Neo Rauchs gendersensibler Bückling

November 1, 2017 § 6 Kommentare

 

Eine ausgekochte Formulierung: „gendersensibler Bückling“. Aber der Reihe nach. Im September las ich in der ZEIT ein Interview mit Neo Rauch anlässlich des Todes seines Lehrers und Freundes Arno Rink, seiner Zeit Rektor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Darin erklärt Rauch sinngemäß, dass heutzutage ein sinnenfrohes, die Formen des weiblichen Körpers feierndes, genießerisch freies Leben (den Männern) nicht mehr möglich sei und insbesondere seine Studenten sich vor lauter Angst, etwas falsch zu machen und gegen das „inquisitorische Umfeld“ zu wirken nichts mehr trauten. Statt von weiblichen Körperformen fühlten sich die jungen Männer nur mehr von „Blockseminaren zum gendersensiblen Sprachgebrauch“ angeregt. Nachdem mich die anfängliche Sympathie für einen Maler, den mir erst kürzlich ein formidabler Film nahegebracht hatte, eine Weile durch den Interviewtext trug, wuchs zunehmend ein unterschwelliges Unbehagen. Trotz flotter, scheinbar einleuchtender Formulierungen war da etwas im Argen. Im ganz furchtbar Argen. Ich stieß ein zweites Mal auf dieses Interview, als Alban Nikolai Herbst in seinem immer lesenswerten Arbeitsjournal auf Die Dschungel daraus zitierte (s. hier). Im weiteren Nachdenken erst zeigte sich mir die subtile Infamie der Rauchschen Formulierung. Die sie triggernde Empörung ist wohlfeil zu haben, denn in der Tat treibt ein bestimmtes Bemühen um die richtige Sprache und den richtigen Umgang der Geschlechter miteinander so manche Stilblüte und gebiert so manchen Übereifer. Jedoch: worum geht es denn? Das Projekt, das Verhältnis der Geschlechter nach Jahrhunderten männlich Dominanz auf eine gerechtere Grundlage zu stellen, und des weiteren den Sprachgebrauch von Spuren ebendieser Dominanz zu entrümpeln, ist ein zutiefst aufklärerisches und notwendiges. Man mache sich doch einmal klar, auf welch einem Misthaufen an Privilegien sich Männer Jahrhundertelang durchs Leben fläzten. Dass es jetzt, wo es daran geht, diesen Haufen zu entsorgen, allerorten knirscht, es mitunter gar heult und zähneklappert, kann nicht verwundern. Rauch aber pöbelt nicht, sondern schließt feine Giftpfeile ab. Eine Formulierung wie der „gendersensible Bückling“ ist angewandte Rhetorik und funktioniert nach dem gleichen Muster wie bsw. der Begriff „Verschwörungstheorie“. Instrument ist der Ebenenwechsel; der Gegner wird in eine Ecke gestellt, aus der heraus er nicht mehr argumentationsfähig ist. Also entweder pathologisiert, oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Einen „gendersensiblen Bückling“ betrachtet man im Reagenzglas, oder unter dem Mikroskop. Das desavouiert das Anliegen einer genderbewussten Sprache, gleich ob deren Anhänger aufrecht durchs Leben gehen oder untertänigst (ein Charakterzug, der in allen Milieus vorkommt). Ganz genauso funktioniert übrigens der inzwischen schon wieder aus der Mode gekommene „Russlandversteher“, oder, noch früher, der „Gutmensch“. Nun könnte man Rauchs Angriff als Ausdruck eines typischen Generationenkonflikts deuten, der stets nach dem Muster abläuft, Sitten und Gebräuche der eigenen Jugendzeit zu heroisieren und gegen Verflachung und Verweichlichung der gegenwärtigen Generation abzugrenzen. Aber selbst wenn seine Studentenzeit von Partys und wildem Sex durchdrungen war, so könnte es ja sein, dass sich seine heutigen Studierenden nun mal für ein anderes Leben entschieden haben. Das muss nicht jedem gefallen, aber vor dem historischen Hintergrund, dass (männliche!) Maler in ihren Ateliers ihre Machtposition regelmäßig dazu benutzten, bei den weiblichen Modellen zum Zug zu kommen, irritiert die Unverfrorenheit, mit der Rauch hier den männliche Blick (und Zugriff) auf den weiblichen Körper feiert. Lassen wir Rauch nochmal im ganzen Satz zu Wort kommen: „Heute dominiert der Typus des gendersensiblen Bücklings, der sich nicht ins Leben hineinwagt, weil dort zu viele Gefahren lauern.“ Genau, lieber Rauch, und alle altersgeilen malenden Männer, traut euch hinaus ins Leben und begegnet dort – hoffenlich: starken  -Frauen!*

Und weil auch ich weibliche Formen liebe, keine Scheu habe sie zu malen, keinerlei Druck oder Erwartung verspüre, sie nicht malen zu dürfen, sondern mir lediglich einen auf Respekt, Toleranz und Augenhöhe basierenden Umgang der Geschlechter wünsche, und am liebsten alles dem direkten, persönlichen Umgang einander höflich zugewandter Menschen überließe, hier ein paar Zeichnungen, passend zum Thema:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens ist derzeit im Barberini-Museum in Potsdam ein Bild von Sighard Gille zu sehen, „Die wilde Fete II“ (oder so ähnlich – ich erinnere mich nicht genau), mit einem stocksteif grau traurig thronenden Arno Rink inmitten grell gemalter freizügig gekleideter Frauen und einer sie umschwärmenden Männerschar. Bestimmt ist da auch irgendwo Rauch abgebildet, ich hab ihn aber nicht erkannt…

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Im Schaltkreis

Juli 12, 2017 § 6 Kommentare

Nein, hier geht’s nicht um das Thema „Frau und Technik“. Ansätze dieser Art sind mir völlig fremd, unangenehm gar. Beginnt irgendwo ein Satz mit „Frauen sind…“ oder „Männer glauben…“ wende ich mich schaudernd ab. Neulich las ich irgendwo, Einstein habe sich mal dahingehend geäußert, viele Männer versuchten, das „Wesen“ einer Frau zu verstehen. Da sei es doch einfacher, sich mit der Relativitätstheorie zu beschäftigen. Blickt man zurück in die Geschichte, fällt doch auf, dass über weite Strecke „die Frau“ überhaupt nicht „verstanden“ oder „erklärt“ werden musste. Jedenfalls nicht, solange sie den ihr von Männern zugewiesenen Platz drinnen und draußen einnahm. Beschritt sei eigene Wege, wurde sie schnell zur Hexe oder Hure, seltener auch zur Heiligen. In späteren, zunehmend aufgeklärten Zeiten verlor die Thematik ihre physische Brisanz und lebt nun in philosophisch-intellektuell verbrämten Stammtischdiskursen fort. „Verstanden werden“ soll „die Frau“ immer dann, wenn sie nicht den männlichen Erwartungen entspricht. Statt sich der Aufgabe eines zwischengeschlechtlichen Miteinanders zu stellen zieht dann wohl mancher die Relativitätstheorie als Bettlektüre vor. Dabei ist es wirklich simpel: Menschen sind Individuen mit je unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen. Nicht immer harmonieren diese in der Begegnung. Alles weitere folgt daraus, auf die ein oder andere Art. Was gäbe es da (nicht) zu verstehen? Aber darum geht’s hier nicht. Hier geht es um meinen Vater. Genauer: Um eine Kindheitserinnerung an ihn. Mir fiel nämlich ein kleines Büchlein in die Hände: Praxis der Rundfunk-Stereofonie, von Werner W. Diefenbach. Enthaltend zahlreiche Abbildungen von Schaltdiagrammen. Und nun sehe ich meinen Vater, abend für abend in den Wohnzimmersessel gefläzt Schaltdiagramme auf Schmierpapier zeichnend. Wichtige dienstliche Probleme konnten offenbar tagsüber nicht gelöst werden und bedurften der feierabendlichen Nachbearbeitung. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die den Vater lieber in ein Gespräch verwickelt, oder ihm aus der Zeitung vorgelesen hätte. Ich verstand nichts von den visualisierten technischen Vorgängen – soviel vielleicht, dass sich da Signalwege ihren Weg bahnen mussten – aber mich faszinierte das Linienspiel, das sich in immer neuen Verästelungen auf dem Papier abzeichnete. Sicher auch die ruhige Konzentriertheit, die mein Vater ausstrahlte. Heute denke ich, so kam er zur Ruhe; fand ein Arrangement aus Signalwegen und elektrischen Widerständen vielleicht handhabbarer als das Miteinander von Menschen, derem Intrigenspiel er sich nicht anschließen mochte. Ob sich ins Technische gelegentlich eine erotische Fantasie mischte, vermag ich nicht zu sagen. In meiner Fantasie aber sind Linien zu allen möglichen Orten unterwegs. Der Keim wurde damals, im heimischen Wohnzimmer, gelegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Akte, gekleckst

Juli 30, 2016 § 2 Kommentare

Der Klecks kann stehen bleiben in seiner ganzen Pracht. Nackt, wie er zur Welt kam – rohn, ungeschlacht, zärtlich unvollkommen, tief beräumt. Er kann, einzeln oder als Kleckserei, aber auch weitergehen, Linien und Wölbungen zulassen und in eine Szenerie einmünden. Gebirge, Gewetter, Landschaft, Prolog und Gespräch, Figur und Liebe. Körper ist er ja schon, als Keim zumindest, von Geburt an. Hier generiert er den Akt:

 

Akt gekleckst ejfjz

 

 

Akt gekleckst ypys

 

 

Akt gekleckst dofoz

 

Akt gekleckst ylip

 

Akt gekleckst xkdjq

 

Akt gekleckst vkwjg

 

Akt gekleckst oaxjht

 

Akt gekleckst lylkjr

 

Akt gekleckst lkjw

 

Akt gekleckst hkgjt

 

Akt gekleckst gkyje

 

Akt gekleckst dslr

 

Akt gekleckst clki

 

Akt gekleckst ckjzh

 

Akt gekleckst alkr

 

Akt gekleckst aelkjb

 

 

Akt gekleckst algfkw

 

Akt gekleckst bmnb

 

Akt gekleckst lkyd

 

Akt gekleckst alkjt

Vollkommenheit

Februar 14, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

„Die ideale Liebe muss nicht stets

im Bette enden. Besser wär, sie tät’s.“

(Peter Hacks)*

* Zitiert nach: Peter Hacks, Liebesgedichte. Herausgegeben von F. W. Bernstein. Reclam Verlag Leipzig, 2006, S. 19

Rodins Zeichnungen

Januar 13, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Über Jahrhunderte gehörte das Zeichnen nach einem Aktmodell in klassischer Pose zur Grundausbildung des Malers. Die Darstellung antiker Mythen und biblischer Szenen erforderte die anatomisch korrekte Darstellung des (nackten) Menschen in unterschiedlichsten Handlungszusammenhängen, aus unterschiedlichsten Perspektiven. Zeichnerische Studien, die Ölgemälde vorbereitend, finden sich in den Nachlässen aller Maler. Aber erst im Laufe des  19. Jahrhunderts rückt die „Lust am Körper“ immer unverholener in den Focus darstellender Kunst. Rodin und Klimt schließlich fertigten in ihren Ateliers hunderte, ja tausende Aktzeichnungen an, getragen von einer Begeisterung für weibliche Formen und ihrer erotischen Ausstrahlung. Explizit galt es, den Körper in seiner Natürlichkeit, das heißt eben: nicht posierend, zu erfassen. Und es galt, die Bewegung, den flüchtigen Moment einzufangen. Rodin zeichnete schnell, ohne auf’s Papier zu schauen. Die Hände sollten fühlen, was die Augen sehen. So entstanden einzigartige Aquarelle, denn die flüchtig auf’s Papier geworfene Kontur emotionalisierte er anschließend durch wenige Farbtöne. Man könnte auch sagen: mit der feuchten Farbe das Papier überschwemmend nahm er die Figur in Besitz. Die Zeitgenossen, so sie denn diese Zeichnungen zu Gesicht bekamen, waren ob ihrer unverholenen Erotik teils geschockt, teils begeistert. Klee empfand sie so genial einfach wie monumental. (Nachzulesen hier) Ich meinerseits lasse mich davon gerne anregen, bleibe ansonsten aber schön auf dem Teppich. Ich zeichne schnell, schaue möglichst nicht auf’s Papier, und verbrate Tonnenweise Schmierpapier. Und das kommt dabei heraus:

Minutenak02

Minutenak03 Minutenakt01

Minutenak04 Minutenak05 Minutenak06 Minutenak07 Minutenak08 Minutenak09 Minutenak10

Minutenak11 Minutenak13 Minutenak14 Minutenak15 Minutenak16

Minutenak29 Minutenak28 Minutenak27 Minutenak26 Minutenak25 Minutenak24 Minutenak23 Minutenak22 Minutenak21 Minutenak20 Minutenak18

Tomi Ungerer 80

November 27, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Mit Zeichnungen ist es wie mit der Kindheit. Da lässt sich nichts ausradieren. Das sagt der große Tomi Ungerer. Und wie Recht er hat. Alles bleibt stehen, und man zeichnet, malt, schreibt, drückt so lange drüber, bis es stimmt. Spuren älterer Schichten bleiben stehen, garantieren Lebendigkeit und dienen späteren Generationen als Forschungsgegenstand. Ungerer wird dieser Tage nicht nur achtzig, sondern er wartet auch mit weiteren interessanten Statements auf. „Wenn du im Alter noch alle Murmeln beisammen hast, kannst du sie besser abschießen“. Oder: „Der Tod ist nur der Zollbeamte. Er winkt dich durch. Was danach kommt, muss man halt sehen.“ Alles und noch viel mehr nachzulesen im schönen Geburtstagsartikel der SZ (Ausgabe dieses Wochenende). Ich spendier ihm für so viel Weisheit ein Portrait, garantiert ohne Ausradierungen:

Tomi Ungerer

Tomi Ungerer

und schick‘ zwei Aktzeichnungen hinterher, denn ein Erotomane war er auch.

Wo bin ich?

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