Urlaub zwei

August 5, 2020 § 7 Kommentare

 

Unterleuten gelesen. In einem Rutsch, denn Figurentableau und Handlungsdynamik zogen mich einfach hinein in die Geschichte. Spannende Unterhaltung zweifellos, doch das hinter dem Konstrukt durchscheinende Weltbild befremdet. Es kommt einfach niemand drin vor, den man mögen möchte. Ein Haufen Dorfneurotiker, im Grunde. Zwischendurch aber wartet die Autorin Juli Zeh mit verblüffenden Erkenntnissen auf. Teilweise entnimmt sie diese selbstironisch einem Ratgeberbuch von der Sorte Dukannstalleswennduesnurdollgenugwillst das sie selber unter einem Pseudonym veröffentlicht hat. Folgende Erkenntnis aber hat es in sich: Gegen Ende des Romans wird auch der Uniflüchtige Sesselfurzer und notorische Weltverbesserer Gerhard Fließ  – die Karikatur eines Intellektuellen – gewalttätig. Er schlägt den Nachbarn, der ihn und seine Frau so lange mit qualmendem Feuer tyrannisiert hatte, krankenhausreif. Dabei kommt ihm die verblüffende Erkenntnis, warum es so viel Gewalt gibt auf der Welt: weil Gewalt so leicht ist. Und das leitet nahtlos über zu meiner jetzigen Lektüre, eine Geschichte der Comanchen im 19. Jahrhundert: S. C. Gwynne, Empire of the summer moon. Quanah Parker and the rise and fall of the comanches.

Nichts faszinierte mich in Kindertagen mehr als der heroische und so überaus sympathische Überlebenskampf Nordamerkianischer Indianerstämme. Meine Bibel: Dee Browns Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses. Gut und Böse waren klar verteilt, jedes Kapitel eine Steilvorlage zu moralinsaurer selbstgerechter Empörung über die Schandtaten des „weißen Mannes“. Nebenbei: Dieser, vorzugsweise ältere, weiße Mann ist aktuell ja sehr in Verruf geraten. Völlig zurecht natürlich, und sollte einmal eine engagierte Feministin die Schraube ein wenig zu weitgedreht haben – was gar nicht so leicht ist – so ist das nur recht und billig. Aber das soll hier nicht Thema sein. Die Ureinwohner Nordamerikas – wie lebten sie wirklich, und was war damals los im „Wilden Westen“? Um es kurz zu machen: Natürlich ist der gute, edle Wilde eine Erfindung zivilisationsmüder Westeuropäer. Die Comanchen zum Beispiel, Prärieindianer und als solche ein Volk kriegerischer Nomaden, führten Kriege mit benachbarten Stämmen, bevor und während sie mit den Spaniern, den Mexikaner und schließlich den angelsächsichen Texanern auf „Kriegsfuß“ lebten. Den Expansionsdrang der Spanier nach Norden brachten sie erfolgreich zum Erliegen, indem sie es in berittener und guerillaähnlicher Kriegsführung zu Meisterschaft gebracht hatten. Dem Druck der westwärts strömenden, immer zahlreicher werdenden Angelsachsen konnten sie auf Dauer nichts entgegensetzen, obgleich ihre über viele Jahrzehnte präzise durchgeführten Überfallkommandos auf Siedlungen der Weißen an abschreckender Brutalität kaum zu überbieten waren. Hier liegt das für mich zutiefst schockierende, verstörende Moment im Lesen des Buches, dessen Autor mit Sicherheit seriös recherchiert hat. In die Erzählungen vom „Wilden Westen“ sind viele dieser Ereignisse eingegangen, sie wurden Stoff der klassischen Hollywood-Western, und die Formel lautete stets: die biedere, gottesfürchtige Farmer-Familie auf dem Vorposten eines von Gott ihr vorbestimmten und durch sie urbar zu machenden Landes wird Opfer eines hinterhältigen Überfalls monströser Indianer. Ausmaß und Art der Gewalt werden angedeutet, jedoch nicht ausgeführt. Denn dies ist dem nachgeborenen (und teilweise auch zeitgenössischem) Publikum nicht zuzumuten: Verstümmelungen bestialischster Art, auch an Frauen und Kindern, Säuglingen gar, sowie Massenvergewaltigungen. Das Foltern von Opfern war gängige Praxis bei offensichtlich vielen Indianerstämmen. Natürlich war die von den Weißen ausgehende tatsächliche sowie strukturelle (durch Bedrohung indianischer Lebensräume) Gewalt vergleichbar, aber der herrschende christliche Moralkodex lieferte doch eine andere Sicht auf das Verhalten von Menschen. Menschenquälereien durch Indianer erlebten die angelsächsischen Texaner als sadistisch motiviert und absolut unberührt von jeglicher Moralvorstellung. Sie brachten die haarstäubenden Gewaltexzesse in keinen Zusammenhang zur Aggressivität ihrer Inbesitznahme von Land, das Überlebensgrundlage der Ureinwohner war. Gleichwohl lässt sich das Ausmaß an Gewalt nicht auf reine Notwehr zurückführen. Moralisch gesehen hat der Angegriffene jedes Recht zur Selbstverteidiung. Es lässt ihn aber nicht zum „besseren“ Menschen werden. Menschen tun das, was sie schon immer getan haben. Der Prozess der Zivilisierung, an dem die christliche Ethik einen entscheidenden Anteil hatte, hat die Menschheit zweifellos ein Stück weiter gebracht. Alles aber, was er in geschichtlicher Dimension erreicht hat- ein Maß an Sicherheit, an Wohlstand, an Reichtum – basiert auf Gewalt. Die ausgeübte, reale Gewalt war immer unvorstellbar grausam und wude über Generationen, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende Stoff für Mythen und bildet den Bodensatz für Kultur. Von Homers Odysse, über die Bibel, über Schlachtenhistorien bis zum Hollywood-Western.

Satyr und Hermaphrodit

März 24, 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

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Nach der Vorzeichnung

März 21, 2019 § 2 Kommentare

Die Geschichte der Zivilisation ließe sich beschreiben als der fortdauernde Versuch, die Triebhaftigkeit des Menschen in eine Sozialstruktur einzubinden. Die antiken Mythen, wie sie beispielsweise Ovid in seinen Metamorphosen aufgezeichnet hat, sind voller triebgesteuerter Gewalt. Raub und Vergewaltigung(sversuche) sind beherrschende Themen und bildeten später die Blaupause für einen Großteil der abendländischen Bildenden Künste. Mit dem Christentum fand erstmals der Gedanke der Empathie, des Mitleids Eingang in die großen Erzählungen. Doch wenngleich die christlich geprägte Kunst, beispielsweise in der mittelalterlichen Minnelyrik, Ideale von körperlicher Distanz und zeremoniell aufgehobenen Begehrens ausformulierte, blieb eine jeweils gelebte Praxis hinter den Anforderungen zurück. Etwas aber war in Gang gesetzt, und die Suche nach einer gerechteren Welt bestimmt nachhaltig unser Denken. Die Vorzeichnung für mein aktuelles Bildprojekt bezieht sich auf die Gruppe eines Satyrs und eines Hermaphroditen, die ein unbekannter griechischer Bildhauer vermutlich im zweiten vorchristlichen Jahrhundert gestaltet hat, und die sich in einer Reihe römischer Kopien erhalten hat. Als Vorlage für mein Bild dient mir die fotografische Abbildung dieser als  „Dresdner Symplegma“ in der Fachliteratur bezeichneten Gruppe. Und da ich, wie so oft, nach einem ersten Bildentwurf nicht gleich weiß, wie ich weiter vorgehe, und in welche Richtung hin ich das Bild ausarbeiten möchte, gönne ich mir einen Zwischenschritt des Experimentierens in der digitalen Welt. Hier eine mit dem iPad erarbeitete Montage:

 

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Orpheus

Februar 27, 2017 § 4 Kommentare

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…das Haupt, das lag an die fremde Küste gespült, und das Haar, das nass noch tropfte…

September 7, 2016 § 2 Kommentare

 

 

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… das Haupt, das lag an die fremde Küste gespült…

 

Höhere Wesen befahlen:

August 9, 2016 § 3 Kommentare

Shiva malen!

 

Shiva

Die Maya – Sprache der Schönheit

Mai 30, 2016 § 2 Kommentare

So lautet der Titel einer zur Zeit laufenden Ausstellung im Berliner Gropius-Bau. Spektakuläre Einblicke in eine grausame und – aus sicherer zeitlich/räumlicher Distanz heraus betrachtet – beeindruckend schöne Welt. Eine größere Distanz zu unserer auf Sicherung/Absicherung bedachten, behüteten Welt scheint kaum denkbar. Obwohl – verstärkte Tendenzen zu Bodyart in Form von Piercings, Tattoos etc. weisen ja wieder in eine andere Richtung…

Im folgenden drei Eitempera- bzw. Kohleskizzen nach Ausstellungsexponaten.

 

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Mayakopf alkjr

 

Mayatorso ldkj

 

Drittes Seestück: Hero und Leander

Februar 16, 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Hero und Leander

Immer noch Rosa. Dazu Moosgrün, Karminrot, Cadmiumgelb. Und irgendwo da unten liegt Leander.

Justitia

November 29, 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Justitia

Huong-quê, Fassung eins

August 9, 2015 § 2 Kommentare

Huong-quê Fassung eins

 

Huong-quê Fassung eins Detail

 

Vorlage für  dieses Bild war die Schwarzweißfotografie einer Skulptur aus dem Vietnamesischen Nationalmuseum, entstanden Anfang des 10. Jahrhunderts. Das Bemerkenswerte an vielen dieser Ostasiatischen Gottheiten ist ja, dass sie entspannt lächeln. In unserem Kulturkreis galt bereits der Anflug eines Lächelns auf einem Gemälde als Sensation.

Wo bin ich?

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