W a r t e n

September 30, 2014 § 4 Kommentare

Ein Freund sagt manchmal: Das Warten hat Zeit. Genau. Mit dem Warten kann man sich ruhig mal Zeit lassen. Es kommt ohnehin früher oder später. Nicht das, worauf man wartet. Das, worauf man nicht wartet. Die Rechnung. Das Alter. Das Unglück. Das Glück. Hoppla – das Glück? Eine Nachricht. Auf ein gutes Bild muss man manchmal warten. Auch, wenn es schon gemalt ist. Man betrachtet es Tag für Tag, und jedesmal sieht man etwas anderes. Mal ist da ein unvermitteltes Lächeln, dann wieder hat sich der Ausdruck verfinstert. Ein Ohrläppchen kippt plötzlich nach vorne und der milde Glanz vom Vortag ist verschwunden. So geht das eine Weile, bis man vielleicht irgendwann ein Gefühl für das Bild bekommt. Und weiß, was noch fehlt. Oder was unwiederbringlich verloren ist. Also Warten auf das gute Bild. Warten darauf, dass sich jemand meldet. Man denkt leicht, dass die Menschen früher besser im Warten waren. Drei Wochen, bis der Brief beantwortet wird. Eine Woche, bis man am Ziel der Reise angelangt ist. Im Zeitalter elektronischer Kommunikation unvorstellbar. Und doch gibt es sie noch, die langen Wartezeiten. Für mein Tagesfotoprojekt leiste ich mir den Luxus analoger Fotografie. Da vergehen jedesmal einige Wochen, bis der Film voll belichtet ist, schließlich zur Entwicklung aufgegeben und noch schließlicher abgeholt ist. Und jedesmal diese Vorfreude. Endlich die Bilder. Die Tüte bezahlt, ungeduldig aufgerissen und die Fotos einem ersten Schnelldurchlauf unterzogen. Da passiert es schon mal, wie neulich, dass einen dann ein Bild umhaut. Der Moment der Aufnahme ist sogleich erinnerlich, aber dieser Blick, das Licht, luzides Glühen, erfüllte Zeit. Glück. Dafür lohnt sich das Warten…

 

 

Einer dieser Räusche 6_

(Dieses Bild wurde auch erwartet…)

Das Tagesfoto

März 20, 2013 § Ein Kommentar

Seit dreizehn Jahren mache ich jeden Tag ein Foto. Genau ein Foto, mit einer kleinen APS-KAmera, Licht auf Film, Chemie, wie früher. Ist der Film nach 25 Tagen belichtet, wird er entwickelt und je ein Bild plus ein Indexprint abgezogen. Auf der Rückseite jedes Fotos notiere ich neben das bereits aufgedruckte Datum mit Uhrzeit der Aufnahme den Ort und die Namen eventuell abgelichteter Personen. Dann kommt alles in chronologischer Abfolge in eine Box. Als ich die Serie vor nunmehr dreizehn Jahren begann, kam es mir auf zwei Dinge an. 1. Genau EIN Bild pro Tag ohne die Möglichkeit, am Ende des Tages noch mal auszuwählen. Deswegen analog, auf Film : abgedrückt ist abgedrückt, kein Löschen, keine zweite Chance. Der Indexprint dokumentiert die Abfolge lückenlos. 2. JEDEN Tag ein Bild, denn es geht nicht darum, bedeutende Ereignisse auf schönen Fotos festzuhalten, sondern darum, einen Langzeitrhythmus aufzubauen.  So wie’s im Jazz erst groovt, wenn der gnadenlos durchgezogene 4/4-Puls das Rückrat improvisatorischer Freiheiten bildet. Und darin liegt auch schon die Herausforderung. Knipse jeden Tag ein Foto von – ja wovon denn eigentlich? Oft genug ist der Tag fast rum und das Foto noch nicht geschossen. Dann entstehen so Verlegenheitsbilder. Und auf die habe ich es (u. a. ) abgesehen. Das Gesetz der Serie zwingt mich, Banalitäten ins Bild zu setzen, die man unter gewöhnlichen Bedingungen keines Blickes, geschweige denn eines Fotos, für würdig erachtet hätte. Jetzt nicht. Aber mit dem Abstand von zehn, zwanzig oder wer weiß wie viel Jahren freut man sich vielleicht , weil es was zu entdecken gibt. Das Verlegenheitsbild ist meine Botschaft an die Zukunft. Und nun habe ich, um mir mal einen Überblick über die vergangenen dreizehn Jahre zu verschaffen, alle Indexprints eingescannt und so zusammen montiert, dass ein großes Bild dabei heraus kommt.

Voila – mein Leben von 2000 – 2013:

Tagesfotos 2000_20013

Wo bin ich?

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