Über das Leben im knisternden Scheiterhaufen

Januar 29, 2019 § 15 Kommentare

Walter Benjamin zufolge wohnt jedem Portrait Trauer inne, da es den Tod des Portraitierten antizipiert. Das Portrait verlängert die abgebildete Person über den Tod hinaus und zeigt daher mit dem Finger auf das Ende. Ist das Portrait gealtert, weit über den Tod des Abgebildeten hinaus, kehrt sich die Trauer in Trost: das Leben war nicht vergeblich, das fortdauernde Bild kündet späteren Generationen vom Wirken eines Menschen, es dokumentiert: hier hat Einer gerungen, hier hat Eine gelitten. Auch in der verbreitetsten Ausprägung des Portraits der Jetztzeit, dem Selfie, steckt Trauer. Im naiven Bemühen um Eingang ins Digital-Ewige hinein, im Wunsch, dort eine neue Heimat zu finden, wo die Vergänglichkeit alles Materiellen aufgehoben scheint. Schaut man in die Instagram-Welt, glotzt die globale Vanitas-Fratze zurück. Alles eitel und nichtig. Und ein Fest. Ja, ein großes Fest. Und dazu legen wir unsere Lieblingsplatte auf, spielen die immer gleiche Stelle, bis sie knistert wie ein Scheiterhaufen. So ist’s drüben im Studio Glumm nachzulesen, in diesem fulminanten Text über das schöne, gefährliche Leben.

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selbst rauchend

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Schubert im Kino

Januar 27, 2019 § 11 Kommentare

Schubert Sonate B-Dur D 960 II Takte 8-13

Schubert Sonate B-Dur D 960 II Takte 8-13

 

Ich war im Kino und sah ein Gleichnis auf die Ohnmacht der Macht, inszeniert als unterhaltsames, dabei sämtliche Tiefen der menschlichen Existenz auslotendes Ränke- und Intrigenspiel. Obzwar Historienfilm, rückt „The Favourite“ durch die Skurrilität der ins Bild gesetzten Einfälle das Geschehen nahe an die Gegenwart heran. Groß macht diesen Film, dass es nicht Gut und Böse gibt, sondern alles dazwischen. Nämlich Menschen, die sich ihren Platz in der Welt erobern möchten und dabei in Würde, oder an deren Grenzen, scheitern. Nebenbei sehen wir die saukomischste Darstellung einer Hochzeitsnacht, die ich je im Kino erblickte, und erfahren eine Menge über (längst) vergangene Zeiten, die immer wieder kehren. Was mich hier auf den Plan ruft, ist aber dieses: der Film setzt Musik ein, die an dieser Stelle schon des Öfteren Thema war. Wenn es den Film zu loben gilt, dann nämlich insbesondere wegen der klügsten Filmmusikdramaturgie seit Stanley Kubrick. Für das Zeittypische des Films stehen barocke Musikfragmente (Cembalo, Orgel), für das „Allgemein Menschliche“ Musik der Romantiker Schumann und Schubert. Der langsame Satz aus dem Klavierquintett des einen, der langsame Satz aus der letzten Klaviersonate des anderen, sind hier so eng mit der Dramaturgie der Handlung verwoben, dass das Bild aus der Musik zu erwachsen scheint – oder umgekehrt. Nämlich in der Schlüsselszene, als die Favoritin der Königin diese in flagranti mit ihrer Konkurrentin überrascht. Und in der Schlussszene, in der die Königin mit der neuen Favoritin einen qualvollen Schlusstanz aufführt, den Schuberts sich auftürmende Klavierakkorde gnadenlos instrumentieren.

Großartiger Film, könnte der diesjährige Oskar-Abräumer werden – was mich beinahe daran gehindert hätte, ihn mir überhaupt anzusehen (so viel zum Thema Vorurteile :-))

(Oben meine Abschrift der entscheidenden Takte 8 – 13 aus dem zweiten Satz von Schuberts Sonate B-Dur D960)

Der Raucher

Januar 23, 2019 § 7 Kommentare

der raucher

Auf der Kippe

Januar 20, 2019 § 6 Kommentare

Himmel und Erde

 

Ich kann nicht sagen, dass ich dieses Bild genau so vor meinem inneren Auge gesehen hätte. Es materialisierte sich aus einer Übermalung in raschen Pinselstrichen heraus, bis ich plötzlich den aufreißenden Himmel sah, das Blau, das da hervorlugt und an abziehendes Unwetter gemahnt…

Forget me not

Januar 18, 2019 § 4 Kommentare

forgetmenot

 

Wer über ein gutes Gedächtnis verfügt, hat’s leichter in der Welt. Er mehrt spielend sein Wissen, setzt in Verhandlungen souveräner seine Interessen durch und besticht durch Aufmerksamkeit anderen Menschen gegenüber. Allen anderen winken gut gemeinte Ratschläge, die weniger eine echte Hilfe bieten, als der Selbstbeweihräucherung unserer Gedächtniskünstler dienen. Gerne wird nämlich behauptet, wer sich etwas nicht merken könne, gehe eben nicht aufmerksam genug durch die Welt. Oder sei schlicht zu faul, auch mal sein grauen Zellen so richtig anzustrengen. Dies beruht freilich nicht auf Erkenntnis darüber, wie ein gutes Gedächtnis funktioniert, und wie man es bekommt, sondern ist ein dezenter Hinweis darauf, dass der Träger des guten Gedächtnisses eben unglaublich aufmerksam und wahnsinnig fleißig ist. Wer etwas kann, schreibt sich dieses eben gerne auf die eigenen Fahnen. Fühlt sich einfach besser an. Nur die wirklich Großen, Nobelpreisträger etwa oder berühmte Pianisten, geben sich gesprächsweise bescheiden und erzählen gerne, dass sie einfach Glück hatten mit ihren Gaben. Arthur Rubinstein beispielsweise, der wohl zugab, die ein oder andere Tonleiter geübt zu haben, jedoch sehr widerwillig, und nur, weil am oberen und unteren Ende der Klaviatur jeweils ein Bonbon auf die Tonleitermüde Hand wartete. Das ist natürlich kokett, bestätigt aber grundsätzlich meinen Eindruck, dass nur der ehrgeizige „Mittelbau“ sich gerne seines Fleißes und intellektueller Kraftanstrengungen rühmt. Aber worauf wollte ich eigentlich hinaus… äh, vergessen. Sorry!

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—  Ach ja, – : wie erlangt man ein gutes Gedächtnis? Ganz einfach: Im dem Moment, wo die guten Gene verteilt werden, als Erster „hier!“ rufen. Allen, die den Moment verpennt haben, hilft danach nur, sich Eselsbrücken zu bauen, imaginäre Schnüre durchs Wohnzimmer zu spannen und sich in Frustrationstoleranz zu üben. Und – aber dafür habe ich ein halbes bis dreiviertel Leben gebraucht – sich den Druck der Gedächtniskünstler nicht zu eigen zu machen und gegen die eigene Schwäche ankämpfen, sondern sie annehmen und als das feiern, was sie ist: als die Kunst, zu vergessen. Und da fällt mir eine Anekdote ein, die sich wirklich zugetragen hat, denn ich selbst war der Held. In einer Zeit, als ich intensiv Musik machte, mit Keyboard, mit Computer, in der Band, alleine, und komponierte, stand ich mal in einer Kantine in der Schlage vor der Essensausgabe, und summte so unwillkürlich eine Melodie vor mich hin. Sie ging mir nicht aus dem Kopf weil sie mir so gut gefiel, mich geradezu euphorisierte. Nun wollte ich aber wissen, von wem stammt sie, und überlegte und überlegte, bis es mir plötzlich wie Schuppen von den Ohren fiel: sie war ja von mir selbst. Zu vergessen ist das Glück, wiederzufinden.

Körperstudien. Aus der Kraft der Eselsbrücke

Januar 17, 2019 § 6 Kommentare

 

Die Kraft der Eselsbrücke. Will ich mir einen Begriff, oder einen ungewöhnlichen Namen merken – Guiomar Novaes zum Beispiel – dann überlege ich mir ein ähnlich klingendes, wohl bekanntes Wort dazu. Über dieses zusätzlich gelernte Wort komme ich dann auf den Namen, wenn er mir mal wieder nicht einfällt. Was ja erstaunlich ist, denn warum sollte es helfen, sich für das Memorieren eines Wortes ein zusätzliches einzuprägen. Das ist ja so, als würde mir der Marathon leichter fallen, wenn ich gleich einen zweiten hinterher laufe. Die Erklärung ist dennoch einfach.  Wenn den Menschen etwas glücklich macht, sind es Verbindungen. Zu anderen Menschen. Zu Dingen, von Gedanke zu Gedanke usw. Überhaupt wenn sich alles fügt, „rundet“, wie man so sagt. Was, den kennst du auch!? Und schon ist man sich ein Stück näher gekommen auf der Party. Über den interessanten Künstler xy habe ich neulich in einem Zeitungsartikel etwas gelesen. In einem Buch, das ich gerade zu einem ganz anderen Thema lese, taucht der Name plötzlich wieder auf. Schon bin ich elektrisiert. Usw. Genauso funktioniert unser Gehirn. Synapsen wollen sich verbinden, sie halten einander fest und mehren so Wissen und Erfahrung. Guiomar Novaes also, eine fulminante Pianistin, von der ich eine wunderbare Schallplatte besitze. Aber dazu demnächst mehr. Hier wollen sich ein paar Kohlezeichnungen mit dem Rest der Welt verbinden:

 

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Zwei tiefgrüne Akte

Januar 14, 2019 § 2 Kommentare

Den Akt auf die Fläche zwingen – hob ich an den Text zu schreiben, der sich gerade materialisiert, um dann, abgeschreckt von der Drastik der Wortwahl, inne zu halten und meine Sprache zu überdenken. Die versuchte Gewaltanwendung steckt im drohenden Misslingen, in der Angst vergeblicher Mühe. Dabei ist die Vorstellung betörend, einen Akt auf den Bildträger zu zaubern, oder, etwas prosaischer, sich auf den flachen Bildträger als eine Wirklichkeit ganz eigener Daseinsberechtigung einzulassen. Und darum nur kann es ja gehen. Suche ich meine Modelle dafür im Raum, oder im eingefrorenen Raum, der Fotografie etwa, ist der Abstand auch gar nicht so groß, wie es scheint. Schließlich nehmen wir den Raum als solchen ja nicht naiv empfangend wahr, sondern unser Gehirn konstruiert mit viel Aufwand eine Vorstellung davon. Dazu gehört viel erlerntes Wissen, und das im Auge gesammelte Licht gewissermaßen nur als Initialzündung. Man bedenke nur, dass die Netzhaut, auf der sich ein erster optischer Eindruck einfindet, bereits „flach“, also zweidimensional ist. Zwar haben wir derer zwei, doch die Stereo-Wirkung nimmt mit zunehmender Entfernung zum Objekt ab. Was einerseits zur Folge hat, dass wir bei Blicken in die Tiefe des Raumes im Zweifel schon mal die Dimension der Zeit zu Hilfe nehmen und uns bewegen müssen, damit im Gegeneinander-Verschieben der Objekte ihre räumliche Anordnung erkennbar wird. Und andererseits z. B. eine naturgetreue Zeichnung eines unmittelbar vor der eigenen Nase befindlichen Objekts unmöglich macht, es sei denn, man blendete zwei Zeichnungen ineinander, oder drückte ein Auge zu während des Abzeichnens. Gelingt es uns also, die „Konstruktionsarbeit“ des Gehirns auszuschalten – viele dazu taugliche Hilfsmittel wurden benannt (erwähnt sei nur, einen Rahmen vor die Landschaft zu halten) – so dürfte die Übertragung aufs Papier nicht schwer fallen. Wie aber wird das, was ich im Raum als „schön“ gesehen habe, auf dem Papier „schön“? Oder interessant, oder beunruhigend? Hier verzweifle ich regelmäßig, weiß ich doch noch nicht einmal, warum mich etwas zum Nachzeichnen reizt. Und am Ende bleibt nur das Bild. Es muss immer aus sich heraus funktionieren. Das gilt übrigens insbesondere für Portraits. Am Ende des Tages interessiert sich niemand mehr für eine vermeintliche „Ähnlichkeit“. Aber das nur am Rande.

 

Für diese fragmentierten Akte nahm ich Grün, diese sehr zu Unrecht geschmähte und aus dem Kreis der „Primärfarben“ verbannte Farbe, in ihrer schwer dunkel und tiefblau abgetönten Variante. (Die mir persönlich weit sinnlicher und geheimnisvoller dünkt als ein abgedroschenes Rot. Ist Blau die Ferne, so ist Grün die Tiefe)

constructing the nude 02

constructing the nude 01

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