Auf Gustav Mahlers Spuren in Zehlendorf, anlässlich einiger grundsätzlicher Überlegungen zur digitalen Befindlichkeit, nicht ohne den nachgereichten vierten Ersten Satz.

Dezember 18, 2018 § 9 Kommentare

Der Mensch tickt ja nicht ganz richtig. Es geht ihm einfach nie schnell genug. Dabei gelangte man noch nie so schnell an Informationen wie heute. Ein Beispiel: im Nachgang zu einem beglückenden Konzerterlebnis letzte Woche – Gustav Mahlers Zweite, diese berauschende Erlösungsfantasie, unter Andris Nelsons in der Philharmonie – las ich in einem Brief des Komponisten, in dem er seiner in Hamburg zurück gebliebenen Geliebten aus Berlin von den Vorbereitungen zur Uraufführung eben dieser zweiten Symphonie berichtet, er sei aus der Stadt eine halbe Stunde mit der Bahn herausgefahren nach Zehlendorf. Dort gebe es, wie er in Erfahrung gebracht habe, eine Glockengießerei. Selten um die Erweiterung des Orchesterapparats verlegen, suchte Mahler für den Finalsatz der Symphonie passende Glocken und hoffte, dort fündig zu werden. Berlinerinnen wissen natürlich, dass Zehlendorf inzwischen ein Bezirk unter vielen ist, 1920 aufgegangen im damals neu gegründeten „Großberlin“. Bei Mahler aber liest sich das so: „Als ich in Zehlendorf, so heißt der Ort, ankam und durch Tannen und Fichten, ganz von Schnee bedeckt meinen Weg suchte – alles ganz ländlich – eine hübsche Kirche im Wintersonnenschein fröhlich funkelnd, da wurde mir wieder weit ums Herz…“ Es ist der 7. Dezember 1895, und an dieser Stelle der Brieflektüre durchzuckt es mich leise: Schnee? Verschneite Wälder gar? Jahreszeitlich praktisch genau jetzt, halt ein paar Jahre früher. Wo ist der Schnee geblieben? Erzähle mir mal einer, es habe früher auch nicht mehr Schnee gegeben. Als ich Mitte der Achtziger nach Berlin kam, waren die Winter klirrend kalt, das fing schon im November an. Die Kälte kam aus dem Osten, von hinter dem Eisernen Vorhang, und Schnee war so sicher wie die Mauer, die dort in hundert Jahren noch stehen sollte. Aber ich schweife ab. Mahler also erreicht die Glockengießerei, wird dort fündig, lobt das gute alte Handwerk, und tritt doppelt beglückt die Rückreise an. Und ich komme ins Träumen, berausche mich an der Vorstellung schneebedeckten Nadelgrüns und denke, wo in Zehlendorf mag das wohl gewesen sein? Wo führte ein in die Jahre gekommener Glockengießermeister dem Großmeister der Symphonik frisch gegossene Glocken vor? Flugs am Rechner die vollständig digitalisierten Berliner Adressbücher aufgerufen, Volltextsuche nach Glockengießerei und schwupps gefunden: E. Collier, Glockengießereiwerkstatt in Zehlendorf, Glockenstraße 2. Ein Klick weiter zum Google Stadtplan, siehe da, heißt noch immer Glockenstraße und ist unweit des alten Dorfkerns ein Villenbestandenes Sträßchen. Rechercheergebnis also nur einen Fingerschnipp entfernt. Und dennoch – und jetzt komme ich auf den Anfang des Texts zurück. Mich nerven ungemein diese permanenten Mikrowartezeiten beim elektronischen Recherchieren. Bis die Trefferliste im Bibliothekskatalog aufscheint – ein, zwei Sekunden Warten. Öffnen der elektronischen Quelle – diesmal drei Sekunden. Wenn ich Pech habe, steht da nach vier Sekunden „Service temporarily unavailable“. Versucht man es erneut, klappt’s doch. Oder auch nicht und man soll den Administrator kontaktieren. Animierte Bildchen wurden ersonnen eigens zur Verschönerung der Wartezeit. Sanduhren, Balken, neuerdings Pirouetten drehende Pünktchen, demnächst gibt’s bestimmt Mikrowerbeclips. Warum aber nerven drei Sekunden, wo man früher Minuten, Stunden, Tage benötigt hätte? Klar sind wir notorisch undankbar. Aber das ist es nicht. Sondern: Wir können die Zeit nicht ausfüllen, wir verbringen sie als auf den Bildschirm starrende, zu Untätigkeit verdammte Deppen. Wenn ich an das Bücherregal gehe, ein Lexikon herausnehme, in den Seiten blättere bis ich den gewünschten Buchstaben und schließlich das Suchwort gefunden habe, vergehen vielleicht Minuten. Aber jede ihrer Sekunden ist angefüllt mit zielführender Bewegung. Ich kann das Tempo beschleunigen, verlangsamen, mich links und rechts ablenken lassen – alles ganz so wie es mir beliebt. Wenn meine Finger zu langsam sind im Seitenumblättern, kann ich sie trainieren. Es liegt ganz an meiner Geschicklichkeit. Ich hab’s unter Kontrolle. Und das fühlt sich gut an. Hat was mit Rhythmus zu tun. Der Computer dagegen ist nicht imstande, den einfachsten Rhythmus zu halten. Er stottert an einer Tour. Trotzdem fahr ich demnächst mal raus nach Zehlendorf. Glockenstraße Nr. 2.

Gustav Mahler

Aus der Tiefe der Erinnerung rufe ich zuerst das Bild Gustav Mahlers herauf, wie er mir, dem Achtzehnjährigen, erschien.

(Bruno Walter, Gustav Mahler)

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§ 9 Antworten auf Auf Gustav Mahlers Spuren in Zehlendorf, anlässlich einiger grundsätzlicher Überlegungen zur digitalen Befindlichkeit, nicht ohne den nachgereichten vierten Ersten Satz.

  • LO sagt:

    Natürlich kannst du die Wartezeit von 2-3 Sekunden nutzen. Einfach die Augen schließen und ein oder zwei Atemzüge bewusst wahrnehmen. Dann wieder nachgucken.
    Fertig.

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  • Auch das Finden hat unterschiedliche Qualität. Sich durch einen verschneiten Tann einen Weg zu suchen, dann im Dorf sich durchzufragen nach dem Glockengießer, ihn anzutreffen und mehr, das vermittelt tiefere Glücksgefühle als das Ergebnis einer digitalen Suche zu betrachten. Die leichte Verfügbarkeit der Information ist eine wunderbare Sache, aber wertet die Information ab. Was man nicht durch Einsatz erringen muss, sondern einem von einer frigiden Suchmaschine nachgeworfen wird, lässt sich nicht in gleicher Weise schätzen.

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    • derdilettant sagt:

      Genau so sehe ich es auch. Zwar hat mich durchaus begeistert, dass ich so unkompliziert herausfand, wo Mahler genau war. Aber ich kenne diesen Effekt beispielsweise durch meine Art, Musik zu hören. Das hängt bei mir unmittelbar mit einem physischen Objekt, und damit auch der Anstrengung, dieses zu finden und zu erwerben, zusammen. Musik wahrzunehmen im Streaming-Modus, wie das immer üblicher wird, entfremdet mich von der Sache. Danke für den schönen Kommentar!

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  • Ann sagt:

    Ich empfinde es anders. Das Finden hat keine andere Qualität. Ich muss es nur zu schätzen wissen. Wenn man Wissen/Musik in einer Dauerschleife nur konsumiert, nimmt man die Qualität nicht wirklich wahr. Das umständliche Suchen nimmt einem den Prozess ab, es zu reflektieren.

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    • derdilettant sagt:

      Das ist wohl wahr: man sollte in der Tat die Möglichkeiten moderner Suchtechniken schätzen, und sie nicht für zu leicht befinden. Hinter den vollständig digitalisierten Berliner Adressbüchern beispielsweise steckt enorm viel Arbeit, und diese Arbeit am Ende benutzerfreundlich aufzubereiten und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, ist wirklich schätzenswert, da stimme ich dir zu! Weil die digitale Recherche aber das Physische im Prozess eliminiert hat (also z. B. Wege), gräbt sich das Wissen und letztlich die Erkenntnisqualität nicht so tief ein in den ganzen Menschen, hier liegt zweifelsohne eine Herausforderung – der man sich aber stellen kann, da bin ich ganz bei dir! (Pardon, ich hasse diese Formulierung – bei jemand sein, wenn man ihm zustimmt – im Grunde. Aber schön daran ist doch, dass das Recht- oder Unrecht-Haben nicht diesen Stellenwert bekommt wie sonst leicht)

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      • Ann sagt:

        Mir geht es hier nicht um Recht haben sondern nur um eine andere Sichtweise.
        Recht haben wir wahrscheinlich alle. Wenn mir persönlich das Ergebnis der Suche sehr wichtig ist bzw viel bedeutet, prägt es sich auch intensiv ein, egal wie lang oder kurz der Weg war.

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      • derdilettant sagt:

        Sehe ich genauso. Dass ich das Recht-Haben erwähnte, bezog sich gar nicht auf dich, sondern auf diese von mir selber gebrauchte Formulierung „bei jemand sein“. Ich merke, ich muss noch ein bisschen an meiner Kommunikationskompetenz arbeiten 🙂

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      • Ann sagt:

        Nix da, alles perfekt. Ich wollte nur sagen, dass ich auf keiner Krawalltour bin;-)

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