Erneute Reiseskizzen, beginnend in der Uckermärker Prärie

Februar 24, 2019 § 4 Kommentare

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Vor uns, unten im Tal, der Oberuckersee, hinter uns Melzow, um die Ecke Botho Strauß, dessen anschwellender Bocksgesang in der Nachwende für Wirbel sorgte, und der eine Schneise geschlagen hat, auf der uns immer mehr bizarre Gestalten entgegen kommen.

Reisezeit gerade, sucht man sich nicht immer aus. Begegnungen, offene und verdeckte. Ist ja ein Eingriff in die Intimsphäre eines Menschen, zeichnet man ihn heimlich ab. Einerseits. Andererseits ist er ja nun mal physisch präsent, in meinem Raum, kann ich mir auch nicht aussuchen, ob ich ihn da sitzen sehen will oder nicht. Oder sie. So ist das Leben nun mal, im öffentlichen, halböffentlichen Raum. In Wartezimmern, Zugabteilen, Cafés. Folgendes aus meinem Skizzenbüchlein, teils mit einem gewöhnlichen Kugelschreiber, dessen Mine sich verzweifelt dagegen wehrte, die letzten Tröpfchen Tinte abgeben zu sollen, was zu im Schräglicht sichtbaren Einritzungen führte – teils mit dem Rapidographen, der fett kommt – oder gar nicht.

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Die Musik

Januar 4, 2019 § 8 Kommentare

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Das erste Bild im neuen Jahr. Ich malte es, während Clara Haskil Schuberts letzte Klaviersonate in B-Dur spielte. Wo Artur Schnabel etwas rüpelhaft, und Alfred Brendel brav spielt, trifft sie genau den richtigen Ton. Vielleicht sind Frauen die besseren Musiker. Dies vermutete schon Kleist:

In den Nonnenklöstern führen, auf das Spiel jeder Art der Instrumente geübt, die Nonnen, wie bekannt, ihre Musiken selber auf; oft mit einer Präzision, einem Verstand und einer Empfindung, die man in männlichen Orchestern (vielleicht wegen der weiblichen Geschlechtsart dieser  geheimnisvollen Kunst) vermißt.“ (aus: Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik. Eine Legende).

Ich wünsche allen, die hier gelegentlich vorbei schauen, ein Jahr voller Musik.

 

 

 

Erste Sätze (VI)

Dezember 19, 2018 § 7 Kommentare

Der Schatten des Körpers des Kutschers

Durch die halboffene Tür sehe ich den lehmigen, aufgestampften Weg und die morschen Bretter um den Schweinekofen.
(Peter Weiss, Der Schatten des Körpers des Kutschers)

 

((Allerorten öffnen sich ja grad Türchen, ein wirklich schöner vorweihnachtlicher Brauch, der im digitalen Orbit munter weiter lebt. Fällt mir eben ein, weil Weiss‘ Held ja auch durch eine Tür blickt –  wenngleich es ihm weniger um zelebrierte Vorfreude denn um Orientierung in schwierigen Zeiten geht. Und da wiederum fällt mir ein, dass es mich letzten Samstag schmerzlich durchzuckte, als in mir sehr vertrauter, lieber Umgebung  am Adventskranz bereits das dritte Kerzlein entzündet wurde.  Einen Tag zu früh. Gesprächsweise entwickelte ich heute eine Spontantheorie darüber, warum ich dies als einen solchen Tabubruch empfand, obgleich ich alles Religiöse sonst aus durchaus entspannter Distanz betrachte. Die Sache gründet, wie fast alles im Leben, in tiefster Kindheit. Als das Leben noch voller Magie und unergründlicher Rätsel war. Ein solches Mysterium war alljährlich Weihnachten, die Ungeduld im Herannahen schier unerträglich, und folglich gebändigt durch’s strenge Ritual der Kalendertürchen, aber auch, und geheimnisvoller noch, durch die an jedem Advent neu anzuzündenden Kerzen. Da durfte nicht geschummelt werden, dieser eine Tag musste noch gewartet werden – es ging ums Ganze. Diese kindliche Vorstellungswelt, in die noch viele andere Mysterien hineinspielen, ist der Schatz, den der Mensch sein Leben bewahrt und zugleich – dies die Tragik – schwinden sieht. Und jedes Mal, wenn eine Erkenntnis kommt, sich ein Rätsel löst, das Banale Einzug hält, schwindet Lebensenergie und wir werden ein Stück älter))

Auf Gustav Mahlers Spuren in Zehlendorf, anlässlich einiger grundsätzlicher Überlegungen zur digitalen Befindlichkeit, nicht ohne den nachgereichten vierten Ersten Satz.

Dezember 18, 2018 § 9 Kommentare

Der Mensch tickt ja nicht ganz richtig. Es geht ihm einfach nie schnell genug. Dabei gelangte man noch nie so schnell an Informationen wie heute. Ein Beispiel: im Nachgang zu einem beglückenden Konzerterlebnis letzte Woche – Gustav Mahlers Zweite, diese berauschende Erlösungsfantasie, unter Andris Nelsons in der Philharmonie – las ich in einem Brief des Komponisten, in dem er seiner in Hamburg zurück gebliebenen Geliebten aus Berlin von den Vorbereitungen zur Uraufführung eben dieser zweiten Symphonie berichtet, er sei aus der Stadt eine halbe Stunde mit der Bahn herausgefahren nach Zehlendorf. Dort gebe es, wie er in Erfahrung gebracht habe, eine Glockengießerei. Selten um die Erweiterung des Orchesterapparats verlegen, suchte Mahler für den Finalsatz der Symphonie passende Glocken und hoffte, dort fündig zu werden. Berlinerinnen wissen natürlich, dass Zehlendorf inzwischen ein Bezirk unter vielen ist, 1920 aufgegangen im damals neu gegründeten „Großberlin“. Bei Mahler aber liest sich das so: „Als ich in Zehlendorf, so heißt der Ort, ankam und durch Tannen und Fichten, ganz von Schnee bedeckt meinen Weg suchte – alles ganz ländlich – eine hübsche Kirche im Wintersonnenschein fröhlich funkelnd, da wurde mir wieder weit ums Herz…“ Es ist der 7. Dezember 1895, und an dieser Stelle der Brieflektüre durchzuckt es mich leise: Schnee? Verschneite Wälder gar? Jahreszeitlich praktisch genau jetzt, halt ein paar Jahre früher. Wo ist der Schnee geblieben? Erzähle mir mal einer, es habe früher auch nicht mehr Schnee gegeben. Als ich Mitte der Achtziger nach Berlin kam, waren die Winter klirrend kalt, das fing schon im November an. Die Kälte kam aus dem Osten, von hinter dem Eisernen Vorhang, und Schnee war so sicher wie die Mauer, die dort in hundert Jahren noch stehen sollte. Aber ich schweife ab. Mahler also erreicht die Glockengießerei, wird dort fündig, lobt das gute alte Handwerk, und tritt doppelt beglückt die Rückreise an. Und ich komme ins Träumen, berausche mich an der Vorstellung schneebedeckten Nadelgrüns und denke, wo in Zehlendorf mag das wohl gewesen sein? Wo führte ein in die Jahre gekommener Glockengießermeister dem Großmeister der Symphonik frisch gegossene Glocken vor? Flugs am Rechner die vollständig digitalisierten Berliner Adressbücher aufgerufen, Volltextsuche nach Glockengießerei und schwupps gefunden: E. Collier, Glockengießereiwerkstatt in Zehlendorf, Glockenstraße 2. Ein Klick weiter zum Google Stadtplan, siehe da, heißt noch immer Glockenstraße und ist unweit des alten Dorfkerns ein Villenbestandenes Sträßchen. Rechercheergebnis also nur einen Fingerschnipp entfernt. Und dennoch – und jetzt komme ich auf den Anfang des Texts zurück. Mich nerven ungemein diese permanenten Mikrowartezeiten beim elektronischen Recherchieren. Bis die Trefferliste im Bibliothekskatalog aufscheint – ein, zwei Sekunden Warten. Öffnen der elektronischen Quelle – diesmal drei Sekunden. Wenn ich Pech habe, steht da nach vier Sekunden „Service temporarily unavailable“. Versucht man es erneut, klappt’s doch. Oder auch nicht und man soll den Administrator kontaktieren. Animierte Bildchen wurden ersonnen eigens zur Verschönerung der Wartezeit. Sanduhren, Balken, neuerdings Pirouetten drehende Pünktchen, demnächst gibt’s bestimmt Mikrowerbeclips. Warum aber nerven drei Sekunden, wo man früher Minuten, Stunden, Tage benötigt hätte? Klar sind wir notorisch undankbar. Aber das ist es nicht. Sondern: Wir können die Zeit nicht ausfüllen, wir verbringen sie als auf den Bildschirm starrende, zu Untätigkeit verdammte Deppen. Wenn ich an das Bücherregal gehe, ein Lexikon herausnehme, in den Seiten blättere bis ich den gewünschten Buchstaben und schließlich das Suchwort gefunden habe, vergehen vielleicht Minuten. Aber jede ihrer Sekunden ist angefüllt mit zielführender Bewegung. Ich kann das Tempo beschleunigen, verlangsamen, mich links und rechts ablenken lassen – alles ganz so wie es mir beliebt. Wenn meine Finger zu langsam sind im Seitenumblättern, kann ich sie trainieren. Es liegt ganz an meiner Geschicklichkeit. Ich hab’s unter Kontrolle. Und das fühlt sich gut an. Hat was mit Rhythmus zu tun. Der Computer dagegen ist nicht imstande, den einfachsten Rhythmus zu halten. Er stottert an einer Tour. Trotzdem fahr ich demnächst mal raus nach Zehlendorf. Glockenstraße Nr. 2.

Gustav Mahler

Aus der Tiefe der Erinnerung rufe ich zuerst das Bild Gustav Mahlers herauf, wie er mir, dem Achtzehnjährigen, erschien.

(Bruno Walter, Gustav Mahler)

Erste Sätze (V)

Dezember 17, 2018 § 13 Kommentare

Lenz im Gebirg

Den 20. Januar ging Lenz durchs Gebirg
(Georg Büchner, Lenz)

 

Erste Sätze (III)

Dezember 16, 2018 § 2 Kommentare

 

 

Die Klavierspielerin

 

Die Klavierlehrerin Erika Kohut stürzt wie ein Wirbelsturm in die Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilt.

(Elfriede Jelinek, Die Klavierspielerin)

Erste Sätze (II)

Dezember 13, 2018 § 2 Kommentare

Eintritt ins Wirtshaus

Auch Glenn Gould, unser Freund und der wichtigste Klaviervirtuose des Jahrhunderts, ist nur einundfünfzig geworden, dachte ich beim Eintreten in das Gasthaus.

(Thomas Bernhard, Der Untergeher)

Wo bin ich?

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