conditio humana

Juni 16, 2019 § 6 Kommentare

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Die Künstlerin Gerda Kazakou zeichnet, schreibt und reflektiert zu Themen der Bildenden Kunst, der Philosophie und des Alltags. Ihren spannenden Blog lese ich regelmäßig mit großem Gewinn. Sie liebt die Bilder Emil Noldes, und als ich neulich vom Besuch der Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof berichtete, entspann sich eine Diskussion zwischen uns über Sinn und Unsinn von Ausstellungen, über die Trennung von Künstler und Werk und welcher Art öffentliche Verpflichtung einem Künstler wie Nolde gegenüber bestehen mag. (Siehe hier und hier) Es war schnell klar, dass zwei völlig konträre Auffassungen aufeinander stießen, und nach einigem Hin und Her dachte ich, die Positionen sind sichtbar und eine Fortsetzung des Dialogs führt nicht weiter. Doch mich beschäftigte das Thema weiter, und so möchte ich an dieser Stelle den Ball fangen, den sie mir zuwarf. Sie bat mich nämlich, mir vorzustellen, wie ich es fände, Nolde gleich, in einer Ausstellung meiner Werke in all meinen „Petitessen und Perversionen“ „grell und anklagend“ ausgeleuchtet zu werden. Nun, abgesehen davon, dass die Wahrscheinlichkeit einer öffentliche Würdigung meiner bildnerischen Bemühungen posthum gegen Null tendiert, rührt die Frage an Grundsätzliches, und dazu habe ich einen sehr dezidierten Standpunkt, den ich zu hundert Prozent auf mich persönlich anwende. Gäbe es irgend etwas, von dem ich partout nicht wollte, dass es irgend jemand je erführe, so unternähme ich zu Lebzeiten die größt möglichen Anstrengungen, alle Spuren zu beseitigen. Denn eines ist klar: wer sich in die Öffentlichkeit begibt – und das tut der Künstler – setzt sich der Öffentlichkeit aus. Gnadenlos. Zwar dachten bereits viele, von Größenwahn umweht, der Weg in die Öffentlichkeit sei eine Einbahnstraße, doch zeigt die Geschichte, dass, ausreichendes Interesse vorausgesetzt, und soweit Spuren noch vorhanden, alles ans Licht kommen wird. Und das muss auch sein, denn Kunst wirkt immer in zwei Richtungen. Ein Schöpfender setzt etwas in die Welt, das in die Welt wirkt, und die Welt ihrerseits wirkt kraft ihrer sich wandelnden Bedingungen zurück auf das Werk und beeinflusst die Sicht auf das Werk. Will sagen: einmal in der Welt, ist das Kunstwerk dem freien Spiel der Kräfte ausgesetzt. Und selbstverständlich will sich eine jeweilige Öffentlichkeit Rechenschaft geben über ein Werk, und der Weg dorthin wird eben auch immer über den Künstler, die Künstlerin gehen. Wer freilich den Künstler als Medium, als von einer höheren Macht zufällig ausgewählten Überbringer auffasst, wird das „Private“ ein für alle mal raushalten wollen aus dem Prozess des Wirkens von Kunst. Diese Auffassung teile ich entschieden nicht, und so bin ich gewiss: alles über mich käme ans Licht, zur öffentlichen „Zurschaustellung“, sollte es aus Gründen von Interesse sein. Und zwar völlig zu Recht. Der Mensch soll wissen, was mit ihm los ist, wie es um die conditio humana bestellt ist. (Nebenbemerkung, um Missverständnissen vorzubeugen. Zeigen: immer – werten, anklagen, gar „an den Pranger stellen“: nur im Ausnahmefall) Und in der Kunst entfaltet er sein vielleicht größtes, „erhabenstes“ Potential. Aber dieses darf niemals zu ideologischen, manipulativen und machtbeanspruchenden Zwecken missbraucht werden. Um dem vorzubeugen, bedarf es der Aufklärung, der Wahrheit. Die Berliner Nolde-Ausstellung leistet einen glänzenden Beitrag dazu.

(Abbildung: Acryl auf Pappe. Botschaft an die Zukunft: Wer auch immer sich dermaleinst für das Bild und seinen Schöpfer interessieren sollte, ist herzlich eingeladen, nachzuforschen und die Erkenntnisse in die Welt zu tragen 🙂 )

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§ 6 Antworten auf conditio humana

  • (der erste link geht ins Nirwana)
    Die Auseinandersetzung finde ich interessant und teile eher Ihren Standpunkt. Ich halte Künstler und Arbeit für kaum trennbar und die Wahrheit für zumutbar. Eine Überhöhung von Kunst durch ihre Ablösung vom Künstler spielt mir zu sehr ins Religiöse und riecht auch bißchen nach der Kehrseite der „entarteten Kunst“.

    Nolde hätte liebend gern seine Sicht der Welt, seine Idee von Kunst absolut gesetzt gesehen. Es ist seine Tragik, daß er den Nazis nicht gefiel. Daß er ein opportunistischer Antisemit war, wird nicht besser, indem er ab 1941 unerfolgreich war und sich daraus eine Widerstandsgeschichte häkelte.

    Mir scheint auch, daß nur der harmlose Blumen- und Dünenmaler vom Sockel kippte und nicht mehr Kanzlerinnen-Vorzimmer-tauglich ist.

    … man wird zukünftig nicht mehr seine Kunst und seinen Hass sauber scheiden können, wie er es sich für die Juden und die Deutschen ersehnt hat. Auch leuchtende Mohnblumen stehen jetzt in einem neuen Kontext der Aufklärung. Es wird dauern, bis man sie wieder lieben kann wie vor der Wahrheitsstunde. Aber das ist auch gut so.

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    • derdilettant sagt:

      Hm, bei mir funktioniert der erste Link… In der Tat, Noldes Schicksal hat tragische Dimension. Man stelle sich jedoch vor, die Nazis hätten seine Kunst gemocht, dann wäre es definitiv nix geworden mit Ruhm und Legende in der Nachkriegszeit, da hätte alle nachträgliche Manipulation nicht geholfen. Übrigens betrachte ich die Frage der „Kanzlerinnen-Vorzimmer-Tauglichkeit“ unabhängig von der Möglichkeit, seine Bilder weiter auszustellen. In ein staatstragendes Büro gehört schlicht die Kunst eines bekennenden Nazis und Judenhassers nicht, unabhängig davon, ob die Bilder an sich eine solche Haltung transportieren (tun sie in Noldes Fall ja nicht).

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      • Der erste link geht (vermutlich) auf Ihren Editor, so (hoffentlich) ist Ihr Blog auch von außen lesbar.

        Gerdas Trauer und ihre Bedenken, wie Besucher Nolde nach der Berliner Ausstellung sehen, erinnert mich ein bißchen an meine Trauer um x geliebte Arbeiten nach Kunstgeschichte/Flächengestaltung im Studium – ich war für ein paar Jahre kaum imstande, Malerei ohne die Information über den Bildaufbau zu sehen. Das legte sich aber wieder, es ist vermutlich eine Frage von Zeit und Auseinandersetzung, bis Informationen so weit ins Hirn sinken, daß Bilder wieder gefühlt (<-Hilfswort) werden können.

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  • LO sagt:

    Danke, dass du das komplexe Thema so einfach verständlich auf den Punkt gebracht hast.

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  • […] ich an dieser Stelle von meinem Besuch der Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof (siehe hier und hier). Nachdem mir nun das schöne […]

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