Auch ich zu Corona

März 22, 2020 § 2 Kommentare

 

Katastrophen sind Zeiten für Welterklärer. Auf dem Feuer der Katastrophe kocht jeder sein Süppchen, öffnet sein Portfolio und bringt seine Produktpalette unter die Leute. Kaum hat’s genug Orangenkisten für all die Marktschreier, die jetzt ihre Botschaften in die digitalen Netze brüllen. Das war im Mittelalter nicht anders. Notzeiten sind Zeiten voller Empfänglichkeit, weit geöffneter Ohren, alle gieren nach Erklärung, Sinn, Trost. Die Logik hinter den Deutungsmustern ist immer die gleiche: wir haben gesündigt (wahlweise, je nach Weltanschauung: uns an der Natur vergangen und die Luft verunreinigt; zu viel gevögelt und Überbevölkerung produziert; Gott nicht geachtet und seinen Unmut provoziert; you name it – die wirklich hässlichen und schlimmen lasse ich hier aus), und jetzt kassieren wir die Quittung. Der sehr geschätzte Nikolai Alban Herbst schreibt etwa im Zusammenhang der Ausbreitung des Corona-Virus vom „Auswaschen der Gesellschaft“ und meint damit Selbstregulierungsprozesse der Natur. (s. hier) Gottseidank lesen bei ihm schlaue Leute mit (Peter H. E. Gogolin und Xo*), um hier die richtigen Antworten zu geben. Klar, zu viele Alte auf dem Planeten, deren Versorgung uns vor Herausforderungen stellt – schwupps kommt zur rechten Zeit ein Virus daher, um sich der Sache anzunehmen. Herbst weist natürlich daraufhin, dass er dies keinesfalls gut heiße. Ist aber auch nicht der Punkt. Mich stört an diesem Gedanken, dass hier eine „Norm“ postuliert wird, an deren Wiederherstellung die „Natur“ ein Interesse habe. Die Norm sagt in etwa, es dürfe nur Lebewesen geben, die sich selbst ernähren können. Doch diese „Norm“ kann stets nur etwas von Menschen Gedachtes, Postuliertes sein. Statt also zu denken: wenn Menschen immer älter werden (weil wir das so wollen), dann ist es unsere Aufgabe, mit dieser Situation umzugehen – dieser Gedanke: zu viele immer älter werdende Menschen stören mich, und ich beruhige mein vielleicht schlechtes Gewissen ob dieser Einstellung mit dem Gedanken, die Natur sehe das ja ganz offensichtlich auch nicht vor.

Der Mensch ist Teil eines Systems Erde (als Teil eines Systems Universum), und unterliegt in uneingeschränktem Maße all jenen Phänomenen, die sich mit Mitteln der Biologie beschreiben lassen. Diese Phänomene sind nicht die einzigen bestimmenden Faktoren, aber sie sind sehr mächtig. Unser Problem mit der aktuellen Krise scheint mir nun weniger darin zu liegen, dass tiefe Einschnitte bevorstehen, die unser aller Alltag betreffen, sondern dass wir uns außerhalb dieses Systems wähnen und Vorgänge dieser Art, die es im Verlaufe der Geschichte immer wieder gegeben hat, als quasi „persönlichen“ Angriff auf „die Menschheit“ werten. Spielen wir also doch einfach mal nicht den “Beleidigten“ und nehmen die Sache nicht persönlich. Nüchtern betrachtet steckt in jeder Krise eine Chance, weil feste Strukturen aufbrechen. Das ist jedenfalls eine Erkenntnis aus meiner persönlichen Lebenswirklichkeit heraus.

* s. vor allem ihre Antwort vom 20.3.20 10:21 zum „sechsten Coronajournal

conditio humana

Juni 16, 2019 § 6 Kommentare

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Die Künstlerin Gerda Kazakou zeichnet, schreibt und reflektiert zu Themen der Bildenden Kunst, der Philosophie und des Alltags. Ihren spannenden Blog lese ich regelmäßig mit großem Gewinn. Sie liebt die Bilder Emil Noldes, und als ich neulich vom Besuch der Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof berichtete, entspann sich eine Diskussion zwischen uns über Sinn und Unsinn von Ausstellungen, über die Trennung von Künstler und Werk und welcher Art öffentliche Verpflichtung einem Künstler wie Nolde gegenüber bestehen mag. (Siehe hier und hier) Es war schnell klar, dass zwei völlig konträre Auffassungen aufeinander stießen, und nach einigem Hin und Her dachte ich, die Positionen sind sichtbar und eine Fortsetzung des Dialogs führt nicht weiter. Doch mich beschäftigte das Thema weiter, und so möchte ich an dieser Stelle den Ball fangen, den sie mir zuwarf. Sie bat mich nämlich, mir vorzustellen, wie ich es fände, Nolde gleich, in einer Ausstellung meiner Werke in all meinen „Petitessen und Perversionen“ „grell und anklagend“ ausgeleuchtet zu werden. Nun, abgesehen davon, dass die Wahrscheinlichkeit einer öffentliche Würdigung meiner bildnerischen Bemühungen posthum gegen Null tendiert, rührt die Frage an Grundsätzliches, und dazu habe ich einen sehr dezidierten Standpunkt, den ich zu hundert Prozent auf mich persönlich anwende. Gäbe es irgend etwas, von dem ich partout nicht wollte, dass es irgend jemand je erführe, so unternähme ich zu Lebzeiten die größt möglichen Anstrengungen, alle Spuren zu beseitigen. Denn eines ist klar: wer sich in die Öffentlichkeit begibt – und das tut der Künstler – setzt sich der Öffentlichkeit aus. Gnadenlos. Zwar dachten bereits viele, von Größenwahn umweht, der Weg in die Öffentlichkeit sei eine Einbahnstraße, doch zeigt die Geschichte, dass, ausreichendes Interesse vorausgesetzt, und soweit Spuren noch vorhanden, alles ans Licht kommen wird. Und das muss auch sein, denn Kunst wirkt immer in zwei Richtungen. Ein Schöpfender setzt etwas in die Welt, das in die Welt wirkt, und die Welt ihrerseits wirkt kraft ihrer sich wandelnden Bedingungen zurück auf das Werk und beeinflusst die Sicht auf das Werk. Will sagen: einmal in der Welt, ist das Kunstwerk dem freien Spiel der Kräfte ausgesetzt. Und selbstverständlich will sich eine jeweilige Öffentlichkeit Rechenschaft geben über ein Werk, und der Weg dorthin wird eben auch immer über den Künstler, die Künstlerin gehen. Wer freilich den Künstler als Medium, als von einer höheren Macht zufällig ausgewählten Überbringer auffasst, wird das „Private“ ein für alle mal raushalten wollen aus dem Prozess des Wirkens von Kunst. Diese Auffassung teile ich entschieden nicht, und so bin ich gewiss: alles über mich käme ans Licht, zur öffentlichen „Zurschaustellung“, sollte es aus Gründen von Interesse sein. Und zwar völlig zu Recht. Der Mensch soll wissen, was mit ihm los ist, wie es um die conditio humana bestellt ist. (Nebenbemerkung, um Missverständnissen vorzubeugen. Zeigen: immer – werten, anklagen, gar „an den Pranger stellen“: nur im Ausnahmefall) Und in der Kunst entfaltet er sein vielleicht größtes, „erhabenstes“ Potential. Aber dieses darf niemals zu ideologischen, manipulativen und machtbeanspruchenden Zwecken missbraucht werden. Um dem vorzubeugen, bedarf es der Aufklärung, der Wahrheit. Die Berliner Nolde-Ausstellung leistet einen glänzenden Beitrag dazu.

(Abbildung: Acryl auf Pappe. Botschaft an die Zukunft: Wer auch immer sich dermaleinst für das Bild und seinen Schöpfer interessieren sollte, ist herzlich eingeladen, nachzuforschen und die Erkenntnisse in die Welt zu tragen 🙂 )

Die Spur des Denkers

Dezember 20, 2018 § 7 Kommentare

 

Die Spur des Denkers

 

Denken wird überschätzt. Zwar ist der Verstand das mächtigste Instrument, das dem Menschen zur Durchsetzung seiner Ziele zur Verfügung steht. Aber man kann damit alles anstellen. Die Atombombe erfinden, oder ein funktionierendes Konzept gegen den Welthunger. Die möglichst effiziente Ermordung sämtlicher Juden Europas konzipieren, oder eine Wirtschaftsform entwickeln, die alle Erdbewohner auf gerechte Weise am allgemeinen Wohlstand teilhaben lässt. Und so weiter. Es ist auch nicht die viel beschworene allgemeine Dummheit an allem Schuld, sondern mangelnde Empathie. Nur mal so am Rande bemerkt.

Das unmögliche Ende

November 10, 2018 § 3 Kommentare

Franz Schubert

Franz Schubert

 

 

Das Gegenüber redet und redet, und kommt nicht zum Punkt. Unangenehm. Wer kennt das nicht. Aber es gibt auch das Gegenteil. Sie redet und redet, und es möge nie aufhören. Oder es klingt und tönt und tönt und klingt, und möge nie aufhören. Wann ein Musikstück zu Ende ist, regelte zu allen Zeiten die Konvention. Ein Popsong dauert dreieinhalb Minuten, eine LP zwei mal zwanzig, eine Sonate zwanzig, eine Symphonie dreißig+x, eine Messe eine Stunde oder länger. Undsoweiter. Mit Ausnahmen, natürlich – und Komponisten, die an den Konventionen rüttelten, zu allen Zeiten. Die vorgegebene Form muss aber so gefüllt werden, dass die Konvention nicht als Konvention sichtbar wird, sondern als innere Notwendigkeit. Dafür gibt es wiederum geregelte Abläufe – Intro, Strophe, Refrain, Strophe, Bridge, Refrain, Outro. Oder Sonatenhauptsatzform: Exposition, Durchführung, Reprise. Rondoform etc. Ein erfahrener Hörer weiß also schon mittendrin, wie lang es etwa noch dauern wird. Und dass das Ende unweigerlich kommt. Das Ende? In der Klassik: der Schlussakkord (Ausblenden gab’s noch nicht). Aber wann ist’s der Schlussakkord? Um das Ende auch wirklich zu besiegeln, griffen Komponisten schon mal zu drastischen Mitteln. Beethoven in seiner Fünften z. B. : nicht enden wollende C-Dur-Schlussakkorde. Oder umgingen das Schlussproblem. John Cages Spielanweisung für seine Komposition „Organ2/ASLSP“ lautet „so langsam wie möglich“, was die Wahrscheinlichkeit, den Schlussakkord überhaupt zu erreichen, irgendwie minimiert. (In Halberstadt haben sie übrigens schonmal angefangen mit einer auf  639 Jahre Dauer angelegten Aufführung des Stücks)

Und nun Schubert. Seine „Längen“, seit Robert Schumanns Schubert-Artikel „himmlisch“ genannt, sind sprichwörtlich. Die Angst vor dem Ende, denke ich. Und man hört ja gerne zu, oder spielt, was aber schon anstrengender ist als Hören, weswegen z. B. viele Pianisten die von Schubert geforderte Wiederholung bestimmter Abschnitte einfach weglassen (und das dann raffiniert begründen, s. Brendel über Schuberts späte B-Dur-Sonate).

In seiner späten, im letzten Lebensjahr komponierten Klaviersonate A-Dur D.959 gelingt Schubert ein Schluss, der gegen das „Schlusssein“ an sich rebelliert und meines Wissens einzigartig ist in der Musikgeschichte. Denn nur weil alles Klingende irgendwann verklingt, alles physische endlich ist, muss ja die Idee dahinter nicht gleich mit enden. Die Schlusstakte der A-Dur-Sonate greifen zwar die Anfangsakkorde des ersten Satzes auf, schließen einen Kreis, wenn man so will, schießen die Musik aber zugleich zentrifugal in den Orbit, auf eine Reise ohne Ende. Dies war zum Zeitpunkt der Komposition höchstwahrscheinlich auch Schuberts Situation. Die Syphilis war soweit fortgeschritten, dass er jederzeit mit dem Ende rechnen musste. Aber das Ende ist nur Übergang. Jenseits christlicher Heilserwartung. Was also macht Schubert? Der letzte Akkord bestätigt der Konvention nach die Grundtonart (Tonika). Vorausgeht zwangsläufig die fünfte Stufe (Dominante), deren Terz als sogenannter Leitton zwingend zum Grundton führt. Nur dieser Leitton kann die Tonart eindeutig bestimmen. Und genau diesen verweigert der Komponist am Ende, vertieft ihn um einen Halbton (g statt gis) und verbiegt die Tonika damit zur Wechseldominante, nämlich zur Dominante einer neuen Tonart. Mit dieser neuen Tonart lebt die Sonate weiter, ohne weiter zu klingen. So wie Schubert mit seinem Werk weiterlebt, ohne noch physisch anwesend zu sein.

 

Zitate großer Männer (I)

September 12, 2018 § 9 Kommentare

Noch sind nicht alle Ostseebilder gemalt. Aber: man kann nicht ewig am Strand  rumlungern, ob mit oder ohne Pinsel. Jetzt also Themenwechsel. Ein Bild aus der Rubrik „Vom Non zum Sense“, zugleich Beginn der Serie

Philosophie überbewerten – Zitate großer Männer.

 

Die Welt ist alles was der Phallus ist

(demnächst auch als Postkarte)

Die Welt ohne Gott

März 14, 2018 § 16 Kommentare

 

rund um uns ist überall dunkle materie – bewegt von irrationalen zwangsläufigkeiten. der mensch entstand aus dem schlick und schleim der erde – und was seele genannt wird geht mit dem tod wieder darin ein. es gibt keinen gott und keine götter. selbst wenn es sie gäbe bräuchten sie uns nicht zu kümmern: was nicht berührbar ist vermag uns seinerseits nicht zu berühren.

 

 

 

die eigentliche kunst ist unsicher zu bleiben – fähig zwei einander wiedersprechende ideen gleichzeitig im kopf zu halten: das wissen um die vergeblichkeit jeder anstrengung und den glauben an die notwendigkeit des aufbegehrens.

 

 

 

wir glauben zeit zu erleben: doch ist dies falsch. einjeder erlebt nur momente – momente der erfahrung. schnipp mit den fingern: da ist ein bild – ein augenblick. schnipp sie erneut – und da ist wieder nur ein moment. du denkst zwar dass eines auf das andere folgt doch ist dies illusion: du erinnerst dich bloss im zweiten moment noch an den ersten. diese erinnerung ist jedoch keine erfahrung vergehender zeit: die erinnerung an den ersten moment ist nur teil des erlebens des zweiten. alles was wir erleben – alles was real ist – sind einzelne augenblicke.

 

 

der bauch einer frau ist eine taube welche die flügel an ihrer hüfte schliesst. eine düne wandernd mit dem atem. eine welle die zu ihrem schoss fliesst. ihr nabel das herz der taube. ein kiesel auf dem sandkamm. eine meeresschnecke.

 

 

 

hätte mich der allmächtige zu rate gezogen bevor er sich an die schöpfung machte würde ich ihm etwas einfacheres empfohlen haben. gäbe es gott müsste man ihn absetzen.

 

 

wir gehen auf der grenze zwischen dem augenblick und dem raum: der gelegenheit. wir leben im wissen nicht alles kontrollieren und zerstörerische momente abwenden zu können – im einklang mit dem was uns umgibt: alles wechselwirkt rund um uns ohne rücksicht auf uns zu nehmen.

 

(Alle Zitate sind von Raoul Schrott übersetzte Auszüge aus einem ungedruckten Manuskript, niedergeschrieben um 17oo und aufbewahrt unter dem Titel „Manuale Dell‘ Esistenza Transitoria (De Arte Nihil Credendi)“ in der Bibliotheca Classense. Ich entnehme sie dem wunderbaren Buch:

Raoul Schrott: Die Kunst an nichts zu glauben. Carl Hanser Verlag München 2015

Darin erfahre ich auch, dass es seit dem Mittelalter bis an die Schwelle der Neuzeit eine Tradition „geheimer“, schwer zugänglicher religionskritischer Schriften gab, teils gedruckt, teils handschriftlich vorliegend, teils andernorts nur erwähnt und Gerüchteumrankt, die allesamt Zeugnis atemberaubend unabhängigen Denkens ablegen.)

 

(Die Bilder sind Klecksografien – in Eitempera gebundene Pigmente im Moment ihrer Bildwerdung)

 

In eigener Sache

Januar 6, 2018 § 8 Kommentare

 

Goethe und Schiller beschäftigten sich gemeinsam mit dem Thema Dilettantismus und planten eine größere Arbeit hierzu. Sie empfanden dilettierende Zeitgenossen als Bedrohung für ihr dichterisches Wirken und die Kunst allgemein. Goethe freilich hatte ein Problem. Er dilettierte selbst, und zwar auf dem Gebiet der Zeichenkunst. So betrachtete er den Dilettanten durchaus mit Wohlwollen. Zu dem gemeinsamen Werk kam es schließlich nicht, es hat sich aber aus der Feder Schillers ein Konzept erhalten:

Schema über den Dilettantismus

Zufällig stieß ich darauf, als ich bei Schiller einen Passus nachlesen wollte, der in dem sehr interessanten Buch „Analoge Nostalgie in der digitalen Medienkultur“ zitiert wird. (Das ist, nebenbei bemerkt, ein Beispiel dafür, wie ich mich – typisch Dilettant eben – permanent verzettele) Ich hatte also kaum begonnen, mich dem Thema analog/digital zuzuwenden, da geriet ich schon auf Abwege und landete über Schillers Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung bei dessen Dilettantismusschema. Natürlich interessierte mich brennend, was der große Schiller über meinesgleichen geschrieben hatte. Das Schema ist überschaubar, beeindruckt aber durch seine Akribie. In streng wissenschaftlicher Methodik wird das Phänomen zergliedert und die Bereiche Poesie, Zeichnung, Malerei, Skulptur, Architektur, Gartenkunst, Musik, Tanz und Theater jeweils nach Nutzen und Schaden „fürs Subjekt“ und „fürs Ganze“, sowie für Deutschland und das Ausland befragt. Interessant für mich natürlich die bildenden Künste, und große Erleichterung meinerseits, dass fürs Subjekt hier kein möglicher Schaden vermerkt ist, während im Hinblick aufs Ganze „falsche Kennerschaft“ als Schaden festgestellt ist. Das ist natürlich hochaktuell, denn in der Tat droht durch die Möglichkeiten elektronischer Netzwerke hier heutigen Tages maximaler Schaden. Einfach jeder/jede glaubt mitreden zu können und erschleicht sich durchs elektronische Publizieren den Anschein von Kennerschaft. Die weitere Lektüre des Schemas offenbart jedoch auch für mich als Subjekt die Gefährlichkeit meiner dilettierenden Bemühungen. „Mit dem Ernsten und Wichtigen spielen verderbt den Menschen“*. Und es kommt noch schlimmer: „Er überspringt die Stufen, beharrt auf gewissen Stufen, die er als Ziel ansieht, und hält sich berechtigt, von da aus das Ganze zu beurteilen, hindert also seine Perfektibilität… Er kommt immer mehr von der Wahrheit der Gegenstände ab und verliert sich auf subjektiven Irrwegen.“ Und hier fühle ich mich vollends ertappt: „Der Dilettant scheut allemal das Gründliche, überspringt die Erlernung notwendiger Kenntnisse, um zur Ausübung zu gelangen, verwechselt die Kunst mit dem Stoff.“ Puh. Das muss man ja nun erstmal verdauen…

 

… auf subjektiven Irrrwegen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* Alle Schiller Zitate aus: Sämtliche Werke Band V: Philosophische Schriften. München 1975. S. 565 ff.

Die Haltung des Künstlers

Oktober 15, 2017 § 4 Kommentare

Arnold Schönberg

 

Mit Anfang 20 verschlang ich Adornos Philosophie der neuen Musik. Der Sog seiner Sprache, die unerbittliche Logik einer Argumentation, die die Tendenz des musikalischen Materials von der Klassik über Romantik und Spätromantik hin zu Auflösung der Tonalität entrollte und die Zweite Wiener Schule um Arnold Schönberg zum einzig legitimen Erben dieser Gesetzmäßigkeit erklärte – all das faszinierte mich als eine Weltsicht von scheinbar bestechender Logik. Wer als Komponist den historischen Lauf der Dinge verpennt, oder willentlich ignoriert hatte, verwirkte das Recht auf Teilhabe am musikalischen Prozess, sein künstleriches Tun blieb reaktionär. Klar, dass ich fortan Menschen, die etwa Sibelius toll fanden, verachtete. Man hatte schließlich auf der richtigen Seite, der des Fortschritts, zu stehen. Nun war Arnold Schönberg tatsächlich ein Mensch mit ausgeprägtem Sendungsbewußtsein. Nach kompositorischen Anfängen im spätromantischen Idiom und – in Überwindung einer als verbraucht erkannten musikalischen Sprache – frei atonalen Kompositionen entwickelte er ein Kompositionsverfahren, in dem sämtliche zwölf dem Komponisten zur Verfügung stehenden Töne „gleichberechtigt“ zum Einsatz kommen. Fortan komponiert er das, was man „Zwölftonmusik“ nennt. Diese „Erfindung“ galt ihm als bahnbrechend, und er kämpfte um das Recht auf Urheberschaft an seiner Idee, wo immer sie angezweifelt oder nicht genügend gewürdigt wurde. In der Philosophie der neuen Musik (1949 erstmals publiziert) erklärt nun Adorno Schönberg zum Sachwalter des musikalischen Fortschritts. Es gilt, sich den Zwängen einer allgegenwärtigen Kulturindustrie zu entziehen und „wahre“ Musik zu komponieren, die als Ausschlag negativer Erfahrung einzig das leidende Subjekt zum Inhalt haben kann. Soweit die Theorie. Wie aber, frage ich mich, steht es um die moralische Integrität des Schöpfers dieser „wahren“ Musik? Wie verhielt er sich beispielsweise zur ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg? Lassen wir ihn in einem Brief an Alma Mahler am Vorabend des Weltkrieges zu Wort kommen: „Diese Musik [Strawinsky, Bizet, Delius] war längst eine Kriegserklärung, ein Überfall auf Deutschland … Aber jetzt kommt die Abrechnung. Jetzt werfen wir diese mediokren Kitschisten wieder in die Sklaverei und sie sollen den deutschen Geist verehren und den deutschen Gott anbeten lernen.“* Es ist billig,  aus nachgeborener Sicht zu verurteilen, und neben Schönberg fielen viele, gerade auch Intellektuelle, auf die Kriegspropaganda der preußisch-deutschen Obrigkeit herein. Aber diese Sätze schockieren dann doch in ihrer Deutlichkeit. Da ist ja, wohlgemerkt, nichts metaphorisch gemeint, sondern hier ist Krieg, Töten, Abschlachten gemeint. Mir ist nicht bekannt, ob Adorno um diese Seite seines musikalischen Fortschrittlers wusste. Beantwortet hat er die Frage nach dem Widerspruch zwischen der geistigen Haltung des Menschen Arnold Schönberg, und dem angeblichen philosophischen Wahrheitsgehalt seiner Schöpfungen aber doch, und zwar auf die ihm eigene, Widerspruch ausschließende, herrische Art:

„Der Künstler ist nicht gehalten, das eigene Werk zu verstehen.“**

 

 

*Brief vom 28.08.1914, zitiert nach: Norbert Schläbitz, Als Musik und Kunst dem Bildungstraum(a) erlagen. Göttingen 2016. S. 107

** Adorno: Prismen. dtv 1963. S. 251

 

Der Fuß Gottes

Juli 17, 2017 § 4 Kommentare

Peter Sloterdijk hat ein neues Buch geschrieben. Nein. Er hat alte Texte als neues Buch zusammengestellt. So meldet es jedenfalls die Süddeutsche Zeitung. Bemerkenswert an dem Buch ist der Titel: „Nach Gott“. Nietzsches „Gott ist tot“ bot hier natürlich die Steilvorlage. Und klar ist auch, was als nächstes kommt, nur kommen kann: „Nach Gott ist vor Gott“. Wer diesen Titel für sein nächstes Buch braucht: bitte sehr. Ich lege keinerlei Wert auf Urheberschaft.

 

Mehr Finsternis!

Mai 5, 2017 § 8 Kommentare

Licht – eine Form von Energie. Finsternis – die Abwesenheit von Licht. Oder? Warum nicht andersherum: Finsternis – eine Form von Energie. Licht – die Abwesenheit von Finsternis. Wir alle glauben, Licht zu sehen. Dabei sehen wir nur Körper. Licht kann man nicht sehen, denn wo sich dem Licht kein Widerstand bietet, da bleibt es unsichtbar. Alles dunkel, im (lichtdurchfluteten) Universum. Und erst die Farben. Newton, Goethe. Unzählige Physiker und Geistesgrößen in beider Gefolge. Jetzt Olaf L. Müller, Professor für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Humboldt-Uni Berlin (immerhin!), mit einem 500 Seiten starken Buch und dem Versuch, den von der Naturwissenschaftlichen Forschung längst erledigten Farblehrer Goethe zu reanimieren und nebenbei ein paar interessante wissenschaftstheoretische Fragen aufzuwerfen.* Denkt der Laie. Rezensionen in Fachkreisen haben das Buch mittlerweile zurückgewiesen. Nochmal kurz das Wichtigste soweit ich es bisher verstand: Newton hatte festgestellt, dass das „weiße“ Licht aus Kräften zusammengesetzt ist, die (durchs Prisma geschickt) unterschiedlich stark brechen und der Einfachheit halber als Strahlen bezeichnet werden können, die unterschiedliche Farbempfindungen hervorrufen. Goethe war empört über die Vorstellung, Licht sei etwas Zusammengesetztes und entwickelte demgegenüber die Vorstellung, Farben entstünden erst im Aufeinandertreffen von Licht und Finsternis, seien also nicht einfach im Licht bereits „enthalten“. Müller setzt nun dem von ihm so genannten „Newton-Spektrum“ (die Regenbogenfarben) das „Goethe-Spektrum“ gegenüber. Schickt man nämlich anstelle eines Lichtstrahls in einem dunklen Raum (Newton) einen „Finsternisstrahl“ in einem hellen Raum (Goethe) durchs Prisma, so zeigen sich in abgeänderter Reihenfolge alle Regenbogenfarben, außer dass das mittige Grün durch das mittige Purpur ersetzt ist. Dies machte mich hellhörig, denn ich hatte gerade erst für mich festgehalten, dass sich der herkömmliche Farbenkreis entlang der Regenbogenfarben ja nur rundet, indem man das „in der Natur“ nicht vorkommende Purpur hinzumischt und so die Lücke vom dunkelblau/violett zum rot schließt. Um’s kurz zu machen: Je mehr ich versuche, zu verstehen, desto mehr entgleitet mir das Phänomen. Ein Schicksal, das ich tröstlicherweise sicher mit dem ein oder anderen Laien teile. Der Verdacht allerdings, dass auch die Fachwelt, wenngleich auf viel höherem Niveau, im Dunkel herumstochert, kann auch nicht ganz ausgeräumt werden. Aus alledem folgt eigentlich nur, dass sich glücklich schätzen darf, wer nichts weiß, insbesondere nicht, dass er nichts weiß. Erfreue ich mich doch einfach an selbst angerührtem Cadmiumgelb (über grau):

 

 

und an einer Schlafenden, deren Träume in einer Welt jenseits der Farben angesiedelt sein mögen:

 

 

* Olaf L. Müller, Mehr Licht. Goethe mit Newton im Streit um die Farben. Frankfurt 2015

Wo bin ich?

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