Hegels Welt durch Kaubes Brille

Oktober 24, 2020 § 5 Kommentare

Jürgen Kaube, der kluge Kopf, den sich die FAZ in einer Werbekampagne aus einer verschollenen Zeit immer schon als Leser vorstellte, und der seit vielen Jahren nicht nur für das Blatt schreibt sondern inzwischen als einer der Herausgeber den kulturellen Teil verantwortet, unternimmt in seinem aktuellen Buch den Versuch, Hegels Welt zu erklären. Nun kämpfe ich mich durch das Buch und hänge am Rockzipfel der Erkenntnis. Der Stoff ist hart, aber Thema und Autor interessieren mich, und ich nehme mit, was ich kann. Kaube ist zweifellos durch den Stoff gegangen, aber mit einem Bein im Diesseitigen, nämlich beim Leser, geblieben. So gelingt es ihm immer wieder, Hegels Gedankenwelt auf eine Ebene herunterzubrechen, die mir wenn nicht Bodenhaftung so doch eine gewisse Ahnung von der Materie vermittelt.

Das Buch ist seitens des Autors von großer Bewunderung für das Werk des Philosophen getragen. In einem Punkt aber kritisiert Kaube Hegel deutlich. Dessen hanebüchene Theorie einer natürlichen Bestimmtheit der beiden Geschlechter ließe sich nämlich keineswegs als dem Stand der Zeit geschuldet verharmlosen. Vielmehr bliebe Hegel weit hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück und stelle einen historischen Stand dar, als habe die Vernunft zu ihm als Endpunkt geführt. Emanzipatorischen Bestrebungen seiner Zeit begegnet er polemisch und persönlich verletzend. Für mich wirft dies durchaus einen Schatten auf die Bedeutung des Gesamtwerks Hegels. Dessen Anspruch war: alles neu denken, jeden Begriff auf seine Ursprünge zurückführen, alles hinterfragen und einbinden in ein System. Geht es aber um einen Bereich von ganz persönlicher, praktischer Bedeutung (mit weitgreichenden gesellschaftlichen Implikationen) – Hegel war schließlich „Familienvater“, und Bruder einer Schwester ohne jede Möglichkeit vergleichbarer Entfaltung innerhalb der bürgerlichen Welt (sie nahm sich das Leben), so feiern sämtliche historisch gewachsenen Vorurteile fröhliche Urständ‘. Einen angeblichen Naturzustand zu begründen unternimmt Hegel laut Kaube „mühsame“ Versuche, indem er sich auf eine angebliche körperliche und geistige Konstitution von Männern und Frauen beruft. Mich lässt das grundsätzlich an der Aussagekraft Hegelscher Beweisführungen zweifeln.

Aus der Lektüre:

„Sie wissen, daß auf eine sublime Art unverständlich zu sein, leichter ist, als auf eine schlichte Weise verständlich.“ (Hegel)

„Aufklärung des Verstandes macht zwar klüger, aber nicht besser.“ (Hegel)

„Bildung heißt, dass man lange Zeit von einer Antwort auf die Frage absehen kann, was man werden will.“ (Kaube) (Anmerkung: leider führt das Absehen nicht zwangsläufig zu Bildung)

„…der Verstand ist ein Hofmann, der sich nach den Launen seines Herren gefällig richtet – er weiß zu jeder Leidenschaft, zu jeder Unternehmung Rechtfertigungsgründe aufzutreiben.“ (Hegel)

„Religion mag der Versuch von Priestern sein, den Leuten Märchen zu erzählen. Aber es gibt Sachverhalte, die jenseits solcher Märchen bestehen bleiben und sich nicht durch wissenschaftliche Behandlungsarten auflösen lassen. Schuld, Gewissen, Tod, das Gefühl zu sollen, auch wenn es einem schadet, Liebe und die Bereitschaft zu hoffen, auch wenn es aussichtslos scheint sind solche Sachverhalte.“ (Kaube über Rousseaus Religionskritik)

“In der Ketzergeschichte trat somit zum ‚Polytheismus‘ (zu viele Götter), ‚Unitarismus‘ (im Vergleich zur Trinitätslehre zu wenig Instanzen), und Deismus (ein zu vernünftiger und darum die Bibel ungern lesender Gott) der Pantheismus als der gefährlichste, weil Gott in die Welt umschmelzende und seinen Namen damit überflüssig machende Lehre hinzu.“ (Kaube)

„…diese Weltseele [Napoleon] … sah ich durch die Stadt [Jena] zum Rekognoszieren hinausreiten; – es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“ (Hegel)

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