Scarlatti atmen

April 6, 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Nachdem ich fünf laufende Meter Schallplatten schweißtreibendst in meine neue Wohnung überführt habe, freunde ich mich nun damit an, über Naxos alle CDs der Welt streamen zu können. Und das völlig umsonst mithilfe der Bibliothek meines Vertrauens, die den Zugang für ihre Nutzerinnen lizensiert hat (was jetzt unter uns bleiben muss, denn die Anzahl gleichzeitiger Zugriffe ist begrenzt). Und da spielt der französische Pianist Lucas Debargue Scarlatti-Sonaten. So hinreißend, als fiele die Musik direkt vom Himmel. Alles wohl geformt, gestaltet, gerichtet, erleuchtet. Jede Phrase fein ziseliert, unendlich nuanciert. Das geht durch und durch. Dabei spielt Debargue, als würde er einfach nur atmen. Anstrengungslos. Aber dafür muss man einmal um die Welt gereist sein, wie der Held in Nabokovs Erzählung „Frühling in Fialta“, der seiner On-Off-Geliebten gegenüber vom „Du“ zum „Sie“ zurückkehrt, nachdem er in erotischer Hinsicht mit ihr die Welt umsegelt hat. Oder wie wir alle jetzt anders atmen, nachdem uns ein blödes Virus klargemacht hat, wie qualvoll man ersticken kann wenn die Atmung nicht mehr funktioniert.

 

(aus meinem Skizzenbuch)

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