Am Staubfaden

Februar 17, 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

An einem Donnerstag Morgen im Paris der Vorkriegsjahre wacht Alberto Giacometti um sechs Uhr früh auf und bemerkt an der Decke seines Zimmers zwei Flecken. Beim weiteren Betrachten der ziemlich hohen Decke fälllt ihm ein herabhängender Staubfaden auf. Entzückt betrachtet er die wellenförmigen Bewegungen des Fadens, der aus einem unsichtbaren Anfang heraus leicht dicker wird, sich dann verjüngt und schließlich in einem Punkt endet. „Es war wie ein halluziniertes Tier, eine Schlange, aber kein Tier hat je Bewegungen von solcher Schönheit gemacht, ich bin außerstande, das zu beschreiben, leicht und groß und immer anders… Wie eine Tänzerin war das, von grenzenloser Anmut und Geschmeidigkeit.“ So schreibt er über dieses „größte Ereignis dieser Woche“ in einem Brief an Isabel Nicholas.* Nach einem Flirt mit den Surrealisten hatte sich Giacometti der menschlichen Figur zugewandt und ging geradezu obszessiv der Frage nach, wie sich die Wahrnehmung eines Menschen im Raum modellieren ließe. Der visuelle Eindruck einer Begegnung mit Isabel Nicholas war, wie er später berichtete, die Initialzündung bei dem Prozess der zunehmenden Verschlankung, geradezu Entmaterialisierung seiner Skulpturen. Unermüdlich arbeitete er sich am Material ab, nie zufrieden mit den Ergebnissen, Prototyp des ringenden Künstlers, dessen Werk zuförderst vom Prozess Zeugnis ablegt anstatt in triumphaler Geste die Idealform zu postulieren. Wie auch ließen sich Eleganz und morbide Fragilität eines Staubfadens modellieren? Von vibrierender Flüchtigkeit war auch die Beziehung zwischen Giacometti und Isabel Nicholas. Lange getrennt durch den Krieg, zog sie danach in seine Atelierwohnung. Auf einer gemeinsam besuchten Party kam sie wenig später mit einem jungen Musiker ins Gespräch und verließ mit ihm die Party. Giacometti sah sie erst eine Woche später wieder, als sie ihre Sachen aus der Wohnung abholte. Dennoch blieben sie sich freundschaftlich verbunden bis zu seinem Tod. Eine Biografie dieser faszinierenden Frau, ihrerseits Malerin, dreimal verheiratet (weitere Nachnamen: Delmer, Lambert, Rawsthorne), mit wichtigen zeitgenössischen Künstlern zeitweise liiert, muss noch geschrieben werden. Unbedingt.

*zitiert nach: Alberto Giacometti. Isabel Nicholas. Briefe. Bad Langensalza 2015. S. 44

 

 

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Alberto Giacometti

Januar 31, 2016 § 4 Kommentare

Schon des öfteren zeigte ich auf dieses Seiten Kugelschreiberkritzeleien auf Zeitungspapier oder Buchseiten. Dem wunderbaren Band „Alberto Giacometti. Begegnungen“ entnehme ich nun, dass Giacometti seine „Obsession für das menschliche Antlitz“ (Eva Hausdorf) in täglichen Kopierübungen auslebte. Er reproduzierte regelmäßig Abbildungen aus Zeitschriften oder Büchern auf Zeitungspapier, Briefumschlägen oder Buchseiten, vorzugsweise mit Kugelschreiber oder Bleistift. Oft begann er eine Arbeitssitzung im Atelier damit, wahllos aus Büchern Abbildungen herauszugreifen und zu kopieren. Interessant finde ich daran, dass es ihn nicht störte, die Fotografie eines Kunstwerkes oder menschlichen Kopfes als Vorlage zu wählen. Die Skulpturen und Ölbilder entstanden dann zwar in langen Sitzungen vor dem lebenden Modell, aber als Übung, getreu seinem Motto „kopieren um besser zu sehen“,  maß er „flachen“ Fotografien offenbar genügend Aussagekraft bei.

Die Vorlagen für folgende Zeichnungen sind der Süddeutschen Zeitung und dem besagten Band über Giacometti entnommen:

 

 

Ai Weiwei auf Zeitungspapier

 

Übermalung slkja

 

Übermalung weoiu

 

Büste von Diego

 

 

 

Diego Giacometti

 

Igor Strawinsky

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