Gipfelwärts

Mai 14, 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

49086482-1D16-42BA-A714-C56EC7AD3B58

 

Den Aufstieg zum Gipfel wegen eisiger Winde abgebrochen. Aber den Meraner Höhenweg ein Stück gelaufen, da liegt einem das Städtchen spektakuläre 1000 Höhenmeter zu Füßen, senkrecht fast geht‘s da runter. Ich musste an den Film von neulich denken. Klettert einer den „Capitan“, die 1000 Meter senkrecht aufragende Felswand im Yosemite-Nationalpark hoch, ohne Seil, Netz und doppelten Boden, einfach so, als wäre er eine Ameise, physikalischen Grundgesetzen zuwider laufend und allem, was man über das Phänomen Angst weiß sowieso. Bedenkenswert seine Begründung für diesen Aberwitz: Höchstmaß an Perfektion. Der winzigste Fehler führt unweigerlich zum Tod, kein Schummeln möglich nirgends. Wir dagegen mit den Segnungen des Normalen, spüren den leichten Schauer angesichts der bodenlosen Tiefe zu unseren Füßen. Der Tod aber lauert auch auf dem sicheren Pfad – eine Tafel erinnert an einen Wanderer, der hier von einem Stein tödlich getroffen wurde.

(Zeichnung: Finger auf IPad)

 

Werbeanzeigen

Schubert im Kino

Januar 27, 2019 § 11 Kommentare

Schubert Sonate B-Dur D 960 II Takte 8-13

Schubert Sonate B-Dur D 960 II Takte 8-13

 

Ich war im Kino und sah ein Gleichnis auf die Ohnmacht der Macht, inszeniert als unterhaltsames, dabei sämtliche Tiefen der menschlichen Existenz auslotendes Ränke- und Intrigenspiel. Obzwar Historienfilm, rückt „The Favourite“ durch die Skurrilität der ins Bild gesetzten Einfälle das Geschehen nahe an die Gegenwart heran. Groß macht diesen Film, dass es nicht Gut und Böse gibt, sondern alles dazwischen. Nämlich Menschen, die sich ihren Platz in der Welt erobern möchten und dabei in Würde, oder an deren Grenzen, scheitern. Nebenbei sehen wir die saukomischste Darstellung einer Hochzeitsnacht, die ich je im Kino erblickte, und erfahren eine Menge über (längst) vergangene Zeiten, die immer wieder kehren. Was mich hier auf den Plan ruft, ist aber dieses: der Film setzt Musik ein, die an dieser Stelle schon des Öfteren Thema war. Wenn es den Film zu loben gilt, dann nämlich insbesondere wegen der klügsten Filmmusikdramaturgie seit Stanley Kubrick. Für das Zeittypische des Films stehen barocke Musikfragmente (Cembalo, Orgel), für das „Allgemein Menschliche“ Musik der Romantiker Schumann und Schubert. Der langsame Satz aus dem Klavierquintett des einen, der langsame Satz aus der letzten Klaviersonate des anderen, sind hier so eng mit der Dramaturgie der Handlung verwoben, dass das Bild aus der Musik zu erwachsen scheint – oder umgekehrt. Nämlich in der Schlüsselszene, als die Favoritin der Königin diese in flagranti mit ihrer Konkurrentin überrascht. Und in der Schlussszene, in der die Königin mit der neuen Favoritin einen qualvollen Schlusstanz aufführt, den Schuberts sich auftürmende Klavierakkorde gnadenlos instrumentieren.

Großartiger Film, könnte der diesjährige Oskar-Abräumer werden – was mich beinahe daran gehindert hätte, ihn mir überhaupt anzusehen (so viel zum Thema Vorurteile :-))

(Oben meine Abschrift der entscheidenden Takte 8 – 13 aus dem zweiten Satz von Schuberts Sonate B-Dur D960)

Komponistinnen

Januar 10, 2019 § Ein Kommentar

Der Mann schöpft die Welt, die Frau empfängt und reproduziert. So dachte sich das, auf einer langen Tradition des Patriarchats fußend, die bürgerliche Welt im 19. Jahrhundert. Wie sehr diese Vorstellung noch immer unser Denken bestimmt, zeigt ein schöner Film, den die Pianistin Kyra Steckeweh und der Filmemacher Tim van Beveren  über vier Komponistinnen gedreht haben. Finden Frauen als Ausführende im Konzertbetrieb durchaus statt, fehlen sie als Schöpferinnen, nämlich Komponistinnen, praktisch völlig. Und wie es um den Mut des sogenannten starken Geschlechts bestellt ist, kommt beiläufig im Film zur Sprache. Von allen angefragten Konzertmanagern war nur einer bereit, vor der Kamera ein Statement zu diesem Thema abzugeben. Der Film begleitet die Pianistin Kyra Steckeweh an die historischen Orte von vier ausgewählten Komponistinnen, lädt darüber hinaus dazu ein, die Musik unzähliger Komponistinnen zu entdecken und sich ein eigenes Bild von der Potenz weiblichen Schöpfertums zu machen. Anwesend bei einer Vorführung in der Berliner Urania war auch die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard, die im Film ausführlich zu Wort kommt und mit dem Online-Lexikon MUGI – Musik und Gender im Internet – eine einzigartige Plattform zum Thema geschaffen hat. Den Film lege ich hiermit allen ans Herz.

 

Inspiration

Inspiration

 

 

Ausgetrickst

August 6, 2017 § 5 Kommentare

Der Raucher

 

Wer mal wieder jemanden so richtig quarzen sehen will, muss keine alten Filme gucken. Es gibt einen neuen „Künstlerfilm“ – die haben ja gerade Konjunktur – und dieser hier lohnt sich:  Final Portrait. Es geht um Giacometti, der mit einem  – es wird sein letztes sein – Portrait nicht fertig wird. Am Ende greift der Portraitierte zu einem Trick, um dem Künstler aus einer Schleife, der er nicht mehr Herr wird, herauszuholen. Sehenswert!

 

(Das Bild ist eine übermalte Postkarte ohne Bezug zu Giacometti)

Blow Up

Juli 26, 2017 § 2 Kommentare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anders als im Film war es windstill im Großen Tiergarten. Tief standen die dräuenden Wolken, noch immer voller Wasser, aber gnädig pausierend, und betrachteten ihr Werk, die grüne Pracht.

P. S. Ich weiß, der ein oder die andere hadert mit dem Regensommer. Ich mag ihn. Nachts liege ich bei offenem Fenster und lausche dem Prasseln, es beruhigt und elektrisiert mich zugleich. Und die überbordende Vegetation da draußen, sie versetzt meine Kapillargefäße in Schwingung…

Zwei Engel und drei KünstlerInnen

September 15, 2016 § 8 Kommentare

… das Staunen über den Mann und die Frau hat mich zum Menschen gemacht.“*

 

ins-leben

Dieser nicht endende (Spät)Sommer euphorisiert. Und als reichte das noch nicht, bescherte der gestrige Tag (Wieder)Begegnungen der besonderen Art. Aus Anlass der Verleihung des Max-Herrmann-Preises an Wim Wenders zeigte die Staatsbibliothek zu Berlin seinen Film „Der Himmel über Berlin“. Vor meinen Augen entfaltete sich das Westberlin der Vorwendejahre und versetzte mich in die Zeit zurück, als ich in dieser Stadt neu war und Fuß zu fassen versuchte. Durch die Schwarzweiß-Brille der beiden Engel blickte ich auf ein Stück eigene Vergangenheit, nostalgisch entrückt und beinahe so entfernt vom Jetzt wie die Gegenwart der Filmhandlung vom unbewohnten Urstromtal, das dieser Ort einst war und zu dem der Film den Zeitbogen zurück schlägt. Im Anschluss an die Vorführung ging es von der Staatsbibliothek mit ihrer weitverzweigt schwingenden Lesesaalandschaft – ein zentraler Ort im Film übrigens – weiter nach Moabit zur Ausstellung „Novellen“. Acht Künstlerinnen und Künstler zeigen dort Bilder in erzählenden Kontexten. Zwei von ihnen – Phyllis Kiehl alias Madame TT und Sebastian „schneckinternational“ Rogler sind mir seit Jahren bekannt durch ihre spannenden Blogs, und nun ergab sich im Rahmen einer abendlichen Begleitveranstaltung zur Ausstellung erstmalig die Gelegenheit zur persönlichen Begegnung. Ein bisschen war das so, als ginge man seit Jahren in einem Wohnzimmer ein und aus, ohne auch nur ein einziges Mal der Bewohnerin begegnet zu sein. Und eines Tages tritt sie plötzlich zur Tür herein…  Berührend, zwei so sympathischen, herzlichen Menschen zu begenen, zu denen sich als dritter der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst gesellte, dessen exorbitant umfangreiches und einzigartiges Blog „Die Dschungel“ ich regelmäßig mit Gewinn und Vergnügen lese.  Er moderierte eine schöne Veranstaltung, die durch die Fülle ihrer Programmpunkte Intellekt, Augen, Ohr, und Gaumen gleichermaßen bespielte. Eines der ausgestellten Bilder, eine wunderbare Arbeit in Öl von Sebastian Rogler, diesem Meister der gekonnt sparsamen Setzung, wird demnächst in meinem Wohnzimmer hängen. In echt. Ich freu mich.

 

* Der Engel Damiel in „Der Himmel über Berlin“

nota bene: das oben wiedergegebene Bild ist nicht das im Text erwähnte Bild von Sebastian Rogler.

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie Film auf Der Dilettant.

%d Bloggern gefällt das: