Figur, aus der Drehung

November 19, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 

 

 

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Ein paar notwendige Gedanken zur Tempoanarchie heutiger Klassikmusizierpraxis

November 17, 2017 § 2 Kommentare


 

Musik ist in der Zeit. Das Bild steht über der Zeit. Um aber durchdrungen zu werden, benötigt das Bild Zeit. Zeit, die es dem Betrachter gewährt. Der Musik gibt man Zeit, anders kann sie nicht erklingen. Ist das Stück aber verklungen, rundet es sich zum Klang-Bild, es steht außerhalb der Zeit, weil es als Ganzes nachwirkt. Zuvor aber muss die musikalische Zeit durchschritten werden, und damit sie eine fassliche Qualität bekommen kann, gibt es Puls, Takt und Rhythmus. Wo der Puls ein straffes Regiment führt, kann sich der Rhyrhmus nach allen Richtungen entfalten, dem Puls sogar davon eilen, oder trödeln. Daraus zieht der Jazz sein wichtigstes Ausdrucksmittel, den „Swing“. In der Popmusik führt der Puls ein autoritäres Regime. Rhythmisches Leben ist nur innerhalb seiner Grenzen möglich. Im Techno versetzt ein gnadenlos maschinenhafter Puls den Hörer in Trance, das Repetitive des Pulses bricht jedes Gefühl für Zeit auf, es ist der Trip Richting Selbstaufgabe. In der Klassik aber herrscht Anarchie. Jedenfalls heutzutage, wo die meisten Interpreten, insbesondere solistischer Literatur, mit dem Puls machen, was sie wollen. Sie zerstören den gemessen Zeitfluss und damit jedes Gefühl für Syntax, weil sie von Schönklang zu Schönklang durch einen bräunlichen Morast aus Tempo rubato waten. Tempo rubato ist die „gestohlene Zeit“, ein jahrhunderte altes Ausdrucksmittel in der abendländischen Kunstmusik. Die ethische Dimension des terminus technicus deutet schon die potentielle Gefährlichkeit des Unterfangens an. Stehle ich nämlich andauernd, verliere ich jegliches Maß für das richtige Tun. Und auch wenn ich die „gestohlene“ Zeit immer wieder zurückgeben, indem ich nach dem Abbremsen wild beschleunige, so verletze ich doch das Recht der Musik auf Entfaltung in einer „geordneten“ Zeit auf das empfindlichste. Ein Pianist, der schon in den ersten Takten einen jeden neuen Akkord durch Verzögern mit Pseudobedeutung aufpumpt, verhält sich wie eine Wandergesellschaft, die zu einer 20km-Wanderung aufbricht und schon nach wenigen Metern vom Weg ab in den Morast gerät, um mit jedem Schritt nur tiefer in den Sumpf zu sinken und darüber das Ziel aus den Augen zu verlieren. Eine Wanderung aber wird geplant, mit Etappen, Pausen etc. und bildet einen wohlkomponierten und erlebbaren großen Spannungsbogen. Wie bei einer Sonate, wo jeder Satz, jede Phrase, jeder Ton auf das Ende hin gedacht wird. Selbst das ganze Stück, wenn es zuende ist, gliedert sich ein in einen wieder größeren (Lebens)zusammenhang und wird weiter gedacht und immer so fort. Und nun passiert das Wunderbare. Gerade weil ich die Linie von Ton zu Ton fortspinne, die Kantilene über den gemessenen Schrittes laufenden Puls zur Entfaltung bringe, oder im atemlosen Presto mich vom Staccato des Sprinters treiben lasse, und alle Temponuancen dazwischen zu ihrem Recht kommen lasse – gerade weil ich der Regelmäßigkeit des Pulses folge hebe ich letztendlich die Zeit, das Zeitliche, auf und stelle einen Klangstrom in den Raum, dessen Angang und Ende nur scheinbar aufeinander folgen, weil sie in Wahrheit die zwei Seiten eines aus Spannung geborenen Energiezustandes sind. Und jetzt komme ich zum Kern des ganzen: ich habe bei Horenstein, einem auf Klassik spezialisierten Berliner Second-hand Schallplattenladen historische Klavieraufnahmen entdeckt. Moriz Rosenthal, ein fest im 19. Jahrhundert verwurzelter, in Lemberg geborener, hoch gebildeter und erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika gestorbener Klaviervirtuose, Enkelschüler Chopins und Schüler Liszts, bringt die Zeit buchstäblich zum Klingen und weist alles in die Schranken, was heute Rang und Namen hat. [Achtung: Behauptung! Natürlich habe ich nur wenige Pianisten der Jetztzeit gehört, und vielleicht gibt es die Rosenthals auch heute, aber ich kenne sie nicht] Oder: Benno Moiseiwitsch, ein in England heimisch gewordener Russe, dessen Aufnahme der f-moll Ballade von Chopin mich zu Tränen rührt. Auch diese Herren (ich hoffe, es gesellen sich noch ein paar Damen dazu!) setzen das Tempo rubato ein. Aber wie zart, wie delikat! Und wirklich als ganz besonderes Ausdrucksmittel und in der Regel ohnehin in der gebundenen Form, wo sich nämlich die rechte Hand frei über die strikt fortschreitenden linke erhebt. Dank an den liegenswürdigen Herrn aus dem Plattenladen Horenstein Fechnerstraße 3 in Berlin-Wilmersdorf – da ist noch viel zu entdecken!

 

 

Mit Tuschefüller und Skizzenbüchlein durchs Museum

November 13, 2017 § 8 Kommentare

 

 

 

 

(Mir gefällt an dem Tuschefüller, dass die Linie wirklich rabenschwarz, und sehr definiert auf dem Papier steht. Jeder Strich ein Statement, kein rumdaddeln oder wischiwaschi. Allerdings gerät der Tintenstrahl mit zunehmender Geschwindigkeit doch ins Schwitzen, will sagen, er beginnt zu stottern, und hier kommt die Nuance ins Spiel, die aber doch schwer zu kontrollieren ist, weil der Füller dann gerne ein wenig bockt. Seine Erfinder hatten ja auch nur Architekturentwürfe im Sinn, fein säuberlich mit Lineal und viel Zeit aufs feine Papier gearbeitet. Das Kolorit hab‘ ich zuhause nachgereicht.)

 

Weintraube

November 11, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Der Tag ein Traum

November 7, 2017 § 12 Kommentare

 

Ein Traumtag. Ein Traumweg zur Arbeit. Das Licht der frühe Sonne gleißt über der Spree, glitzernd steht die Luft. Wo der Fluss den Tiergarten streift, stelle ich das Fahrrad ab und mache eine paar Fotos.

Weiter über die Brücke, Steinmeier grüßt freundlich, schräg durch die Tiergartenschneise zur Straße des 17. Juni. Wir Radler schaffen die Überquerung dieser achtspurigen Tiergartenschneise selten in einem Rutsch, warten meist auf dem Mittelstreifen, gerade breit genug, um unseren schräg stehenden Rädern einen sicheren Ort in der Verkehrsbrandung zu gewähren. Auch an diesem Morgen. Während der Verkehr Richtung Brandenburger Tor vorbeizieht, gewahre ich auf der ganz rechten Spur eine Person auf der Fahrbahn liegen. Jemand kniet bei ihr, einige stehen daneben, manche mit Handy. Links ein Auto, weiter rechts dirigiert jemand den Verkehrsstrom an der Person vorbei. Ein Unfall, wird mir langsam bewusst. Der Pulk wartender Radler wird durch die Nachströmenden immer dichter, das Ende des Autostroms zeichnet sich ab, und dahinter, mit etwas Abstand, das Martinshorn der Polizei. Während ich mich darauf einrichte, das Herannahen des Polizeiwagens abzuwarten, nutzt ein Schwung Radfahrer die kleine Lücke zur Weiterfahrt, weitere strömen nach, müssen dem jetzt rasant eintreffenden Einsatzfahrzeug ausweichen, eine junge Radlerin verschätzt sich und prallt beinahe gegen die Fahrertür. Der Beamte muss mit dem Aussteigen warten, bis sie sich und ihr Rad umständlich zur Seite gedreht hat. Ich schiebe mein Rad über die Straße, geschockt. Als nähmen Menschen den Unfall gar nicht wahr. Hauptsache weiter im eigenen Film. Während ich aufsteige um die Fahrt durch den Tiergarten fortzusetzen, höre ich das Unfallopfer. Langsamer als sonst setzte ich meine Fahrt fort, noch ein kurzes Stück durch ockergelb leuchtenden Blätterwald. Von rechts ein Knirschen, dumpfes Ächzen, wildes Knacken – wie brutal es klingt, wenn ein mächtiger Baum fällt. Gefälllt wird, dachte ich in diesem Moment. Später jedoch wird mir bewusst, dass ich keine Motorsäge gehört hatte, der Baum also vielleicht als letzte Nachwirkung des Sturms in diese Idylle hinein – buchstäblich: brach. Vielleicht 20 Meter entfernt von mir. Am Ende der Schneise öffnet sich der Tiergarten zu einer Kreuzung. Während ich auf die Überquerung warte, rast ein Radfahrer an mir vorbei und nimmt einem rechts abbiegenden Autofahrer die Vorfahrt. Gehupe, der Radfahrer dreht sich triumphierend um, reckt den Stickefinger in den Traumhimmel, höher und immer höher. Als ich schließlich losfahre, sehe ich im Augenwinkel, wie ein Mann an der wartenden Autoschlange vorbei auf eine Fahrertür zugeht, gegen die Scheibe hämmert und wüste Beschimpfungen ausstößt. Für das letzte Stück meines Weges zwischen Spielbank und Staatsbibliothek zwänge ich mein Fahrrad zwischen zwei parkenden Autos hindurch. Das „urbane Gewässer“, eine Erfindung Renzo Pianos und Reminiszenz an die Zeit der neunziger Jahre, als hier am Potsdamer Platz alles ein riesiger Baggersee war, empfängt mich, träge in der morgendlichen Sonne blinzelnd. Ich bin da. Dienstag, 7. November 2017. Berlin.

 

 

(Mit Belichtungszeit gespielt und Tonwertkorrigiert)

 

Orte der Kindheit

November 5, 2017 § 3 Kommentare

 

Wir begegneten uns zufällig am Ufer der Wutach zu Füßen des Räuberschlösschens und kamen ins Gespräch. Ich den Zeichenblock in der Hand, sie den Fotoapparat. Diesen Steg hier kannte ich noch gar nicht, meinte sie. Dabei war sie ein Kind des Schwarzwaldes, aufgewachsen keine 15 Kilometer entfernt, wie sie mir wortreich versicherte. Überhaupt der Worte viele fand und ich mal wieder vor der Wahl stand, höflich empathisierend ihr diesen Auftritt zu gönnen oder meinerseits einen Gang hochzuschalten und was fürs eigene Ego zu tun. Nach einer Weile entschied ich mich für letzteres und sagte: Das letzte Mal stand ich hier 1972. Verblüfftes Schweigen und, wie gewünscht – um nicht zu sagen: bestellt – „so alt?“ Daraufhin ich, einlenkend, nun ja, ich war noch Kind. Mein Stichwort. Auf Kindheitsspuren einen Tag mit dem Mietwagen im Schwarzwald unterwegs. Das Auto an der Schattenmühle abgestellt, und zum Räuberschlösschen gewandert gelaufen. Einer dieser magischen Orte meiner Kindheit. Schlucht, Felsen, dichter Wald, konspirativer Räubertreff, rauschender Bach, fernab jeglicher Zivilisation weil den ganzen Tag hin- und zurückgewandert. Und nun: vom ehemaligen sommerlichen Feriendomizil ein Katzensprung; ein hübsches Stück Natur, ja, aber man hat schon anderes gesehen im Laufe eines Lebens, über dem uns Magie und Erwartungshorizont Kindlicher Bewußtseinsform abhanden gingen. Vielleicht sollte man die Orte der Kindheit nicht ein zweites Mal aufsuchen.

 

 

Am Räuberschlösschen

 

Auch noch gezeichnet:

 

Neo Rauchs gendersensibler Bückling

November 1, 2017 § 6 Kommentare

 

Eine ausgekochte Formulierung: „gendersensibler Bückling“. Aber der Reihe nach. Im September las ich in der ZEIT ein Interview mit Neo Rauch anlässlich des Todes seines Lehrers und Freundes Arno Rink, seiner Zeit Rektor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Darin erklärt Rauch sinngemäß, dass heutzutage ein sinnenfrohes, die Formen des weiblichen Körpers feierndes, genießerisch freies Leben (den Männern) nicht mehr möglich sei und insbesondere seine Studenten sich vor lauter Angst, etwas falsch zu machen und gegen das „inquisitorische Umfeld“ zu wirken nichts mehr trauten. Statt von weiblichen Körperformen fühlten sich die jungen Männer nur mehr von „Blockseminaren zum gendersensiblen Sprachgebrauch“ angeregt. Nachdem mich die anfängliche Sympathie für einen Maler, den mir erst kürzlich ein formidabler Film nahegebracht hatte, eine Weile durch den Interviewtext trug, wuchs zunehmend ein unterschwelliges Unbehagen. Trotz flotter, scheinbar einleuchtender Formulierungen war da etwas im Argen. Im ganz furchtbar Argen. Ich stieß ein zweites Mal auf dieses Interview, als Alban Nikolai Herbst in seinem immer lesenswerten Arbeitsjournal auf Die Dschungel daraus zitierte (s. hier). Im weiteren Nachdenken erst zeigte sich mir die subtile Infamie der Rauchschen Formulierung. Die sie triggernde Empörung ist wohlfeil zu haben, denn in der Tat treibt ein bestimmtes Bemühen um die richtige Sprache und den richtigen Umgang der Geschlechter miteinander so manche Stilblüte und gebiert so manchen Übereifer. Jedoch: worum geht es denn? Das Projekt, das Verhältnis der Geschlechter nach Jahrhunderten männlich Dominanz auf eine gerechtere Grundlage zu stellen, und des weiteren den Sprachgebrauch von Spuren ebendieser Dominanz zu entrümpeln, ist ein zutiefst aufklärerisches und notwendiges. Man mache sich doch einmal klar, auf welch einem Misthaufen an Privilegien sich Männer Jahrhundertelang durchs Leben fläzten. Dass es jetzt, wo es daran geht, diesen Haufen zu entsorgen, allerorten knirscht, es mitunter gar heult und zähneklappert, kann nicht verwundern. Rauch aber pöbelt nicht, sondern schließt feine Giftpfeile ab. Eine Formulierung wie der „gendersensible Bückling“ ist angewandte Rhetorik und funktioniert nach dem gleichen Muster wie bsw. der Begriff „Verschwörungstheorie“. Instrument ist der Ebenenwechsel; der Gegner wird in eine Ecke gestellt, aus der heraus er nicht mehr argumentationsfähig ist. Also entweder pathologisiert, oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Einen „gendersensiblen Bückling“ betrachtet man im Reagenzglas, oder unter dem Mikroskop. Das desavouiert das Anliegen einer genderbewussten Sprache, gleich ob deren Anhänger aufrecht durchs Leben gehen oder untertänigst (ein Charakterzug, der in allen Milieus vorkommt). Ganz genauso funktioniert übrigens der inzwischen schon wieder aus der Mode gekommene „Russlandversteher“, oder, noch früher, der „Gutmensch“. Nun könnte man Rauchs Angriff als Ausdruck eines typischen Generationenkonflikts deuten, der stets nach dem Muster abläuft, Sitten und Gebräuche der eigenen Jugendzeit zu heroisieren und gegen Verflachung und Verweichlichung der gegenwärtigen Generation abzugrenzen. Aber selbst wenn seine Studentenzeit von Partys und wildem Sex durchdrungen war, so könnte es ja sein, dass sich seine heutigen Studierenden nun mal für ein anderes Leben entschieden haben. Das muss nicht jedem gefallen, aber vor dem historischen Hintergrund, dass (männliche!) Maler in ihren Ateliers ihre Machtposition regelmäßig dazu benutzten, bei den weiblichen Modellen zum Zug zu kommen, irritiert die Unverfrorenheit, mit der Rauch hier den männliche Blick (und Zugriff) auf den weiblichen Körper feiert. Lassen wir Rauch nochmal im ganzen Satz zu Wort kommen: „Heute dominiert der Typus des gendersensiblen Bücklings, der sich nicht ins Leben hineinwagt, weil dort zu viele Gefahren lauern.“ Genau, lieber Rauch, und alle altersgeilen malenden Männer, traut euch hinaus ins Leben und begegnet dort – hoffenlich: starken  -Frauen!*

Und weil auch ich weibliche Formen liebe, keine Scheu habe sie zu malen, keinerlei Druck oder Erwartung verspüre, sie nicht malen zu dürfen, sondern mir lediglich einen auf Respekt, Toleranz und Augenhöhe basierenden Umgang der Geschlechter wünsche, und am liebsten alles dem direkten, persönlichen Umgang einander höflich zugewandter Menschen überließe, hier ein paar Zeichnungen, passend zum Thema:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens ist derzeit im Barberini-Museum in Potsdam ein Bild von Sighard Gille zu sehen, „Die wilde Fete II“ (oder so ähnlich – ich erinnere mich nicht genau), mit einem stocksteif grau traurig thronenden Arno Rink inmitten grell gemalter freizügig gekleideter Frauen und einer sie umschwärmenden Männerschar. Bestimmt ist da auch irgendwo Rauch abgebildet, ich hab ihn aber nicht erkannt…