Stimmt etwas nicht mit Ihrem Beethoven? …

März 20, 2018 § 4 Kommentare

Eine Tirade

 

… fragte scheinbar arglos Glenn Gould in einem freilich fingierten Interview seinen Gesprächspartner, nachdem Gould diesen auf die zukunftsweisenden Möglichkeiten moderner Studiotechnologie aufmerksam gemacht hatte. Bekanntlich hatte der kanadische Pianist sich in einem frühen Stadium seiner sensationell gestarteten Karriere aus dem Konzertbetrieb vollständig zurück gezogen und tüftelte seitdem nur mehr an Studioaufnahmen von Werken Bachs, Beethovens und anderer. Begeistert von den Möglichkeiten der neuen Technik stellte Gould gesprächsweise sein Konzept einer Tonaufnahme vor, bei der der Hörer zwischen verschiedenen Interpretationen des Werks nach eigenem Gutdünken wählen kann, sogar während des Abspielens in die laufende Interpretation eingreifen könne. Ein von Gould polemisch gesetzter Akzent, der beim Interviewpartner blankes Entsetzen ob der Perspektive auslöste, jeder könne demzufolge nach Belieben seinen „eigenen“ Beethoven kreieren. Der Finger war aber in die Wunde gelegt. Die seit dem 18. / 19. Jahrhundert vorherrschende romantisch-bürgerliche Genieästhetik geht ihrem Ende entgegen. Kurzer Rekurs: Nachdem sich das Bürgertum im Laufe des 19. Jahrhunderts endgültig angeschickt hatte, den Adelsstand als Machttragende Schicht abzulösen, ohne sich freilich im gleichen Zug eines die Macht legitimierenden Gottesgnadentums bedienen zu können, musste ein Gottersatz her, der im Künstler als dem quasi Statthalter des Schöpferischen auf Erden gefunden wurde. Zweite Bürgerpflicht wurde somit neben dem Geldverdienen die Pflege des Kunstbetriebs. Man besuchte Konzerte, kaufte Gemälde und sonnte sich im Glanze der zu Genies erhobenen Künstler. Diese waren nun nicht mehr die jeweils Besten Ihres Fachs, im besten Sinne „Kunsthandwerker“, sondern spielten in einer anderen Liga. Einer, die vom bloß Handwerklichen durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt war. In Arnold Schönbergs berühmtem Diktum von „Kunst“, die nicht von „Können“ komme sondern von „Müssen“, fand diese Vorstellung ihre prototypische Formulierung. (Nebenbemerkung: ich hätte Schönberg darauf geantwortet, wer muss, soll aufs Klo gehen. Denn der Drang, etwas unbedingt tun zu müssen, zeichnet jedwede ernsthaft und mit Leidenschaft vorangetriebene Tätigkeit aus, es äußert sich da kein „Sendungsbewußtsein“. Übrigens hat ja Piero Manzoni diese Interpretation des Schönbergschen Ansatzes mit seiner „Künstlerscheiße in Dosen“ auf mehr unfreiwillig denn freiwillig komische Art umgesetzt) Da aber die Fähigkeit, Genies überhaupt in ihrer Geniehaftigkeit wahrnehmen zu können natürlich nicht eine Sache war, die man dem „Volk“ überlassen konnte, zu der vielmehr ein robustes Elitedenken unbedingt gehörte, galt es fortan, eine „Ernste“ von einer bloß „unterhaltenden“ Kunst, insbesondere Musik, zu scheiden. Undsoweiterundsofort. Ich komme aber zum Punkt. Gegenwärtig wird die Genieästhetik von zwei Seiten in die Zange genommen. Moderne Vernetzungstechnologien mit ihrem urdemokratischen Impetus zersetzen traditionelles Elitedenken. Und eine sich zu ungeahnter Totalitarität aufschwingende Warenfetischisierung durch den global aufgeheizten Kapitalismus reißt jede noch so kommerzfrei gedachte „Genieäußerung“ in den Abgrund schnöden Mammons. Was jetzt kommt, kann nur zur Kunst, die sie einmal war, zurückführen. Es ist das, was ein jeder / eine jede von uns zweckfrei, zum eigenen Vergnügen, vielleicht zum Vergnügen anderer, so gut es eben geht – hoffentlich geht es gut -, selber macht. Und jetzt bin ich wieder bei Beethoven, der bei mir aktuell ein Bach ist. Ich spiele die fis-moll Fuge aus dem Zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers als genau d i e extatische, von drei sich steigernden Fugenthemen befeuerte, sich in die unendlichen Weiten des Tonuniversums hinaussingende Klavierkomposition, die sie für m i c h ist. Und es juckt mich nicht die Bohne, wie Bach sie gespielt hat, oder wie eine historisch informierte Musikpolizei sie gespielt haben möchte, oder wie mein Klavierprof an der Musikhochschule sie mir damals aufzwang. Ich bin frei.

 

 

P. S. Gould nach dem Gedächtnis zitiert. Ich suche noch die Originalstelle.

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Die Haltung des Künstlers

Oktober 15, 2017 § 4 Kommentare

Arnold Schönberg

 

Mit Anfang 20 verschlang ich Adornos Philosophie der neuen Musik. Der Sog seiner Sprache, die unerbittliche Logik einer Argumentation, die die Tendenz des musikalischen Materials von der Klassik über Romantik und Spätromantik hin zu Auflösung der Tonalität entrollte und die Zweite Wiener Schule um Arnold Schönberg zum einzig legitimen Erben dieser Gesetzmäßigkeit erklärte – all das faszinierte mich als eine Weltsicht von scheinbar bestechender Logik. Wer als Komponist den historischen Lauf der Dinge verpennt, oder willentlich ignoriert hatte, verwirkte das Recht auf Teilhabe am musikalischen Prozess, sein künstleriches Tun blieb reaktionär. Klar, dass ich fortan Menschen, die etwa Sibelius toll fanden, verachtete. Man hatte schließlich auf der richtigen Seite, der des Fortschritts, zu stehen. Nun war Arnold Schönberg tatsächlich ein Mensch mit ausgeprägtem Sendungsbewußtsein. Nach kompositorischen Anfängen im spätromantischen Idiom und – in Überwindung einer als verbraucht erkannten musikalischen Sprache – frei atonalen Kompositionen entwickelte er ein Kompositionsverfahren, in dem sämtliche zwölf dem Komponisten zur Verfügung stehenden Töne „gleichberechtigt“ zum Einsatz kommen. Fortan komponiert er das, was man „Zwölftonmusik“ nennt. Diese „Erfindung“ galt ihm als bahnbrechend, und er kämpfte um das Recht auf Urheberschaft an seiner Idee, wo immer sie angezweifelt oder nicht genügend gewürdigt wurde. In der Philosophie der neuen Musik (1949 erstmals publiziert) erklärt nun Adorno Schönberg zum Sachwalter des musikalischen Fortschritts. Es gilt, sich den Zwängen einer allgegenwärtigen Kulturindustrie zu entziehen und „wahre“ Musik zu komponieren, die als Ausschlag negativer Erfahrung einzig das leidende Subjekt zum Inhalt haben kann. Soweit die Theorie. Wie aber, frage ich mich, steht es um die moralische Integrität des Schöpfers dieser „wahren“ Musik? Wie verhielt er sich beispielsweise zur ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg? Lassen wir ihn in einem Brief an Alma Mahler am Vorabend des Weltkrieges zu Wort kommen: „Diese Musik [Strawinsky, Bizet, Delius] war längst eine Kriegserklärung, ein Überfall auf Deutschland … Aber jetzt kommt die Abrechnung. Jetzt werfen wir diese mediokren Kitschisten wieder in die Sklaverei und sie sollen den deutschen Geist verehren und den deutschen Gott anbeten lernen.“* Es ist billig,  aus nachgeborener Sicht zu verurteilen, und neben Schönberg fielen viele, gerade auch Intellektuelle, auf die Kriegspropaganda der preußisch-deutschen Obrigkeit herein. Aber diese Sätze schockieren dann doch in ihrer Deutlichkeit. Da ist ja, wohlgemerkt, nichts metaphorisch gemeint, sondern hier ist Krieg, Töten, Abschlachten gemeint. Mir ist nicht bekannt, ob Adorno um diese Seite seines musikalischen Fortschrittlers wusste. Beantwortet hat er die Frage nach dem Widerspruch zwischen der geistigen Haltung des Menschen Arnold Schönberg, und dem angeblichen philosophischen Wahrheitsgehalt seiner Schöpfungen aber doch, und zwar auf die ihm eigene, Widerspruch ausschließende, herrische Art:

„Der Künstler ist nicht gehalten, das eigene Werk zu verstehen.“**

 

 

*Brief vom 28.08.1914, zitiert nach: Norbert Schläbitz, Als Musik und Kunst dem Bildungstraum(a) erlagen. Göttingen 2016. S. 107

** Adorno: Prismen. dtv 1963. S. 251

 

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