Meine Fichte

Mai 20, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Die majestätische Fichte vor meinem Küchenfenster wächst gelassen gen Himmel. Wir grüßen uns jeden Morgen wie zwei alte Bekannte. Ihre sanft schaukelnde Ruhe nehme ich mir zum Vorbild für den Tag, meine stille Bewunderung wiederum gibt ihr die Kraft für stetes  Ausharren. Sie dürfte so alt sein wie der Wohnblock, in dessen Innenhof sie steht, und überragt nach hundertährigem Wachstum die sie umgebenden Gemäuer um das doppelte. Von meinem Hochsitz im dritten Stock aus befinde ich mich in etwa auf Höhe des Bauchnabels. Sie ist eine echte Schönheit, und gerne würde ich sie malen. Aber das ist aussichtslos. Weder hätte ich die Geduld, abertausende Nadeln zu malen, noch dürfte ich je hoffen, mit drei vier schwungvollen Pinselstrichen die Essenz Ihro Majestät auf die Leinwand zu werfen. Und vielleicht gäbe sie auch gar nicht die Genehmigung. Mir scheint, sie ist ziemlich eitel und ließe keinesfalls einen Dilettanten wie mich an sie heran. Trotz der gutnachbarlichen Beziehungen. Ich bleibe bei meinenesgleichen. Köpfe und Körper. Zwei Augen, Nase, Mund, oder Rumpf zwei Beine zwei Arme – immer das gleiche. Das geht.

 

 

 

 

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Nabelschau

Mai 19, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Der Mensch ist, wie alles was lebt, eine expanierende Spezies. Gut möglich, dass er, als Megaseller der Evolution, irgendwann über die Grenzen seiner eigenen Belastbarkeit hinaus expandiert. Dann könnte schon bald alles vorbei sein. Es lohnt also, noch mal genau hin zu schauen. Wer sind wir, und vor allem, wie sehen wir aus?

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus der Zeit gefallen

Mai 7, 2018 § 6 Kommentare

 

Am vorgestreckten Arm das Smartphone, dessen rückwärtsgewandtes Auge schon nicht mehr interessiert. So wenig wie die Kippe, längst erloschen. Im Haar krümmt sich das Gebirge. Felsen, aus der Zeit gefallen. Nie sind wir so alt, wenn wir jung sind.

 

All die vielen Bilder …

Mai 3, 2018 § 9 Kommentare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein neues Handy kommt mit drei eingebauten Kameras auf den Markt, lese ich in der Zeitung. Das Bedürfnis, Bilder von sich und der Welt zu machen scheint also ungebrochen. Ich stelle mir vor, dass es in nicht allzu ferner Zeit möglich sein wird, alles das, was in jedem Moment und an jedem erdenklichen Ort unseres Planeten optisch erfahrbar ist, aufzuzeichnen und abzuspeichern. Die optisch erfahrbare Welt wäre also nicht nur dupliziert, sondern gewissermaßen für alle Zeit eingefroren. Technisch als gigantöse Datensammlung auf Serverfarmen aufbewahrt, die sich krakenförmig durch’s Land fressen, duchpflügt und beackert von Künstlicher Intelligenz, die uns zu Statisten unserer selbst degradiert. Von der Warte dieser Künstlichen Intelligenz aus betrachtet krabbeln wir über den Planeten auf der Suche nach Nahrung und Sex, so sinnfrei, wie uns das planlose Umherschweifen von Insekten vorkommen mag. Ich für meinen Teil ziehe daraus die Lehre, fürs erste einen fliegenden Maikäfer mit mehr Empathie zu betrachten.

Alltagsfragen

April 21, 2018 § 6 Kommentare

 

Ist die Badewanne ein sicherer Ort?

 

Geben wir zu oft den Clown?

 

Grübeln wir zu viel?

 

Sind wir primitiv?

 

Ist Transparenz eine Tugend?

 

Hätten wir die Haare besser nicht gefärbt?

 

Was ist der Preis der Schönheit?

 

 

… dabei sprach aber viel Seligkeit aus seinen Augen.

April 19, 2018 § 7 Kommentare

 

Robert und Clara Schumann

 

Das Thema Psychiatrie überfordert viele von uns. Auch wer sich beruflich mit dem Thema beschäftigt, nutzt oft, legitimerweise, mehr oder weniger große Spielräume zum Schutz der eigenen seelischen Integrität. Wie auch soll man sich vorstellen, was in einem psychisch kranken Menschen vorgeht; wie weit ist Empathie – im Hinblick auf  körperlich Erkrankte wohlfeil zu haben – möglich Menschen gegenüber, deren Krankheit weit in die Persönlichkeit eingreift, in den Charakter und all das, was wir im persönlichen Miteinander schnell unter moralischen Kategorien abhandeln? Das legitime Bedürfnis Erkrankter nach Schutz und Hilfe geht mit dem Verlangen der Allgemeinheit nach „Schutz“ v o r den Kranken nur zu oft eine unheilvolle Allianz ein. Wer in einem geschützten Umfeld Linderung und Heilung sucht, ist eben schnell gleichermaßen weggesperrt und damit dem persönlichen Umfeld als Last „abgenommen“. Seit jeher erprobte Muster im Umgang mit „Verrückten“ sind Tabuisierung, Skandalisierung, Entmenschlichung, – aber auch Versuche der Hinwendung und des verantwortlichen Sorgens. Oder aber: Romantisierung, Überhöhung. Die Formel dafür: „Genie und Wahnsinn“, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Typischer „Fall“: der Komponist Robert Schumann, der einer beliebten Erzählung zufolge zunächst in einem hochromantisch-heroisch geführten Kampf gegen den pedantischen Schwiegervater in spe die Ehe mit der Klaviervirtuosin Clara Wieck errang, um dann nach vierzehnjähriger Traumkünstlerehe vor einer ausbrechenden Geisteskrankheit in einer privaten Heilanstalt Schutz zu suchen, wo er nach zweijähriger Leidenszeit von seinem irdischen Dasein erlöst wurde. Der renomierte Psychiater Uwe Henrik Peters stellte demgegenüber erstmals 2010 die These auf, dass Schumann nicht geisteskrank war, sondern aufgrund einer Fehldiagnose behandelnder Ärzte, und de facto entmündigt von seiner Frau, in die Irrenanstalt eingewiesen wurde, dort letztendlich gegen seinen erklärten Willen festgehalten wurde und sich schließlich, aller Würde beraubt, und um seinem Leiden ein Ende zu setzen, zu Tode hungerte. Als ich vor einigen Wochen, aus einem harmlosen Wiederauffrischungsinteresse am Klavierwerk Schumanns heraus, auf die inzwischen in Buchform vorliegenden Arbeiten Peters stieß, ergriff mich mit zunehmender Lektüre ein Schwindel – ich glaubte, in einen Abgrund zu schauen. Halt erhoffte ich mir von kritischen Rezensionen der Publikationen, seriös wissenschaftlichen Widerlegungen der Thesen Peters seitens der Schumann-Forschung. Was ich fand – vielmehr: nicht fand – ließ mich schaudern. Die „offizielle“ Schumann-Forschung, allen voran der Ehrenvorsitzenden der Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau Gerd Nauhaus, diffamierte entweder Arbeiten und Person U. H. Peters, oder verschwieg sie einfach. Mir wurde schnell klar, dass große Teile der Musikforschung wie auch der musikinteressierten Öffentlichkeit offensichtlich nicht an der Wahrheit, oder dem, was man im Ergebnis historischer Forschung dafür halten mag, interessiert sind, sondern einzig daran, ein tradiertes Schumann-Bild zu schützen. Oder, wie Peters vermutet: der Schumann-Mythos ist offenbar zu stark. Sechzehnjährig hörte ich zum ersten Mal die Kreisleriana Schumanns, in einem Konzert des Pianisten Radu Lupu, der für den erkrankten Alfred Brendel eingesprungen war. Ein musikalisches Erweckungserlebnis, dem viele beglückende Musikerfahrungen im Schumannschen (Klavier)Kosmos folgten. Der Gedanke, sich den Urheber dieser vielen persönlichen Glücksmomente und tiefen Erfahrungen als einen Gedemütigten, Entrechteten, Gequälten und letztlich unter der „Obhut“ eines mit eiskaltem Wasser, Zwangsmedikation und physischer Gewalt behandelnden Arztes zum Tode Verurteilten vorstellen zu müssen – dieser Gedanke hat etwas zu tiefst bestürzendes.

 

 

Robert Schumann Versuch eins

 

Robert Schumann Versuch zwei

 

Robert Schumann Versuch drei

 

„…dabei sprach aber viel Seligkeit aus seinen Augen“: Überschrift des letzten der 18 Davidsbündlertänze, komponiert in der Zeit der heimlichen Verlobung mit Clara Wieck. Schuman schrieb über diese Tänze: „War ich je glücklich am Clavier, so war ich es als ich sie componierte.“ (zitiert nach: Henle Urtextausgabe)

Literatur:

Henrik Uwe Peters: Abgeschoben ins Irrenhaus. In: Deutsches Ärzteblatt  22/2010

ders.: Robert, Clara und Johannes. Schumanns letzte Jahre. 2. Auflage Köln 2013

 

 

P. S. Die Dame von Welt widmet dem Thema Psychiatrie gerade einen empfehlenswerten Artikel anlässlich des hoch problematischen Bayerischen Psychiatriegestzentwurfs.

 

Neuere Arbeiten

März 8, 2018 § 4 Kommentare

 

Nicht immer findet sich eine Klammer für das was man tut. Muss ja auch nicht, sage ich mir. Einfach mal laufen lassen, daddeln. Das absichtslose Tun schlägt eine Brücke zur Natur, die ja auch keinem Plan folgt, sondern sich „ergibt“. Erst im Nachhinein kommen die vielen grauen Zellen und stürzen sich begierig auf alles, was sie zu fassen kriegen. Stellen „Ordnung“ her und sich zuoberst, Krone der Schöpfung, dabei so hilflos allem ausgeliefert. Aber geil, schon. Ruhig mal die Handbremse lösen, wieviel Chaos hält man denn aus.

 

Heute in der U-Bahn skizziert, die ein oder andere jäh abbiegende Linie dem robusten Fahrstil des Fahrzeuglenkers geschuldet:

 

Hier wird die Welt erschritten, und der Himmel geht mit:

Gestochenen Blickes in die Welt:

(Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose):

Der Pianist:

Die Eiche:

Der Ostseestrand:

Der Sucher:

Der Kaffee zwischendurch:

Der Park:

Der Ausblick:

Wo bin ich?

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