Die steinerne Fratze

Mai 11, 2020 § 9 Kommentare

Im Wohnzimmer meiner Großeltern hing eine seltsame Fratze aus Stein. Tief liegende Augen, wulstige Augenbrauen, breite, flach gedrückte Nase, im Maul ein runder Pfropfen. Eine Kreuzung aus Affe und Hund vielleicht, aber doch mit menschlichem Antlitz. Von der Wand herab stierte das Biest in die geselligen Runden, die sich häufig bei meinen Großeltern einfanden. Heiteres Geplauder zähmte das seltsame Wesen. Wurde ich jedoch am Abend ins Bett geschickt, hinaus aus der belebten Stube in den dunklen, unwirtlichen Flur, verfolgten mich die Knopfaugen und beäugten jeden meiner tapsigen Schritte im Dunkeln. Sicher fühlte ich mich erst im Badezimmer, wo freilich in Gestalt eines flammespuckenden Gasofens andere unbekannte Gefahren lauerten. Aber das ist eine andere Geschichte. Diese findet ihre Fortsetzung Jahrzehnte später in meinem Wohnzimmer Da hängt nun der Schrecken meiner Kindheit friedlich an der Wand, und noch immer frage ich mich, was ein Künstler dereinst in den Untiefen seiner Seele fand, als er dieses Fabelwesen schuf.

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