Der Fall Nolde – Ein Lehrstück

Mai 26, 2019 § 16 Kommentare

Gustav H. Wolf, Emil Nolde. Büste im Hamburger Bahnhof

 

Der Fall Nolde ist ein Lehrstück darüber, wie lange es braucht, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Aus Überzeugung Nationalsozialist, kämpfte er Jahre lang um die Durchsetzung seiner Kunst im dritten Reich. Scheute dabei weder Anbiederung an Nazi-Größen noch Denunziation von Konkurrenten. Als der Krieg, den er vehement begrüßt hatte, vorbei war und sein Idol Hitler sich umgebracht hatte, konnte er den Misserfolg seiner Bilder als Ausdruck von Widerstand umdeuten und so den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsgeschichte im Nachkriegsdeutschland legen. Die Nachlassverwaltende Stiftung Seebüll konnte durch systematische Geschichtsfälschung den Mythos eines die Nazizeit in innerer Emigration überdauernden Künstlers ausbauen und verfestigen. (Aus den nach dem Krieg wieder veröffentlichten autobiografischen Schriften wurden beispielsweise alle belastenden Stellen systematisch entfernt) Wer glaubt, wir seien erst jüngst in das „postfaktische“ Zeitalter eingetreten, der sehe sich die erhellende Ausstellung „Emil Nolde. Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ im Berliner Hamburger Bahnhof an und erfahre dort anhand vieler sorgfältig zusammen getragener Beispiele, wie Geschichtsfälschung funktioniert. Verfälschung der eigenen Biografie um die eigene Haut zu retten, wie dies Nolde nach dem Krieg tat – geschenkt. Verfälschung historischer Zusammenhänge durch eine Institution (Stiftung Seebüll) und deren Sachwalter, honorige Vertreter akademischer Eliten allesamt – das ist genau der Skandal, der zu jeder Zeit in irgend welchen Archiven schlummert und erst mit Verspätung von Generationen – wenn überhaupt – ans Licht kommt.

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§ 16 Antworten auf Der Fall Nolde – Ein Lehrstück

  • gkazakou sagt:

    Für mich und sicher viele andere ist das eine extrem traurige Geschichte. Denn ich liebte Noldes Bilderwelt immer sehr und habe, als erste Informationen durchdrangen, Gegenargumente ins Feld geführt, um meinen Heros zu retten.
    Was nun? Ich liebe seine Malerei immer noch. .

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    • derdilettant sagt:

      Liebe Gerda, deine Enttäuschung verstehe ich, gebe aber zu bedenken, dass Künstler einen Beruf ausüben, der sie in keinster Weise per se über Nicht-Künstler moralisch erhaben macht. Eine anders lautende weit verbreitete Annahme – oder zumindest Erwartung – scheint mir die Kehrseite der Aufwertung des Künstlers zum Genie und Heros, wie sie ein aufstrebendes Bürgertum seit dem 18. Jahrhundert betrieb. Wenn Kunst das Wahre, Schöne, Gute beinhalten soll, muss auch der Künstler allen moralischen Anfechtungen irdischer Niederungen gegenüber immun sein. Diese Erzählung aber ist pure Ideologie.
      Dass Nolde getan hat, was er getan hat, ist nicht schön, aber da ist er weiß Gott kein Einzelfall. Erschreckend finde ich die absichtliche Fälschung seiner Biografie und die systematische Täuschung einer kunstinteressierten Öffentlichkeit. Und dass das funktionierte, obwohl bereits 1947 ein Zeitungsartikel veröffentlicht wurde, der genau Noldes Verstrickung aufzeigt. Es scheint, am Ende sind viele – zu viele – einfach nicht an der Wahrheit interessiert. Noldes Bilder lieben kann man, meine ich, dennoch. So wie ich sie sehe, transportieren sie keinerlei Naziideologie sondern zeugen von tiefem Naturerleben. Seine Menschendarstellungen gefallen mir eher nicht, ihr Ansatz ist im Grunde naiv und tendiert zur Karikatur. Viele Grüße!

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      • gkazakou sagt:

        Ohne seine Menschendarstellungen, und hier besonders die religiösen, ist Nolde nichts.Mit seinen Blumen und Landschaften hätten auch die Nazis leben können, nicht aber mit seinem „Leben Christi“, das zum Zentralstück der „entarteten Kunst“ wurde.“Christus und die Kinder“ ist eines der stärksten Bilder, die ich kenne. Er selbst bestritt, ein religiöser Maler zu sein, aber da war er wohl, wie in so vielem anderen, in einer Selbsttäuschung befangen.
        Natürlich hast du recht, dass der Künstler hinter dem Werk nicht übersehen werden darf. Aber die Kritik darf sich auch nicht eines unhistorischn Bezugsrahmens bedienen. Ich finde die Besprechung einer Städele-Ausstellung seiner Werke durch die NZZ recht ausgewogen. Sicher, damals waren noch nicht alle Dokumente bekannt, aber ich finde, die bekannten reichten auch schon.
        https://www.google.com/url?sa=i&rct=j&q=&esrc=s&source=images&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwjzuO2UkLziAhWQL1AKHZ06B0QQjhx6BAgBEAM&url=https%3A%2F%2Fwww.nzz.ch%2Ffeuilleton%2Fkunst_architektur%2Fmeine-kunst-ist-deutsch-stark-herb-und-innig-1.18294815&psig=AOvVaw0nwQynAZkX7NDkcQO1fxy_&ust=1559060680973248

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      • derdilettant sagt:

        Der von dir verlinkte Artikel ist informativ und ausgewogen, versucht aber doch im letzten Satz den „Widerständler“ Nolde zu retten. Das ist schwer nachvollziehbar, denn zwar hat Nolde sich in seiner Malweise nicht den Nazis angepasst, aber doch aus Anpassung die religiösen Themen zugunsten der nordischen Mytholgie aufgegeben. Und, wie gesagt: der Stein des Anstoßes für mich ist die Lebenslüge nach dem Krieg. Sich für einen „Widerstand“ feiern zu lassen, der das genaue Gegenteil, nämlich Anbiederung war, ohne jeden Anflug von Scham, ist nun wirklich nicht nachvollziehbar.

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      • gkazakou sagt:

        Und noch: „Der große Gärtner“,der mich schon früh sehr fasziniert hat.

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      • derdilettant sagt:

        Wie gesagt: ob das große Kunst ist und einen berührt, hängt von Noldes Ideologie nicht ab. Mich persönlich sprechen die Bilder nicht an, ich verstehe sie zum größten Teil auch einfach nicht.

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      • gkazakou sagt:

        Nun habe ich noch eine Frage: wenn dir Noldes Malerei nichts sagt, warum befasst du dich dann mit seiner Biographie?

        Ich musste es tun, denn für mich war Nolde in meiner Kindheit ein heiß geliebter radikaler Maler, der von den Nazis kaltgestellt wurde und litt. Seine Bilder waren revolutionärer als die vieler anderer Expressionisten, und das allein machte ihn für mich schon zum Vorbild. Expressionismus war für mich quasi die ästhetische anti-Nazi-Leitkultur. Für die Menschen meines Umfeldes, die von Nazi-Kultur geprägt waren, war die expressionistische Malerei natürlich auch nach 45 unerträglich. Nur die Blumenbilder und teilweise auch die Landschaften kamen an, und gerade darum interessierten sie mich wenig. Kurzum, die Ästhetik der Nolde-Bilder verstörte alle die, die die hübschen Hitler-Aquarelle oder die heroisch nach vorn stürmenden „deutschen Männer und Frauen“ liebten (eine Vorliebe, die sich auch bei den Kommunisten hielt).

        Was passiert nun mit all den vielen Besuchern der Nolde-Ausstellung, denen man sagt: dieser Maler war ein Nazi, die Nazis hassten seine Malerei, aber er versuchte sich anzubiedern? Und diejenigen, die Nolde als Mensch heute zu recht kritisieren, mögen seine Malerei genauso wenig wie damals die Nazis, aber stellen sie trotzdem aus? Warum? Nur um den Mann noch einmal fertigzumachen? Wie also wird ein solcher Besucher auf diese widersprüchliche Message reagieren? Wird er die Bilder ruhig anschauen und auf sich wirken lassen können? Oder wird er mit einer rechten oder linken Brille schauen? Oder wird er vor lauter Verwirrung ganz und gar erblinden?

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      • derdilettant sagt:

        Es geht um Aufklärung. Zeigen, was war, und was bleibt: die Bilder. Diese Ausstellung macht niemanden „fertig“. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zu umfassender Bildung, die nur gelingen kann, wenn man bei der Wahrheit anfängt. Genau diese wurde über Jahrzehnte unterdrückt bzw. verfälscht. Deine Sorge um die „vielen Besucher der Ausstellung“ verstehe ich überhaupt nicht. Die Ausstellung macht ein Angebot, und erwachsene Menschen, mündige Bürger wenn man so will, setzen sich damit auseinander. Alles liegt offen zutage, die Bilder hängen, und jeder entscheidet, ob sie ihm gefallen oder nicht. Ich habe selten eine Ausstellung erlebt, die so umfassend informiert, ohne zu werten! Ein Urteil muss sich jeder selbst bilden. Und wenn die Bilder so intensiv zu dir sprechen, dann bleibt das doch für dich gültig! Schließlich geht es dir doch, wenn ich dich richtig verstehe, um die Bilder. Und zu deiner Frage, warum ich mich mit seiner Biografie befasse: wie gesagt, mich interessiert zuvörderst die systematische Verfälschung einer Biografie, die Erzeugung einer Legende, und wie wirkmächtig diese dann wurde. Es geht mir also um die Rolle akademischer Eliten, der Sachwalter und Nutznießer von Kunst und in welchem Maße da manipuliert wurde.

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      • …zu viele – einfach nicht an der Wahrheit interessiert.
        Schreibst du.
        Das ist die crux. Die Wahrheit verdirbt eine (gewünschte )Erzählung, deshalb stört sie. Das einst Geschehene ist längst nicht mehr materiell und kann so umgeschrieben werden.

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      • derdilettant sagt:

        Immerhin haben sich Dokumente erhalten, und das Geschehene lässt sich zum mindest teilweise rekonstruieren.

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  • danke dir für die vielen zusammengetragenen informationen zu nolde. mir hatte er nicht wirklich etwas gesagt. ich habe zufällig die bilder im hamburger bahnhof gesehen, ich war dort eigentlich wegen einer anderen ausstellung, hatte aber gelegenheit überall mal zu schauen. mir haben seine bilder rein gar nichts gegeben und ich war überrascht, wie viel besucherandrang in der ausstellung war.

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  • Ich beziehe mich auf: Immerhin haben sich Dokumente erhalten, und das Geschehene lässt sich zum mindest teilweise rekonstruieren.
    Keine Werke können so groß sein, dass ihr Erschaffer aussen vor wäre.
    Die Frage ist aber auch, ob in einer Kunstaustellung , die gewöhnlich Kunst huldigt und nichts sonst, die Fragwürdigkeit einer Person thematisiert werden soll und in welchem Gewicht auch. Solches würde eher in ein anderes Museum passen.
    Geschichtsklitterung ist auch ein generelles Phänomen und fast schon „normal“.

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    • derdilettant sagt:

      „Die Frage ist aber auch, ob in einer Kunstaustellung , die gewöhnlich Kunst huldigt und nichts sonst, die Fragwürdigkeit einer Person thematisiert werden soll …“ Die Ausstellung heißt: „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus.“ Daran lässt sich messen, ob die Ausstellung ihrer – selbstgesteckten – Aufgabe gerecht wird. (Wird sie) Ausstellungen als „Huldigungen“ aufzufassen, hieße, ihre Möglichkeiten einzuengen. Würde ich nicht tun.

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  • […] berichtete ich an dieser Stelle von meinem Besuch der Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof (siehe hier und hier). Nachdem mir nun das schöne […]

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