Lichtorgel auf Rädern

Januar 6, 2019 § 6 Kommentare

 

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Ich radelte durch die Dämmerung nach Hause, der feine Nieselregen massierte meine Wangen, die klarfeuchte Luft tat meinen Lungen gut. Im schwindenden Licht des Tages näherte sich eine Lichterkette. Rote Punkte leuchteten drohend, und während sie größer wurden, bemerkte ich die Radlerin, die sich über ihre knallgelbe Weste breite, mit Glühbirnchen besetzte Gurte geschnallt hatte. Auf Dorfkirmessen mögen Animierdamen derlei Ledergestelle früher getragen haben. Im Straßenverkehr wirkte das irritierend. Die allgemeine Aufrüstung, dachte ich, und erinnerte mich an eine Begebenheit von neulich, als ich in meiner üblichen Alltagskleidung auf dem vorschriftsmäßig beleuchteten Fahrrad durch die Dunkelheit fuhr und mich ein vorbei preschender Radler von der Seite anblaffte: is ja n toller Tarnanzug, den de da anhast. Ich murmelte wohl etwas in der Art Kümmer dich um deine Angelegenheiten in meinen Bart, konnte mir aber, als wir an der nächsten Ampel nebeneinander zu stehen kamen, eine weitere Bemerkung nicht verkneifen. Wenn ich etwas hasse ist es nämlich die landauf landab grassierende Belehreritis. Der Oberschlaumeier ließ mich aber gönnerhaft wissen, solche wie ich landeten dann eben als Schlachteplatte auf „meinem“ Tisch. Aha, dachte ich bei mir, ein mit seinem Beruf als Krankenpfleger in der Chirurgie hadernder abgebrochener Medizinstudent. Er verschwand in der Nacht, wie auch ich in der Nacht verschwand, nicht ohne mich zu ärgern über diese Aufrüstungsspirale. Zusätzlich zur normalen Fahrradlampe die Leuchtweste. Dann weiter Lichter drüber. Das normale Licht sowieso immer heller, so hell, dass es schon weh tut. Dann mit den Lichtern blinken, und zwar in rasch wechselnder Folge. Demnächst vielleicht auch Dauerklingeln. Dabei würde im Straßenverkehr ja reichen, genau hinzu schauen. Was insbesondere denen geziemt, die in ihren Autos ohnehin ein Gefährdungspotential darstellen. Also Geschwindigkeit anpassen, schauen, was da draußen los ist. Zwischen all den Bewesteten und demnächst blinkenden Radlerinnen sieht man nämlich die „Normalen“ bald nicht mehr. Muss ich als Autofahrer ja nicht gucken, sollen die doch selber auf sich aufmerksam machen. Eine Art Umkehr der Beweislast, scheint mir. Freilich werde ich den Lauf der Dinge nicht aufhalten, und alsbald auch vollkörperleuchtend und blinkend am Ausverkauf der Sinne mitwirken. Will ja schließlich nicht plattgefahren werden. Das dann doch nicht.

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