Fünf Momente

September 14, 2017 § 2 Kommentare

Dilettanten kratzen ja nur an der Oberfläche, und mit den Bergen wird man ohnehin nicht fertig. Daher lasse ich’s – für dieses Mal – damit bewenden und kehre zur Figur zurück. Da finde ich das Menschliche doch geschmeidiger im Umgang – auf dem Papier wenigstens.

 

 

 

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Felsen, ein reisender Poet, selbstangebauter Tabak in Kakanien und ein Gedicht

September 10, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Berge lassen mich nicht los. Struktur, Wucht, Größe, Entrückung.

(Brenta-Gruppe, Becca di Filadonna, Ifinger, Rauhehoch)

 

Wo wir mit unserem Gefährt in einem Hohlweg oberhalb des Molveno-Sees stecken geblieben waren, zog anno 1855 der Jurist, Maler und Dichter Joseph Victor von Scheffel auf einem strohgedeckten Esel Richtung Molveno-Dorf. In seinem „Gedenkbuch über stattgehabte Einlagerung auf Castell Toblino im Tridentinischen“ berichtet er darüber:

„…Man reitet lang am Ufer hin; dann erscheint endlich der Kirchturm und die schindelgedeckten Steinhäuser von Molweno… Aber bevor man ins paese einreitet, steht in einer geröllüberdeckten Niederung beim See eine Sägemühle; ein Wildwasser kommt aus engem, dem Blick seither versteckten Thal hervor, in diesem Thal ragen finster und trotzig hinter den tannumsäumten Vorbergen viel zerklüftete kahle Hörner und Spitzen empor, ewiger Schnee glänzt in ihren Spalten, dunkle Eismassen umpanzern ihre Rücken, und hinter diesen Hörnern ragt eine zweite, noch wilder zerrissene Schicht Gebirges in unzugänglicher Höhe.. die Nebel kochen und wallen und weben unheimlich um die verhüllten Gipfel, .. das ist der Gletscher von Molweno .. wer Lust hat, mag in jene Wildnis emporklettern; wenn man drin ist, sagt Stefanus der Sklav, geht’s zwanzig Stund lang so fort und fort, dann kommt die alte Holzbrücke und dann die Schweiz … wer schon fünf Stunden in animalischem Sattel versessen, der ruft ‚vorbei! vorbei!‘ und reitet ins Wirtshaus.“

Im Ort angekommen wird der Fremde zunächst für einen Spitzel der Österreichischen Regierung gehalten:

„Ein galantuom im bekannten ausgebuchteten Frack trat [in das Wirtshaus] ein und knüpfte ein ausforschendes Gespräch an, das von der Besorgnis durchleuchtet war, wir möchten im Auftrag des österreichischen Tabakmonopols hier erschienen sein; denn wiewohl es zu allgemeinem Verdruß der Tiroler streng untersagt ist, daß der Mensch sich seinen Hausbedarf an edelm Kraut selber pflanze, war es ihm seither gelungen, hinter dem Rücken von Gendarmerie und finanza seinen Tabakgarten in gutem unkonfiscierten Stand zu erhalten. ‚Ist’s nicht unverantwortlich‘, sagte er, nachdem er uns über allen Verdacht erhaben befunden, ‚daß das governo uns, die es in allen Fällen der Not i bravi e fedeli Tirolesi heißt, untersagen will, uns auf eigenem Grund und Boden diese Kopf- und Herzstärkung zu bereiten?‘ Er zog eine altertümliche Dose mit einer staubartigen rötlichen Substanz, von der ich seither gewähnt, daß sich ihr Vorkommen auf süditalische Kapuzinerkloster beschränke, und bot sie mir an. ‚Es ist unverantwortlich!‘ sagte ich, nachdem ich seine Prise gekostet. – – -“

Bemerkenswert übrigens, dass zu einer Zeit, da ein auf einem Esel daherreitender Fremder in dieser Gegend für Aufsehen und anfängliches Misstrauen sorgte – geschweige denn, dass von irgendeiner Art Tourismus auch nur die Rede sein konnte – unser reisender Jurist und Dichter bereits um die Vergänglichkeit von Naturschönheit wusste, und ihre drohende Verschandelung durch massentouristische Begleiterscheinungen voraussah. Auf seinem Weg zum Molveno-See kommt er an einem kleineren See vorbei und beschreibt eindringlich dessen Schönheit:

„…aber aus den Tiefen dunkelten seltsame Farben wie aus dem Gemüt eines Einsamen; reichverschlungene Schichten von Wasserpflanzen deckten den größten Teil seines Bodens mit ihrem dunkeln Grün, an andern Stellen ward der gelbe Grund sichtbar, unbewegt lag das niedere Gewässer darüber .. es war wie ein großer geschliffener Malachitstein .. seltsam ineinand verwebte Schlingungen von Schwarz, Grün und Gelb … „,

um dem See dann folgendes Gedichtlein zu widmen:

„O zürne nicht, See von Nembia,
Im felsstarr schweigenden Thale,
Daß ein Mensch dich zu besuchten kam
Auf graulichem Animale.

Ich kenne dich, See von Nembia,
Ich lese aus deinen Zügen:
In ungekannter Schöne willst
Du nur dir selber genügen!

Fahr wohl drum, See von Nembia,
Und mög dich der Himmel bewahren
Vor allen Töchtern Albions
Und Berliner Referendaren!“

 

(Zitiert nach der 2. Auflage Stuttgart 1901)

Solides Schuhwerk

September 5, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Dies ist einer von zwei Schuhen, in denen schon mein Vater in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts deutsche Mittelgebirge durchwanderte. Irgendwann überließ er sie mir, wahrscheinlich für meine erste große Tour kurz vorm Abi durch’s korsische Gebirge. Grandiose Sache damals, die mich freilich ob diverser Widrigkeiten an den Rand meiner Möglichkeiten brachte, mental und physisch. Seit dem trugen mich die Schuhe buchstäblich über Stock und Stein. Ein winning team, meine Füße und diese Schuhe, die stets zuverlässig dafür sorgten, dass ich erstere nicht spürte. Das Profil freilich ist, nun ja, noch sichtbar, am Hacken hatte ich vor Tirol jeweils ein Stück Sohle aufkleben lassen. So lief sich’s gut in den Alpen, immer noch fester Halt auf Gestein (feucht war’s halt nicht, Gott sei’s gedankt). Als ich nun aber die Schuhe vorm Reinigen betrachte, ist da plötzlich ein Loch in der Sohle, und – Hurra! – in dem Loch klemmt ein Steinchen, ein Mitbringsel vom Berg. Wie aufmerksam.

 

 

 

 

Und hier noch eine zeichnerische Nachlese zur Trentiner und Südtiroler Bergwelt – zwei benachbarte, aber doch unterschiedliche Gegenden. Andere Menschen, andere Pflanzen, andere Kultur. Ich muss mich da selber erst mal schlau machen, ergötz mich aber derweil am schönen Wort „Welschtirol“. So nannten die Deutschen nämlich das Trentino früher. Aber davon vielleicht demnächst mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Palmen und der erste Schnee

September 3, 2017 § 5 Kommentare

Der Wanderführer, ein drahtiger, braungebrannter Mittsechziger mit jungburschenhafter Dynamik begrüßte uns. Pünktlich zur Gipfelwanderung war das Wetter umgeschwenkt. Statt Sonne satt tief hängende Wolken. „Schaut nit so gout aus. Vielleicht gibt’s Regen – oder Schnee.“ Pause. Ein breites Grinsen ging über sein Gesicht „Hoffentlich Schnee! Ich bin ein Schneemensch!“ Der Mann gefiel mir sofort. Wer mit den Bergen aufwächst, hat Sinn für Theatralik und schockt gerne mal weichgespülte Flachländer. Den Schnee gab’s dann aber erst Samstag, auf dem Rückweg ins flache Land oben in 2500 Meter Höhe auf dem Timmelsjoch. Aus Furcht vor einem Rückreisewellenverstopften Brenner hatten wir uns für einen Schleichweg auf die Nordseite der Alpen entschieden. Vielleich war’s zu früh am Morgen, oder der einsetzende Schneefall versetzte die Österreichischen Beamten in Feierlaune – jedenfalls winkte uns der Beamte an der Mautstation einfach durch und ersparte uns 16 Euro. Dank dafür von dieser Stelle aus! Vor dem Schnee aber genossen wir die Palmen im Passeiertal (in dem übrigens, wie wir vor Ort erfuhren, die Deutsche Fußballnationalmannschaft sich 2014 WMTitelreif trainiert hatte), überhaupt die üppige Vegetation:

 

 

Gipfelblick

August 31, 2017 § 11 Kommentare

Rauhejoch, 2925m, 31.08.2017, 12:54

Miniaturpanoramen

August 30, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 

 

Bergsilhouetten – immer gleich, und doch immer anders. Drei Tage noch, dann ist Schluss mit Kuhglockengebimmel und Lärchenwaldduft. Für Gustav Mahler war die Kuhglocke das letzte Zeichen der Zivilisation beim Hinaufsteigen in die höheren Bergregionen. Er fügte sie in das Instrumentarium Spätromantischer Symphonik ein, als Symbol für Einsamkeit und Entrückung. Daran muss ich dieser Tage immer denken, und beneide ein wenig Mahler, der lange vor Ausbreitung des alpinen Massentourismus auf die Berge stieg.

Sechs Aquarellskizzen

August 27, 2017 § 4 Kommentare

Krasse Bergwelt. Terassierte Abhänge, Natursteinbegrenzt, Kies unter den Reifen, dann steil links bergan, dämmrig bereits, der kühle Wald leckt, unten lockt der See, das gebuchte Quartier scheint ein altes Gemäuer, Fensterläden verschlossen. Navi nochmal nachgeladen, den Vermieter angetroffen und von diesem ins richtige Quartier gelotst. Nochmal gut gegangen. Schwer gut, denn hier atmet alles alte Kulturlandschaft, kleine Kirchturmgekrönte Nester an Steilhängen, dennoch Komfort der siebziger Jahre. Allerdings zerfetzt es anderntags den Reifen auf engem Fahrweg an scharfer Naturbordsteinkante. Für den fälligen Radwechsel lässt sich das Gefährt Zeit bis nach Überquerung der Schnellstraße. Das Glück im Unglück fest gebucht. Es bleibt alle Zeit der Welt zum Studieren angeratener Bedienungsanleitungen, Zeit auch, uns Autogringos das Prinzip eines Wagenhebers nahezubringen. Ärger schon, nach vollbrachter Tageswanderung im Heimwärtsgang befindlich, den falschen Abzweig zu erwischen, sich töricht auf einen Forstweg einzulassen und zu spät zu realisieren, dass man sich in des Teufels Sackgasse hineinmanövriert hat, in Gestalt einer abschüssigen, Felsbrockengespickten und Regenwasserrinnendurchfurchten Hohlgasse. Ein der aufkommenden Panik geschuldetes waghalsiges Wendemanöver setzt das Fahrzeug quer zur Fahrbahn schachmatt. Nur mit aufwändiger Fahrbahnverbesserung, vereintem Schieben bei gleichzeitigem ultrasensiblem Fahrverhalten und einer Portion unverschämten Glücks bekommen wir das Fahrzeug frei, der Rückweg gelingt ohne weitere Reifenpanne.

 

Wie lieblich dagegen muten doch diese Zeichnungen an; sie wissen nichts von Havarieen und Glücken im Unglück.

 

 

 

 

 

P. S. Inzwischen haben wir den Standort gewechselt und atmen die Luft des lieblichen Passeiertals nördlich von Meran. Hoch hinauf geht’s freilich auch hier…