Ein Frauenbildnis, von unterwegs

Oktober 19, 2017 § 6 Kommentare

 

Die Bahn lebt, trotz Mehdorn. Sanft schaukelnd, einmal von Nordost nach Südwest die Republik querend zieht der ICE seine Bahn, begleitet von milde das Land betupfenden Sonnenstrahlen. Der frühmorgendliche Nebel ist bereits Geschichte, ebenso die kleine Irritation ob der ausgefallenen Reservierungsanzeige, deren Ausbleiben ja nur lästig werden kann dem, der sein Sitzplatzglück der Obhut höherer Mächte überlässt. Und was kann man nicht alles während einer solch längeren Bahnfahrt glücklich sitzend anstellen. Dösen, in die Landschaft schauen, in Büchern schmökern, die offenen Münder eingeschlafener Mitreisender zeichnen, schreiben, den Blog pflegen, Kaffee trinken, an seine Liebsten da draußen in der Welt denken – lieber dies als an den Geschicken der Menschheit da draußen (ver)zweifeln. Weil die Zeit des Reisens im Grunde nutzlose Zeit ist – allein dem Zweck von A nach B zu kommen geschuldet, wird sie frei und damit Gewinn.

 

Auf meiner letzten Reise hatte ich übrigens Station in Frankfurt am Main gemacht und die Bonnard/Matisse-Ausstellung im Städel gesehen. Da waren viele Menschen zwischen und vor den Bildern, und wieder einmal wurde mir bewusst, wie wichtig beim Betrachten von Bildern Erholungszeiten für das Auge sind. Verweilt das Auge nämlich zu lange auf dem Bild, sieht es nur noch Matsch. Jedenfalls war ich doch so angefixt vom Farbenrausch dieser Malerei, dass ich zuhause sämtliche Acryltuben und -flaschen an den Start brachte und nach einer längeren Phase des Zeichnens neuerlich in die Vollen ging. Neben dem Schönberg von neulich entstand so u. a. obiges Frauenbildnis.

 

 

 

 

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Die Haltung des Künstlers

Oktober 15, 2017 § 4 Kommentare

Arnold Schönberg

 

Mit Anfang 20 verschlang ich Adornos Philosophie der neuen Musik. Der Sog seiner Sprache, die unerbittliche Logik einer Argumentation, die die Tendenz des musikalischen Materials von der Klassik über Romantik und Spätromantik hin zu Auflösung der Tonalität entrollte und die Zweite Wiener Schule um Arnold Schönberg zum einzig legitimen Erben dieser Gesetzmäßigkeit erklärte – all das faszinierte mich als eine Weltsicht von scheinbar bestechender Logik. Wer als Komponist den historischen Lauf der Dinge verpennt, oder willentlich ignoriert hatte, verwirkte das Recht auf Teilhabe am musikalischen Prozess, sein künstleriches Tun blieb reaktionär. Klar, dass ich fortan Menschen, die etwa Sibelius toll fanden, verachtete. Man hatte schließlich auf der richtigen Seite, der des Fortschritts, zu stehen. Nun war Arnold Schönberg tatsächlich ein Mensch mit ausgeprägtem Sendungsbewußtsein. Nach kompositorischen Anfängen im spätromantischen Idiom und – in Überwindung einer als verbraucht erkannten musikalischen Sprache – frei atonalen Kompositionen entwickelte er ein Kompositionsverfahren, in dem sämtliche zwölf dem Komponisten zur Verfügung stehenden Töne „gleichberechtigt“ zum Einsatz kommen. Fortan komponiert er das, was man „Zwölftonmusik“ nennt. Diese „Erfindung“ galt ihm als bahnbrechend, und er kämpfte um das Recht auf Urheberschaft an seiner Idee, wo immer sie angezweifelt oder nicht genügend gewürdigt wurde. In der Philosophie der neuen Musik (1949 erstmals publiziert) erklärt nun Adorno Schönberg zum Sachwalter des musikalischen Fortschritts. Es gilt, sich den Zwängen einer allgegenwärtigen Kulturindustrie zu entziehen und „wahre“ Musik zu komponieren, die als Ausschlag negativer Erfahrung einzig das leidende Subjekt zum Inhalt haben kann. Soweit die Theorie. Wie aber, frage ich mich, steht es um die moralische Integrität des Schöpfers dieser „wahren“ Musik? Wie verhielt er sich beispielsweise zur ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg? Lassen wir ihn in einem Brief an Alma Mahler am Vorabend des Weltkrieges zu Wort kommen: „Diese Musik [Strawinsky, Bizet, Delius] war längst eine Kriegserklärung, ein Überfall auf Deutschland … Aber jetzt kommt die Abrechnung. Jetzt werfen wir diese mediokren Kitschisten wieder in die Sklaverei und sie sollen den deutschen Geist verehren und den deutschen Gott anbeten lernen.“* Es ist billig,  aus nachgeborener Sicht zu verurteilen, und neben Schönberg fielen viele, gerade auch Intellektuelle, auf die Kriegspropaganda der preußisch-deutschen Obrigkeit herein. Aber diese Sätze schockieren dann doch in ihrer Deutlichkeit. Da ist ja, wohlgemerkt, nichts metaphorisch gemeint, sondern hier ist Krieg, Töten, Abschlachten gemeint. Mir ist nicht bekannt, ob Adorno um diese Seite seines musikalischen Fortschrittlers wusste. Beantwortet hat er die Frage nach dem Widerspruch zwischen der geistigen Haltung des Menschen Arnold Schönberg, und dem angeblichen philosophischen Wahrheitsgehalt seiner Schöpfungen aber doch, und zwar auf die ihm eigene, Widerspruch ausschließende, herrische Art:

„Der Künstler ist nicht gehalten, das eigene Werk zu verstehen.“**

 

 

*Brief vom 28.08.1914, zitiert nach: Norbert Schläbitz, Als Musik und Kunst dem Bildungstraum(a) erlagen. Göttingen 2016. S. 107

** Adorno: Prismen. dtv 1963. S. 251

 

Zwei Studien

Mai 16, 2017 § 2 Kommentare

 

 

Waldsee

Mai 10, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 

 

(Das Cadmiumgelb von neulich beleuchtet die Waldszene rückwärtig und legt sich als matter Glanz auf die Wasseroberfläche.)

Die große Woge

Mai 8, 2017 § 4 Kommentare

Ausnahmslos zeige ich hier Bilder in Standardgröße. Inhalt und Technik mögen variieren – die Größe bewegt sich stets in dem Rahmen, der durch ein sogenanntes Endgerät vorgegeben ist. Dabei lässt sich ein Bild mitnichten vergrößern oder verkleinern, ohne dass durch diesen Akt in dessen Aussage erheblich eingegriffen würde. Size matters – ein Allgemeinplatz, dem die meisten sicher zustimmen würden – ohne sich jedoch die Auswirkungen klar zu machen. Wie ich neulich in einem sehr anregenden Vortrag erfuhr, könnten z. B. die berühmten, Epoche machenden Worte J. J. Winckelmanns von der „stillen Einfalt und edlen Größe“ griechischer Kunst schlicht auf dem Umstand fußen, dass Winckelmann zum Zeitpunkt der Formulierung die berühmte Laokoon-Gruppe, auf die er sich hauptsächlich bezog, nicht in der vollen Größe des Originals gesehen hatte, sondern nur in einer stark verkleinerten Nachbildung. Nun haben wir heutigen Tags zwar nahezu unbegrenzt Zugriff auf (u. a.) gemalte Bilder, bekommen sie in brilliantesten Farben und wünschenswertester Detailfülle auf den Bildschirm, verlieren aber den Parameter Größe (wie auch die Objekthaftigkeit eines Bildes) dabei zunehmend aus dem Auge. Mir bleibt nur, an die Vorstellungskraft der geneigten Betrachterschaft zu appellieren, wenn ich hier einmal ein Bild zeige, dessen Herstellung schon rein physisch ein ganz anderer Vorgang war als die sonst gezeigten kleinen bis mittleren Formate (und dessen Dimension durchaus ein Nachhall kolossaler Naturerfahrung an der Ostsee ist, wenngleich praktische Umstände auch hinein gespielt haben):

 

Die Woge. 140 x 100 cm

 

Waldrosen

Januar 4, 2017 § 2 Kommentare

 

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Im Streiflicht

Dezember 12, 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Seitlich treffen die Sonnenstrahlen auf das in der Küche hängende Großformat und lassen aufgetragene Farbschichten in ihrer ganzen Erhabenheit lange Schlagschatten neben sich Platz nehmen. Dauert keine halbe Minute, dann ist alles vorbei.

 

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