Vom Schichten der Bilder

März 26, 2019 § 2 Kommentare

Jeder Malvorgang ist ein Aufschichten von Pigmenten. Form und Haltbarkeit bekommen sie durch eine zähe Masse, die den farbgebenden „Inhalt“ bindet. Die englische Sprache kennt da praktischerweise zwei Begriffe, wo wir uns im Deutschen mit nur einem begnügen müssen: „paint“ ist die aufzutragende Substanz,  „colour“ hingegen benennt das Farbphänomen. Auf einem stabilen Bildträger lässt sich dieses Aufschichten im Grunde beliebig lange fortsetzen, aus einem anfänglich „flachen“ Phänomen wird dann zunehmend ein dreidimensionales, das Bild mutiert zum Relief, das Relief zur Skulptur. Bis dahin ist es freilich ein weiter Weg, und obgleich die Übergänge hier, insbesondere in der neueren Kunst, fließend sind, und auch in älteren Zeiten schon immer Maler den pastosen Farbauftrag schätzten, droht die aufgeschichtete Farbe irgendwann abzubrechen. Als Idee für eine mögliche künftige Ausstellung spukt daher in meinem Kopf eine kleine Installation herum. In einer stillen Ecke steht ein Eimer, gefüllt mit dicken, abgeplatzten Farbschwarten. Vor dem Eimer steht ein Schild, auf dem zu lesen sein wird: „Bild im Eimer“. Bild im Eimer meint dann nicht nur ein gescheitertes Bild, und eine banale Beschreibung dessen, was man sieht, sondern ist zugleich ein Hinweis der Art, wie man sie gemeinhin unter einem Bildtitel findet: „Acryl auf Leinwand“ zum Beispiel, also ein Ausweis der verwendeten Technik. Warum aber überhaupt Schicht auf Schicht setzen, gnadenlos das einmal Gesetzte immer neu überformen und letztlich einen skulpturalen Bilderfriedhof produzieren? Die einfache Antwort: es gibt doch schon genug Bilder. Und nicht nur das, es werden immer mehr. Und zwar immer mehr immer mehr. Eine im digitalen Zeitalter exponentiell steigende Kurve, die eines nicht mehr fernen Tages die Menge aller produzierten Bilder mit der Menge aller möglichen Bilder in eins setzen wird. Alle Bilder verschmelzen zu einem Metabild: der Welt, wie sie optisch erfahrbar ist. Und das bringt mich zum eigentlichen Grund: So wie bei der Masse  heutigen Fotografierens nicht mehr das Foto Zweck der Tätigkeit ist, sondern der Moment des Fotografierens als Bewusstseinsbildender Akt (quasi: ich weiß, die Kulturpessimisten unter uns werden hier mit den Augen rollen) erlebt wird, geht es mir beim Malen auch, und immer mehr, um das Tun. Auf den folgenden Detailaufnahmen des aktuellen großformatigen Bildes, die x-ste Übermalung, zeichnen sich schon recht deutlich reliefartige Strukturen ab. Materialdynamische Verwerfungen, die uns darauf vorbereiten, dass die Ergebnisse schöpferischer Arbeit eines Tages wieder zu der Natur werden, der sie abgetrotzt wurden.

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§ 2 Antworten auf Vom Schichten der Bilder

  • gkazakou sagt:

    Mir geht es genauso: auch ich konnte es nicht lassen, Bilder wieder und wieder zu übermalen, weil es eh schon zu viele Bilder gibt. Irgendwann war der Stauraum des Ateliers voll. Allerdings gilt nicht dasselbe für digitale Kunst, die sich tatsächlich ins Unendliche erweitern lässt, ohne dass sie physisch Platz einnimmt. So bin ich zu meinen „Schnipselbildern“ gekommen: Alte Bilder zerreißen, aus den Schnipseln ein neues Bild legen, fotografieren, Schnipsel zusammenfegen, neues Bild draus legen, fotografieren….. ein unendlicher Prozess mit minimalstem Raumanspruch. Bildschaffen als kreativer Akt, der keinen Anspruch auf Dauer hat – außer dem Abdruck, den er im Bewusstsein des Kunstschaffenden hinterlässt. Das ist eine Nach-Innen-Wendung dessen, was Benjamin das Hier und Jetzt des Kunstwerks nennt: Es wird zum Hier und Jetzt des Künstlers. Das „echte“ Kunstwerk ist längst in der Masse der Reproduktionen aufgegangen bzw wird an hochgesichertem Ort gelagert, als wären es Reliquien im Tabernakel. (Ich habe heute den alten Benjamin-Text als Faksimile verlinkt)

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    • derdilettant sagt:

      Danke für die Erinnerung an den Benjamin-Text! Wie du das beschreibst – „das ‚echte‘ Kunstwerk ist längst in der Masse der Reproduktionen aufgegangen“ – da dachte ich spontan an Musikwerke und deren Seinsform: Das „Original“ der, sagen wir, fünften Symphonie Beethovens existiert ja im Grunde nicht, es gibt nur jeweilige Aufführungen, oder Reproduktionen davon, obgleich das Werk als „Idee“ durchaus singulären Charakter hat. So gesehen nähert sich die bildende Kunst im Zeitalter unbegrenzter digitaler Vervielfältigung der Musik an. Vielleicht. Interessant auch deine Schnipselbilder, das Werk als fortlaufender Prozess mit nur mental zwischen gespeicherten Ausformungen. Wenn ich es schaffe, nehme ich mir den Benjamin nochmal vor!

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