Der Fall Nolde – ein Letztes

Juni 28, 2019 § 3 Kommentare

Bereits zweimal berichtete ich an dieser Stelle von meinem Besuch der Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof (siehe hier und hier). Nachdem mir nun das schöne Büchlein

Sehen, was gemalt wurde – Wissen, was getan wurde. Zum 150. Geburtstag von Emil Nolde.

in die Hände fiel, möchte ich, hiermit das Thema abschließend, daraus zitieren. Denn treffender lässt sich nicht formulieren, was mir bei der ganzen Angelegenheit durch den Kopf ging.

Bezugnehmend darauf, dass, wie häufig nach historischen Katastrophen, durch Nolde und sein Umfeld nach Kriegsende „beschönigt, verschwiegen, gefälscht“ worden sei, fährt der Autor Jürgen Kaube fort:

Oft stand dabei im Hintergrund das Argument, mit seinen Bildern hätten seine anderen Lebensäußerungen nichts zu tun, man müsse von der Größe der Bilder die Niedrigkeit mancher Handlung fernhalten. Jedenfalls in der Öffentlichkeit.

Eine solche Einstellung behandelt das Publikum als Ansammlung von Unmündigen. Eigentlich, sagt sie, gehören die Bilder und das politische und moralische Leben verschiedenen Sphären an, aber die Leute verstünden das nicht. Weswegen man ihnen nur die dem Bild günstigen Zusatzinformationen geben sollte. Darin liegt nicht nur eine erhebliche Arroganz. Es setzt auch voraus, Kunst könne nur dann allgemeines Interesse gewinnen, wenn der Künstler mehr oder weniger einwandfrei gelebt habe. 

Doch so wenig Nolde die „deutsche Scholle“ gemalt hat, so wenig sind wir mit seinen Bildern schon dadurch fertig, dass wir wissen, was er glaubte, schrieb und tat, wenn er nicht gerade malte. Und weil das so ist, hat es auch keinen Sinn, etwas daran zu beschönigen – die Bilder werden dadurch weder besser noch durch das Wissen schlechter. Die Behauptung, wer ein guter Maler sei, könne kein verstockter Mensch gewesen sein, ist genauso naiv wie die Vorstellung, ein Künstler müsse einen Dämon in sich haben, oder die entgegengesetzte, nur ein moralisch irrtumsfreier Mensch sei zu großen Werken fähig. Wir kennen zwischen bedeutender Kunst, Klugheit und Güte alle Kombinationen, die überhaupt denkbar sind: Sie kann sich mit jedweder moralischen Haltung und mit jeder Position auf der nach oben offenen Skala des Selbstbetrugs verbinden. Die ästhetische Aufklärung, was es mit Noldes Bildern auf sich hat, ist darum kein moralisches Projekt. Keines der Verdammung und keines der Rettung. Sie sollte vorbehaltlos geschehen. *

Dem ist nichts hinzuzufügen.

* Jürgen Kaube: Sehen, was gemalt wurde – Wissen, was getan wurde. Zum 150. Geburtstag von Emil Nolde. (Festvortrag gehalten zur Feier des 150. Geburtstags von Emil Nolde am 7. August 2017 in Seebüll). Nolde Stiftung Seebüll 2018. S. 29ff.

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§ 3 Antworten auf Der Fall Nolde – ein Letztes

  • gkazakou sagt:

    “ Die ästhetische Aufklärung, was es mit Noldes Bildern auf sich hat, ist darum kein moralisches Projekt. Keines der Verdammung und keines der Rettung.“ einverstanden, denn mir gefällt dies weder-noch.
    Dann aber fragte ich mich: was meint der Autor wohl mit „ästhetischer Aufklärung“?
    Liebe Grüße! Gerda

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    • derdilettant sagt:

      Mit den Worten des Autors: „was es mit Noldes Bildern auf sich hat“, das gilt es zu klären. und diese Bildbetrachtung erfolgt selbstverständlich nicht „naiv“, sondern im Wissen um zeitgeschichtliche Umstände, aber dann darüber hinausgehend. Auf einer tieferliegenden Ebene ist hier eigentlich die Frage berührt, warum der Mensch reflexartig als erstes bewertet (die Schuldfrage stellt), wenn er Handlungen anderer betrachtet, anstatt sich um einen Gesamtkontext zu bemühen, aus dem heraus der Abstand zwischen (positiver) Eigen- und (negativer)Fremdbetrachtung schrumpft. Liebe Grüße zurück!

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      • gkazakou sagt:

        Danke für diese Antwort, lieber Dilettant! Du triffst den Nagel meiner Bedenken auf den Kopf. Die reflexartige Schuldfrage, die mich zum Richter oder bestenfalls zum Schiedsrichter macht – die mag ich nicht mehr mitvollziehen. Nicht im „Fall Nolde“, nicht in irgendeinem anderen „Fall“. Wie wird ein Mensch zu einem „Fall“? Indem ich mich von ihm distanziere, Herrschafts-Kriterien auf ihn anwende und für „Maßnahmen“ „handhabbar“ mache. (Wie das im einzelnen funktioniert, darüber habe ich, am Beispiel der Familienfürsorge, meine Doktrarbeit verfasst).

        Maßnahmen – jemand dafür „Befugter“ nimmt Maß, in welche Schublade, in welche Anstalt, (evtl. in welche Tötungsfabrik) ein Mensch gehört. Dazu benutzt er fixe „Maßstäbe“ und fertigt „Akten“ an, die „Tatsachen“ für übernehmende „Befugte“ schaffen. Prokrustes, ein bösartiger Riese auf dem Weg zwischen Athen und Eleusis, tat dasselbe auf radikal-blutige Art: mithilfe des sog. Prokrustesbetts.

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