Forget me not

Januar 18, 2019 § 4 Kommentare

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Wer über ein gutes Gedächtnis verfügt, hat’s leichter in der Welt. Er mehrt spielend sein Wissen, setzt in Verhandlungen souveräner seine Interessen durch und besticht durch Aufmerksamkeit anderen Menschen gegenüber. Allen anderen winken gut gemeinte Ratschläge, die weniger eine echte Hilfe bieten, als der Selbstbeweihräucherung unserer Gedächtniskünstler dienen. Gerne wird nämlich behauptet, wer sich etwas nicht merken könne, gehe eben nicht aufmerksam genug durch die Welt. Oder sei schlicht zu faul, auch mal sein grauen Zellen so richtig anzustrengen. Dies beruht freilich nicht auf Erkenntnis darüber, wie ein gutes Gedächtnis funktioniert, und wie man es bekommt, sondern ist ein dezenter Hinweis darauf, dass der Träger des guten Gedächtnisses eben unglaublich aufmerksam und wahnsinnig fleißig ist. Wer etwas kann, schreibt sich dieses eben gerne auf die eigenen Fahnen. Fühlt sich einfach besser an. Nur die wirklich Großen, Nobelpreisträger etwa oder berühmte Pianisten, geben sich gesprächsweise bescheiden und erzählen gerne, dass sie einfach Glück hatten mit ihren Gaben. Arthur Rubinstein beispielsweise, der wohl zugab, die ein oder andere Tonleiter geübt zu haben, jedoch sehr widerwillig, und nur, weil am oberen und unteren Ende der Klaviatur jeweils ein Bonbon auf die Tonleitermüde Hand wartete. Das ist natürlich kokett, bestätigt aber grundsätzlich meinen Eindruck, dass nur der ehrgeizige „Mittelbau“ sich gerne seines Fleißes und intellektueller Kraftanstrengungen rühmt. Aber worauf wollte ich eigentlich hinaus… äh, vergessen. Sorry!

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—  Ach ja, – : wie erlangt man ein gutes Gedächtnis? Ganz einfach: Im dem Moment, wo die guten Gene verteilt werden, als Erster „hier!“ rufen. Allen, die den Moment verpennt haben, hilft danach nur, sich Eselsbrücken zu bauen, imaginäre Schnüre durchs Wohnzimmer zu spannen und sich in Frustrationstoleranz zu üben. Und – aber dafür habe ich ein halbes bis dreiviertel Leben gebraucht – sich den Druck der Gedächtniskünstler nicht zu eigen zu machen und gegen die eigene Schwäche ankämpfen, sondern sie annehmen und als das feiern, was sie ist: als die Kunst, zu vergessen. Und da fällt mir eine Anekdote ein, die sich wirklich zugetragen hat, denn ich selbst war der Held. In einer Zeit, als ich intensiv Musik machte, mit Keyboard, mit Computer, in der Band, alleine, und komponierte, stand ich mal in einer Kantine in der Schlage vor der Essensausgabe, und summte so unwillkürlich eine Melodie vor mich hin. Sie ging mir nicht aus dem Kopf weil sie mir so gut gefiel, mich geradezu euphorisierte. Nun wollte ich aber wissen, von wem stammt sie, und überlegte und überlegte, bis es mir plötzlich wie Schuppen von den Ohren fiel: sie war ja von mir selbst. Zu vergessen ist das Glück, wiederzufinden.

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§ 4 Antworten auf Forget me not

  • emhaeu sagt:

    Oh, wie habe ich sie gehasst und beneidet, diese Typen, die sich die Vokabeln nur zweimal durchlesen mussten und dann beim Abfragen glänzten. Auch beim Lernen von Gedichten trotz gutem Vorsatz gründlich gescheitert…. und jetzt verliere ich gegen das Enkelkind beim Memory …. Mensch ärgere dich nicht! Ist auch das bessere Spiel.

    Gefällt 1 Person

  • Was landläufig als „gutes Gedächtnis“ gilt, möchte ich gar nicht haben. Mein Kopf merkt sich nur bestimmte Sachen, anderes entfällt mir rasch. Ich glaube, dass Vergesslichkeit ein wesentliche Faktor von Kreativität ist. Indem Denkmuster rasch zerfallen, erlaubt das neue, unbekannte Bezüge herzustellen. Lichtenberg sagt:
    „Ich vergesse das meiste was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe, ich weiß aber so viel, beides trägt nichts desto weniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.“

    Gefällt 2 Personen

    • derdilettant sagt:

      Danke, lieber Jules, für diese Beobachtungen und das Lichtenberg-Zitat. Ich persönlich denke allderings, dass gutes Gedächtnis und Kreativität sich nicht behindern. Menschen, die sich ohne Anstrungung sehr viel Dinge merken können, kommen vielleicht anders zu kreativen Lösungen, bauen in jedem Fall leicht auf bereits Erreichtes auf, während andere das Rad immer neu erfinden müssen, mal salopp gesprochen. Mir kam es einfach darauf an zu zeigen, dass die Achtung vor dem einen nicht mit einer Geringschätzung des anderen einhergehen muss. Wer meint, etwas nicht zu besitzen, ist gut beraten, aus dem etwas zu machen, was er hat. Und das tust du ja offenbar zu deinem Besten!

      Gefällt 1 Person

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