodie in Oktaven beisteuerte. Famos! Bleibt mir nur zu sagen: Chilly, mach uns den Handstand auf den Tasten!

Chilly Gonzales

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